Ruß

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Wappen von Heydekrug

R u ß

Fischerdorf bei Heydekrug
M e m e l l a n d, Ostpreußen
______________________________________________________

Der Winterhafen in Ruß, Kreis Heydekrug


Hierarchie


Inhaltsverzeichnis

Die Kirche in Ruß, zwei Tage vor der feierlichen Wiedereinweihung, 19. August 1994.
Briefmarken aus dem Memelgebiet mit dem Stempel RUSS, 1928


Einleitung

Übersicht Ruß [1]

Ruß, Kreis Heydekrug, Ostpreußen. (Siehe auch Warruß)


Name

Andere Namen und Schreibweisen

Namensdeutung

Der Name weist auf die ankommenden und abgehenden Flüsse in der Nähe des Ortes und bedeutet "Ort, der von Wasser umströmt wird":
gemeint sind Rußstrom, Leite, Atmath, Skirwieth, Warruß und Minge.

  • prußisch "ruset" = langsam fließen, strömen
  • Im Dialekt der Schalauer bedeutet der Name „Ort, der umflossen ist“. [5]


Politische Einteilung

Briefmarken mit dem Stempel Ruß, 1920
Kaiserliches Postamt in Ruß, um 1900
Bild: H.-J. Wertens

  • Anmerkung:
Ruß (Rest) ist die Ortschaft Rukstinkrant und seine Ländereien, welche schon seit 1860 Teil von Ruß waren.
Skirwietell (Rest) und Tattamischken (Rest) sind Ländereien, welche südlich der Skirwieth und Ruß sich befinden. Die Abbauten von Tattamischken südlich des Rußstromes wurden schon lange vorher (vor 1913) Nausseden zugeordnet.


Allgemeine Informationen

  • 1719: Russe, ein cöllmisches Gut mit Krügen in dem Cammerambte Russe gelegen, hat nachstehende Besitzer: Friedrich Jacob Gräwen (ein Krug), Gottfried Rösening (ein Krug), Christian Ernst Bok (ein Krug). Quelle:[6]
  • Zu Ruß gehörte Dumbelwiesen[7], auch Dumbelwiese genannt.

Angrenzende Orte

An das Königl. Kirch und Fischerdorf Russe angrenzende Orte
Im Osten: Szieße
Im Süden: Tattamischken
Im Westen: Pokallna
Im Norden: Schieße

Quelle:[8]


Kirchliche Einteilung / Zugehörigkeit

Evangelische Kirche

Ruß ist seit ungefähr 1419 Kirchspielort.

Russ besitzt die älteste Kirche des Memellandes.
Zur Ordenszeit wurde 1419 die erste Kirche errichtet. 1774 brannte die Kirche ab, im Jahr 1789 folgte auch die hölzerne Notkirche in gleicher Weise. Im Jahr 1809 wurde dann die jetzige evangelische Kirche in Ziegel- und Feldsteinmauerwerk erbaut. Das wuchtig wirkende Bauwerk hatte den Krieg gut überstanden. Litauische Kommunisten setzten die Schließung der Kirche durch, sie zerfiel stark, wurde aber Mitte der 1990er-Jahre wiederaufgebaut. [9]

Schreckenstage der Rußer Kirche

Die alte Kirche in Ruß hat im Laufe der Jahrhunderte viele schwere Zeiten durchleben müssen. Ganz besonders reich an Unglücksfällen war das 18. Jahrhundert. Am Sonntag, dem 19.August 1739, abends gegen elf Uhr, brach im Pfarrhaus ein Feuer aus, das es samt den beiden Wirtschaftsgebäuden vollständig vernichtete. Der Pfarrer Johann Jakob Sperber, seine Frau und seine Töchter retteten sich nur mit Mühe und zwar nackt, da sie schon geschlafen hatten. Die Tochter lief noch einmal zurück, um etwas zu holen, und wäre sicherlich verbrannt, wenn der Administrator Ignen sie nicht gerettet hätte. Es verbrannten der Kirchenkasten, das gesamte Kirchenornat, zwei silberne Kelche, von denen einer über 300 Jahre alt war, sowie die Kirchen- und Armenkasse und viele Rechnungen. Über die Ursache des Brandes konnten auch die amtlichen Untersuchungen nichts feststellen. Entweder hatten es böse Leute gelegt, oder es hatte ein Blitz eingeschlagen. Einige Fischer sagten aus, sie hätten vom Strom her ein „kleines Rummel“ gehört und auch einen herniederfahrenden Blitz gesehen. Vielkonnte man mit diesen Aussagen nicht anfangen, und so blieb denn alles in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt.

Das Holz zum neuen Pfarrhaus wurde aus Rußland herangeflößt. Der Neubau kostete 466 Taler. Der Pfarrer Sperber, der schon 29 Jahre in Ruß amtierte, hatte durch den Brand sein ganzes Eigentum verloren. Auf seine Bitte ordnete König Friedrich Wilhelm I im ganzen Lande eine Kollekte für ihn an. Es war auch schwer, für die Familie des Pfarrers eine angemessene Unterkunft zu finden. In seiner Eingabe an die Regierung hieß es, daß auf dieser Insel außer einigen Krügen, in denen „Graus und Getümmel“ des Volkes sei, eine passende Wohnung für ihn nicht zu haben wäre, und so müse er denn unter blauem Himmel wohnen. Der König ließ ihm darauf einen Teil des Amtshauses einräumen, daß an der Stelle des heutigen Amtsgerichtes stand.

Am 28.Mai 1774, es war gerade der Pfingstmontag, brach ein noch größeres Feuer aus. Damals amtierte der Pfarrer Thilo, der drei Jahre vorher schon einen Brand in Werden erlebt hatte und sogar selbst vom Blitz am Arm getroffen worden war. Es war kurz vor der deutschen Predigt, als plötzlich der Ruf „Feuer, Feuer!“ erscholl. Alles stürzte aus der Kirche und sah sich schon von dichten Rauchwolken umgeben. Im Stengel’schen Kruge (wahrscheinlich das heutige Gasthaus Behrendt) war ein Schornsteinbrand ausgebrochen, der in einigen Stunden das ganze Haus vernichtete. Der heftige Südostwind trieb das Feuer auf die Kirche zu. Zunächst ergriff es das Pfarrhaus mit den beiden Wirtschaftsgebäuden, die vollständig abbrannten. Dann brannte die Kirche selbst ab. Das Feuer schlug aber auch über den Kirchhof zum Amtshaus hinüber, daß mit sämtlichen Nebengebäuden ein Raub der Flammen wurde. Es verbrannten auch sämtliche Akten und Kirchenbücher, die silbernen Altargeräte und andere Inventare. Pfarrer Thilo zog wieder ins Schulhaus, das er schon als Präzentor vierzehn Jahre bewohnt hatte. Der Gottesdienst wurde unter freiem Himmel abgehalten, bis schließlich eine Nothütte, ein hölzerner Schuppen, gebaut werden konnte. Das Pfarrhaus wurde schon 1775 erbaut, es stand bis 1888, zu welcher Zeit es durch das Hochwasser so litt, daß es abgebrochen und durch das heutige ersetzt werden mußte.

Eine neue Kirche wurde erst 35 Jahre nach dem Brande gebaut, im Jahre 1809 konnte sie mit halbem Turm eingeweiht werden. Da der Kirchenbau gerade in die allertraurigste Zeit nach dem unglücklichen Kriege fiel, so wurde an allen Ecken und Kanten an ihm gespart. Die Not der Zeit steht noch heute der Kirche deutlich ins Gesicht geschrieben. Erst 1827 wurde der jetzige Turm gebaut, der bedeutend höher geplant war, aber wegen Geldmangels so niedrig bleiben mußte. Der Bauunternehmer hatte den Kirchenbau zu einem geringen Preise übernommen und suchte sich nun dadurch zu helfen, daß er alle Hölzer kürzer schnitt als vereinbart. Da die Balkenköpfe nur knappauf die Mauern reichten, hatte das Gebäude keinen Halt und senkte sich bald seitwärts, was ja leider auch heute noch deutlich zu sehen ist. Der betrügerische Bauunternehmer kam zwar einige Jahre auf die Festung, aber dadurch wurde die Kirche nicht besser. Sie mußte 1838 auf der Nordseite, 1854 auf der Südseite durch Strebepfeiler von außen gestützt werden. Altar und Kanzel sind dann erst im Jahre 1840 neu hergestellt worden. Die Orgel von 1827 ließ viel zu wünschen übrig und konnte erst 1902 erneuert werden. Ein innen und außen vergoldeter Kelch mit dem Wappen des Komturs Melchior von Schwaben 1440-1498, wahrscheinlich das kostbarste Stück der Russer Kirche, ist entweder 1739 oder 1774 dem Brande zum Opfer gefallen.[10]


Die ev. Pfarrkirche zu Ruß
Kirche Ruß, 2008
Die Kirche in Ruß im alten Zustand und nach der Renovierung, Sommer 1995
Die Kirche nach Renovierungen im Jahre 1995


Feierliche Wiedereinweihung der Pfarrkirche in Ruß

Am 21. August 1994 fand die feierliche Wiedereinweihung der ev. Pfarrkirche von Ruß mit reger Anteilnahme der Bevölkerung statt. In den Tagen vor dem Fest mochte man kaum glauben, daß alles rechtzeitig fertig wird. Bis zur letzten Minute wurde gesägt, gehämmert und gepinselt. Abgesehen von diversen Außenarbeiten hat man es doch noch geschafft.
Der Innenausbau erfolgte so weit wie möglich nach dem historischen Vorbild. Der Festgottesdienst wurde in litauischer und deutscher Sprache abgehalten. [11]

Kirchenfest in Ruß, 21. August 1994
Festgottesdienst in Ruß, 21. August 1994

Bis 1995 waren die Außenarbeiten an der Kirche in Ruß weitgehend abgeschlossen. Wegen verbliebener Feuchtigkeit im Mauerwerk ist der Verputz,
bzw. Anstrich, schnell wieder unansehnlich geworden. Erneute und zusätzliche Sanierungsarbeiten werden durchgeführt.

Orgel

Zur Orgel der Kirche Ruß, heute Rusne, ist hier Interessantes zu finden: [1].

Zum Kirchspiel zugehörige Ortschaften

Kirchspielgrenze in der Witzleben Kreiskarte Heidekrug 1846
© Martin-Opitz-Bibliothek, Herne, (www.martin-opitz-bibliothek.de)
Die Moorkolonie Bismarck bei Ruß


Vom Kirchspiel Ruß wurden folgende Ortschaften betreut:

Akminge, Antonischken, Atmath, Bismarck westliche Hälfte, Bredszull, Brionischken, Elchwinkel, Jodekrandt, Kahlberg, Karkeln, Kirlicken, Kuwertshof, Pokallna, Ruß, Rukstinkrant, Rukstinkrant-Bredszull, Sausgallen, Skirwietell, Skirwietellkrant, Skirwieth, Skirwithkrand, Sziesze, Szießgirren, Szieszkrandt, Tattamischken, Tulkeragge, Warruß.
Quelle: Hartmut Toleikis (OFB Russ)

Zum Kirchspiel Ruß gehörten 1912 folgende Ortschaften:

Akminge, Atmath, Bismarck westliche Hälfte, Adlig Brionischken, Jodekrandt, Kuwertshof Gut, Pokallna, Ruß, Sausgallen, Skirwietell, Skirwieth, Sziesze, Szieszkrandt, Tattamischken, Warruß.

Pfarrer

Memeler Dampfboot vom 30.06.1937

Pfarrerwechsel in Ruß.

Pfarrer Klumbies verabschiedete sich am letzten Sonntag von der Gemeinde Ruß, wo er fünf Jahre als Seelsorger tätig war. Am Nachmittag fand im Gemeindesaal ein Abschiedskaffee für Frau Klumbies, die bisher Vorsitzende der Russer Frauenhilfe gewesen war, statt. Bei diesem Kaffee wurde als Nachfolgerin Frau Kühn gewählt. Stellvertretende Vorsitzende wurde Frau Unruh und Schriftführerin Frau Kallweit. Am kommenden Sonntag hält in Ruß der neue Pfarrer Grops, der bisher in Laugszargen als Seelsorger tätig war, seine Antrittspredigt.

Pfarrer an der ev. Kirche zu Ruß

Kirchenbücher

Gedenktafel für Johann Friedrich Ancker in Ruß

Die Kirchenbücher von Ruß sind fast nur noch als Verfilmungen des Reichsippenamtes erhalten, die heute in Leipzig lagern (Sächsisches Staatsarchiv Leipzig). Die Originale sind bis auf einige wenige Bücher in der Heimat verschollen. Vorhanden sind als Verfilmungen:

  • Taufen 1774-1858
  • Heiraten 1791-1835
  • Sterbefälle 1852-1863

Als Originale:

  • Sterbefälle 1907-1944

siehe auch: Ostpreußen/Genealogische Quellen/Kirchbuchbestände Kreis Heydekrug
Als Sekundärquellen gibt es Tabellen der Konfirmanden in den Kirchenvisitationberichte, die auf das Portal www.epaveldas.lt digitalisiert sind.


Memeler Dampfboot vom 19.02.1933

Standesamtliche Nachrichten Ruß

Kirchliche Angaben für das Jahr 1932 (die eingeklammerten Zahlen gelten für 1931): getauft wurden 53 (39) Knaben und 38 (37) Mädchen, zusammen 91 (76). Eingesegnet sind 54 (49) Konfirmanden, davon 31 (22) Knaben, 23(27) Mädchen. Getraut wurden 29 (21) Paare. Beerdigt 82 (69) Personen, darunter 39 (37) männliche und 43 (32) weibliche. Das heilige Abendmahl erhielten 820 (861) Personen, und zwar 312 (271) männliche und 508 (590) weibliche. Die Kirchen- und Hauskollekten, Gaben und Dankopfer ergaben 3989,04 Lit (4537 Lit).


Digitalisiert:



Friedhof von Ruß

  • Der alte Friedhof - oder Kirchhof - ist noch in Resten erhalten und befindet sich an der ev. Kirche in Russ
  • Der "neue" Friedhof liegt an der Straße in Richtung Pokallna, ist gepflegt und wird auch heute noch genutzt.
Grabstein in Ruß [12]
Lage der Friedhöfe auf dem Messtischblatt (1910-1940)

  Friedhöfe von Ruß

Ein Artikel des Memeler Dampfbootes beschäftigt sich ausführlich mit den Friedhöfen in Russ:

Auch Kirchhöfe bilden einen Teil der Geschichte eines Ortes und oft nicht den geringsten. Das gilt besonders von sehr alten Kirchhöfen, wie demjenigen an der Kirche in Ruß, der feierlich um 1870 aufhörte, Begräbnisstätte zu sein, und im Jahre 1904 planiert und mit Anlagen versehen wurde. Nach dem Kriege gewann er durch einen Gedenkstein für die Gefallenen und durch eine Ehrentafel in der äußeren Kirchenwand mehr den Charakter eines Heldenhains. Der jetzige, nun auch schon nicht mehr neue Rußer Kirchhof, der einen sehr gepflegten Eindruck macht und von altbekannten Namen und früherem Wohlstand erzählt, befindet sich an der Straße nach Pokallna. [...]

(... Lesen Sie hier den ganzen Artikel)

Katholische Kirche

Ruß gehörte 1907 zum katholischen Kirchspiel Szibben.

Andere Glaubensgemeinschaften

Jüdische Gemeinde

Synagoge

Die schöne Synagoge von Ruß stand am Atmath-Ufer in der Nähe der Petersbruecke. Der Baustil war neugotisch-orientalisierend. Es gibt kaum Bilddokumente, weil in der Nazi-Zeit alles, was mit dem Judentum zu tun hatte, vernichtet wurde. Die Synagoge gibt es nicht mehr. 1939 wurde sie, wie auch die Synagoge in Schmalleningken, von den Nationalsozialisten zerstört.

Die Synagoge von Ruß am Ufer der Atmath
von der Petersbrücke aus fotografiert
Lage der Synagoge im Messtischblatt (1910-1940)

Für die jüdische Gemeinde wurde 1857 eine Synagoge mit Badehaus in Russ und 1863 in Heydekrug gebaut und ein Friedhof 1837 in Russ angelegt.
Dieser mußte 1844 aufgegeben und in Heydekrug neu angelegt werden.[13]

Aus einem Vortrag von Ruth Leiserowitz:
... Langsam wuchs die jüdische Gemeinde in Heydekrug, obwohl sie mit der Größe der Gemeinde in Ruß nicht mithalten konnte. 1855 lebten 36 Juden in Heydekrug und 6 in Szibben, im gesamten Kreis 89 jüdische Personen mit preußischer Staatsbürgerschaft. 1880 war diese Zahl auf 332 angewachsen....[14]

Juden in Ruß

Nach Überwindung der Leiden durch den Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) und durch die Epidemien des 18. Jahrhunderts begann sich Ruß vor allem bedingt durch den aufstrebenden Holzhandel auf der Memel positiv zu entwickeln. Besonders zugezogene Juden übten diesen Handel aus, und nachdem 1880 bereits 133 Juden in Ruß wohnten, gehörte der Ort zu den größten jüdischen Siedlungen der Region.

Geschichte der Judengemeinde Russ[15]
Die ersten Juden, Holzhändler, haben im Kreis Heydekrug nicht in Heydekrug sondern in Russ, der wichtigsten Siedlung im Bezirk am Ende des 19. Jh. angesiedelt. Russ wurde zu dem Ort mit der größten Zahl jüdischer Bewohner. Nachdem man mit dem Holzflößen auf der Memel über Russ begonnen hatte, fanden Juden hier gute Wohn- und Geschäftsbedingungen.

Der erste im Jahre 1789 erwähnte Jude in Russ war der Schutzjude Isaac Laser oder Laser Cohn. Er war Kneipenbesitzer und Vermittler von jüdischen und russischen Holzhändlern. Im Jahre 1855 wohnten hier schon 33 und im Jahre 1880 sogar 133 Juden.

Nach dem ersten Weltkrieg wuchs die Judengemeinde in Russ nicht mehr. Auch die Bedeutung der Ortschaft Russ verringerte sich. Die Bewohnerzahl des Ortes sank von 3000 bis 1500, weil wegen Konflikten zwischen Litauen und Polen das Holzflößen aus Polen auf dem Nemunas eingestellt wurde. In Russ mussten 4 Sägewerke und 2 Holzspeditionsunternehmen stillgelegt werden. Viele Bewohner von Russ und auch viele andere wurden arbeitslos. Heydekrug war zum Bezirkszentrum geworden, so dass der Ort Russ sich nicht mehr entwickelte. In Heydekrug wuchs die Industrie und die Kultur, die meisten Investitionen kamen hierher, deshalb kamen auf natürliche Weise immer mehr Einwohner, darunter auch Juden aus der Umgebung, auch Russ, in dieses Zentrum. Man vermutet, dass im Jahre 1920 in Russ 17 Judenfamilien wohnten.

Die Juden von Russ hatten Holzgeschäfte, sie waren Besitzer von Handelsunternehmen und Gasthäusern, Kleinhändler und Handwerker. 1922 sind jüdische Textil- und Kolonienwarenhändler, ein Bäcker ein Schuster, ein Schlosser u. a. erwähnt.

Anfang 1939 verließen Juden massenweise das Memelgebiet, nachdem die Wahlen in das Landesdirektorium die Nationalsozialistische Partei gewonnen hatte. Sie zogen aus dem Memelgebiet in die Orte von Žemaitija (Niederlitauen) – Palanga, Kretinga, Jurbarkas, Tauragė und auch nach Kaunas.

Das Schicksal von Juden in Russ während des zweiten Weltkrieges ist unbekannt. Man vermutet, dass viele von ihnen im Sommer 1941 in Gargždai, Kretinga, Palanga, Švėksna, Tauragė, Jurbarkas und in anderen Orten bei Massenvernichtungen umgebracht wurden. Ein Teil von Juden wurde in Gettos in Šiauliai und in Kaunas untergebracht, die im Sommer 1944 aufgelöst wurden. Die meisten jüdischen Frauen wurden ins KZ Stutthof und Männer ins KZ Dachau gebracht.

Man weiß nicht viel vom geistlichen Leben der Juden in Russ. Eine Synagoge und ein Ritualbad wurden 1857 gebaut. Am 1. Januar 1863 gründeten Juden in Russ ihre eigene Synagogengemeinde, nachdem sie die Erlaubnis von der Synagogengemeinde Heydekrug bekommen hatten.

In Russ sollte auch der erste jüdische Friedhof im Kreis entstanden sein. Dafür hatte die Judengemeinde 1837 ein Grundstück an der Pakalnė erworben. Leider konnte der Friedhof wegen der tiefen und regelmäßig überschwemmten Stelle nicht benutzt werden. Juden wurden ab 1844 auf dem neuentstandenen jüdischen Friedhof in Szibben beigesetzt. 1869-1870 hat die jüdische Gemeinde Russ-Heydekrug ein Grundstück in Barsduhnen für ihren Friedhof erworben, der später der einzige jüdische Friedhof im Kreis war. Die Synagoge in Russ und der jüdische Friedhof in Heydekrug wurden während des zweiten Weltkriegs vernichtet.

  • Eine Liste jüdischer Bewohner des Memellandes finden Sie auf der Seite Juden im Memelland.


Standesamt

Zugehörige Ortschaften

Zum Standesamt Ruß gehörten 1907 folgende Ortschaften: Ruß

Standesamtsregister

Die Standesamtsregister von Ruß sind verschollen.


Bewohner

Haus in Ruß, 2008 (Bild: Helli Aumann)




Persönlichkeiten

  • 1480-1498 Michel von Schwaben [16]
  • Quassowski, Hans-Wolfgang: Die von den Russen 1758-1762 in Ost- und Westpreußen angestellten Beamten. In Familiengeschichtliche Blätter, 20. Jg., 1922, Heft 4. Darin (Datum des Gouvernementsbefehls meist nach russischem und gregorianischem Kalender):
  • Thilo Theodor Gottlieb, zum Präzentor in Ruß 23.6.bis 4.7.1759.
  • Holdschue, Friedrich Ämil, Präzentor in Koadjuthen, zum Präzentor in Ruß 24.4./5.5.1759; zum Pfarrer daselbst 11./22.6.1759. [Ein Sohn Ämilius Holdschue, * Koadjuthen 1764, war zuerst litauischer Präzentor in Memel, wurde 1797 Adjunkt des Pfarrers Velthöfer an der Landkirche in Memel, nach dessen am 8.11.1798 erfolgten Tode sein Nachfolger und + 9.11.1818.
  • Sperber, Friedrich, Präzentor in Ruß, zum Präzentor in Karkeln und Schonkuhnen 10./21.4.1759.


  • Charlotte Keyser, * 2. Juli 1890 in Ruß, † 23. September 1966 in Oldenburg.
Charlotte Keyser war Lehrerin in Tilsit und schrieb Romane und Gedichte in ostpreußischem Plattdeutsch.
Dicht hinter dem Damm am Atmathstrom stand das anheimelnde Holzhaus, in dem die Schriftstellerin geboren wurde.
Neben Hermann Sudermann gilt sie als bekannteste Heimatdichterin des Memellandes.

. Werke:

In stillen Dörfern (Erzählungen), 1939
Und immer neue Tage (Roman), 1940
Schritte über die Schwelle, 1948
Und dann wurde es hell, 1953
Von Häusern und Höfen daheim klingt es nach, 1962
Charlotte Keyser
Geburtshaus von Ch. Keyser In Ruß


Geschichte

Rus auf der Carte des terres devant le Curis H [affe] [de] cote du Memmel, ca. 1670, 1:55 000, Sign. N 11999/50
© Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Blick auf Ruß
Pokallnastrom in Ruß

Ältere Geschichte

Ein Amtsrat Patschker war der erste Generalpächter, von dem wir in diesem Amt authentische Kunde besitzen. Seine Tochter heiratete Johann Gottfries Kuwert (s. Kuwertshof. Die Pacht des Amtes Ruß war nach Patschker in den Händen von Johann Hamburger, Besitzer auf Jatzischken und des Amtsrats Radtke in Althof-Memel. Letzterer trat nun seinen Anteil an Ruß dem Johann Gottfried Kuwert ab. Nach dessen, 1768 erfolgtem Tode heiratete seine Witwe, geb. Patschker, den Amtrsrat Brandenburg; dessen Nachfolger wurde in der Generalpacht von Ruß ein Amtmann Pohlmann.

Dies Amt war eines der ersten, bei dem seitens der Regierung eine Aufteilung beabsichtigt und ausgeführt wurde. Im Jahre 1788 restieren von Bauernerben und Hochzinsern Abgaben in Höhe von 5591 Talern, deren Beitreibung dem Justizbeamten Bayer nachdrücklich anbefohlen wird. Der inspizierende Domänenrat berichtet nach Gumbinnen, daß Oberamtmann Pohlmann in seinen wirtschaftlichen Verhältnissen derart heruntergekommen sei, daß er nicht länger in der Pacht geschützt werden könne, obgleich sein 12jähriger Kontrakt noch nicht abgelaufen wäre. Somit steht dem nichts im Wege, das Domänenamt zu "dismembrieren". Der Oberamtmann versucht diesen Beschluß noch aufzuhalten und berichtet 1789 an den König, er wäre allerdings durch fehlgeschlagene Holzverkäufe an russische Juden und Memeler Kaufleute in seinen pekuniären Verhältnissen zurückgekommen, bitte aber, im Falle ihm die Pacht genommen werden soll, den Landbaumeister Braun in seine Stelle einzusetzen. Gleichzeitig führt er über den Amtsrat Brandenburg -seinen Vorgänger in der Generalpacht- heftige Klagen über Einmischungen und Kabalen, welche dieser ihm bereitet hätte. Doch ergibt eine Untersuchung mit eingehendem Verhör die Grundlosigkeit dieser Beschuldigungen. Amtsrat Brandenburg hatte sich in zweiter Ehe mit Johanne Henriette Gertrud Cöler vermählt; diese starb am 26. August 1802 in Heydekrug.

Landbaumeister Braun bittet nun wiederholt um die Generalpacht des Amtes Ruß und will sein Gut Birjohlen, welches er in Größe von 4 Hufen oletzkoisch für 2800 Taler unbebaut gekauft (noch 1789 eine Hufe von Erdmann Domnick für 1100 Taler) und das nunmehr schon einen Wert von 6000 Talern hätte, als Kaution verpfänden.

Gleichzeitig meldet sich der Amtsrat Possern, wohnhaft in Labiau, stellt seine traurige Lage vor, in die er ohne eigene Schuld geraten, da er bei der Pacht von Ballgarden "zu Schaden gekommen" und bittet, im Falle Amt Ruß dismembriert werden soll, ihm die Intendantenstelle zu übertragen. Beide Petenten werden durch Königl. Spezialbefehl vom 30. April 1789 abschlägig beschieden. Auf die erneuten Bitten des Amtsrats Possern ordnet der König an, daß zwar dem Possern die Intendantenstelle in Ruß wegen mangelnder Lokalkenntnisse nicht anvertraut werden kann, er aber bei Vakanz eines geeigneten Postens berücksichtigt werden soll.

Unterdessen ist die Sequestration des Vorwerks Ruß eingeleitet und der Beamte Pohlmann verurteilt, 4088 Taler aus seinem Vermögen zu ersetzen. Mehr Geneigtheit bei der Regierung findet ein Antrag des Amtsrats Brandenburg, ihm die Intendantenstelle für Ruß zu übertragen, wenn auch das verlangte Gehalt von 600 Talern, als viel zu hoch, nicht bewilligt wird. Man einigt sich schließlich auf 400 Taler, und der in Gut Kuwertshof ansässige Amtsrat wird Rendant. Die Einsassen des Amtes werden nun zu den benachbarten Ämtern geschlagen, den köllmischen Krügern die Brau- und Brennerei erblich überlassen und die einzelnen Arrendenstücke allmählich ausgetan. Die wertvollsten Wiesen werden zum Amt Clemmenhof zugeschlagen, "um dieses mehr in Kultur zu bringen", doch zog sich der Verkauf einzelner Wiesenparzellen noch bis in das 19. Jahrhundert hinein. [17]

Zahlen der Geschichte

  • 1498 Sebastian erwirbt den bereits 1448 gegründeten Krug Ruß mit den dazugehörenden Wiesen zu Kulmischem Recht, frei von Scharwerk, ausgenommen bei Bauten an Kirche, Ordenshof und dem Wehr, für den Kaufpreis von 120 preuß. Mark [18]
  • 1757. Die Russen fallen im Sommer (im Siebenjährigen Krieg) unter Graf Fermor und Feldmarschall Graf Apraxin in Ostpreußen ein. Zarin Elisabeth I. erklärt durch Patent vom 31. Dezember 1757 Ostpreußen als russisches Eigentum.
  • 1758 Jan. Eine russische Armee unter Graf Fermor besetzt kampflos das ungeschützte Ostpreußen.
  • 1762. Nach dem Tod der Zarin Elisabeth (5.1.1762) kommt es unter ihrem Nachfolger, Zar Peter III., zum Frieden mit Preußen (5.5.1762 Vertrag von St. Petersburg). Russland gibt ohne Entschädigung die besetzten bzw. bereits annektierten Gebiete Ostpreußen, Hinterpommern und Neumark zurück. Die Russen ziehen ab, Ruß wird wieder preußisch.


Die Entwicklung des Ortes Ruß am Unterlauf der Memel

Von Martynas Purvinas [19]

Ordenszeit

Ordensritter

Zu den Zeiten des Deutschen Ordens (bis 1525) sind dort zwei Orte hervorgetreten, Windenburg und Ruß, wo es Befestigungen, Zentren der hiesigen Verwaltung und Kirchen gab. Nach Beendigung der über Jahrhunderte währenden Kämpfe hörte Windenburg auf zu existieren. Die am Ende der Halbinsel massiv erbaute Ordensburg wurde von den Wellen des Kurischen Haffs unterspült, die am Ufer des Windenburger Ecks zerstörerisch wirkten. Die alte Kirche wurde abgetragen und nach Kinten versetzt. So verblieb in Windenburg, abseits der Landstraßen und ohne Anregungen für eine urbanistische Erweiterung, nur das Zentrum eines Gutshofes.

Dafür aber war die Rolle von Ruß ständig am wachsen. An einem strategisch äußerst wichtigen Punkt, im Memeldelta an den Verästelungen der Flussarme Atmath, Pokallna und Skirvieth gegründet. Nach K. A. Matulaitis [20] bestand Ruß, laut Aussagen nordischer Sagas, als wichtiger Stützpunkt des prußischen Stammes der Schalauer schon in vorgeschichtlichen Zeiten. Von hier aus hatte diese Wohnsiedlung die ganze Schifffahrt von der Memel zum Kurischen Haff und zurück bis zum Oberlauf der Memel unter Kontrolle. Möglicherweise gab es dort schon seit Beginn des 15. Jahrhunderts eine Kirche oder Kapelle, die die Bedeutung dieses Ortes betonte.

Die Entwicklung bis Ende des 19. Jahrhunderts

Ruß war Anfang des 19. Jahrhunderts die größte Wohngemeinde der entlang der Memel gelegenen Orte des späteren Memelgebietes. In diesem mit einer Windmühle ausgestatteten Kirchdorf gab es 1.707 Einwohner in 145 Anwesen. Ruß war von mehreren größeren Dörfern umgeben, die zusammen nochmals etwa 1.000 Einwohner besaßen.

Dies war die damals größte Einwohneransammlung im Memeldelta. Mitte des 19. Jahrhunderts umfasste der damalige Verwaltungsverbund Ruß die Gemeinden Skirvietele, Schwarzort, Kalberg und Bredschull. Sie hatte 631 Anwesen mit 3.503 Einwohnern (Handwerker, Kaufleute, Arbeiter, Landwirte, Wiesenbauern, Gärtner, Fischern u. a.). 1885 wohnten in der Gemeinde Ruß 2.078 Menschen in 543 Anwesen. Im benachbarten Skirwietele wohnten damals 992 Menschen in 274 Anwesen. Verhältnismäßig groß waren auch die Einwohnerzahl der anderen das Kirchdorf Ruß umgebenden Gemeinden.

Jedoch ab der Mitte und zum Ende des 19. Jahrhunderts, in den Zeiten des wirtschaftlichen Booms des Königreiches Preußen, begann diese alte „Hauptstadt“ der Fischer an Bedeutung zu verlieren. Solange der wichtigste Warentransport über die Wasserstraße erfolgte, stieg die Bedeutung von Ruß.

Nach dem Bau neuer Straßen und der Eisenbahn geriet Ruß jedoch ins Abseits der sich rasant erweiternden überregionalen ökonomischen Entwicklung. Es sank immer mehr zu einem Handels- und Dienstleistungszentrum für die nähere Umgebung ab. Es war durch häufige Überschwemmungen und der dadurch erschwerten Überquerung der vielen Wasserarme der Memel, von den entfernteren Gemeinden schwerer zu erreichen als das nun an der Eisenbahn liegende Heydekrug.

Die Situation um 1914

Holzflöße in Ruß
Holzhäuser in Ruß, Sommer 1994

Ruß hatte vor dem Ersten Weltkrieg 1.826 Einwohner. Dieser Wohnort war mit seinem Holz-, Lachs- und Flussneunaugenhandel (letztere waren eine besonders gefragte Delikatesse, durch die Gewässerverschmutzung gibt es diese zwei Fischarten kaum noch) bekannt.

In Ruß gab es ein Amtsgericht und die auch in den anderen Orten erwähnten postalischen Einrichtungen. Es gab drei Hotels und sieben Restaurants. Zwei Ärzte, ein Apotheker, ein Veterinär, zwei Juristen und ein Notar sorgten für die Bedürfnisse der hiesigen wie auch der Bewohner der umliegenden kleineren Ortschaften. Zwei Institutionen kümmerten sich um die Finanzen, drei Baufirmen boten ihre Dienste an. Eine Brauerei sorgte dafür, dass hier der Durst nicht zu groß wurde und drei Sprithersteller verwendeten das eigene Erzeugnis zum Teil für die Herstellung beliebter Liköre. Fünf Fleischereien konkurrierten untereinander um die beste Qualität ihrer Wurstwaren. Der Getreide- und Saatguthandel kümmerte sich um die Qualität der landwirtschaftlichen Erzeugnisse.

In den zehn hier betriebenen Sägewerken konnten sich die Bauherren im großen Umkreis von Ruß direkt mit preisgünstigem Baumaterial versorgen. Mit einem großen Teil des hier bearbeiteten Holzes machte sich der schon erwähnte Rußer Holzhandel weit hinein in die deutschen Lande, aber auch über die Grenzen des damaligen Deutschen Reiches hinaus einen guten Namen. Drei Schifffahrtsbetriebe sorgten für den Abtransport der hier hergestellten oder veredelten Waren.

Eine Käserei verarbeitete die von den Wiesenbauern angelieferte hochwertige Milch. Mit ihren Erzeugnissen vorsorgte sie die örtliche Nachfrage, ein großer Teil aber davon ging, mit Schwerpunkt „Tilsiter“, in den Binnenexport. Zwei Firmen vertrieben Butter, für die es, besonders im Frühling unter der Sonderbezeichnung „Maibutter“, deutschlandweit eine rege Nachfrage gab. Daher wurde wohl auch der blühende Löwenzahn, der im Frühjahr die Viehweiden des ganzen Memelgebietes gelb färbte, „Butterblume“ genannt.

Fünf weitere Expeditionen betrieben den Transport der hier anfallenden und benötigten Waren. Drei Firmen sorgten dafür, dass alle Waren (von Aal bis Zement und Zichorie) für den Abtransport oder Weiterverkauf gut verpackt wurden. Zwei Firmen sorgten für den Aufkauf von Fischschuppen und Gräten, die damals von der Schmuckindustrie zur Weiterverarbeitung (auch zur Herstellung künstlicher Perlen) verwendet wurden. Selbstverständlich gab es auch hier eine große Anzahl von Geschäften mit einem breiten Angebot. Viele Handwerksbetriebe, drei Schmieden, zwei Mühlen und viele andere, erledigten die Dienstleistungsnachfrage der hiesigen Bevölkerung.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Insel Ruß durch eine mächtige Brücke über die Atmath mit dem rechten Ufer der Memel verbunden. Eine Hebebrücke sorgte dafür, dass der hier vorbei fließende rege Schiffsverkehr nicht behindert wurde. Der Zugang zu dieser Brücke war mit behauenen Steinen sehr gut gestaltet worden, für ihre Beleuchtung mit dekorativen Lampen sorgte das hiesige Elektrizitätswerk.

Eine besondere Eigenart von Ruß waren seine schönen und reich verzierten Holzhäuser, im Zentrum zwei und sogar drei Stockwerke hoch, erbaut mit dem Holz aus dem vielseitigen und günstigen Angebot der hiesigen Sägewerke. Ruß besaß durch seine dichte Besiedlung eine schon beinahe städtisch zu nennende Infrastruktur (gepflasterte Straßen, ein geordneten Marktplatz u. a. mehr).

Die Entwicklung zwischen 1918-1945

Die Petersbrücke in Ruß

Von Ruß wurden die am südlichen Ufer der Skirwieth und Ruß gelegenen Fischerorte, die früher eng mit Ruß verbunden waren (man besuchte die Kirche, den Markt, die Geschäfte u. a. in Ruß) getrennt. Während der Zeit des Naziregimes wurden in Ruß und Schmalleningken die jüdischen Synagogen vernichtet. Damit verloren diese Gemeinden einen historischen Teil ihres Ortsbildes.

Die Entwicklung nach 1944/1945

Ruß erlitt Verluste durch die übereilte Sprengung der Brücke über die Atmath durch die deutsche Wehrmacht. Die hier aus allen Richtungen herströmenden Wagenkolonnen mit Flüchtlingen aus dem ganzen Kreis hatten sich vor der Brücke gestaut und wurden durch die frühzeitige Sprengung der Brücke schon 1944 der russischen Soldateska überlassen.

In der Sowjetzeit wurden noch ansehnliche ältere Gebäude so ungeschickt überarbeitet, dass dabei ihre wesentlichen Merkmale verloren gingen. So wurde das große Hotel von Ruß zu einem Verwaltungsgebäude umgebaut und dabei die Innenausstattung und die Fassade derart zugerichtet, dass es heute nur noch als ein gesichtsloser „Kasten“ zu bezeichnen ist.

Die heutige Situation

Heutiges Wappen von Ruß

In den letzten Jahren begann eine paradoxe „Verdeutschung“ der alten Wohnorte im Memelgebiet. Die Planer dieses Gebietes, denen die städtebaulichen Traditionen der Region unbekannt geblieben sind, versuchen, der neuen Mode des Historismus folgend, die hier noch erhalten gebliebenen alten Gebäude nach solchen westdeutschen Vorbildern zu überarbeiten, die weder für das Memelgebiet noch für das ehemalige Preußisch-Litauen im ganzen genommen charakteristisch sind.

Ruß gelang es, seine alte Struktur weitgehend zu erhalten: den dreieckigen Marktplatz in seinem Zentrum neben der restaurierten evangelisch-lutherischen Kirche und das alte Straßennetz. Neben der sehr beeindruckenden Kirche hat sich auch das schöne Pfarrhaus aus roten Ziegeln erhalten.

Auf der anderen Seite der Kirche befindet sich das ehemalige Rathaus. Dort hatte die Verwaltung des Amtes Ruß und das Amtsgericht mit seinen Arrestzellen ihren Sitz. Eng an diesem Amtsgebäude geschmiegt befand sich ein altes Restaurant mit einer früher betriebenen eigenen Brauerei und dem Gasthaus. Zwischen dem Amtsgebäude und der jetzigen Friedensstraße hat sich ein unikales kleineres Bauwerk erhalten, das einzige am Unterlauf der Memel, in dem die Marktbuden untergebracht waren. Aus diesen winzigen Räumen heraus haben die Rußer Geschäftsleute an den Marktagen ihre Ware angeboten.

Am Ende der Heydekruger Straße, am linken Ufer der Atmath, finden sich noch Reste der alten Brücke über diesen Fluss, die Abstützung am Ufer, eine schön gestaltete Zufahrt zur Brücke, ein Brückenwärterhäuschen u. a.. Die Gebäude der alten Schulen in der jetzigen Neringa-Straße, einige ehemalige Hotels und Handelsgebäude stehen auch noch. Und natürlich die bedeutendste Sehenswürdigkeit von Ruß – die vielen schönen Holzhäuser. Sie zeigen hier, oft noch vollständig erhalten, eine besonders malerische Komponente der hier vorherrschend gewesenen städtebaulichen Tradition. [21]

Bis heute müssen sich die Bewohner der Insel-Ortschaft Ruß / Rusnė immer wieder mit Frühjahrsüberschwemmungen abfinden.
Obwohl es zwischen Ruß und Heydekrug eine große Flutbrücke gibt, müssen die Autos an manchen Stellen mit Traktoren durch das Wasser gezogen werden. [22]


Verschiedenes

F o t o s

Alte und neue Ansichten

Ruß, Markt und Apotheke
Ansichtskarte vom Kurort Ruß
Brücke über den Pokallna-Fluß in Ruß
Die Pokallnabrücke in Ruß (Foto 2010)
Am Fähranleger in Brionischken
Aus dem Memeler Dampfboot


Hier lief das Wasser über den Hof auf die Straße, 1927 (Bild: Viktor Kittel)
Postamt von Ruß vor 1945; letzter deutsch. Postmeister für uns Onkel Uschkurat. Im Krieg bombardiert und abgebrannt. (Bild: Viktor Kittel)
Fährstelle in Ruß über den Skirwiethstrom, rechts das Badehaus des Dr. Kittel, Aufnahme 1930 (Bild: Viktor Kittel)
Skirwitheller Brücke in Ruß vor 1945. Wurde im Krieg in die Luft gesprengt. Früher gab es sie nicht, sondern den Fährverkehr nach Brionischken (Bild: Viktor Kittel)


Fotos im Internet

Fotos von H.G. Moors

Die Bildersammlung wurden freundlicherweise von H.G. Moors zur Verfügung gestellt

Karten

Russ auf der Schroetterkarte (1796-1802) 1:50 000
© Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Siehe Russ oben in der Schroetter Karte 1802, Maßstab 1: 160 000


Russ im Preußischen Urmesstischblatt 1860
© Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
Russ u. südl. Umgebung im Preußischen Urmesstischblatt 1860
© Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz


Ruß in den Messtischblättern 0794 Russ und 0694 Heydekrug (1910-1940) mit den Gemeindegrenzen von 1938
© Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
Skizze aus der Gemeindeseelenliste von Ruß aus den 50er Jahren, (c) Bundesarchiv


Treibjagd

Nach einer Treibjagd in Ruß; Von links: 3. Person: Apotheker Witte aus Ruß, 6. Person: Lehrer Franz Teschner aus Skirwitell, 8. Person: Lehrer Rudolf Jonas aus Pokallna


Internetlinks

Offizielle Internetseiten

Online-Ortsfamilienbuch Ruß

Teilauswertung zu Ruß: Memelland, OFB


Daten aus dem genealogischen Ortsverzeichnis

GOV-Kennung RUSSRUKO05QH
Name
Typ
  • Wohnplatz
w-Nummer
  • 66131
externe Kennung
  • geonames:595087
  • nima:-2618677
Karte
   

TK25: 794

Zugehörigkeit
Übergeordnete Objekte

Ruß, Rusnė ( Landgemeinde Gemeinde ) Quelle

Szibben (Hl. Kreuz), Heydekrug, Heydekrug (Hl. Kreuz), Žibai, Šilutė (1907) ( Pfarrei ) Quelle S. 92/93

Ruß (1907) ( Kirchspiel ) Quelle S. 92/93

Untergeordnete Objekte
Name Typ GOV-Kennung Zeitraum
Ruß Kirche object_169336


Quellen

  1. Beschriftungen von Claus Priebe eingefügt
  2. Dietrich Lange: Geographisches Ortsregister Ostpreußen einschließlich des Memelgebietes, des Soldauer Gebietes und des Reg.-Bez. Westpreußen (1919-1939)
  3. Generalhufenschoß 1719-1766, Schulzenamt Memel, Hubenzahl 1719, Buch Nr. 3, Staatliches Archivlager, Göttingen, 1962
  4. GOV: http://gov.genealogy.net/
  5. Quelle Wikipedia
  6. Generalhufenschoß 1719-1766, Schulzenamt Memel, Special Protocoll 1719, Buch Nr. 2, Staatliches Archivlager, Göttingen, 1962
  7. Messtischblatt 0693Minge/0694Heydekrug/794Russ (1910-1940), Maßstab 1:25000 © Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  8. Generalhufenschoß 1719-1766, Schulzenamt Memel, Hubenzahl 1719, Buch Nr. 3, Staatliches Archivlager, Göttingen, 1962
  9. Text aus dem Bildband Der Norden Ostpreußens von Christian Papendick
  10. Der Grenzgarten, Beilage des Memeler Dampfbootes, 30.4.1936
  11. Text und Fotos von Bernhard Waldmann
  12. Das Bild wurde freundlicherweise von Ingrid Rehling zur Verfügung gestellt, Stand Juni 2010
  13. http://www.memelland-adm.de/heydekrug.html
  14. http://www.judeninostpreussen.de/upload/pdf/memel.pdf
  15. http://www.silute.lt/holokaustas/Deutsch%5Cprojektas%5C2russ%5CRuss.htm
  16. Sembritzki, Johannes u. Bittens, Arthur: Geschichte des Kreises Heydekrug, Memel 1920
  17. Jenny Kopp, Beiträge zur Chronik des ostpreussischen Grundbesitzes, 1913
  18. Gerhard Willoweit, Die Wirtschaftsgeschichte des Memelgebiets, Marburg (Lahn) 1969
  19. Quelle: Martynas Purvinas, "Historische Orte am Unterlauf der Memel", übersetzt von Gerhard Lepa, aus dem Jahrbuch Annaberger Annalen
  20. Die Schalauer des Altertums, in „Tautos praeitis“, Band II, 1965
  21. Übersetzt von Gerhard Lepa
  22. Fotos von Kestutis Tolvaisa und B. Waldmann
Persönliche Werkzeuge