Schienenbetrieb in Memel

aus GenWiki, dem genealogischen Lexikon zum Mitmachen.

Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese Seite gehört zum Portal Memelland und wird betreut von der Familienforschungsgruppe Memelland.
Bitte beachten Sie auch unsere Datensammlung aller bisher erfassten Personen aus dem Memelland
Kleinbahnnetz 1913
Grundkarte von 1935

Bearbeiter: Holger Schimkus

Inhaltsverzeichnis

Wie alles anfing


Die räumliche Ausdehnung Memels und steigende Einwohnerzahlen führte zur Organisation eines öffentlichen Personennah- und Güterverkehrs. Grundsätzlich waren in den Kaufmannshäusern Lager, "Comptoir" und Wohnung unter einem Dach. Besorgungen, Marktbesuch oder die Wege zum Handwerker konnten ohne Mühe zu Fuß gemacht werden. Und die Verbindung zum Umfeld? Wer in die Nachbarschaft wollte, der hatte verschiedene Möglichkeiten - je nach Geldbeutel. Die billigste Fahrt wird wohl mit dem Bauernwagen gewesen sein. Durch den großen Bedarf der Stadt Memel an ländlichen Erzeugnissen herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Die Wagen waren auf der Rückfahrt leer und boten sich für eine Mitfahrt an. Das Fahrgeld war Verhandlungssache. Bessergestellte hielten sich eine eigene Kutsche. Auch Mietkutschen (Heute: Taxi) konnten bestellt werden.
Vieles hat sich in der Periode nach Waterloo geändert. Das industrielle Zeitalter brach an. Eine Reihe von Erfindungen ließ die Produktion förmlich explodieren. Transportprobleme, die Hauptsorge aller genialen Erfinder jener Zeit, waren durch die Eisenbahn gelöst. Weltweit betrug die gesamte Schienenlänge im Jahre 1830 nur 381 km, 1850 schon 38000 km und 1860 gar 148000 km. Die Zwischenstufe manch anderer Städte, mit einer Pferdebahn den Betrieb zu beginnen, wurde in Memel nicht gemacht. Werner von Siemens präsentierte den Berlinern im Jahre 1881 einen elektrischen Straßenbahnwagen, der 1885 noch einmal auf der Weltausstellung in Antwerpen zu bestaunen war. Mit der Betriebseröffnung der Straßenbahn in Memel war das System der elektrisch betriebenen Schienenfahrzeuge in vielen Städten bereits eingeführt. Memel stieg also gleich mit der modernen Technik ein und beschaffte gleich die elektrische Straßenbahn.
Der Personentransport war somit organisiert. Jetzt fehlte nur noch der Gütertransport.
Ab 1906 gab es dazu die Kleinbahn. Sie verband, ausgehend vom Memeler Kleinbahnhof, auch das Hinterland. Sie beförderte neben Personen auch Güter. Die Kleinbahn hatte die gleiche Spurweite von 1000 mm wie die Gleise der Straßenbahn. So nutzte die Kleinbahn im Stadt- und Hafengebiet die Gleise der Straßenbahn. Die Spurweite wurde auch als Metergleis bezeichnet. Sie wurde zumeist aus finanziellen Gründen gewählt, sie ist günstiger als die Spurweite [1] von 1435 mm (z.B. Deutsche Bahn). Durch das preußische Eisenbahngesetz von 1838 wurde dann die S. von 4'81/2 (1435 mm) gesetzlich vorgeschrieben.
Einige Städte gaben ihre Straßenbahn erst nach dem II. Weltkrieg zugunsten des modernen Omnibusses auf und bedauern es in der jetzigen Zeit. Bereits 1934 stellte Memel den Straßenbahnbetrieb ein. Die Gründe dafür bedürfen einer weiteren Recherche.
Es ging das Gerücht in Memel herum, daß der Rundfunkempfang durch die elektrische Straßenbahn erheblich gestört wurde und man den Betrieb der Bahn deswegen eingestellt hat.

Memeler Kleinbahn AG

Straßenbahndepot, Paulstraße 4
Die Memeler Kleinbahn AG wurde am 15.03.1904 durch das Königreich Preußen, die Provinz Ostpreußen, den Kreis Memel und die Nordischen Elektrizitäts- und Stahlwerke AG gegründet. Sie betrieb die Straßenbahn und die unter Dampf fahrende Kleinbahn. Den Betrieb führte zunächst die Nordische Elektrizitäts- und Stahlwerke AG. Die Ostdeutsche Eisenbahn-Gesellschaft führte den Betrieb nach dem Konkurs der Nordischen Elektrizitäts- und Stahlwerke AG (31.Januar 1907) weiter.

Die Stadt Memel erwarb über die Jahre alle Aktien und wandelte am 16.07.1940 die Gesellschaft in die Städtischen Werke Memel um.

Das Bild rechts zeigt die Einfahrt zum Straßenbahndepot. Auf diesem Grundstück befand sich auch ein betriebseigenes Elektrizitätswerk. Es erzeugte die Spannung für den Fahrbetrieb der Straßenbahn, die von den Einwohnern Memels nur die "Elektrische" genannt wurde.
Im Stadtbereich fuhren 2 E-Loks der Kleinbahn. Sie entnahmen ihren Strom aus dem Fahrdraht der "Elektrischen".

Straßenbahn in Memel

Endhaltestelle Strandvilla
Fahrplan 1909
Meldeamt, Magistratsgebäude an der Luisenstraße (mit Gleis) und Polangenstraße

Spurweite: 1000 mm
Netzlänge: 12 km (Nach Erweiterung am 12.12.1904)
Linien: 3 (siehe Fahrplan)
Wagenpark: 12 Triebwagen, 5 Beiwagen
Eröffnung des Betriebs: 18.08.1904
Betriebseinstellung: 1934 (nach 30 Jahren) und Umstellung auf Bus-Betrieb
Durch die mit der Kleinbahn gemeinsamen Spurbreite von 1000 mm gab es eine Besonderheit im Straßenbahnbetrieb. Die Güterwagen der Kleinbahn wurden auch über die Gleise der Straßenbahn verschoben und erreichten so das Hafengebiet.
Die schönste und längste Strecke der Straßenbahn lief wohl zur Strandvilla hinaus. Dort befand sich ein kurzes Stück Ausweichgleis. Es endete dann auf den Leuchtturm zugehend wieder eingleisig. So musste der Fahrer seinen Fahrstand wechseln, um dann wieder Richtung Stadt fahren zu können.










Die Elektrische Strassenbahn wurde im "Führer durch Memel und Umgegend" (Ausgabe 1913) mit 2 Linien benannt:
1. Linie Bahnhof-Börse-Schmelz,
2. Linie Börse-Strandvilla.
Der Fahrpreis betrug 10 Pf., Umsteigen 15 Pf. Zu den Nachtzügen 20 Pf.

So hatte sich der Fahrpreis gegenüber 1909 nicht geändert!
Ab dem 20.März 1921 wird der Fahrbetrieb der Straßenbahn probeweise auch an Sonn- und Festtagen verkehren.

1922, mit der Geldentwertung einhergehend, erscheint im Memeler Dampfboot vom 7. April unter der Rubrik "Briefkasten" folgender Beitrag:
Eine Straßenbahnfahrt kostet in Moskau 12 000 Rubel, das hört sich ungeheuerlich an; vergleicht man aber den Stand der Mark zum Rubel: 6000 Rubel 1 Mark, so fährt man in Moskau nicht teurer als in Deutschland. eine Stenotypistin erhält ein Monatsgehalt von 16 Millionen Rubel...ergeben in 5 Jahren 1 Milliarde. Aber die 192 Millionen Jahresgehalt schrumpfen auf 32 000 Mark zusammen.





Kleinbahn in Memel

Kleinbahnhof
Fahrkarte der Memeler Kleinbahnen
Memel Eisenbahn (Normalspur) fährt auf der Brücke über die Dange, Blick auf Memel

Spurweite: 1000 mm
Netzlänge: 50 km
Linien: 2
1. Memel Kleinbahnhof, Hauptlinie in südöstlicher Richtung - Clemmenhof - Dawillen - Pöszeiten, Länge ca. 34,8 km
2. Abzweig Clemmenhof in nördlicher Richtung nach Plicken, Länge ca. 9,8 km
3. Abzweig Dawillen in nördlicher Richtung nach Laugallen, Länge ca. 4,6 km
4. Pogegen-Mikieten-Schmalleningken, Länge ca. 58,0 km
Wagenpark: 5 Dampfloks, 8 Personenwagen, 3 Packwagen und 78 Güterwagen
Im Bereich der Stadt: 2 Elektroloks, die auch teilweise auf den Gleisen der Straßenbahn eingesetzt wurden Eröffnung des Betriebs: 22.10.1906

Memel ist seit 1875 ans Eisenbahnnetz angeschlossen. Die Strecke nach Pagegiai/Pogegen war bis zum ersten Weltkrieg die einzige Eisenbahnverbindung. Heute wird sie nur noch einmal täglich von Nahverkehrszügen befahren. Die heute wichtigste Eisenbahnverbindung führt über Šiauliai nach Vilnius. Auf dieser Strecke verkehren täglich drei Fernzüge (davon ein Nachtzug) und drei Regionalzüge. Die Züge werden von der Litauischen Staatseisenbahn ( Lietuvos geležinkeliai ) betrieben.
Im Jahre 1909 testete man erstmalig die von Scharfenberg neu entwickelte Kupplung. Dies war der erste reale Test der Kupplung nach dem System Scharfenberg und erfolgte unter wirklichen Betriebsbedingungen.
1930 machte ein gewisser Jonas Skvirblis im Bereich UZ Dovilay einen Überfall auf einen Zug, der Geld transportierte.
1940 übertrug die Aktiengesellschaft ihren Betrieb an die Städtischen Werke AG in Memel, die die Aktienmehrheit durch über die Jahre erfolgten Ankäufe erreichte.

Siehe auch: Tilsit - Memeler - Eisenbahn

Industriebahn in Memel

Die Industriebahn erhöhte die Transportkapazitäten erheblich. Sie hatte Anschluß an das preußische Eisenbahnnetz und wurde mit der 1838 gesetzlich vorgeschriebenen Spurweite von 1435 mm gebaut. Nicht überall hatte die Industriebahn einen bahneigenen Gleiskörper. Sie teilte sich gerade im Hafenbereich auch die Straße mit den anderen Verkehrsteilnehmern. Beim Verschiebe- und Rangierbetrieb mussten die Bahnbediensteten in diesen Bereichen besondere Sorgfalt walten lassen.
Schmelz
Das Industriebahngleis wurde in unmittelbarer Nähe des Wassers gebaut. Sie bediente die Sägewerke in Schmelz. In der Nähe des Sportplatzes, zwischen dem Sägewerk Baltikum und Sägewerk Ehmer & Co. bog das Gleis Richtung Nordost ab. Dort gab es Abstellgleise. Hier wurden die Waggons für den Holztransport der Schmelzer Sägewerke rangiert bzw. bereitgestellt. Vor dem Abzweig in Schmelz verlief das Gleis aber weiter auf Memel und der Zitadelle zu.
Die Industriebahn endete dort am Dangeufer und verband gerade noch die Lindenau Werft.
Nach den Abstell- und Rangiergleisen in Schmelz (Nähe Flugplatz Rumpischken) lief die Gleistrasse der Industriebahn auf das Hauptgleis Heydekrug-Memel zu. Dort machte das Gleis einen Bogen und lief parallel zum Hauptgleis der Eisenbahn.
Memel
Kurz vor der Dange verschwenkte sich das Industriegleis nach links und verband auch hier die Schneidemühlen bzw. Sägewerke. Doch vor der Börsenbrücke endete auch hier das Industriegleis. Die Gleisverbindung zwischen Kettenbrücke und Börsenbrücke unterblieb. Oberhalb der Dange erhielt die Union - Fabrik ihren Gleisanschluß. Der weitere Abzweig verlief in einem Bogen am Schlachthof vorbei. Die Gleise verliefen auf der Hinteren Werftstraße und Werftstraße oder liefen parallel dazu. Dieses Gleis verband u.a. den städtischen Umschlagplatz und lief auf die Alte Poststraße zu. Hier gab es nach links und rechts noch eine Verzweigung.

Hafenbahn

Am Kai Alter Ballastplatz um 1930 Beladung der Waggons
Am 1. Juli 1925, 12 Uhr wurde der Güterbahnhof Stadt Memel am Ballastplatz - wie er offiziell heißt - durch eine kleine Feierlichkeit eingeweiht und dem Verkehr übergeben. Er wurde von einer der Transportgesellschaft Sandelis nahestehenden Gesellschaft betrieben.
Ausschreibung vom 6.10.1874
Sie erhielt die Konzession vom litauischen Staat. Diese Konzession war auf 3 Jahre ausgelegt. Die Gesellschaft musste für den ordentlichen Betrieb dieses Bahnhofs eine Garantiesumme von 400 000 Lit hinterlegen. Der Bahnhof, der sich in den Räumen des Speichers Sandelis am Ballastplatz befand, hatte die selben Rechte und Pflichten, wie jeder andere Bahnhof im Memelgebiet und in Litauen. Er stand unter Kontrolle der Regierung, die auch die Abrechnung prüfte. Stück- und Massengüter konnten direkt vom am Hafen gelegenen Güterbahnhof aus zu verfrachten. Eine Zweigstelle des Güterbahnhofes befand sich in den Geschäftsräumen der Sandelis in der Libauer Straße. Zur Eröffnungsfeierlichkeit waren außer den Behörden die Vorstände der hiesigen industriellen, gewerblichen und kaufmännischen Verbände eingeladen worden, die aber zum Teil am Erscheinen verhindert waren. Aus Kowno waren erschienen die Abteilungschefs im Verkehrsministerium Stulpinas und Wirpschas. Das Gouvernement war durch Herrn Bataitis, das Landesdirektorium durch Landesdirektor Juozopaitis vertreten. Erschienen waren u. a. Zolldirektor Norkaitis, Direktor Stiklorius, Dr. Gaigalat, Konsul Zilius. Konsul Reischkies begrüßte die Vertreter der Behörden und die anderen Gäste und legte die Aufgaben des neuen Güterbahnhofs dar. In kurzen Ansprachen wiesen die Herren Stulpinas, Bataitis und Juzopaitis als Vertreter ihrer Behörden auf die Bedeutung der neuen Einrichtung hin und wünschten ihr eine gute Entwicklung. Um 13 Uhr fand ein Essen in Litauischen Klub statt. (Quelle: Memeler Dampfboot, Ausgabe vom 2. Juli 1925)


Nach vorliegenden Informationen ist die Spurweite der Hafenbahn bereits in Normalspur (1435 mm) gebaut worden. Vom Hauptgleis am Memeler Hauptbahnhof ausgehend, lief das Gleis in einem Bogen zwischen Memel und Bommels Vitte zum Winterhafen. Wann diese Trasse außer Betrieb genommen wurde, ist derzeit nicht bekannt. Die Trasse - als Straße wurde dann Alte Winterhafenbahn genannt. Im Hafenbereich wurde diese Verbindung Richtung Bahnhof auf der Höhe der Kläranlage abgeschnitten.

Die Gleisverbindung zum Hafen blieb über den zweiten Gleisbogen erhalten. Diese Strecke lief zunächst parallel zum Hauptgleis nach Bajohren. Auf Höhe der Försterei/ Plantagen Straße begann der Gleisbogen und umlief Bommels Vitte. Nach dem Vittener Friedhof teilte sich das Gleis, verzweigte sich am Katasteramt und Moolenbauhof als Abstellgleise auf zwei weiteren Wegen Richtung Nordost. Dieser Abstellbereich hatte aber auch eine Verbindung zu den zwischen Bootshafen (Walgum) und Kläranlage gelegenen fünf Rangier- und Bereitstellungsgleisen der Hafenbahn. Von dort aus liefen Verbindungen an der Ballast Straße und weiter zum Winterhafen. Die andere Strecke führte direkt zum Kai Alter Ballastplatz mit Zollhaus und Lotsenturm.
Auf dem Foto kann der Verladebetrieb zwischen den Schiffen und der Hafenbahn betrachtet werden. Geradezu abenteuerlich und ein Verstoß gegen die heute gültigen Unfallverhütungsvorschriften: Hafenarbeiter schieben ihre Karren auf Bohlen über die erste Reihe der Waggons hinweg und kippen ihre Ladung in die auf dem zweiten Gleis stehenden Güterwagen!

Ende August 1875 gab es Bautätigkeiten auf dem Ballastplatz. Dort wurde das Terrain für die Verbindungsbahn zum Winterhafen abgesteckt. Endlich sollte auch die Kaimauer am Ballastplatz gebaut werden. Dazu wurden zur Vorbereitung für den Bau der Kaimauer in der Nähe des Winterhafens große Steinhaufen gelagert




Omnibusbetrieb

Fahrschein um 1938

Ein Omnibus ist nicht unbedingt ein motorgetriebenes Fahrzeug!

1874
Erschien die rechts eingefügte Anzeige des Herrn L. Brünning, der 2 Omnibusse zwischen Memel und Schmelz einsetzen will.




Als Ersatz für die stillgelegte Straßenbahn betrieb die Memeler Kleinbahn AG Omnibus-Linien.
Omnibus in der Marktstraße

Fuhrpark: 17 Busse (Stand: Beginn II. Weltkries)
Netz: Alter Verlauf der Straßenbahn
Linien: 5 Linien im Überlandverkehr

Persönliche Werkzeuge