Geografie des Memellandes

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Karte des Memellandes, seiner Kreise und Kirchspiele während der Abtrennungszeit 1920-1939
Schwarzorter Wald

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Name

Durch den Frieden von Versailles vom 28. Juli 1919 wurden verschiedene Gebiete vom Deutschen Reiche abgetrennt; zu diesen gehörte auch das Land nördlich der Memel; es heißt jetzt Memelgebiet. Man nennt es wohl auch das Memelland oder den Memelgau.

Grenzen

Im Norden und Osten des Memelgebietes finden wir die alte russische Grenze; sie verläuft von der nördlichsten Ortschaft Nimmersatt bis nach Schmalleningken an der Memel und trennt heute den neugebildeten litauischen Staat vom Memelgebiet. Im Süden und Westen hat unser Heimatland natürliche Grenzen, so den Memelstrom mit seinen Armen Ruß und Skirwieth und im Westen - 4 km südlich von Nidden ab - die Ostsee. Bei einem Blick auf die Karte erscheint uns das Memelgebiet lang und schmal wie ein Wall zwischen Ostpreußen und Litauen; es ist etwa 140 km lang und nur 15-20 km breit, also fast zehnmal so lang wie breit.

Die Grenzen werden durch Zoll- und Polizeibeamte bewacht. Der Grenzübertritt ist nur an den Zollämtern gestattet. Hier werden die Wege durch Schlagbäume gesperrt. Diese tragen die memelländischen Farben rot-gelb. Beim Grenzübergange müssen die Pässe oder Grenzübertrittsscheine vorgezeigt werden. Die Aus- und Einfuhr von Waren wird versteuert. Viele wollen diese Steuer aber nicht zahlen und schmuggeln Tiere und allerlei Waren über die Grenze. Das geschieht meistens in der Nacht. Dabei setzen sich die Schmuggler oft großen Gefahren aus. Werden sie ertappt, so folgen empfindliche Strafen.

Größe

Das Memelgebiet umfaßt den Stadt- und Landkreis Memel, den größten Teil des früheren Kreises Heydekrug, zu dem noch ein Stück des Kreis Niederung gekommen ist, und die nördlich der Memel gelegenen Teile der Kreise Ragnit und Tilsit, aus denen der neue Landkreis Pogegen entstanden ist. Das ganze Memelgebiet ist 2451 qkm groß und hat rund 150 000 Einwohner.

Die erdgeschichtliche Entwicklung

Entstehung der Erdschichten

Die Lebenszeit der Menschen ist dem Lebensalter der Erde so winzig und kurz, daß uns alle Berge und Täler, Länder und Meere für alle Ewigkeit festzustehen scheinen. In Wirklichkeit findet aber eine nie stillstehende Umgestaltung der Erdoberfläche statt. Wäre unser Leben nicht nach Jahren, sondern nach Jahrtausenden zu bemessen, so würden wir die fortwährenden Veränderungen unserer Erdoberfläche staunend verfolgen können.

Die Gwilder Wand

Im Laufe der Jahrtausende, ja, in Millionen von Jahren ist auch unser Heimatboden häufig umgestaltet worden. So soll er wiederholt von Meeren bedeckt gewesen sein. Dieses schließt man aus der wellenförmigen Gestalt der Erdoberfläche und aus den zahlreichen Kieslagern mit ihren oft auftretenden Meermuscheln, Schnecken und Korallen. In diesen Kiesgruben und an steilen Flußufern so z.B. an der "Gwilder Wand" der Dange oberhalb Tauerlaukens, oder am Rombinus können wir die die verschiedensten wellenförmig verlaufenden Erdschichten erkennen. Alle diese Schichten sind aus den Ablagerungs- und Sinkstoffen ehemaliger Meere allmählich entstanden. Je weiter wir in das Erdinnere eindringen, desto ältere und eigenartigere Schichten treffen wir an.

Das tiefste Bohrloch des Gebietes befindet sich bei Purmallen, nicht weit von der Gwilder Wand; es ist 289 m tief und geht durch Kies, Lehm mit vielen runden Steinen (Geschiebelehm), gelbem Sand, Ton und sogar durch dünne torfähnliche Braunkohlenschichten, sodann durch grünen Sand mit Bernstein und durch mächtige Sandschichten mit eingelagertem Ton, Mergel und Kalk hindurch. Zuletzt traf man bei der Bohrung auf eine kalk- und salzhaltige Steinschicht, Zechstein genannt, (von zach = zähe) und auf rötlich grauen Schieferton und rotgrauen Kalksandstein. Diese Lager gehören bereits zu den ältesten Schichten unserer Erdrinde.

Da jede solcher Schichten aus den Sinkstoffen eines Meeres entstanden sein soll, so müssen unser Heimatland ebensoviel Meere überschwemmt haben, als Erdschichten vorhanden sind. Das Wachstum jeder Schicht hörte erst auf, wenn das Meer verschwand und sich das Wasser nach anderen Gegenden hinzog. Das geschah, wenn der Meeresgrund selbst sich hob oder wenn der Erdboden in der Nähe eingesunken war. Der ehemalige Meeresboden wurde festes Land und bedeckte sich allmählich mit allerlei Pflanzen. Die Tiere aus dem benachbarten Festlande hielten ihren Einzug, und so war nach Tausenden von Jahren ein ganz verändertes Neuland entstanden, bis wieder ein Meer hereinbrach, alles verschlang und neue Ablagerungen bildete. Jedes Meer besaß seine besonderen Wassertiere und ihm eigentümliche Sinkstoffe, jede Trockenzeit des Bodens ebenso besondere Pföanzen und Tiere, und aus den von ihnen zurückgebliebenen Versteinerungen kann man sich ein Bild von der Beschaffenheit der Erdoberfläche und von dem Leben auf ihr in jenen uralten Zeiten machen.

"Wenn Menschen schweigen, werden die Steine reden!"

Entstehung des Bernsteins

Im Memellande hat es eine Trockenzeit gegeben, in welcher ein dichter Urwald entstanden war, der bis nach dem heutigen schwedischen Festlande reichte und den man heute den "Bersteinwald" nennt. Es wuchs in ihm vorwiegend die sogenannte "Bernsteinfichte", welche sich durch ganz besonderen Harzreichtum auszeichnete. Mit ihr zusammen standen andere Nadel- auch Laubbäume, Palmen und sonstige Pflanzen der heißen Zone. Demnach muß es damals hier bedeutend wärmer gewesen sein. Das später hereinbrechende Meer begrub den Wald; seine Riesenbäume wurden in den Meersand eingebettet und verwesten. Das Harz aber, welches oft in groben Klumpen am Boden lag und allerlei Tiere (Mücken, Käfer, Spinnen) und Pflanzenteile (Moose, Nadeln, Blätter, Holzstückchen) einschloß, blieb erhalten und wurde steinhart. So ist unser Bernstein, das "Ostpreußische Gold" entstanden. Die Pflanzenstoffe des Urwaldes vermischten sich mit den Sinkstoffen und gaben ihnen eine grüne Farbe, die im nassen Zustande blauschwarz wird. In dieser "blauen Erde" ist der Bernstein hauptsächlich zu finden, und es bildete diese Erdschicht auch unseren Haff- und Seegrund. (Bernsteingrund bei Schwarzort!)

Entstehung des heimatlichen Bodens in seiner jetzigen Gestalt

Erdbildung in der Eiszeit

Gletscher der Eiszeit

Nachdem sich das Bernsteinmeer nach Westen zurücgezogen hatte, entstand wieder eine üppige Pflanzenwelt. In den ausgedehnten Wäldern gab es neben südländischen Gewächsen auch Eichen, Buchen, Birken, Pappeln, Erlen usw. Diese Pflanzen wurden durch die nun folgende Eiszeit, und das mag vor etwa 30 000 Jahren gewesen sein, zu Braunkohlen umgewandelt. (Dünne Schichten bei Gwilden und Purmallen!)

In diesem Zeitabschnitt kamen mächtige Eisberge, Riesengletscher, von dem schwedischen Hochgebirge und bedeckten alle Meeresreste und Landstriche. Solch wandernde Gletscher (30 m täglich) findet man auch heute noch in den Hochgebirgen, so in den Alpen. Die ungeheuren Gletscher der Eiszeit haben unserem Heimatlande die jetzige Gestalt, Bodenzusammensetzung und Bewässerung gegeben.

Die sich langsam fortbewegenden Eis- und Schneemassen schoben lose Gesteine und größere und kleinere Erdmassen vor sich her. Wie mit gewaltigen Pflugeisen hat der Gletscher das Land durchwühlt und mancherlei Hügel und Talfurchen geschaffen (z.B. zwischen Nimmersatt und an der Holländischen Mütze). Von den Felswänden wurden abbröckelnde Steinblöcke mitgenommen, die oft bei Hinweggleiten des Eises über tiefe Felsschluchten durcheinanderstürzten und zertrümmert wurden; so entstanden die "Gletscherschuttmassen oder Moränen". Bei der weiteren Gletscherwanderung wurden diese häufig sehr fein zerrieben, so daß schließlich hieraus Mergel und gelber Lehm entstanden sind (Geschiebelehm!).

Als später wieder eine stärkere Erwärung dieser Gegeng eintrat, schmolzen die Eisriesen allmählich und die ganz gewaltigen Massen von Moränenschutt (Kies, Sand, Mergel, Lehm, Steine, Felsblöcke) blieben liegen und bedeckten das Land mit einer neuen 40-200 m dicken Schicht.Die höchsten Ablagerungen sind unsere jetzigen Berge und Hügel. In diesen Zeiten war auch die Erdrinde im Gebiet der heutigen Ostsee eingeschrumpft, und es war so eine gewaltige Mulde geschaffen worden, in die etwaige Gletscher und die Wassermassen abflossen.

  • Alles ist aus dem Wasser entstanden,
  • Alles wird durch das Wasser erhalten.
  • Ocean, gönn´ uns dein ewiges Walten!!

Tiere und Pflanzen der Eiszeit

Nordische Linäa

Weil die riesenhaften Gletscher nur langsam vordrangen, konnten sich die meisten Landtiere vor ihnen retten. Elentiere, Auerochsen, Wildschweine, Wildpferde, Wildesel, Bären, Wölfe, Hirsche, Rehe usw. flüchteten in die benachbarten Gegenden. Ihre Nachkommen bevölkern nur noch zum Teil unsere Wälder oder sind des Menschen Haustiere geworden. Elche und Wölfe sind nur noch als Gäste im Memelgebiet anzutreffen.

An den Rändern der Gletscher konnten sich auch die Pflanzen und Bäume der untergegangenen Urwälder erhalten, paßten sich den neuen Verhältnissen an, wuchsen weiter und eroberten sich das verlorene Gebiet allmählich von neuem, so Eichen, Buchen, Weiden, Kiefern, Tannen usw. Alpenwollgras, Trollblumen, Krähenbeere, Mehlprimel, Nordische Linäa usf., obwohl klein und unscheinbar, haben auch den Gefahren dieser Erdumwälzung getrotzt und sich erhalten bis auf den heutigen Tag.

Die Findlinge

Zu den Zeugen aus alter Zeit gehören auch die von den nordischen Felsenländern stammenden erratischen Blöcke oder Findlinge (errare = umherirren). Sie liegen oft auf, aber zum großen Teile noch in der Erde; der Pflug des Landmannes bringt immer neue ans Tageslicht. An ihnen findet man noch hier und dort die Spuren des Gletscherschliffs. Solche Steine haben oft gewaltige Ausdehnungen. Von vielen gibt es allerlei Sagen und Erzählungen, in denen der Teufel eine große Rolle spielt. Dazu gehören der Teufelsstein bei Tauerlauken, die Rombinusblöcke, die Kalwabank bei Windenburg usw. Alle diese Steine sind äußerst wertvoll und werden seit den ältesten Zeiten zum Bauen benutzt (Ordensburgen!). Auch heute noch verwendet man sie gerne zu Häuser-, besonders Wasserbauten, Schleusenanlagen, Fundamenten usf. Durch solch mächtige Felsblöcke werden z.B. auch die Haffufer im Memeler Tief vor Strandvilla und Süderspitze geschützt.

Entstehung der Nehrung und der Memelniederung

Der größte Teil des heimatlichen Bodens ist in der Eiszeit entstanden, im Norden und Süden ist er auch noch später erheblich umgestaltet worden.

Wohl ein jeder Naturfreund wird der eigentümlich gestalteten Nehrung ein besonderes Interesse entgegengebracht und sich schon oft nach ihrer Entstehung gefragt haben. Deshalb ist man auch schon lange bemüht gewesen, sich das Zustandekommen einer solchen merkwürdigen Erscheinung zu erklären und erging sich dabei zunächst in allerlei Vermutungen. Erst nachdem man durch zahlreiche Bohrungen den Grund und Boden der Nehrung, des Haffes und des gegenüberliegenden Festlandes durch forscht hatte, konnte man sich ein genaueres, den natürlichen Verhältnissen entsprechenderes Bild über die Nehrungsentstehung machen. Die sorgfältigen Untersuchungen des Bodens haben ergeben, daß er hier in der Nacheiszeit durch Meer- und Süßwasserablagerungen entstanden ist.Aus den Grundmoränen des Inlandeises war zwischen der samländischen Küste und dem Memeler Höhenzug ein niedriger Strandbezirk geschaffen worden. Durch einen mächtigen Einbruch der Ostsee wurde das ganze Gebiet der Kurischen Nehrung, des Haffes und der gesamten Memelniederung unter Wasser gesetzt, und es bildete sich eine weithin ins Festland reichende Ostseebucht. Diese grenzte im Norden und Osten an Memel, Prökuls, Saugen, Heydekrug, Swaren, Rucken, Pogegen, Tilsit und Ragnit, im Süden an Schillgallen (Kr.Heydekrug), Kl.Puskeppeln, Bahnhof Wilhelmsbruch (Niederung), Mehlauken, Labiau, Steinort (Samland), Bledau (Samland) und Cranz/ Samland.

Diese Meeresbucht ist an verschiedenen Stellen sehr tief gewesen, in der Niederung 9-11 m, ja bis 24 m. Bei Pillkoppen stellte der Bohrer sogar eine Tiefe von 36,5 m fest. An diesen Stellen lagerte das Meer grobkörnigen Seesand, Strandgeröll und allerlei Muscheln ab, Muschlen, die auch jetzt noch leben und überall an der Ostsee zu finden sind.

Durch die dauernd erfolgende Zufuhr von Sinkstoffen aus den hier mündenden Flüssen wurde der Boden der Meeresbucht allmählich gehoben. Das geschah durch Süßwasserablagerungen, Haffsande, Haffmergel mit Faulschlamm, in denen Süßwasserschnecken reichlich eingelagert sind. Dazwischen liegen aber auch Seesandablagerungen, die vom Meere aus in die Bucht eingeschwemmt wurden.

Das Samland zur Wikingerzeit. Die Kurische Nehrung war nördlich von Cranzkuhren offen. Südlich davon gab es etliche Buchten.
Der Schweinsrücken bei Schmelz. Rechts im Hintergrund die Kurische Nehrung. 2008

Im Norden und Süden des Ostseeufers standen als Festlandseckpfeiler die vorspringende Strandpartie Cranz/ Samland - Sarkau und andererseits der Memeler Höhenzug zwischen Holländer Mütze und Memel. Dazwischen lag noch eine Geschiebemergelinsel Kunzen - Rossitten. Diese Eckpfeiler und die Insel wirkten auf die Uferströmungen der Ostsee als Hindernisse, an denen sich Sandablagerungen absetzten, und an denen sich die Strömungen der See und der sich in die Bucht ergießenden Ströme brachen; sie lagerten hier ihre Sinkstoffe ab, die Flüsse die Sand- und Schlickmassen, das Meer den Seesand. So kam es, daß an der Scheide von tiefem Meer und verflachender Meeresbucht eine immer höher und breiter werdende Sandbank entstand, die schließlich die Festlandeckpfeiler und die Kunze-Rossitten-Insel zu einem zusammenhängenden Landstreifen machte. So sehr viel Material war auch gar nicht nötig, um die schon vorhandene Untiefe entlang der alten Festlandsküste bis zum Wasserspiegel aufzubauen. (Pillkoppen 3 m, Nidden 15,6 m und Perwelk 7,75 m). Der immer von neuem von der See aus aufgeschüttete Sand wurde trocken und bald als lockerer Flugsand über das schmale Landband getragen und so eine Flugsandebene geschaffen, auf der sich nach dem Festsetzen des Bodens - zunächst vereinzelt - später die ganze Nehrungsplatte einnehmende Pflanzenwelt zeigte. Endlich deckte ein dichter Urwald die ganze Nehrung zu, und dieser muß viele Jahrtausende hindurch bestanden haben. Nadelschutt und dichtes Heidekraut schufen allmählich eine tiefschwarze Rohhumin- oder Trockentorfschicht. Die Sande wurden häufig durch die Huminsäuren gebleicht und zum harten "Ortstein" zusammengekittet. Diesen alten Waldboden kann man bei jeder Bohrung auf der Nehrung feststellen.

Aus dem sich hebenden Boden der Meeresbucht war im Laufe der Zeit das ganze große Memeldelta mit seinen angrenzenden Mooren und Sandstrecken entstanden und das Haff als Rest übriggeblieben. Dieses hing anfangs nur durch das Cranzer Tief mit der See zusammen, welches heute wieder vollständig versandet ist. Im Norden reichte die Nehrung damals noch 8 1/4 km weiter bis zur Holländischen Mütze und lehnte sich eng an das Steilufer der Ostsee an. Das Memeler Tief ist viel später entstanden. Als der Orden 1252 die Memelburg erbaute, muß es aber schon lange dagewesen sein und galt in jener Zeit als Mündung des Memelstromes in die Ostsee.

Das Tief wird auch in alten Urkunden durchweg als die Memel bezeichnet, und das ist gar nicht so unberechtigt. Von Schwarzort tritt nämlich innerhalb des übrigen sehr flachen Haffes eine tiefere Haffrinne auf. Durch sie macht sich hier der Abfluß des Memelstromes bemerkbar. Diese Stromrinne ist anfangs nur 2,6 - 4,5 m tief, bei Erlenhorst schon 5,2 - 8,1 m, um dann weit am Ausgange des König-Wilhelm-Kanals zwei Rinnen von 6,9 - 10,5 mTiefe zu bilden. Zwischen ihnen erhebt sich mitten im Haff die eigenartige flache Sandbank, der sog. Schweinsrücken, der bei flachem Wasserstand sogar aus dem Wasser hervortritt. Aus der Lage und Richtung des Schweinsrückens kann man erkennen, daß ihre Entstehung dem Ein- und Ausstrom des Memelflusses zu verdanken ist. Vom Nordende des Schweinsrückens ab wird das Haff ganz schmal und stellt tatsächlich nur den Ausfluß des Memelstromes dar.

Das Jurabecken

Die Jura. Schroetter Karte 1802, Maßstab 1: 160 000

Ebenso wie die gesamte Memelniederung mit ihren angrenzenden Moor- und Heideländern durch Ablagerungen aus einer Meeresbucht entstanden ist, so soll auch der südliche Teil des Memelgebietes aus dem Jurameer (jura = See, Meer) hervorgegangen sein. Vor dem Durchbruch der Memel durch den Wilkischker Höhenzug bildete sie nämlich einst einen weit ausgebreiteten Stausee, der von Jurburg in Litauen bis nach Sokaiten an der Memel gereicht haben mag und der ursprünglich durch das Instertal abgeschlossen sein soll.

Als später die westlichen Höhen durchnagt waren, sank der Wasserspiegel des Jurasees, so daß der Abfluß nach Südwesten schließlich aufhören mußte. Da die Flußböden der großen Ströme während der Alluvialzeit (jüngste Zeit der Erdbildung) sich immer tiefer eingruben und sich die Seeböden selbst durch Ablagerungen erhöhten, mußten die Seen schließlich abfließen und verschwinden, und so ging es auch dem Jurameer.

Entsprechend seiner Entstehung ist der Boden des Jurasees sandig und unfruchtbar. Auf dem trocken gelegten Boden entstanden große Waldungen, die Trappöner (südlich der Memel) und die Juraforst (nördlich der Memel). Die Massen des Heidesandes im Jurabecken sind vor der Entstehung der Wälder hier und da zu sichelförmigen, meist nach Norden oder Nordosten geöffneten Dünenzügen zusammengeweht. (Karkalnsa!)

Der übrige Teil des Memelgebietes ist älter und bildet ein ziemlich flaches, leicht welliges Grundmoränengebiet; es ist auch im ganzen fruchtbarer als die aus dem Meeresboden entstandenen Landstriche.

Die Bodenbeschaffenheit

Allgemeines

Das Memelgebiet ist zum größten Teile ein ebenes Land; trotzdem ist es keineswegs einförmig und eintönig. Fast überall zeigt sich dem Wanderer ein wechselreiches Bild. Reich an seltenen Naturschönheiten ist besonders die nähere Umgebung der Stadt Memel. Die brausende See, das dunkle Haff mit seiner einzigartigen Nehrung, die Heide und der Wald, das alles verleiht dem gesamten Naturbilde einen eigenartigen Zauber, der auch den weitgereisten Naturfreund erfaßt und ihn immer wieder befriedigt von dannen ziehen läßt. Aber auch das weitere Memelland bietet unserem Auge recht interessante und malerische Bilder. Zwischen Hügeln, Hügelketten und Höhenrücken finden wir tiefer gelegene Landstriche: entweder fruchtbare Ackerfelder oder leichten Sandboden, saftig grüne Wiesen, majestätische Wälder und sumpfige Moorländer, über die der Elch auch heute noch als lebendes Wahrzeichen der Vergangenheit mächtig einherschreitet, und zwischen den Tälern und Höhen da winden sich die Flüsse, Flüßchen und Bäche hindurch, kurz: es ist auch hier Abwechslung genug vorhanden; es ist unser Heimatland und an vielen Stellen ein sehr schönes und oft auch ein reich gesegnetes Land.

Erhebungen

Memeler Höhenzug

Im nördlichen Teile des Memelgebietes befindet sich ein Durcheinander von Hügellandschaften und Höhenrücken, die man unter dem Namen "Memeler Landrücken" zusammenfaßt. Dieser kann als Ausläufer des Baltischen Höhenzuges angesehen werden, der sich an der Ostseeküste entlang zieht. Der Memeler Landrücken reicht von der Holländischen Mütze an der Ostsee (24 m) bis in den Kreis Pogegen hinein. Er ist im Memeler Kreise recht fruchtbar. Der Landstrich zwischen ihm und der Nordgrenze besteht größtenteils aus Sand und ist weniger fruchtbar. Die wichtigesten Erhebungen sind: Der Gramboberg (44 m), die Birbinscher Berge (Octe und Calmene 40 m) und die Kollater Höhen (40 m), der Burgberg bei Eckitten und der Schloßberg bei Dawillen (28 m). Die höchste Erhebung des Kreises Heydekrug ist der Algeberg [1] bei Jugnaten. Bei Ackmonischken und Coadjuthen finden wir die alten Burgberge, natürliche Verteidigungsplätze gegen anrückende Feinde. Kleinere Höhen gibt es noch bei Pogegen und Piktupönen.

Von dem Memeler Landrücken geht ein niedriger Höhenzug nach Süden ab, der bis Windenburg reicht und hier in einer Steinbank unter dem Wasserspiegel endigt. Zur Zeit sucht man dieses wertvolle Steinmaterial am Haffufer zu gewinnen und es zu dem so sehr notwendigen Chausseebau Windenburg - Kinten zu verwenden.

Der Rombinus

Der Rombinus
Blick vom Rombins auf die Memel in Richtung Tilsit

Die bekannteste Erhebung des Memelgebietes ist der sagenumwobene Rombinus. Auf seiner Spitze lag ein großer Opferstein. Hier kamen die alten Litauer von weit und breit zusammen, um an dem heiligsten Orte den Göttern zu opfern. Der Sage nach soll ihn Perkunos [2] selbst dorthin gebracht haben. Er war der Gott der Fruchtbarkeit und hat unter dem Steine eine goldene Schüssel und eine silberne Egge vergraben. Solange der da sei und der Berg unter ihm, werde das Glück vom Lande nicht weichen. Der Berg aber werde einstürzen, wenn man die Opfersteine von ihm nehme: das war bis zur neueren Zeit allgemein verbreiteter Volksglaube.

Dieser Steinblock ist nun tatsächlich nicht mehr vorhanden. Schon 1811 hat ein Müller aus ihm 2 Mühlsteine anfertigen lassen, und es will scheinen, als wenn der Berg seinem Untergange entgegengeht. An seinen Abhängen sprudelt auf quelligem Boden eine Anzahl Wässerlein hervor, die langsam, aber sicher an dem Zusammensturz arbeiten. Darum ist man jetzt bemüht, durch Anpflanzungen von Bäumen die Bergerde festzuhalten. Vom Rombinus aus hat man eine schöne Aussicht auf das ganze Memeltal, und deshalb wird er im Sommer von Reisenden und Ausflüglern aufgesucht.

Schreitlaugker und Willkischker Höhenzug

Östlich vom Rombinus ziehen sich die Schreitlaugker Berge hin. Die wichtigsten Erhebungen sind hier der Abschrutenberg 80 m und der Kapellenberg 75 m. Am Fuße des Kapellenberges finden wir einen alten Memelarm, den Mergensee. Der Berg trägt seinen Namen nach einer Kapelle der Familiengruft der Gutsherrschaft von Schreitlaugken. Bei Kallerischken ist eine ähnliche Höhe, der sog. Himmelsberg.

Nach dem Juraflusse zu steigt der Höhenzug wieder an und geht an der Jura entlang bis zur Grenze; er heißt hier Jura oder Willkischker Höhenzug. Östlich der Jura ist nur noch eine Erhebung, die Kaskalnis (46 m), nicht weit von dem Kirchdorfe Szugken. Sie weist verschiedene Schluchten mit schönen Waldbeständen auf.

Die Kurische Nehrung

Aussehen

Zu den Naturdenkmälern höchst eigener Art gehören die Nehrungen, von denen die Kurische Nehrung zum größten Teile zum Memelgebiet gehört. Sie ist an manchen Stellen kaum 1/2 km, an anderen bis zu 3 km breit. Dieser Landstreifen wird mit seinen mächtigen Dünen, seiner oft trostlosen Oede und unheimlichen Totenstille wohl auf jeden einen eigentümlichen Eindruck machen. Der Wander vermag fast immer auf der einen Seite das unendliche Meer und auf der anderen Seite die meist ruhig daliegende Wasserfläche des Kurischen Haffs zugleich zu sehen. In den weiten Sandflächen kommt er sich oft wie in einer großen Wüste vor, weshalb man auch hier von einer "Sahara des Nordens" zu reden pflegt.

  • Wer blöden Aug´s vorüberzieht,
  • der sieht hier nichts als Sand,
  • doch in wess´ Herz die Schönheit glüht,
  • dem dünkt´s ein Wunderland!

Wanderdünen

Dünenfestlegung Evaberg Schwarzort

In früheren Zeiten war die Nehrung viel mehr bewaldet als heute. Der deutsche Ritterorden und auch die Eingeborenen haben große Bestände der ehemals prächtigen Forsten abgeholzt. Vor allen Dingen aber sind durch die Russen weite Strecken der Nehrungswälder vernichtet. Ihrer auch jetzt noch üblichen Kriegsführung entsprechend, zünden sie die Wälder - oft aus reinem Übermut - an, oder sie versuchten, aus dem Nadelholze Teer zu schwelen. Diese Behandlung ist der Nehrung zum größten Verderben geworden und hat die eigentlichen Wanderdünen entstehen lassen.

Nachdem der Seestrand seine schützenden Bäume verloren hatte, vermochte der Sturm den Sandboden aufzuwühlen und ihn mit neuem, trocken gewordenen Seesande fortzutragen. Dadurch kamen auch die noch stehen gebliebenen Wälder in Gefahr. Die Bäume vermochten dem fortwährenden Anprall des scharfen Sandes nicht standzuhalten; sie starben ab oder wurden verschüttet. So boten sich dem Winde immer größere Angriffsflächen, und er konnte das leicht bewegliche Material immer weiter und weiter tragen. Diese Winde wehen meistens aus dem Westen oder Nordwesten und arten sehr oft in gewaltige Wirbelwinde aus, die mit dem feinen Sande ein gar tückisches Spiel treiben. "Die Düne raucht", sagt der Nehrungsbewohner; denn wie auf einem Schneefelde treiben die losen Sandkörner den Abhang der Düne hinauf, bis sie an der höchsten Stelle den Sandwall überfliegen und im "Windschatten" zur Ruhe kommen So bewegt sich die Düne unaufhaltsam vorwärts, sie "wandert", jährlich etwa 5-10 m, bis sie schließlich selbst im Haff "ersäuft". Auf ihrem Wege werden Dörfer, Wälder, Friedhöfe u.a.m. unbarmherzig verschüttet, um nach vielen, vielen Jahren nachdem die Düne darüber hinweggeschritten ist, wieder freigegeben zu werden. (Pestfriedhof bei Nidden)

Nachdem man dieses unheilvolle Vorwärtsdringen der Dünen erkannt hatte, ging man daran, ihm Einhalt zu tun. Zunächst galt es, den frisch ausgeworfenen Sand festzuhalten. Dazu errichtete man Reisigzäune. Den durch sie aufgehaltenen Sand bepflanzte man nach einiger Zeit mit Sandgräsern (Strandhafer, Strandroggen, Sandrohr). Eigentümlich ist es, daß die Pflanzen nicht durch die allmählich höher werdende Sandschicht ersticken; sie wachsen vielmehr mit, ja, sie verkümmern geradezu, wenn die Sandzufuhr aufhört. Sie halten so den Sand auf; der Sandwall wird immer höher und höher: es ist eine "Vordüne" entstanden. Der neue, aus der See stammende Sand wird durch diese Vordüne im wesentlichen aufgehalten und treibt nur noch in geringen Mengen über sie hinweg; er sammelt sich an kleineren und größeren Hügeln hinter ihr, in dem sog. Kupstengebiet. Die Vordüne ist also äußerst wichtig und muß deshalb sehr gepflegt und auch geschont werden.

Schwieriger ist die Befestigung der schon bestehenden Wanderdünen. Hier wird der Dünenboden zuerst durch Strauchwerk und Sandhafer festgehalten, und es werden zunächst größere, dann kleinere Quadrate abgesteckt. Diese Flächen werden mit Lehm, Moorerde und Baggerschlick angefüllt und dann mit 2-3 jährigen Kiefern bepflanzt. Dazu ist am besten die Bergkiefer geeignet. Das Aufforsten ist eine sehr schwierige Arbeit. Aber dennoch ist es gelungen, den Dünenzug zwischen Süderspitze und dem Schwarzorter Wald, Dünen bei Preil und Perwelk und dem Urbokalns und Anguikalns bei Nidden zu befestigen.

Wälder

Bergkiefer auf der Plantage Försterei

Das Memelgebiet ist verhältnismäßig reich an Waldbeständen. Der Nehrungswald und die Waldstriche nördlich der Stadt Memel - die städtische und die kaufmännische Plantage - bestehe fast nur aus Kiefern. Durch sie führen sehr beliebte Spazierwege bis nach Strandvilla, Försterei und noch weiter bis zur Holländischen Mütze. Dem Wanderer bieten sich hier mancherlei Aussichtspunkte, von denen er einen großen Umkreis und in diesem die Stadt mit Haff, Nehrung und Ostsee übersehen kann.

Die Plantage ist in den Jahren 1810-29 auf dem Boden des ehemaligen Strandwaldes, den die Russen im siebenjährigen Kriege abgeholzt hatten, angepflanzt worden. Das geschah insbesondere zum Schutze gegen die landeinwärts wandernden Dünen, die mit ihren Vorboten bereits bis zum Gute Charlottenhof gekommen war. Von Charlottenhof bis in die Nähe der Bahnstrecke Memel-Försterei verläuft jetzt noch ein alter bepflanzter Dünenzug, auf dem auch die weithin sichtbare "Galgenbake" steht. In der Richtung dieser Düne soll seiner Zeit zum Schutze gegen die fortschreitende Versandung ein Zaun errichtet worden sein, der den Sand aufhielt und diese heute sog. "Sandwehr" entstehen ließ.

Im südlichen Teile des Kreises Memel finden wir zu beiden Seiten des König-Wilhelm-Kanals den zur Kloscher Forst gehörigen Schäfereier Wald. Ein Teil dieser Forst ist auch der in reizender Umgebung gelegene Scherner Wald, welcher von Ausflüglern gerne besucht wird. Die Lapinischke ist ein größerer Privatwald und Eigentum des Stiftsgutes Bachmann.

Im Kreise Heydekrug haben wir die Norkaiter Forst, den Bundeler und den Kuhlinser Wald. Der letztgenannte gehört bereits zu der im Kreise Pogegen gelegenen Oberförsterei Dingken. Sehr schöne Waldbilder gibt es in der Nähe von Jecksterken. Der Kreis Pogegen ist überhaupt am waldreichsten. In ihm liegen die Schreitlaugker und Jura-Forst. Die Jura-Forst allein umfaßt 12 500 ha. Auch diese Waldungen haben vorherrschenden Nadelholzbestand; nur an feuchteren und fruchtbareren Stellen finden wir Laubholz, besonders Buchen und Erlen.

Zellulose in Schmelz

Infolge des in den letzten Jahren allgemein herrschenden Brennholzmangels sind die Bestände auch in den memelländischen Forsten stark gelichtet worden. Hier wird eine vorsorgliche Waldwirtschaft ausgleichend wirken müssen. Gerade das Memelland kann recht stolz sein auf seine Waldbestände und muß sie deshalb als wertvolles Staatseigentum auch sorgsam hüten und pflegen. Es ist darum sehr zu begrüßen, daß auch die Privatwälder neuerdings unter Staatsaufsicht gestellt worden sind. Dadurch werden rücksichtslose Abholzungen vermieden und Gemeinden und Privateigentümer zur Aufforstung verpflichtet.

Die Wälder liefern uns nicht nur allerlei Brennmaterial, sondern auch das sehr notwendige Bauholz. Die jetzige lebhafte Bautätigkeit in der Stadt Memel, in Heydekrug und überall auf dem Lande kann man sich in dem Umfange auch nur infolge des verhältnismäßig großen Waldreichtums des Gebietes erlauben. Da die Holzausfuhr aus den Nachbarländern fast ganz aufgehört hat, würden die zahlreichen Schneidemühlen, die Zellulose und Holzbearbeitungsfabriken ganz stille stehen müssen, wenn unsere Wälder nicht vorhanden wären. Auch findet eine große Zahl von Waldarbeitern in ihnen selbst reichlich Beschäftigung. In den letzten Jahren hat man in den Kieferwäldern eine größere Menge Harz zur Seifen-, Terpentin-, Teer- und Pechbereitung gewonnen. Der ärmeren Bevölkerung in der Nähe der Wälder bieten sich mancherlei Vorteile. Ihnen kommen die Waldweide, Gras- und Streunutzung und das Raff- und Leseholz zugute. Auch bringt das Sammeln von Beeren und Pilzen - besonders den Frauen und Kindern - Beschäftigung und Gewinn.

Heide und Moor

Die größten Heide- und Moorgegenden des Memelgebietes haben die beiden Kreise Memel und Heydekrug; hier waren sie in früherer Zeit noch bedeutend umfangreicher. In diesen Landstrichen ist jetzt eine fleißige Bevölkerung eifrig bemüht, aus dem ärmlichen Boden das herauszuholen, was er nur herzugeben vermag.

Heide

Früher gehörten unabsehbare Bodenflächen einigen wenigen "Heidewirten", die aber nicht dazu imstande waren, ihre Heiden in Ackerland umzuwandeln. Sie gaben daher ärmeren Leuten und Arbeitern gegen ein geringes Geld oder Grundzins Grund und Boden her. Diese bauten sich - meistens aus Lehm und Heidekraut, auch aus Holz - eine kleine Hütte mit den notwendigsten Wirtschaftsgebäuden und haben dann alljährlich ein Stück Heideboden nach dem andern urbar gemacht. Mit der Zeit sind aus solchen Siedlungen ausgedehnte Heidedörfer entstanden.

Mag die Heide auch des mageren Bodens wegen einen oft kümmerlichen Eindruck machen, so hat sie doch auch seltene Reize und erfreut, besonders im Spätsommer und Herbst, mit ihrem blühenden Heidekraute, den pyramidalen Wacholderbüschen und den kleineren und größeren dem Landschaftsbilde mancherlei Abwechselung gebenden Hainen aus Kiefern, Grauerlen und weißrindigen Birken das Auge des Naturfreundes. Dazu wimmelt es dann dort von summenden Biene, hüpfenden Heupferdchen, blanken Käfern und bunten Schmetterlingen. Recht charakteristische und reizende Heidebilder bieten uns die nördlich von Memel zwischen Försterei und Tauerlauken gelegene Palwe und die Kollater Heide. Sie werden von vielen Ausflüglern immer wieder sehr gerne besucht.

Im Kreise Heydekrug finden wir die meisten Heideflächen in den Kirchspielen Werden, Wießen und Saugen und im Kreise Pogegen nur im nördlichen Teile bei Pogegen und Coadjuthen.

Moor

Landschaftsbild in der Kolonie Bismarck (Rupkalwer Moor)

Heidekraut, Kiefern, Birken und noch andere die Heide belebende Pflanzen wachsen auch auf den Mooren. Wer zum ersten Male als einsamer Wanderer durch eine solche "ernste Wildnis" dahinschreitet, wird dort so recht die ganze Unendlichkeit und Ursprünglichkeit der Natur zu spüren bekommen, wo er in der lautlosen Oede nur das Pochen des eigenen Herzens vernimmt und über sich nichts weiter als Himmel und unter und neben sich ein kaum übersehbares "Moosmeer" erblickt. Solche Bilder sind gewiß einzigartig und unvergeßlich.

Das Memelgebiet ist recht reich an großen Mooren; sie machen im Kreise Memel 7%, im Kreise Heydekrug 30% der Bodenfläche aus. Auch im Kreise Pogegen gibt es selbst zwischen den großen Waldungen nicht unerhebliche Torfbrüche. Im Kreise Memel liegen das Tyrus-, Schwenzelner und Dauperner Moor. Das Ißluße-, Augstumal- (30 qkm) und Rupkalwer Moor gehören zum Kreise Heydekrug.

Entstehung

Die Hochmoore entstehen auf undurchlässigem, schwerem Lehmboden, auf dem das Niederschlags- und Grundwasser zurückgehalten wird. Die erste Ansiedlung von Moorpflanzen findet stets auf festem Untergrunde statt. Die verschiedensten Torfmoose, das goldene Frauenhaar, die Moosbeere und Wollgräser bauen fortwährend an der weiteren Entwickelung der Hochmoore. Die meisten Moorpflanzen haben die Eigenschaft, das Bodenwasser und die Feuchtigkeit der Luft an sich zu ziehen. Feuchtigkeit ist ihnen Lebensbedingung. Sie wachsen dann zu äußerst dichten, großen Polstern an, schließen so die Luft ab und ersticken alle anderen Pflanzen; sie müssen verkohlen. Die Torfmoose selbst sterben nur unten ab, wachsen aber nach oben immer von neuem weiter. Bei diesem fortgesetzten Wachstum wird das Moor bis zu 6 m und mehr über seine Grundfläche emporgehoben; es dehnt sich aber nicht allein in die Höhe, sondern auch in die Breite aus und überzieht fruchtbares Ackerland und Waldboden, wenn nicht für genügende Entwässerung gesorgt wird.

Bedeutung

In erster Reihe gewinnt man in den Mooren den Torf, der besonders in den letzten Jahren als Brennmaterial die unschätzbarsten Dienste geleistet hat. Ohne ihn hätten in den kalten Wintern recht viele Familien frieren müssen. In den verwöhnten Friedenszeiten konnte man sich nur sehr selten dazu verstehen, den "schmutzigen Torf" zum Heizen zu benutzen. Auch auf diesem Gebiete hat man gewaltig umgelernt. In unserem Gebiete gibt es wohl selten ein Haus, in dem kein Torf gebrannt wird.

Es gibt den Stech-, Preß- oder Ziegel- und Maschinentorf. Der Stechtorf kann nur da gewonnen werden, wo die Mooroberfläche nicht mehr so feucht und wasserreich ist; er enthält noch unverkohlte Moorpflanzen. Weit besser ist der Ziegeltorf. Er wird aus stärker verkohlter Torferde hergestellt. Diese wird mit Wasser durchgeknetet und in Formen gebracht. Wenn zur Herstellung dieses Torfes Pferde- oder Dampfkraft gebraucht wird, so nennt man ihn Maschinentorf. Die industrielle Ausnutzung unserer riesigen Torflager im großen hat sich als wenig lohnend erwiesen. Das wäre vielleicht nur mit Hilfe der Elektrizität möglich.

Man stellt aus Torf heute Gase her, mit denen man Motore und damit Dynamomaschinen treiben kann und gewinnt bei der Vergasung Ammoniak als Nebenprodukt, ein äußerst wichtiges Düngemittel. Wenn es sich auch nicht so leicht übersehen läßt, inwieweit unsere Moore dadurch ausgenutzt werden könnten, so wäre doch dadurch ein Mittel gegeben, unser noch verhältnismäßig industriearmes Gebiet zu heben. Die elektrische Kraft würde nicht allein der Landwirtschaft dienen, sondern auch die Bevölkerung mit dem gesundesten und angenehmsten Licht versorgen.

Im ganzen Memelgebiet wird nur das Augstumalmoor allein industriell ausgenutzt; das geschieht durch die Torfstreufabrik Aktien-Gesellschaft-Heydekrug. Außer Torfstreu und Torfmull fertigt man hier aus Torf allerlei Gegenstände an, so Wärmeschutzplatten, Ziegel zu leichten Wänden, Feueranzünder, Tintenwischer, Platten zu Insektensammlungen und Bieruntersätzen, Verbandmoos usw. Diese Erzeugnisse haben viel Beifall gefunden und wurden auch lebhaft gekauft.

Besiedelung

Die mächtigen Torfmoore wurden erst durch die von der preußischen Regierung vorgenommene und dauernd geförderte Besiedlung am erfolgreichsten erschlossen. Die Kultivierung der Torfmoore war nicht weniger mühsam als die der Heidegegenden, aber auch ebenso segensreich. Von weit und breit sind die Kolonisten hergekommen und siedelten sich hier an. Jeder Kolonist bekam gewöhnlich 2 ha = 8 Morgen. Für das rohe Moorland wurde in den ersten 3 Jahren überhaupt keine Pacht gezahlt, später 10 Mk. pro ha. Der urbare Boden wurde mit 24-30 Mk. jährlich vergütet. Die Häuser mußten sich die Anwohner selbst errichten; für das Vieh wurden stattliche Weideplätze eingerichtet.

Die Kolonisten bauen hauptsächlich Kartoffeln an; zu dem Zwecke wird der Moorboden mit einer Spitzhacke bearbeitet und geebnet. Man macht etwa 2 m breite Beete mit ziemlich tiefen Furchen. Nachdem der Boden gedüngt und die Kartoffeln ausgelegt sind, wird die Moorerde aus den Furchen darübergeworfen, und sind die Kartoffeln aufgegangen, so werden sie nochmals beworfen. Der dadurch zugedeckte Torfrasen verwest und liefert gute Humuserde; auch sind die hochgelagerten Kartoffeln vor Nässe geschützt.

So wird der Boden allmählich aufgeschlossen und für den Gemüse- und Getreidebau brauchbar gemacht. Auf den Mooren finden wir deshalb heute bereits Roggen, Gerste und auch Hafer. Auf dem öden Moorboden stehen jetzt ausgedehnte Dörfer, so auf dem Rupkalwer Moor die große Kolonie Bismarck mit einer 3- und einer 2 klassigen Schule und auf dem Augstumalmoor die Ortschaften Szießgirren I und II, Rugeln I und II, Wabbeln und Augstumal. Die Besiedlung wurde vor allen Dingen durch den Bau zahlreicher Kieschausseen gefördert, welche die genannten Ortschaften miteinander verbinden oder sie selbst durchziehen. Verwaltet werden die beiden Siedlungsmoore durch die Moorvogteien Bismarck und Augstumal.

Bewässerung

Ostsee

Das Memelgebiet ist reich an Gewässern der verschiedensten Art. Die westliche Nehrungs- und Festlandsküste wird von der Ostsee umspült. Den Namen soll sie von den Dänen erhalten haben, weil sie im Osten Dänemarks liegt. Sie wird auch Baltisches Meer genannt, höchstwahrscheinlich nach dem altpreußischen und litauischen baltas d.i. weiß.

Die Ostsee führt dem Memeler Hafen viele ausländische und einheimische Schiffe zu. Sie bringen allerlei Waren, Steinkohlen, Erze usw. und nehmen vornehmlich Holz und Flachs mit. Da der Hafen Memels für die größeren und größten in der Ostsee verkehrenden Dampfer nicht tief genug ist, soll er demnächst vertieft (bis zu 10 m) und auch bedeutend vergrößert werden.

In den letzten Jahren wird der Memeler Hafen auch durch regelmäßig fahrende Passagierdampfer angelaufen, die den Personen- und Frachtverkehr zwischen Danzig - Königsberg - Memel - Libau und Riga aufrecht erhalten und fleißig benutzt werden.

Übung mit dem Rettungsboot (vor 1922)

Von dem Memeler Fischerhafen, dem sog. Walgum, von Mellneraggen, Karkelbeek und den Nehrungsorten aus fahren die Fischer mit ihren Motor- und Segelkuttern hinaus auf die See, um ihrer Beschäftigung nachzugehen; sie fangen in erster Reihe Dorsche und Flundern.

Die Ostsee ist ihrer flachen Küsten, der häufigen Untiefen und Sandbänke wegen der Schiffahrt recht gefährlich. Bei Nebel und Stürmen und in dunkler Nacht ist schon manch ein Schiff in der Nähe von Memel untergegangen oder gestrandet.

In finstern Nächten geben die Leuchttürme mit ihren Blinkfeuern den Schiffern und Fischern Richtpunkte, und am Tage können sie die Fahrtrichtung nach den weißen Baken bestimmen. Der Semaphor in Süderspitze zeigt den Seeleuten Windrichtung und Windstärke von Brüsterort und Libau an. In Nimmersatt, Karkelbeek, Mellneraggen, Süderspitze, Schwarzort und Nidden sind Rettungsschuppen mit Rettungsbooten und Raketenapparaten.

Kurisches Haff

Das Kurische Haff hat als Binnengewässer süßes Wasser. Es ist 98 km lang (etwa die Entfernung Memel - Tilsit!) und wird bis zu 45 km breit. An manchen Stellen ist es sehr flach; oft erreichen die Sandbänke sogar die Wasseroberfläche (Schweinrücken bei Schmelz!). Die Fischer können mit ihren Netzstangen auch ganz bequem den Grund erreichen. Den auf dem Haff verkehrenden Dampfern wird eine Fahrrinne freigehalten. Diese Dampfer vermitteln Sommer über den Verkehr zwischen Memel und den Nehrungsorten; sie fahren nach Ruß, Tilsit und die Memel hinauf bis zu dem benachbarten Litauen.

Eine für die Fahrzeuge sehr gefährliche Stelle ist die berühmte Windenburger Ecke. Bei starken Winden, besonders bei dem Aulankis einem Südweststurme, können die Schiffe leicht gegen die sich in das Haff hineinziehende Steinbank geworfen und gefährdet werden. Früher war es den Windenburgern immer eine große Freude, wenn die Flöße durch den Sturm zerrissen wurden. Das umherschwimmende Holz wurde von ihnen als willkommenes Strangut erbeutet. In ihrer Kirche sollen sie sogar um starke westliche Winde gebeten und zu diesem Zwecke manche Opfergroschen auf den Altar gelegt haben. Seit 1873 wird diese gefährliche Ecke von Fahrzeugen und Flößen gemieden. In diesem Jahre wurde der König-Wilhelm-Kanal fertig, der Atmathstrom, Taggraben und Minge mit dem Memeler Tief verbindet. Dieses ist an seiner schmalsten Stelle nur 400 m breit. Zu beiden Seiten des Tiefs sind 2000 m lange Molen, die die Ausfahrt in die See vor dem Versanden schützen.

Aus dem Haffgrunde wurde bis zum Jahre 1890 von der Firma Stantien und Becker bei Schwarzort Bernstein gebaggert, in manchen Jahren bis zu 75 000 kg.

Seit dieser Zeit hat der preußische Staat das Recht zum Baggern nicht mehr verpachtet, obwohl noch viel Bernstein im Haffgrunde liegen soll. Jetzt hat das Memelgebiet die Bernsteingewinnung einer Aktiengesellschaft übertragen, die gegenwärtig Baggerungsversuche unternimmt.

Bei starker Strömung, besonders zur Zeit des Eisganges, reißt das Wasser den Bernstein mit und trägt ihn bis in die See hinein, wo er dann durch starke Westwinde mit dem auch aus dem Seegrunde stammenden Bernstein zusammen an den Strand geworfen wird. Die Bernsteinsucher oder -fischer dürfen ihn nicht behalten, sondern sind verpflichtet, ihn an die Bernsteinankaufsstellen gegen Bezahlung abzuliefern.

Die Memel

Die Memel, der Strom, nach dem das ganze Gebiet seinen Namen hat, entspringt in Rußland und bildet von Schmalleningken ab die Südgrenze des Memelgebietes. Bis Schmalleningken macht die Memel der Schiffahrt mancherlei Schwierigkeiten; sie ist hier zum Teil versandet und unreguliert. Diesseits der Grenze hat man das Strombett seit 1840 planmäßig durch den Bau von Spickdämmen vertieft und eingeengt, damit es durch die Schiffahrt besser ausgenutzt werden kann. An den niedrigen Uferstellen finden wir Weidengebüsche, welche das Versanden der fruchtbaren Memelwiesen verhindern soll.

Gleich bei Schmalleningken empfängt die Memel von rechts die Schwente - einen kleinen Grenzfluß - und dann weiter unterhalb den Wischwillfluß, dessen Wasserkräfte durch größere Mühlenanlagen ausgenutzt werden. Der größte Nebenfluß von links ist die Szeßuppe; sie nötigt den Strom, etwas nach Norden abzubiegen. Nachdem die Memel von rechts den Jurafluß aufgenommen hat, durchbricht sie den Jurahöhenzug und fließt mit einem nach Norden geöffneten Bogen auf der linken Seite an dem schönen Obereisseln, Toussainen und Ragnit und auf der rechten Seite an den Schreitlaugker Höhen vorbei; sie besitzt hier die malerischten Ufer, von denen aus man einen fesselnden Anblick auf die ganze romantische Gegend, sie sog. litauische Schweiz, hat. Unterhalb Ragnit zwingt der Rombinus den Fluß wieder, die westliche Richtung zu nehmen. Wir kommen nach Tilsit und hier führen über den Strom 2 mächtige Brücken, die Luisen- und die Eisenbahnbrücke, die den Verkehr zwischen dem Memellande, der Stadt und dem weiteren Ostpreußen wesentlich erleichtert. Bei dem Ort Kalwen teilt sich die Memel in die beiden Arme Ruß und Gilge.

Bei dem Kirchorte Ruß spaltet sich der Rußstrom in mehrere Arme: Atmath, Pokallna und Skirwieth. Von der Pokallna spaltet sich noch die Warruß. Ueberhaupt soll sich der Rußstrom früher im ganzen in 13 Arme aufgelöst haben, die nun zum Teil verschüttet und versandet sind. In den Rußstrom mündet von rechts die Jäge, und zu ihr fließt die Wilke mit der Piktup. Auf den umliegenden Wiesen richtet besonders die Jäge durch ihre Überschwemmungen oft großen Schaden an. Außerdem führen noch Werße, Leite und Szieße dem Rußstrome ihre Wasser zu. Haffkähne und kleinere Dampfer verkehren auf der Szieße bis Heydekrug. Ein Nebenfluß der Atmath ist die Minge; sie kommt aus Rußland. Im Memelgebiet werden ihre Ufer von schönen bewaldeten Höhen begleitet. Von Prökuls ab fließt sie durch ein weites flaches Wiesengelände, welches sehr oft unter Wasser ist. Die Minge nimmt 3 kleinere Flüsse auf: Aglone, Wewirße und Tenne; alle drei weisen auch ganz reizende Uferpartien auf.

Der Rußstrom und zum Teil auch seine Zuflüsse ziehen sich durch ein ausgedehntes Niederungsland hin. Zwischen seinen Armen und an der Minge finden wir die ertragreichsten Wiesen. Schon im Juni setzt dort alljährlich die Heueernte ein, und dann entfaltet sich überall ein äußerst reges Leben. Unabsehbare Reihen von Heuwagen ziehen sich dann die Straßen entlang, besonders auffallend auf der Ruß und Heydekrug verbindende Chaussee. Das Gefahre geht dann Tag und Nacht hindurch und dauert mehrere Wochen lang. Sehr froh sind die Wiesenbesitzer jetzt über die über den Atmathstrom führende Brücke. Diese ist hier ein wahrer Segen. Durch sie fallen die unangenehmen Fährschwierigkeiten für die vielen, vielen Fuhrwerke fort, und auch das Kirchdorf Ruß hat dadurch viel gewonnen.

Schaktarp

Das von dem Rußstrom, seinen Zuflüssen und Armen durchzogene Niederungsgelände wird im Winterhalbjahre recht häufig von dem sog. "Schaktarp" heimgesucht. Schaktarp ist ein litauisches Wort und bedeutet soviel wie "zwischen Zweigen". Der Schaktarp stellt sich nach leichterem Froste, wenn das Eis noch schwach ist, oder während des Tauwetters ein, wenn das Eis schon mürbe und für Menschen und Tiere unpassierbar geworden ist. Dann können nämlich viele Wege nur durch aufgelegte Baumzweige, also nach Herstellung eines Knüppeldammes, benutzt werden. In diesen Zeiten sind die davon betroffenen Gegenden von der Außenwelt ganz abgeschnitten. Zu ihnen kommt keine Post, kein Arzt, kein Geistlicher, um die Leichen zu besingen. Manchmal können diese erst nach Wochen beerdigt werden. Jede Beschäftigung, auch die Fischerei, ruht; Hunger, Mangel an Brennmaterial oder gar ansteckende Krankheiten stellen sich ein. Es ist das alles zu traurig, wenn der Zustand längere Zeit anhält. Nur die Kinder scheinen froh zu sein, weil sie so lange "Schaktarpferien" bekommen. Tritt stärkerer Frost ein, so werden Schlitten und vor allem die Schlittschuhe vorgesucht, und wer dann zum ersten Male in jene Gegenden kommt, wird staunen, alles, jung und alt, auf Schlittschuhen und von Ort zu Ort über die schier unabsehbaren Eisfelder dahineilen zu sehen.

Flußverkehr im Memelgebiet

Sommer über herrscht auf der Memel, dem Ruß- und Atmathstrom ein äußerst reges Verkehrsleben. In den Memelorten Schmalleningken, sokaiten, Ruß, Minge u.a. wohnen zahlreiche Schiffer; sie seheln mit ihren Boydaks und Oderkähnen stromab und stromauf. Bei ungünstigem Winde tun sich zwei, drei oder mehrere zusammen und lassen sich durch einen kleinen Dampfer schleppen. Außerdem werden die Ströme durch Personen- und Frachtdampfer belebt, und zwischen ihnen schlängeln sich langsam die riesigen Triften hindurch, früher allerdings viel, viel mehr als in den letzten Jahren. Die mächtigen Baumstämme sind mit Bast oder Weidenruten zu sog. "Tafeln" vereinigt und die wieder zu einem langen Zuge, zu einer Trift. Diese Triften kamen früher meistens aus Rußland und wurden fast immer durch Polen, Flissaken oder Schinken genannt, bedient. Meistens barfuß, vermögen sie sich sehr flink zu bewegen und dem ganzen Floß mittels gewaltiger Ruder geschickt die gewünschte Fahrtrichtung zu geben. Die Dschimken wohnen auf den Triften in einfachen Buden aus Strohgeflecht. Ist ihnen auf ihren eigentümlichen Fahrzeugen kalt, so machen sie sich auf ihnen ein Feuer an. Die einfachen Mahlzeiten, meistens das Abendbrot, werden am Ufer zubereitet. Das Floß wird befestigt und im Weidengebüsch rasch eine flackernde Flamme angezündet. Solche Triftenbilder sind jetzt nur noch sehr selten zu sehen. Der schwermütig klingende Gedang der Flissaken, welcher früher an Sommerabenden so häufig zu hören war, ist fast verstummt. Hoffentlich aber werden Dschimkenfeuer und -gesänge sich bald wieder mehr auf Memel und Rußstrom bemerkbar machen. Das wäre im Interesse der memelländischen Holzindustrie sehr zu wünschen.

Dange

Ein Fluß des Memellandes, der nicht mehr zum Stromgebiet der Memel gerechnet werden kann, ist die Dange. Sie kommt aus Litauen und tritt bei Bajohren ins Memelgebiet ein. Hier nimmt sie von links die kleine Ekitte auf, an der sich eine fast 200 Jahre alte Wassermühle befindet. Die Dange hat ihr Bett recht oft gewechselt; deshalb finden wir in ihrem Verlaufe sehr oft tote Arme, die "faulen Dangen". Bei Tauerlauken durchbricht sie den Memeler höhenzug und weist hier die herrlichsten Uferpartien auf. An der ganz steil abfallenden "Gwilder Wand" kann man sogar mehrere Schichten ganz junger Braunkohlenablagerung erkennen. Eine ganz eigentümliche Holzflößerei gibt es auf der Dange und auch auf der Minge. Schon jenseits der Grenze werden die für die Memeler Zellulose-Fabrik bestimmten Rundhölzer einfach in den Fluß geworfen und treiben stromab bis sie schließlich aufgehalten und auf Lastkähne geladen werden.

Landseen

Zu den größten Landseen des Gebietes gehören der Kollater und Charlottenhofer See, vielleicht Reste des großen Landsees, der früher das ganze Gebiet bedeckt haben soll. Die Ostsee läßt hier einen Zusammenhang vermuten.

Literatur

  • Meyer, Richard (Kreisschulrat in Heydekrug): Heimatkunde des Memelgebietes, Robert Schmidt´s Buchhandlung, Memel 1922, S. 3 ff
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