Persönlichkeiten des Memellandes

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Inhaltsverzeichnis


Schrifsteller und Dichter

Boese-Baum, Jenny

" Jenny Boese-Baum, nacheinander Sängerin, Schriftstellerin und schließlich Malerin... Sucht sie zuerst in Gedichten das Bild ihres Kinderlandes zu formen, gestaltet sie mit der verschlossenen Leidenschaftlichkeit des ostdeutschen Menschen in klingenden Hymnen die melancholische Weite ihrer Heimat, die erhabene Eintönigkeit des Meeres. So findet sie schließlich im scheinbar alltäglichen Geschehen, in den kleinen Begebenheiten unauffälliger Gewohnheit das ewige Gleichnis allen Erlebens. Im Verfolg dieser Entwicklung erscheint es fast selbstverständlich, dass die Künstlerin eines Tages den Buntstift in ihrer Hand entdeckt, um die heimatliche Umwelt nachzuformen und was vordem im Wort sich gestaltete, das wandelt sich nun zum Bild. Mit sparsamen Strichen hält Jenny Boese-Baum die mannigfachen Formen der windüberwehten Dünen, der einsamen Buchten fest, malt irgendein verlorenes Haus zwischen Stranddistel und Krüppelkiefer, einen blassblauen, zärtlichen Himmel darüber und gibt damit die in Fernen verdämmernde Grenzenlosigkeit ostdeutscher Landschaft nicht weniger wie die Süße irdischer Sehnsucht... In diesen sympathischen, absichtslosen Blättern lebt die Herbigkeit des grenzdeutschen Menschen, lebt das phrasenlose "es ist so" einer Wehmut, die sich nicht in Resignation erschöpft: Das zeigen die reizenden und mit künstlerischer Sauberkeit ausgeführten Farbstudien von Motiven der Memelstadt." (Ostdeutsche Monatshefte, Berlin 1931, 1. Heft)

Leseprobe: All mein Fühlen


All mein Fühlen will ich breiten dir
Warm und weich,
Dass du, wie im stillen Zauberreich
Wandelst ohne Harm,
Weich und warm.


Und die Worte mein,
Sollen Blumen sein,
Blumen, die an deinem Wege stehen,
Blumen, die dich beim Vorübergehen
Seltsam zärtlich grüßen.


Aber mit den Augen will ich küssen dich
Leuchtend heiß,
Wie die Sonne leuchtend heiß,
Bis Du fühlst das Seel an Seele klingen
Diesen Traum des Glücks,
Von dem die Sterne singen.



Werke:

  • All-Ich
  • Vestallieder
  • Lieder auf der G und E Saite



Brock, Paul

Paul Brock

Paul Brock wurde am 21. Februar 1900 am Memelstrom als Sohn eines Schiffers geboren und starb 1986, Er hatte in seiner Jugend alle Wasserläufe des Memeldeltas mit einem kurischen Kahn erfahren. Nach der Abtrennung des Memellandes kehrte er nicht mehr in seine Heimat zurück. 1943/ 44 erhielt er den Johann Gottfried von Herder-Preis. Paul Brock lag sehr daran, die Harmonie des Menschen mit der Natur herzustellen, denn nur dann könne der Mensch zu wahrem Menschtum reifen.

Leseprobe

"Es ist viel Bewegung im Dorf, als Martche ankommt. Von Kaunas her ist eine Kommission gekommen; Beamte sind da und Schreiber. Sie haben sich im Krug niedergelassen, nun müssen die Leute zu ihnen kommen, alle, die im Dorf wohnen, die Bauern und die Schiffer, müssen sich entschließen: "Wollt ihr Deutschländer bleiben?" sagen die Beamten - - "ja? - dann könnt ihr nicht hierbleiben, dann müßt ihr dahin gehen, wohin ihr gehört."

Die Beamten reden eine fremde Sprache; niemand kann sie verstehen - nicht einmal die Schiffer können sie verstehen. Die Bauern sagen: "Nun gut, wir wollen gehen, aber bezahlt uns unseren Besitz, gebt uns den Anteil, den wir als Eigentum erworben haben, das wir mit unseren Händen erarbeitet haben, und unsere Eltern und Großeltern." Die Fremden reden ihnen zu: "Tragt euch bei uns ein, schreibt eure Namen in unser Buch, und ihr könnt bleiben und alles behalten; ihr werdet reich werden, und es soll euch gut ergehen." Aber niemand glaubt ihnen.

"Nun," sagen die fremden Herren, "wenn ihr nicht wollt, dann geht über den Strom - niemand wird euch hindern, keiner hält euch zurück, aber was ihr habt, das bleibt hier, das bleibt in unseren Händen." "Wollt ihr uns nichts zahlen dafür?" "Nichts wollen wir!" - - ...

Da sind die Höfe von Szagarus und Bajorat. Sie haben neue Besitzer bekommen; die Regierung hat Leute hergebracht und die Höfe an sie verkauft. Es sind Menschen, die anders sind als die Bauern des Ortes; sie tragen Lappen an den Füßen und unordentliche Kleidung, und wenn man ihnen begegnet, können sie den Blick nicht frei erheben, als hätten sie immer ein schlechtes Gewissen. Ihre Kinder gehen in die Schule, aber niemand von den Jungen und Mädchen des Ortes mag mit ihnen zusammen auf einer Bank sitzen; der Lehrer muß neue Plätze für die Hinzugekommenen einrichten.

Nun kommen die Bauern zu Martche und klagen: Dieses und das ist uns verschwunden; wir müssen unsere Türen verschließen; sie treiben ihr Vieh auf unsere Weiden. ... "So ist das nun", sagt Martche - "wäre der Szagarus nicht fortgezogen - und die andern - wären sie hiergeblieben - die Fremden hätten dann keinen Raum bei uns gefunden." [1]


Weitere Leseprobe:

Werke:

  • "Der Strom fließt"
  • "Der Schiffer Michael Austyn"
  • "Alles Lebendige muß reifen"
  • "Die Gefangene"
  • "Berufung der Herzen"
  • "Die auf den Morgen warten"
  • "Die Salzburger in Ostpreußen. Von ihrer Austreibung und Aufnahme in Preußen"
  • "Von Memel bis Trakehnen in 144 Bildern"
  • "Ostpreußen - Geschichte und Geschichten"


Brust, Alfred

Alfred Brust

Alfred Brust stammte aus Coadjuthen, auch wenn er zufällig auf einer Reise seiner Mutter am 15. Juni 1891 in Insterburg geboren wurde. Von 1915 bis 1925 lebte er in Heydekrug, später in Cranz und Königsberg. Er starb am 18. September 1934 in Königsberg. Die ersten Lebensjahre verbrachte er bei den Großeltern in Göttingen, kehrte dann aber nach Tilsit zurück, wo er das Gymnasium besuchte. Dies verließ er in der Obersekunda, um eine kaufmännische Lehre zu machen, die er jedoch abbrach, um in der Redaktion der "Tilsiter Zeitung" zu arbeiten. Der Schwiegersohn von Hermann Sudermann holte ihn im 1. Weltkrieg als Pressereferent zum Befehlshaber Oberost. Durch diese Tätigkeit traf Alfred Brust in Wilna, Kaunas und Riga auf Künstler wie Richard Dehmel, Hugo von Hoffmannsthal und Karl Schmidt-Rottluff. Alfred Brust war ein expressionistischer Schriftsteller, dessen Werke im Unwirklichen angesiedelt und in denen das Zusammentreffen von Technik und Natur dargestellt wird. Etwa 20 seiner Werke wurden von namhaften Regisseuren auf die Bühne gestellt, ohne dass von diesem Erfolg finanziell etwas auf ihn zurückgefallen wäre, was er wegen seines Lungenleidens als auch zur Unterhaltung seiner großen Familie gut hätte brauchen können.

Leseprobe

"Kurische Nehrung

  • Müd neigen Tannen zwischen Haff und See.
  • Auf grauen Regensaiten spielt der Wind.
  • Fern pfeift ein banges Elenrind.
  • Dicht schluchzt ein Reh.
  • Durch dunkeln Tag das Meer mahlt Stein.
  • Im Haff auf trägem Boydack bellt ein Hund.
  • Den Mast hüllt schwer ein nasses Segel ein.
  • Enten und Taucher stoßen gegen Grund.
  • Gepeitschte Vogelheere sind auf großer Fahrt.
  • Kaum unter Wolken treibt und ruft ein Weih.
  • Ein schwarzer Schwan nur schlägt sich stolz und hart
  • Einsam südwärts vorbei..."

[2]

Werke:

  • "Die Wölfe"
  • "Der singende Fisch"
  • "Selbstbild"
  • "Ich bin" (Gedichte)
  • "Himmelsstraßen"
  • "Der Lächler von Dunnersholm"
  • "Die verlorene Erde", Roman 1926

Dach, Simon

Simon Dach, Detail vom Ännchen-von-Tharau-Brunnen in Memel

Simon Dach wurde als Sohn eines Gerichtstolken (Dolmetscher für die indigene baltische Bevölkerung) am 29. Juli 1605 in Memel geboren und starb am 15. April 1659 in Königsberg. Er war verheiratet mit Regina Pohl.

Sein Lebenslauf:

  • 1619 Domschule Königsberg
  • 1621 Famulus eines Theologen und gleichzeitiger Besuch der Stadtschule in Wittenberg
  • 1624 Stadtschule Magdeburg
  • 1625 wegen der Pest zurück nach Königsberg
  • 1626 Studium der Theologie und Philosophie, insbesondere Griechisch und Latein, danach Hauslehrer
  • 1633 Kollaborator (Hilfslehrer) an der Domschule
  • 1636-1639 Konrektor an der Domschule, Mitglied des Königsberger Dichterkreises
  • 1639 Rektor an der Domschule
  • 29. Juli 1641 Heirat
  • 1645 Aufführung des Singspiels „Prussarchia“ am kurfürstlichen Hofe
  • 1654 Ausbruch seiner schweren Krankheit
  • 1658 Erhalt eines 10 Hufen großen Landgutes im Samland durch den Kurfürsten
  • 1659 Tod in Königsberg

Sein Werk: Simon Dach gilt als Barocklyriker, dessen Dichtung Zartheit und sanfte Schwermut ausdrückt und maßvollen Lebensgenuss (sogenannte Morallieder) predigt. Seine Lieder sind schlicht und gefühlsbetont und trotz kunstvoller Strophik sehr gut singbar; viele von ihnen wurden vom Domorganisten Heinrich Albert vertont, dem auch das „Ännchen von Tharau“ zugeschrieben wird. Zu Simon Dachs Aufgaben gehörte es Universitätsfeiern zu gestalten und zu besonderen akademischen Anlässen und Dienstjubiläen Verse in lateinischer oder griechischer Sprache zu verfassen, doch auch so mancher Königsberger Bürger hat sich mit bestellter Gebrauchslyrik Tauffeiern, Hochzeiten oder Begräbnisse verschönern lassen. Neben Paul Gerhardt gilt Simon Dach als bedeutender Dichter von Kirchenliedern, von denen viele in das Gesangbuch der lutherischen Kirche Preußisch-Litauens Eingang fanden.

Gedicht

  • Du, werthe Mümmel, gute Nacht!
  • Du müssest glückhaft leben.
  • Kein Wehmuth, kein Verlust, kein Leid.
  • Geb Ursach Dir zu trauern;
  • Empfinde Fried und gute Zeit.
  • Stets inner Deinen Mauern!

Zwei Lieder

Simon Dach
  • Hat meines Hertzens keusche Brunst
  • Dann bey dem Himmel keine Gunst,
  • Daß ich dich, Schönste, muß verlassen?
  • Hie wo du stets mit Neid vnd List
  • Der falschen Zungen, die dich hassen,
  • Mein Sinnen-Trost, umbgeben bist?
  • Der Mensch hat nichts so eigen,
  • So wohl steht ihm nichts an,
  • Als daß er Treu er zeigen
  • und Freundschaft halten kann;
  • Wann er mit seinesgleichen
  • Soll treten in ein Band,
  • Verspricht sich nicht zu weichen,
  • Mit Herzen, Mund und Hand.
  • Entschlag dich aber aller Pein
  • Vnd laß dein Hertz versichert seyn,
  • Daß ich kurtzumb nicht von dir scheide,
  • Mein blosser Schatten zeucht von hier,
  • Ich aber bleib' in Lieb' vnd Leide
  • Stets umb dich her vnd diene dir.
  • Die Red' ist uns gegeben,
  • Damit wir nicht allein
  • Für uns nur sollen leben
  • Und fern von Leuten sein;
  • Wir sollen uns befragen
  • Und sehn auf guten Rat,
  • Das Leid einander klagen,
  • So uns betreten hat.
  • Laß nur die Mißgunst immerhin
  • Vergifftet aus verboßtem Sinn'
  • Auff dich zu stechen sich bemühen,
  • Es schmertzt sie, daß dein Glantz vnd Pracht,
  • Du edle Rose, so mus blühen
  • Vnd sie, die Hecken, schamroht macht.
  • Was kann die Freude machen,
  • Die Einsamkeit verhehlt?
  • Das gibt ein doppelt Lachen,
  • Was Freunden wird erzählt.
  • Der kann sein Leid vergessen,
  • Der es von Herzen sagt;
  • Der muß sich selbst zerfressen,
  • Der in geheim sich nagt.
  • Es kömpt, ob Gott wil, noch die Zeit,
  • Daß wir der Disteln rauhes Kleidt
  • Durch unsrer Liebe Brunst verbrennen,
  • Da man hergegen nichts an dir,
  • Du güldne Bluhme, wird erkennen
  • Als Glantz vnd unverwelckte Zier.
  • Gott stehet mir vor allen,
  • Die meine Seele liebt;
  • Dann soll mir auch gefallen,
  • Der mir sehr herzlich gibt;
  • Mit diesen Bundsgesellen
  • Verlach' ich Pein und Not,
  • Geh' auf den Grund der Höllen
  • Und breche durch den Tod.
  • Nun, hiemit reis' ich auff den Schluß
  • Des Himmels, dem ich folgen muß,
  • Doch wo ich mich befinden werde,
  • Daselbst wird auch dein Licht vnd Schein,
  • Dein Sinn vnd höfliches Geberde
  • Mein Thun, Red' vnd Gedancken seyn.
  • Ich hab', ich habe Herzen
  • So treue, wie gebührt,
  • Die Heuchelei und Schmerzen
  • Nie wissentlich berührt;
  • Ich bin auch ihnen wieder
  • Von Grund der Seelen hold,
  • Ich lieb' euch mehr, ihr Brüder,
  • Als aller Erden Gold.
  • Ach, wenn es kürtzlich wird geschehn,
  • Daß ich dich wieder werde sehn
  • Vnd deiner Gegenwart geniessen,
  • Ich werde dieses Gut, mein Liecht,
  • Mit nichts hie zu vertauschen wissen,
  • Mit keinem Kayserthum auch nicht.


Quellen:

  • DTV-Lexikon der Weltliteratur Bd.1, Kröner Verlag Stuttgart 1963
  • Hermanowski, Georg: Ostpreußen Lexikon, Adam Kraft Verlag Mannheim 1980

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Fischer, Margarete

Margarete Fischer war eine memelländische Lehrerin.

Leseprobe

"Wenn Gott meine Eltern hat ertrinken lassen, damit ich zum frommen Johannchen komme, und ich gehe jetzt fort, was dann? - Und wenn Gott mich zum Gotteskind machen will, und ich nicht will, was dann? - Und wenn ich nun alles Böse tue, was ich will? - Wie kann er seinen Willen haben? Am nächsten Tag entwendete Heinrich einen gestrickten Schal aus der Tante Laden und schenkte ihn seinem Freunde, dem Matrosen Peter von der "Annita". Der packte den Jungen und wollte ihn vor Rührung über Bord werfen. Schließlich ließ er ihn auf den Mastbaum klettern, und Heinrich saß da lange auf der Spitze. ...

Als ihr Bruder, der Kapitän, vor acht Jahren seine Frau mit auf die große Fahrt genommen, hatte die fromme Schwester gleich gesagt: "Das ist ein gotteslästerliches Unterfangen." Und darum war es böse ausgegangen. Sie waren beide nicht zurückgekehrt und hatten ihr den Knaben für immer zurückgelassen. Sie nahm ihn als Geschenk Gottes und machte sich mit Eifer daran, ihn ihrem Herren zuzuführen. Aber der Knabe machte sich in den frommen Versammlungen, die Johannchen pflegte, stets unangenehm bemerkbar. Weil es sich nun aber in Gemeinschaft so viel lieblicher lobte und pries als in der Einsamkeit, überließ sie das Kind zu einem großen Teil sich selbst und tröstete sich damit, daß es ja überall in Gottes Hut sei. Ja, so überließ sie seine Wartung dem Allmächtigen, um diesem ungestört Lieder singen zu können, und der Herrgott machte es recht und schlecht, das heißt, Johannchen hatte eigentlich doch gedacht, daß er es für sie besser machen würde, denn sie erlebte je länger, je mehr Plage und Undank an dem Knaben. ...

Sie kam am späten Abend angstvoll gelaufen und fragte nach ihrem Neffen, der nachmittags zu Lorenz gegangen und nicht heimgekommen war. "Er huckt ja immer auf den Schiffen," knurrte der Lotse. Da stutzte er und blickte nicht schlau in die Luft. Die "Annita" hatte er heute nachmittag nach San Franzisco hinausgelotst." [3]

Werke:

  • "Zwischen Haff und See"
  • "Schwester"
  • "Maraunenhof"
  • "An Babels Strömen"

Kakies, Martin

Martin Kakies wurde am 7. Mai 1894 in Schwarzort geboren und starb am 17. Januar 1987 in Hamburg. Nach seiner Ausbildung zum Lehrer wurde er während der Abtrennungszeit des Memellandes Hauptschriftleiter des Memeler Dampfboot. Viele seiner Werke sind einmalig schön mit eigenen Fotografien ausgestattet. Nach der Flucht wurde Kakies Chefredakteur des 1950 gegründeten Ostpreußenblattes in Hamburg.

Leseprobe

"Rotkalb, so wollen wir das Junge nennen - übrigens ist es ein männliches -, lebt erst seit einigen Stunden. ... Mühsam erkämpft Rotkalb sich einen Schritt nach dem anderen. Es spreizt die Läufe zu seltsamen Buchstaben, und mehr als einmal stolpert es über sie. Wir fürchten, es könnte sich die Läufe brechen, obwohl wir wissen, wie grundlos diese Angst ist. Bald knickt es mit dem Hinterteil ein, dann wieder mit dem Vorderteil, rutscht einen Schritt schräg zur Seite, als sei ihm jählings eine Stütze weggezogen worden, fängt sich halb im Fallen, torkelt wie ein Betrunkener, purzelt schließlich in das Gestrüpp oder auf den weißen Sand, rafft sich von neuem auf und stelzt weiter, und siehe da, es geht! ... Die Elin will offenbar in ein dichtes Gebüsch ziehen, wo sie das Kalb vor uns sicher glaubt. ... Verzagt läßt Rotkalb den Kopf sinken, als wolle es sich nun nicht mehr von der Stelle rühren. Die Mutter mahnt. So jung Rotkalb auch ist, diesen Befehl versteht es, und der Instinkt sagt ihm, daß es gut ist, ihm zu folgen und bei seiner Mutter zu bleiben. Wie ein müder, verdurstender Wüstenwanderer, der sich zum letzten Mal aufrafft, stemmt es die langen, gebogenen Hinterläufe, die an ein Känguruh denken lassen, und torkelt weiter. ... Es ist höchste Zeit die beiden in Ruhe zu lassen. Die Elin zeigt uns auch deutlich ihren Ärger und ihre aufsteigende Wut über die Störung. Böse äugt sie uns an, die Lauscher weit zurückgelegt, und ab und zu leckt sie die Lippen. Aber schon mehr als einmal hat sie so dreingeschaut, und deshalb bin ich durchaus nicht gefaß auf den Angriff. "Sie kommt!" Sie kommt wirklich den Hügel herabgestürmt! Im vollen Galopp! Wir fassen gerade noch die Pferdedecken, schwenken sie wie Stierkämpfer vor der heranpreschenden Elin hin und her, und ohne in ihrem Lauf aufzuhalten, wirft sie sich doch tatsächlich vor unserem Wagen herum und trollt dann mit erhobenem Haupt zu ihrem Kalb zurück. Wo sie ihren Angriff gestoppt hatte, war der Sandboden wie mit einem Pflug aufgewühlt." [4]

Werke:

  • "Alte Heimat Bernsteinküste"
  • "Das Buch vom Elch"
  • "Elche am Meer"
  • "Elche zwischen Meer und Memel"
  • "Königsberg in 144 Bildern"
  • "Die Kurische Nehrung in 144 Bildern"
  • "Masuren in 144 Bildern" (Hrsg.)
  • "Von Memel bis Trakehnen in 144 Bildern"
  • "Das Ermland in 144 Bildern" (Hrsg.)
  • "Ostpreußen erzählt. Ein Buch für die Jugend"
  • "Laß die Marjellens kicken"
  • "333 Ostpreußische Späßchen"

Karschies, Erich

Erich Karschies

Erich Karschies war der Sohn eines memelländischen Schulrates und ist etwa 1944 in Russland gefallen. In seinen Werken schilderte er das Memeldelta und seine Menschen sowie den Volkstumskkampf nach dem 1. Weltkrig. 1943/44 erhielt er den Johann Gottfried von Herder-Preis, was 50 Jahre später sehr umstritten war, weil Erich Karschies ein hochrangiger NSDAP-Funktionär gewesen sein soll.

Leseprobe

"Sieh dieses Land an an Strom und Haff, wie es sich vor dir ausbreitet in seiner fruchtbaren Fülle. Greif tief hienein in die lockere Erde und wate am Morgen durch das kniehohe, taufrische Gras. Vielleicht ahnst du dann etwas von der Kraft, die in ihm wohnt. Dann segne das Land! Und fürchte dich nicht vor dem Aulaukis! (Anm.: Südwestwind) Du mußt dem Sturm immer ins Gesicht sehen, vielleicht siehst du dann auch in das Herz dieser Menschen. Dann liebe sie.

Das ist Subat, der den Treidelsteg mit weichen, wippenden Schritten entlang geht; und wer ihn sieht, weiß, daß er von Jugend an Fischer gewesen ist. Es nützt nicht viel, daß er das Genick einzieht und die Schultern hochschiebt, er bleibt doch ein Riese unter den Fischern. Die Hände hat er tief in den Hosentaschen verstaut, die Arme scharf gewinkelt, so daß sie von der stämmigen Gestalt wie die Ohren eines Henkeltopfes abstehen.

So schiebt er vornübergebeugt den Sommerdeich entlang. Sie grüßen ihn alle zuerst - auch die Frauen. Er tippt manchmal mit zwei Fingern an die Mütze, manchmal nickt er, und oft beachtet er den Gruß gar nicht, denn er ist der Herr. Es gibt kein Amt im Dorf, das nicht ihm gehört. Nun macht die Wiettinne eine Biegung, und als er sich ihr anschließt, kommt er an die Budwein. Dieses Stück Land gehört ihm und das Häuschen vorläufig auch noch. Dort ragt aus den tiefen Furchen der Gemüsebeete ein weißes Kopftuch hervor und etwas Buntes.

"Rike", ruft Subat und bleibt stehen. Da erhebt sich aus der Furche eine stattliche Frau, schlägt die lockere Erde von den Fingern, schiebt mit dem Handrücken das Haar aus den Augen und tritt näher - so stolz und aufrecht, wie es die schmale, tiefe Furche gerade noch zuläßt. "Teufel, Teufel, das ist ein Weib!", denkt Subat und zieht jetzt erst die Hände aus den Hosentaschen. Und wie sie seinen Blick auffängt, bleibt sie demütig stehen und senkt das Haupt." [5]

Werke:

  • "Dahinter ist immer die Sonne"
  • "Der Fischmeister"
  • "Das Herz und die Heimat" [4]

Keyser, Charlotte

Charlotte Keyser

Die Autorin Charlotte Keyser wurde am 2. Juli 1890 in Ruß geboren und starb am 23. September 1966 in Oldenburg. 1943/ 44 erhielt sie den Johann Gottfried von Herder-Preis. Bis zu ihrer Flucht lebte sie als Lehrerin in Tilsit. Ihre Werke basieren auf gründlichen Studien und sind voller Wärme. Vorzüglich Laute spielend, vertonte sie selbst ihre Gedichte.

Leseprobe

De Sonn, Dä Ös Gesunke

  • De Sonn, dä ös gesunke,
  • nu wöll wi beide gahn
  • oppe Wees, oppe Wees anne Mämel
  • wo so veel Bloome stoahn.


  • Doa wöll wi beid ons plöcke
  • nein Krüter oder Bloom,
  • un jeder mott söck bönde
  • e Strußke för Jehann.


  • Kein Wurt nich därf wi spräke,
  • kein Froag nich därf wi froagn,
  • mott stomm dem Struß ons plöcke
  • un stomm to Hus ok goahn.


  • Un ondre Koppkiß legg wi
  • dat scheene bonte Krut,
  • dat önne Nacht wi dräeme
  • von Briedgam un von Brut.


  • De Nacht fängt an to schummre,
  • Jehannifier brennt -
  • stomm goah wi biänander
  • un hoal ons anne Händ. [6]


Weitere Leseproben:

  • Jodekrandt [5]
  • Moorkolonie Bismarck [6]
  • Maldininker [7]

Einige Werke:

  • Keyser, Charlotte: In stillen Dörfern, Gräfe und Unzer, Königsberg 1939
  • Keyser, Charlotte: Und immer neue Tage, Gräfe und Unzer, Königsberg, 1939?
  • Keyser, Charlotte: Von Häusern und Höfen daheim klingt es nach,F.W.Siebert, Oldenburg (Oldb), 1962
  • "Anne Mämel" (Text und Musik: Charlotte Keyser)
  • "Ach Voader, leewste Voader" (Text und Musik: Charlotte Keyser) [8]


Kurschat, Heinrich A.

Heinrich A. Kurschat war ein Memelländer, der ein umfassendes Nachschlagewerk zum Memelland verfasst hat.

Leseprobe

"Da sah sie ihn voll an, zum ersten Male an diesem Tag. Sie sah ihn so angstvoll an, als halte sie ihr Schicksal in seinem Arm. Und dann sprach sie die ersten Worte dieses denkwürdigen Tages: "Asch nesuprantu..." Ihre Augen schwammen immer noch in Tränen. Horst war sprachlos. Von allen Möglichkeiten, die er sich hätte denken können, war dies die einzig undenkbare gewesen. Sie hatte ihn nicht verstanden. Und er hatte seit einer halben Stunde wie ein Buch auf sie eingeredet! Hatte sie für schüchtern und verschlossen gehalten. Und sie hatte ihn einfach nicht verstanden, weil sie Litauerin war. Es war gar nicht so einfach, mit dieser Tatsache fertig zu werden. Er war in den Jahren in die Schule gegangen, in denen die Litauer im Memelland einen litauischen Pflichtunterricht erzwangen. Das war eine unangenehme Sache gewesen - für Lehrer und Schüler. Die Lehrer verstanden selbst kaum ein Wort dieser schwierigen Sprache, oder sie beherrschten zwar den auch manchen Memelländern geläufigen preußisch-litauischen Dialekt, aber mit dem Kownoer Großlitauisch wußte niemand etwas anzufangen. Was die Lehrer in eilig organisierten Kursen erlernten, mußten sie sofort an widerstrebende Schüler weitergeben. Welcher Lehrer erteilte schon gern den verhaßten Zwangsunterricht! Und welcher Schüler war begeistert, eine Sprache lernen zu müssen, die zehn Minuten hinter der litauischen Grenze schon kein Mensch mehr verstand und brauchte. Es war fast Ehrensache gewesen, eine schlechte Litauisch-Note im Zeugnis zu haben.

Nun saß er da, und die wenigen in seiner Erinnerung verbliebenen Vokabeln wirbelten ihm sinnlos durcheinander. "Asch ne kalbu letuwischkai", stotterte er verlegen. "Ich spreche doch nicht Litauisch." "Ir asch ne kalbu wokischkai", sagte sie, und nun lachte sie wahrhaftig - so ein ganz klein wenig aus den Winkeln der Augen. "Ick nich spreken daitsch!" Da lachte auch er, und sie zog seinen Kopf an seinen Haaren behutsam nieder und küßte ihn." [7]

Werke:

  • Kurschat, Heinrich A.: Das Buch vom Memelland, Siebert Oldenburg 1968
  • Kurschat, Heinrich A.: Landkarte zu „Das Buch vom Memelland“, Siebert Oldenburg 1968

Lewald, August

August Lewald war Portrait - Maler *?
- + 20.05.1873 in Memel, Krankenhaus - Beerdigung am 22.05.1873 in Memel
Lewalds Lebensgeschichte und sein Wirken ist im Moment noch nicht aufzuklären. Nach einer ersten Suche in den zur Verfügung stehenden Adressbüchern ist Lewald nicht zu finden. Er wohnte wohl bei einer Familie, die ihn über die Jahre unterstützte. Mit der Portrait-Malerei hatte Lewald sich vielleicht den einen oder anderen Thaler dazu verdient, vielleicht reichte es gerade für neue Leinwand und Ölfarbe? Ein verkanntes Talent? Bisher sind noch keine Arbeiten von ihm bekannt.
Im Memeler Dampfboot vom 21.05.1873, Nr.117 fand sich seine Todesanzeige. Herr A. Pertz mit Wohltätern und Freunden haben diese Anzeige in die Zeitung setzen lassen.
Nach dem Text zu urteilen, war der Portrait - Maler wohl völlig verarmt und ohne Angehörige. "...traf das Geschick des Elends, welches ein Fluch fast jeden alten Künstler verfolgt.", hieß es da. Lewald verstarb im hiesigen Krankenhaus.
Memeler Dampfboot vom 25.05.1873, Nr 120, Locales
"Gelegentlich eines Spaziergangen am Donnerstag (Anm. 22.05.1873) Nachmittag bemerkten wir eine Anzahl achtbarer Bürger der Stadt vor dem Leichenhause des städtischen Kirchhofes versammelt, um wie wir erfuhren, die sterblichen Ueberreste des im wahrsten Sinne des Wortes in den elendsten Verhältnissen verstorbenen Portrait-Malers Lewald zu Grabe zu geleiten. Menschenpflicht führte dieselben dahin. - Im Krankenhause verstorben, wurde die Leiche von einigen Mitbürgern bei der betreffenden Behörde reclamirt und dem Leichenhause zugeführt. Hier wurde sie in einem, durch Sammlungen bei seinen Gönnern und Freunden, angekauften hübschen Sarg gelegt, die Leiche mit einem hübschen Sterbehemde bekleidet und der Sarg geschmückt; so war die Beerdigung eine seinem Stande ganz entsprechende. War ihm das Leben, namentlich in den letzten Jahren, eine wirkliche Last, durch die kaum zu beschreibenden Entbehrungen, die er zu ertragen hatte, so hielt ihn die stete Hoffnung, noch einmal emporzukommen, fern von dem Gedanken eines baldigen Todes, bis in den letzten Wochen die gänzlich physische Hinfälligkeit seines Körpers ihn eines andern belehrte und nun die Furcht in ihm wachrief, daß er, entsprechend seinem überaus elenden Verhältnissen verscharrt werden würde. Jedoch war das Begräbniß, dem wir nun gelegentlich uns anschlossen, ein zwar einfaches aber ehrenvolles zu nennen und würde, wenn sein Geist von "Oben" vielleicht Augenzeuge dessen gewesen ist, diese Stunde die glücklichste seines ganzen Lebens und - Todes zu nennen sein."

Naujok, Rudolf

Rudolf Naujok

Rudolf Naujok wurde in Schmelz geboren und lebte nach der Flucht im Taunus. Zunächst arbeitete er als Lehrer, insbesondere auf heimatkundlichem Gebiet. Nachdem seine in Ruß geschriebene "Kleine memelländische Dorfchronik" im Memeler Dampfboot veröffentlicht worden war, erlangte er plötzlich Berühmtheit und seine Werke fanden in großen Verlagen Verbreitung. Nicht alle seine Romane sind im Memelland angesiedelt, dennoch bekannte sich Naujok zu seiner Heimat und hatte den Mut, sich "Volksautor" zu nennen. In einigen Werken wird ausgedrückt, dass alle Dinge demjenigen gehören, der sie am meisten liebt. Als Herausgeber hat Rudolf Naujoks Bildbände über den deutschen Osten und wichtige beachtete Sammelbände betreut. Als gelernter Pädagoge arbeitete er an einem ostdeutschen Jugendbuch, es gelang ihm jedoch nicht, ein ostdeutsches Lesebuch herauszugeben.


Leseprobe

"Denn alles, was Menschenhände berührten, wurde so bitter und so trostlos. Galt das auch für seine Hände? Er betrachtete sie, deren Fingerabdrücke im litauischen Verbrecheralbum stehen wie die von Mördern und sonstigen Verbrechern. Und was tat er denn? Wessen klagte man ihn an? Seine Liebe zu seiner kleinen Heimat und sein Eintreten für sie nannte man staatsfeindlich. Ein schweres Wort, wenn es im Gerichtssaal über die Anklagereihe tönt. ... Er hatte vier Jahre im litauischen Zuchthaus darüber nachdenken können, ob es etwas mehr gewesen wäre, vielleicht der Wille, den litauischen Staat zu gefährden? Doch das war es nicht. ... Die drüben aber schreien Verrat, Verbrechen, Aufstand, Meuterei! Sie sammelten Jagdgewehre und Studentendegen und zeigten im Kownoer Kriegsprozeß dem erstaunten Europa die Waffen, mit denen das Memelland sich befreien wollte. Mit alten Schrotflinten! Man hätte lachen können. Aber da standen die Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett an den Wänden, und die Lichter flackerten auf den Tischen wie zum Begräbnis, und die zum Tode Verurteilten wurden in die Todeszellen abgeführt. Kriegsprozeß...Staatsverrat...Tod durch Erschießen...und große Schlagzeilen in den Zeitungen..." [8]


"So fragte er eines Tages den Bruder, ob die litauischen Schulen dem Deutschtum wirklich Abbruch täten? Er nannte die litauischen Schulen allgemein, aber er meinte doch die litauische Privatschule in Alk. Und der eigentliche Grund seiner Fragen war Nina, wenn er ihren Namen auch nicht erwähnte. Willi antwortete:"Die Litauer haben die Methode der Gewalt jetzt aufgegeben und gehen eher leise und unsichtbar vor. Sie lassen sich Zeit und hoffen, daß ihnen eine kulturelle Durchdringung möglich sein wird. Ich glaube das nicht, denn sie haben uns kulturell nichts zu geben, und das wäre das erste Mal auf der Welt, daß eine niedere Kultur eine höhere aufgesogen hätte". Gert nickte, das glaube er auch, und er frage sich, welchen Sinn dann diese Privatschulen hätten? "Nun", antwortete der Bruder, "es gelingt ihnen immerhin, einige Kinder zusammen zu holen, Kinder von Beamten und Angestellten, die sie dazu zwingen, Kinder von Bauern, die bei litauischen Banken verschuldet sind, und Kinder kleiner Instleute, die sich freuen, daß sie kein Schulgeld zu zahlen brauchen und wohl auch noch Beköstigung und Kleidung erhalten. Außerdem versprechen sie ihnen später Beamtenstellen. Das bedeutet schon etwas bei der Not der Landwirtschaft. Und welcher Bauer möchte aus seinem Sohn nicht einen Beamten machen!" [9]


""Das Taschentuch habe ich bekommen!", sagte er, nur um diese unerträgliche Stille auszufüllen. "Ja?", sagte sie, und es huschte eine leise Verlegenheit über ihre Stirn. "Sie tauschen wohl Taschentücher miteinander aus?", fragte der Litauer spöttisch. Gert tat sein Ärger wohl. "Ihr Brief hat mir sehr gefallen!", wandte er sich an Nina, "Sie sollten Schriftstellerin werden!". "Man sollte Frau und Mutter werden, aber nicht Schriftstellerin!" widersprach der Litauer. Gert ärgerte sich. "Mutter?, Das wäre natürlich noch besser. Bliebe nur die Frage, von wem? Was jedoch die Schriftstellerin anbetrifft, da habe ich im Augenblick nicht daran gedacht, daß bei einem Volke von zwei Millionen, von denen dreiviertel nicht lesen können, es wenig Sinn hat, Bücher zu schreiben."" [10]

Weitere Leseproben:

  • Neuer Markt Memel [9]
  • Strandvilla [10]


Werke:

  • "Daheim am Strom"
  • "Gewitter am Morgen"
  • "Die Silberweide
  • "Frau im Zwischenland" (um 1940, im Kownoer Prozess waren die letzten Gefangenen 1938 entlassen)
  • "Sommer ohne Wiederkehr"
  • "Das Lächeln der Guten"
  • "Über den Schatten springen"
  • "Kleine memelländische Dorfchronik"
  • "Du Land meiner Kindheit"
  • "Ostpreußen erzählt" (Hrsg.)
  • "Ostpreußische Liebesgeschichten" (Hrsg.)

Purwins-Irrittié, Lisbeth

Lisbeth Purwins-Irrittié war eine memelländische Lehrersfrau, die die bäuerlichen Menschen mit ihren Sitten, Eigenarten und Unarten geschildert hat.

Werke:

  • "Der Kampf um die Heimaterde"


Rhesa, Ludwig

Ludwig Martin Reese wurde am 9. Januar 1776 als Sohn des Strandaufsehers Johann Reese in Karwaiten geboren und starb am 30. August 1840 in Königsberg. Der Königsberger evangelische Theologe war der Wegbereiter der preußisch-litauischen Kultur in Deutschland.

"In Karwaiten, 9 km Lftl.n.ö. von Nidden, die versandete Kirche 1786 geschlossen. und ihr Material zur Schwarzorter Kirche verwendet. Ihr granitner Taufstein jetzt an der N. Seite des Königsberger Schlosses. Hier wurde den 9. Januar 1776 Ludovicus Jedeminus (Martin Ludwig) Rhesa geboren, der Verfasser der litauischen Bibel, der Prutena, die 1809 und 1825 in Königsberg erschienen, und Stifter der studentischen Anstalt Rhesianum in Königsberg, wo er als Professor und Konsistorialrat auf dem Kneiphöfschen Kirchhof am Brandenburger Thor 1840 begraben wurde." [11]

Noch bevor er studieren ging, erlebte er die Versandung seines Heimatdorfes. Nach dem Besuch der Löbenichtsche Stadtpfarrschule Königsberg begann er ab dem Wintersemester 1794/ 95 ein Studium der Theologie, Orientalistik und Philosophie an der Albertus Universität Königsberg, wo er auch noch die letzten Vorlesungen Immauel Kant besuchte.

Während seiner Zeit als Stipendiat im Studentenheim des Profes­sors Georg David Kypke, dem "Kypkeaneum", änderte Ludwig Reese seinen Nachnamen in Rhesa um. Die ersten Jahre seiner Berufstätigkeit verbrachte er als Hauslehrer, danach wurde er Garnisonsprediger im Fort Friedrichsburg in Königsberg. 1819 wurde Rhesa Professor des Litauischen Seminars an der Albertus Universität, wo er preußisch-litauische Lieder (Dainos), insbesondere auch die "Jahreszeiten" von Christian Donelaitis, sammelte und übersetzte. Außerdem verfasste er ein Nachschlagewerk der evangelischen Pfarrer in Ostpreußen. Sein Vermögen stiftete dem 1854 erbauten Studentenheim "Rhesianum" im Königsberger Stadtteil Mittelhufen (Königsberg).

Leseprobe

"Wenige Jahre zuvor, sah man hier blühende Gärten und ein friedlich Dorf mit selgen Wohnern und Hütten lief vom Wald herab bis zu des Meeres Gestade. - - Dies ist nur der traurige Rest von allen geblieben: Hinter dem Wald empor hob ein Berg sich mit Flugsand. - - Stürmend trugen die Winde vom Hang und Gipfel den Sand ab und bedeckten den Wald des armen Dörfleins Umschattung. - - Die frommen Bewohner des Eilands - flohen zu andern Dörfern mit den armseligen Resten, die sie dem Berg entzogen zu bauen dort ihre Hütten. Traurig erzählt der Sohn dem Enkel was hier geschehen, weist die Stätt ihm nach, wo seine Väter gewandelt. Tief versank ihr Gebein und droben grünet kein Frühling." [12]

Gedicht "Weile, o Wanderer..." [11]

Werke:

  • Rhesa, Ludwig: Dainos oder Litthauische Volkslieder, Königsberg 1825

Quellen:

  • Horst Glaß: Ludwig Rhesa, ein preußischer Kure in Memeler Dampfboot, Nr.5-2005 [12]
  • Nijole Strkauskaite: Simon Dach und Martin Ludwig Rhesa im litauischen Kontext in Annaberger Annalen [13]

Schwartz, Christian

Christian Schwartz lebte von 1652 bis 1709 und war somit ein Zeitgenosse Simon Dachs. 1694 war er Hausvogt in Memel. Schwartz war ein Verfasser geistlicher Lieder.

"Er verfaßte die ´Geistlichen Lieder´als ersten Teil seiner ´Poetischen Werke´, dazu kamen ´Weltliche Lieder und Liebesgedichte in Melodeyen gebracht von Albrecht Schepen´. Bezüglich der Geistlichen Lieder lobt der Literaturhistoriker Pisanski seine sinnreichen Gedanken und erbaulichen Betrachtungen sowie ´eine richtige Versart´. Die Liebeslieder entsprechen dem Geschmack jener Zeit und sind so derb-realistisch, daß es geraten erscheint, ihren Text hier zu verschweigen." [13]

Sudermann, Hermann

Hermann Sudermann

Der Schriftsteller Hermann Eduard Sudermann wurde am 30. September 1857 als einer von vier Söhnen des Landwirts und Bierbrauers Johann Sudermann [14] und seiner Frau Dorothea Raabe in Matzicken geboren. Am 15. November 1857 wurde er in der Kirche zu Werden getauft und starb am 21. November 1928 in Berlin. Sudermann schildert 1922 seine karge Kindheit im "Bilderbuch meiner Jugend" [14] Der Vater entstammte einer mennonitischen Bauernfamilie aus der Elbinger Niederung. "Mein Großvater hieß mit Vornamen Daniel, ebenso wie jener geistliche Liederdichter des sechzehnten Jahrhunderts, der in manchen Literaturgeschichten als mein Vorfahr genannt wird. Wie andere Parvenüs sich eine Ahnengalerie anschaffen, so habe ich mir nämlich einen Dichtervorfahren zugelegt oder vielmehr: ich habe nicht widersprochen, wenn wohlwollende Biographen meiner dichterischen Sendung durch Herleitung von jenem frommen Pedanten Nachdruck zu geben versuchten. Es kann sein, es kann aber auch nicht sein. Wer will es beweisen? In Wahrheit schließt meine Familienchronik in wenig aristokratischer Weise mit dem genannten Bäuerlein ab, das in einem Winkel des Wickerauer Kirchhofs, zwei Meilen von Elbing, begraben liegen soll." Über seinen Vater schreibt Sudermann, dass er der jüngere Nachkomme eines angeheirateten zweiten Ehemannes gewesen ist, dass er keine Lehre absolviert habe und wahrscheinlich nur Brauknecht gewesen sei. Auf dem Weg nach Kurland sei er in Heydekrug in ein Schneetreiben geraten und habe dort von der Möglichkeit erfahren, in Matzicken Brauereipächter zu werden. Die mütterliche Großmutter war die Witwe eines auf See gebliebenen Schiffskapitäns, welche drei Mädchen und zwei Knaben zu erziehen hatte. Die Familie wohnte am Abhang des Schwalbenbergs bei Pillau. Seiner Mutter hat Sudermann zu verdanken, dass er eine kostenpflchitige Privat-Grundschule besuchen konnte. Ebenfalls besorgte sie ihm eine Pensionsstelle bei väterlichen Verwandten in Elbing, damit er die höhere Schule besuchen konnte. Das Geld sparte sie trotz der entbehrungsreichen Lage der gesamten Familie von ihrem eigenen "Milchgeld" ab, denn der Vater sah in den Schulbesuchen keinen rechten Sinn und stellte sich zeitlebens gegen die Bildung seines Sohnes. Er erwartete die Mithilfe des Sohnes in der Brauerei, die niemals rechten Gewinn abwerfen wollte. Aus Geldmangel begann Sudermann eine Lehre in der Heydekrüger Apotheke Settegast [15]. Wegen einer in Elbing zugezogenen Knieverletzung fiel ihm das stundenlange Stehen schwer, und so "errettete" ihn der Rußer Arzt Kittel [16] vor dem ungeliebten Beruf. Durch Unterstützung seiner Mutter konnte Sudermann wieder zur Schule gehen und machte in Tilsit schließlich sein Abitur.

Sein Lebenslauf:

  • Besuch der Realschule Elbing, die er wegen finanzieller Schwierigkeiten der Eltern verlassen musste
  • Kurze Lehre als Apotheker
  • Besuch des Realgymnasiums in Tilsit, Abschluss 1875
  • Studium der Geschichte, Philologie und Philosophien in Königsberg und Berlin
  • Ab 1877 in Berlin, kurze Zeit zur Finanzierung des Studiums als Hauslehrer tätig, u. a. bei Hans Hopfen, der ihn, nachdem Sudermann für einige Zeit in die Heimat zurückgekehrt war, ermutigte, sein unterbrochenes Studium wieder aufzunehmen
  • 1881 Führer der liberalen Sezession im preußischen Abgeordnetenhaus, Bekanntschaft mit Heinrich Rickert
  • 1882 Chefredakteur der Zeitschrift „Deutscher Reichstag“
  • 1886 Erste Veröffentlichung der Erzählungen „Im Zwielicht“, weitere folgen

Seine Werke:

Bereits während seines Studiums schrieb er Fortsetzungsromane für Zeitungen, wechselte jedoch zu Rickert in dessen liberale Zeitung „Das deutsche Reichsblatt“; ebenfalls wurde er Mitarbeiter der Zeitschriften „Liberale Korrespondenz“ und „Reichsfreund“. Sudermann lebte schließlich als freier Schriftsteller in Königsberg, Dresden, Berlin und Blankensee bei Trebbin. Sudermann gilt als erfolgreicher Vertreter des Naturalismus und wurde zunächst an Bedeutung mit Gerhard Hauptmann gleichgestellt. Seine Werke befassen sich mit dem unsozialen Verhalten der bürgerlichen Gesellschaft, jedoch sind diejenigen, die in seiner memelländischen Heimat verwurzelt sind, ungleich tiefer und plastischer gestaltet.

Leseprobe

Aus „Miks Bumbullis[15] :

„So geschah´s, daß am Himmelfahrttage Miks Bumbullis und Alute Lampsatis im Brautwinkel saßen und die Hochzeitsgäste in hellen Haufen um sie herum. Auf dem Tische standen leckere Speisen in Menge, über ihm hing von der Decke herab die künstlich geflochtene Krone, in der silberglänzende Vögel sich wiegten. …. Die Kibelkas waren auch geladen, und der Ehemann lag schon längst im seligen Schlaf hinter der Scheune. Aber die kleine Annike hatten sie nicht mitbringen dürfen. Das hatte Alute so bestimmt. Und sie erwies sich wieder einmal als die Klügste von allen. Denn wenn die ortsarme Waise sich gleich wie ein Kind des Hauses unter den Gästen herumbewegt hätte, so wären Befremden und Verdacht alsbald am Werk gewesen, den verständnislosen Klatsch noch mehr ins Böse zu wenden.

Als nun aber die Brautsuppe kam, deren Branntwein Alute mit Kirschsaft und Honig üppig gesüßt hatte, und hierauf die Neckereien unter den Frauen immer kühner aufflackerten, da wurde auch lächelnd des Kindes gedacht, das gestern noch Stein des Anstoßes gewesen war. „Sonst bringt wohl eine Witfrau immer was Lebendiges mit in die Ehe“, sagte eine der Nachbarinnen. „Hier tut es der Bräutigam, obwohl er noch Junggesell ist.“ ….


Weitere Leseproben:

  • Moorkolonie Bismarck [17]
  • Maldininker [18]

Quellen:

  • Sudermann, Hermann: Das Bilderbuch meiner Jugend, Roman einer Zeit, Lindenbaum Verlag Beltheim-Schnellbach, 2009, (Schilderungen aus dem Jahre 1922)
  • DTV-Lexikon der Weltliteratur Bd. 4, Kröner Verlag Stuttgart 1963
  • Sudermann, Hermann: Der Katzensteg, J.G.Cotta´sche Buchhandlung Nachfolger Stuttgart
  • Sudermann, Hermann: Frau Sorge, Rütten & Loening Berlin
  • Sudermann, Hermann: Litauische Geschichten, Aufbau Verlag Berlin Weimar 1979

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Swars, Ewald

Ewald Swars

Ewald Swars wurde am 8. August 1890 in Ruboken/ Kreis Heydekrug geboren und starb am 13. November 1962 in Frankfurt am Main. Er war zwar recht unbekannt, jedoch keinesfalls unbedeutend. Nachdem er 1920 aus sibirischer Gefangenschaft zurückgekehrt war, wurde er "Seminarist" und arbeitete als Lehrer in Nimmersatt. 1925 optierte er für Deutschland und ging als Lehrer nach Ostpreußen und Schlesien. Mit neun Jahren war Ewald Swars bereits Vollwaise, und so drückt sich in seinen Werken Schwermut und Sehnsucht nach Geborgenheit sowie Verständnis für Schwächen aus. Er war Mitarbeiter großer deutscher Verlage, seine Romane erschienen aber erst, nachdem bereits der 2. Weltkrieg ausgebrochen war.

Leseprobe

"Karl Daukant sah auf, ruhig, ohne Erstaunen, als wenn er sie längst erwartet habe und es als selbstverständlich betrachte, daß sie endlich zu ihm kam. Er nickte ihr leicht zu, fuhr im Spiel fort und versenkte seinen Blick in den ihren, Anne erschauerte, seine Augen ließen sie nicht los, das Zaubernetz zog sich immer enger um sie zusammen, sie begann leise zu zittern. Da, als sie fühlte, daß sie, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, in der nächsten Minute vor ihn hinsinken, sich ihm ergeben würde, da trat sie dicht an ihn heran, stand wie inmitten einer überirdischen Helligkeit, nahm ihm die Geige aus der Hand, - nicht gewaltsam und im Zorn, sondern zart und sanft, mit entwaffnender Selbstverständlichkeit, so wie eine Mutter den Händen des Kindes ein gefährliches Spielzeug entwindet, umfaßte fest den Hals des Instruments, holte weit aus und zerschlug es am Pfosten der Tür. Und ohne noch einen Blick auf Karl zu werfen, ging sie freien Schrittes aus dem Stall hinaus und zum Wohnhaus zurück - und damit zu ihrem Mann, zu ihrer Pflicht, in ein nun erst ganz gewonnenes, neues Leben. Aber so sehr sie sich ihrer Tat freute, so sehr empfand sie auch heftigen Schmerz und eine große Traurigkeit; sie warf sich auf ihr Bett und schluchzte heiß und hemmungslos in die Kissen hinein. Sie spürte, wie mit ihrem Tränenstrom Karl und seine Geige, ihre Jugend und das Heimatdorf fortschwammen und dem Neuen Platz machte. Ihr Weinen wurde ruhiger, sie erhob sich, trocknete das Gesicht und atmete tief und erlöst auf." [16]

Werke:

  • "Sehnsucht
  • "Jonuschats Weg in die Einsamkeit"
  • "Das Dorf am Meer"
  • "Das heilige Ufer"
  • "Männer in Ketten"

Wichert, Ernst

Ernst Wichert
Ernst Wichert

Der Dramatiker Ernst Wichert wurde am 11. März 1831 in Insterburg geboren und starb am 21. Januar 1902 in Berlin. Für uns Memelländer bedeutsam sind vor allem seine Geschichten aus Preußisch-Litauen (Litauische Geschichten), die er zwischen 1881 und1890 verfasste.

Sein Lebenslauf:

  • Studium zunächst Geschichte, dann Jura in Königsberg
  • 1860 Kreisrichter in Prökuls
  • 1863 Stadtrichter in Königsberg
  • 1877 Oberlandesgerichtsrat
  • 1888 Kammergerichtsrat in Berlin
  • 1806 Geheimer Justizrat, Dr.jur.h.c. der Universität Königsberg

Sein Werk:

Aus dem umfangreichen Werk von historischen und anderen Romanen und Novellen, von Lustspielen und Erzählungen sei hier lediglich eine Leseprobe eingestellt.

Leseprobe

Widmung von Ernst Wichert im Buch "Litauische Geschichten"

Aus einer seiner litauischen Geschichten [17]

„In den letzten Tagen des Mai, vor einer Reihe von Jahren war es, als die Bewohner des Dorfes Gilge, bis zum geringsten Fischerknecht hinunter, durch ein Ereigniß besonderer Art beschäftigt wurden. Es sollte ein großes Begräbniß geben; denn Michael Endromeit, einer der reichsten Fischerwirthe und zugleich der erste Holzhändler des Ortes, war gestorben. Er hinterließ eine Wittwe, Grita Endromeit, und außer zwei verheiratheten Töchtern einen einzigen Sohn, Endrik, der in der Wirthschaft und im Holzgeschäft an seine Stelle treten sollte. Das Fischerhaus lag nicht weit von der Windmühle und gehörte zu den größten und ältesten des Dorfes. …. In der Vorderstube, deren beide Fenster nach der Flußseite hin verhängt waren, während das nach der Halle führende Fenster offen stand und ein gedämpftes Licht einließ, stand in der Mitte auf zwei Holzschemeln der weiße „Nothsarg“, in dem die Leiche des Michael Endromeit im Kirchenanzuge lag, ein Gesangbuch zwischen den Händen. Den richtigen Sarg hatte Frau Grita gleich am Todestage beim Tischler Abroms bestellt, der im Rufe stand, die schönsten Malereien anbringen zu können. Der Sarg sollte, nach uraltem Herkommen in dieser Gegend, mit himmelblauer Farbe angestrichen sein und grüne Kanten haben: die Seitenbretter und der Deckel aber mußten mit Blumen, etwa Rosen, Tulpen und Maßlieb, möglichst bunt bemalt werden, und die Wittwe hatte einen Thaler über den geforderten Preis gezahlt, wenn des Tischlers Kunst diesmal etwas Außerordentliches leiste. Einbegriffen in diesen Preis war zugleich die Gedenktafel, die auf das Grab gestellt werden sollte: auf einem Pfahl ein grüngestrichenes Brett mit einem weißen, rothumrandeten Herzen in der Mitte, auf dem der Name des Verstorbenen und das Todesjahr zu lesen; daran nach unten hin zwei Pferdeköpfe mit rothen Rosen an Stelle der Augen und Nüstern, nach oben hin aber, schräg aufsitzend, zwei gelbe Vögel mit rosa Flügeln und blauen Köpfchen; obenauf endlich eine kleine Säule, die auf gewundenem Draht ein kleines buntes Vögelchen zu tragen hatte. …. Nun schickte die Wittwe, die bei ihrer Geschäftigkeit gar nicht zu stiller Trauer kam, ihren Sohn nach dem Dorfe Nemonien, dort den Posthalther, den Lehrer und einige von den großen Wirthen einzuladen. Zu Wasser, auf den Flüssen und Kanälen, wäre es ein weiter Weg gewesen, aber am Haffrande entlang über die Moorwiesen, die jetzt schon ziemlich trocken waren, ließ er sich in einer guten Stunde zurücklegen. Mit seinen hohen Wasserstiefeln durfte Endrik hoffen, auch die schlimmsten Stellen leicht überwinden zu können. So ließ er sich dann von Else auf das jenseitige Ufer übersetzen, um seinen Gang anzutreten. …“

Quellen:

  • DTV-Lexikon der Weltliteratur, Bd.4, Kröner Verlag Stuttgart 1963
  • Wichert, Ernst: Der Schaktarp - Eine litauische Geschichte, Nicolai Berlin 1988
  • Wichert, Ernst: Litauische Geschichten (Ansas und Grita; Die Schwestern; Ewe; Der Schaktarp), Deutsche Hausbücherei Hamburg, 1934

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Künstler und Gelehrte

Argelander, Friedrich Wilhelm August

Gedenkplatte für den Astronomen Friedrich Wilhelm August Argelander an dem Haus Alexanderstraße Nr.5/6 in Memel (Man beachte das falsche Sterbedatum!)

Der Astronom Friedrich Wilhelm August Argelander wurde am 22. März 1799 in Memel als Sohn eines Kaufmanns finnischer Herkunft und einer deutschen Mutter geboren. Die Familie stammte aus Berlin und hielt sich zeitweise in Memel auf. Argelander besuchte das Gymnasium in Elbing und ab 1813 das Collegium Fridericianum in Königsberg. Er war mit Marie Sophie Charlotte Courtan verheiratet und verstarb am 17. Februar 1875 in Bonn.

1807 wohnte König Friedrich Wilhelm III. mit seiner Gemahlin Königin Luise im stattlichen Haus Consentius in der Luisenstraße, das später zum Rathaus wurde. Die Prinzen jedoch wohnten im Haus des Kaufmanns Argelander, wo der spätere Astronom Wilhelm ihr Spielgefährte wurde. Anstelle des Argelanderschen Hauses wurde später das schöne Postamt erbaut, das auch heute -restauriert- seinen Zweck erfüllt.

Zu Beginn der Neuzeit wandelte sich die Sicht auf das Weltall vom geozentrischen (erdbezogenen) Kosmos des Ptolemäus zum heliozentrischen (sonnenbezogen) Bild. Herausragende Astronomen, die die Bewegung von Sonne, Mond und Planeten erforschten, waren Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Galileo Galilei (1564-1642), Johannes Kepler (1571-1630) und Isaac Newton (1643-1727). Die Weiterentwicklung des Fernrohres durch Josef Fraunhofer (1787-1826) ermöglichte den Astronomen des 18. und 19. Jahrhunderts eine neue Beobachtungsweise einzelner Himmelskörper und vorausberechenbare Aussagen über die Bewegung der Gestirne. Daneben schritt die Bestandsaufnahme der Sterne fort, deren aufregendste wohl die Entdeckung des siebenten Planeten Uranus durch Wilhelm Herschel (1738-1822) war. Diese Bestandsaufnahmen wurden „Durchmusterung“ genannt.

Einer der bedeutenden ostpreußischen Astronomen und Mathematiker dieser Zeit war Friedrich Wilhelm Bessel (1784-1846), seit 1810 Professor und Direktor der Sternwarte Königsberg und Begründer der Astrometrie oder Positionsastrometrie. Bessel untersuchte die Grundlagen zur genauen Bestimmung der Position von Himmelskörpern und konnte 1844 die erste Sternentfernung eines Sterns im Sternbild Schwan bestimmen sowie aus der veränderlichen Eigenbewegung des Sirius auf die Existenz eines Begleitsterns schließen.

Friedrich Wilhelm August Argelander studierte 1817 in Königsberg zunächst Kameralwissenschaft mit dem Berufsziel eines fürstliches Kämmerers (Beamter einer fürstlichen Kammer), begeisterte sich jedoch für die Astronomie Friedrich Wilhelm Bessels, wurde zunächst sein Schüler und ab 1820 sein Assistent. 1822 promovierte er mit einer kritischen Betrachtung über die Beobachtungen von John Flamsteed (1646-1719). Bereits 1823 wurde er Observator in Åbo/ Turku/ Finnland, 1828 setzte er seinen beruflichen Werdegang in Helsingfors/ Helsinki/ Finnland fort und wurde schließlich zur Gründung und Leitung der Sternwarte in Bonn berufen. Hier entwickelte er wesentlich die Methode der Stufeneinschätzung von Sternhelligkeiten. 1837 veröffentlichte er seine Abhandlung „Bewegung der Sonne durch den Weltraum“ und gab 1843 den Sternatlas „Uranometria Nova“ heraus. Zwischen 1852 und 1861 führte er die berühmte „Bonner Durchmusterung“ durch und entwickelte einen Sternenkatalog von 324198 Sternen, welcher später durch seinen Nachfolger Eduard Schönfeld (1828-1891) um weitere 133000 Sterne des südlicheren Himmels ergänzt (Südliche Bonner Durchmusterung) und durch die nachfolgende Cordoba-Durchmusterung vervollständigt wurde.

Argelander wurde 1863 Gründer der Astronomischen Gesellschaft in Heidelberg, die heute ihren Sitz in Hamburg hat. Seine Arbeiten über die Bestimmung der Sternörter und deren scheinbaren Helligkeiten qualifizieren Argelander zu einem der wesentlichen Astronomen des 19. Jahrhunderts. Über Argelanders kurzbrennweitiges Fernrohr aus der Werkstatt Fraunhofers sagte 1913 Edward Charles Pickering (1846-1919), dass es das kleinste Fernrohr der Welt sei, mit dem die größte Aufgabe durchgeführt worden sei.

Quellen:

  • Günther D. Roth: Himmelsführer Sterne + Planeten, München 1978
  • Lexikon der Astronomie, Bde. 1 u.2, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg, Berlin, Oxford 1995
  • Mann, Golo (Hrsg.): Propyläen Weltgeschichte Bd.8, Berlin, Frankfurt/ M 1991
  • Siehe auch [19] Google Books

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Bajorat, Archibald

Archibald Bajorat
Kurische Nehrung, Fischerdorf am Haff (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Nachlassverwalters Benjamin Weder in Frankfurt am Main)

Der bildende Künstler Archibald Bajorat wurde als Sohn des Wilhelm Bajorat und seiner Frau Helene geb. Grullys am 15. März 1923 in Memel geboren. Von 1928 bis 1942 lebte die Familie in Heydekrug in der Villenstraße. Hier an der Herderschule [20] machte er auch sein Abitur. Ab 1948 absolvierte er ein Malerei- und Graphikstudium in Braunschweig und Frankfurt am Main und arbeitete danach als freischaffender Künstler. Von 1960 bis 1966 war er Dozent an der Staatlichen Werkkunstschule in Mainz und ist seit 1982 Ehrenmitglied der Kalevala-Gesellschaft Helsinki, da er sich um das finnische Nationalepos verdient gemacht hat. Von seinen vielfältigen Tätigkeiten seien die Ausstellung "Dünen und Wind" (1982) im Thomas-Mann-Haus in Nidden und die "Kalevipoeg"-Ausstellung in Tallin erwähnt.

Nachruf: Seit 2004 lebe ich mit meiner Familie in Oberursel. Wie ich bald erfuhr, wohnte hier auch Archibald Bajorat, ein gebürtiger Memeler, geboren am 15. März 1923, also im Sternzeichen Fische – zu meiner Freude wie ich selbst. Er führte in Oberursel gemeinsam mit seiner Ehefrau Rutha sogar das Raphael-Therapeutikum, wo Rutha vielen Menschen physiotherapeutische Behandlung zuteilwerden ließ und Archibald ihnen künstlerisch-kreative Fähigkeiten vermittelte. Hier hatte ebenfalls der Deutsch-Litauische-Freundeskreis seinen Sitz, ein Kreis weltoffener gebildeter Frauen und Männer, die in entspannter, freundschaftlicher Atmosphäre wichtige Themen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft diskutierten sowie konkrete Projekte zielorientiert und fachmännisch planten, ihre Durchführung überwachten und durch angemessene Erfolgskontrolle sicherten und weiter voran trieben.

Schon im Jahr 2004 lud mich Archibald Bajorat zu der Vernissage seiner Ausstellung „Kräfte-Felder“ im Georg-Hieronymi-Saal unseres Rathauses ein. Das empfand ich als eine große Ehre! Denn ich befand mich dort neben unserem allseits beliebten Bürgermeister, bedeutenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Verwaltung Oberursels sowie zahlreichen geladenen anderen Gästen in einer nicht alltäglichen Gesellschaft, konnte die beeindruckende Laudatio über unseren Archibald Bajorat genießen und die vielen ausgestellten wunderschönen Gemälde unseres weit gereisten Landsmannes, Künstlers und Weltbürgers bewundern. Alles ein bleibendes Erlebnis für mich!

Jede Begegnung mit dem Ehepaar Bajorat auf den Straßen oder in Läden Oberursels, - ab 2007, dem Todesjahr seiner Rutha – nur noch – leider! – mit Archibald allein war für mich stets ein Grund zu echter Freude.

Und nun die Nachricht von dem Tod am 15. Dezember 2009 dieses von mir hoch verehrten Archibald Bajorat! Unfassbar, aber leider bittere Realität! Die Welt ist mit seinem Tod ärmer geworden.

Ein gewisser Trost für uns alle: Dieser Mann, dieser Memelländer hat mit seinem Werk zu seinen Lebzeiten markante, bleibende Spuren für die Nachwelt hinterlassen. Sie werden uns stets sagen: Archibald Bajorat lebt, er ist überall unter uns!

(Gerhard Krosien)

Quelle:

  • Kulturinitiative Begegnungsraum e.V. [21]

Weitere Bilder

Eulenstein, Karl

Der Maler und Expressionist Karl Eulenstein, von Freunden "Euler" genannt, wurde am 25. August 1892 als sechstes von sieben Kindern eines Schlepperkapitäns in Memel geboren. Im Memeler Adressbuch von 1898 steht sein Vater Karl Eulenstein, Dampfbootführer, Paradiesstrasse 3.

Im 1. Weltkrieg diente Eulenstein als Artillerist. Nach Kriegsende begann er mit einem Studium an der Kunstakademie in Königsberg. Dort studierte er von 1919 bis 1923 bei Professor Richard Pfeiffer und war Vorsitzender des Studierendenausschusses. Als Nachfolger des bekannten Landschaftsmalers Ernst Mollenhauer in dieses Amt gekommen, nahm er an der Reformbewegung teil.

Bis 1926 lebte Eulenstein, von Freunden unterstützt, als freischaffender Künstler in Königsberg. Ein besonderer Mäzen war der Königsberger Holzgroßhändler Stepath. Karl Eulenstein freundete sich mit dessen Tochter Magdalena (genannt "Lenka") an; sie wurde seine Weg- und Lebensgefährtin, später seine Ehefrau. 1926 zog das Paar nach Berlin, wo Eulenstein als freischaffender Maler tätig war.

Bis zum Jahr 1944 kehrte er regelmäßig in seine Heimat zurück. Er wohnte dann in Nidden im Blodeschen Gasthof und war ein Mitglied der dortigen Künstlerkolonie. Zu seinen Freunden gehörten so bekannte Maler wie Schmidt-Rottluff, Pechstein und Mollenhauer. Die Liebe und Verbundenheit Eulensteins zu seiner Heimat, zum Kurischen Haff und zur Nehrung, findet sich in den Motiven seiner Bilder wieder. Mit kräftigen, dunklen Farben malte er Fischer, Kähne, Leuchttürme, Sonnenuntergänge und immer wieder die Landschaft an Haff und Nehrung.

Anfang der 1930er Jahre wuchs durch zahlreiche Ausstellungen in ganz Deutschland allmählich die Bekanntheit Eulensteins und seine Bilder erregten Aufmerksamkeit. Dem staatlich verordneten Kunstgeschmack im Dritten Reich entsprachen seine Werke weniger, sodass 1937 sogar einige Bilder beschlagnahmt wurden.

1945, in den letzten Kriegstagen, verlor Eulenstein bei einem Bombenangriff sein Berliner Atelier und den Großteil seiner Werke. Und mit dem Kriegsende verloren er und seine Ehefrau auch die Heimat, das Memelland und Königsberg. Eulenstein war fast völlig mittellos und verdiente vorübergehend seinen Lebensunterhalt mit der Illustration von Schriften.

Aber die heimatliche Landschaft, die Bilder, die Eindrücke waren tief in ihm verwurzelt. So begann er 1946 wieder mit dem Malen, immer noch vorzugsweise Motive aus seiner Heimat. Einzig sein Stil veränderte sich. Seine Bilder wurden heller, die Farben kräftiger, die Formen abstrakter. Ab 1950 wurde Eulenstein zum Expressionisten und ein Kunstexperte schrieb: "Eulenstein gelang es, eine eigenständige Bildersprache für seine Heimat, sein Memelland, zu finden. Die Motive treten zurück, die Farben beherrschen das Bild."

In den folgenden Jahren entstanden noch viele Kunstwerke. 1958 erhielt er als erster Bildender Künstler den Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen, 1961 den Preis der Großen Berliner Kunstausstellung. In einem Interview sagte Eulenstein einmal: "Ich kann nicht sagen, was mir die ostpreußische Heimat gab, aber ich kann es malen."

Karl Eulenstein starb am 23. Juni 1981 in Berlin. Er gilt als einer der großen ostpreußischen Expressionisten.

Kants Vorfahren

Fotografie vom Original Kant-Porträt von Gottlieb Doebler, 1791, Ölgemälde, 36,8x31 cm, im Besitz des "Museums Stadt Königsberg" in Duisburg (mit freundlicher Genehmigung des Museums)

Immanuel Kant schrieb in einem Brief vom 13.10.1797 über seinen Großvater Hans Kant [23] an den schwedischen Bischof Lindblom: "Daß mein Großvater, der in der preußisch-litauischen Stadt Tilsit lebte, aus Schottland abgestammt sei: daß er einer von den vielen war, die am Ende des vorigen und im Anfang dieses Jahrhunderts aus Schottland, ich weiß nicht, aus welcher Ursache, in großen Haufen emigrierten und davon ein guter Teil sich unterwegs auch in Schweden, der Rest aber in Preußen, vornehmlich über Memel verbreitet hat, beweisen die dort noch bestehenden Familien der Simpson, (M)aclean, Douglas, Hamilton und anderer mehr, unter denen auch mein Großvater gewesen und in Tilsit gestorben ist, war mir gar wohl bekannt." [18] Mortensen stellt fest, dass Kants Vorstellungen über seine Herkunft vage sind und weist nach, dass Kants Großvater, der Riemermeister Hans Kant gar nicht in Tilsit gelebt hat sondern nach Aufgabe seiner Landwirtschaft in Memel ansässig war, wo er auch 1715 gestorben ist.

Hans Kant war der Sohn eines Richard Kant, der Mitte des 17. Jahrhunderts Krüger in Werden-Heydekrug , vorher aber von 1643 bis 1650 in Ruß als Krugpächter ansässig war. Die damals zahlreich in Preußen eingewanderten Schotten lebten zwar in gehobener Stellung, so sie denn sozial Fuss gefasst hatten, doch wurden sie von der Bevölkerung als illegale Konkurrenz betrachtet und „nach der Art ihrer Rubrizierung in den Amtsrechnungen usw. werden sie nicht höher als das übrige fahrende Volk geachtet“. [19] Richard Kant dagegen wurde unter den Hausbesitzern der Rußer Handwerker geführt und war zu einer recht hohen Steuersumme von 12 Mark veranlagt.

Richard Kants zweiter Sohn Hans Kant hatte allerdings einen Schwager Hans Karr [24] , der wohl von einem Richard Karr Michel (Carmichael) abstammte und sicher ein Schotte gewesen ist, denn in einem Erbvergleich soll dieser im Falle einer Bußgeldzahlung diese an die Reformierte Kirche in Memel leisten. Hans Kant sollte dagegen an die lutherische Kirche in Werden zahlen. Ausweislich der Memeler Kirchbücher gehörte Hans Kant definitiv der lutherischen Kirche an.

Es hat etliche Versuche gegeben, Immanuel Kants Abstammung anhand des Vorkommens seines Nachnamens zu lokalisieren und es herrschte die Meinung, die Anwesenheit eines schottischen Schneiders Johann Kant in Danzig sowie die Häufung dieses Familiennamens in dieser Gegend würde die Annahme einer schottische Abstammung rechtfertigen. Dagegen lebte aber auch ein Andreas Reinhold Kant in Ogershof/ Lettland, der um 1617 dort gestorben war sowie ein Andreas Kant, Schulmeister und Küster von 1695 bis 1743 in Ogershof, der zahlreiche Nachkommen hinterließ. Aus verschiedenen Patenschaften zu folgern, ist diese Familie nach Ostpreußen eingewandert, obwohl sich eine direkte Beziehung zu Immanuel Kant nicht herstellen lässt.

Es hat auch etliche litauische Bemühungen gegeben, eine baltische Herkunft Kants herauszufinden, aber selbst ein Preisausschreiben der Universität Kaunas in den 1920iger Jahren brachte keine nennenswerten Ergebnisse. In all den Forschungsbemühungen über die Herkunft Immanuel Kants wurde jedoch niemals der memelländische Ort Kantweinen im Kreis Prökuls beachtet.

Richard Kant hatte seine Krüge in Heydekrug und in Ruß nicht selbst gekauft sondern war durch Heirat mit Dorothea [25], der Tochter der Werdener Krügerswitwe Hinckmann und ihres Mannes Enoch Lieder(t) dazu gekommen. Als Dorothea um 1665 starb, musste Richard einen Teil des Erbes an ihre Blutsverwandten herausgeben. Für die Verhandlungen zwischen Richard Kant und dem Wischwiller Pfarrer Eisenblätter wurde der „ehrenfeste“ „Herren Johann Kaufmann Tolcken zur Mümmel“ bestellt, nämlich der Amts- und Schlossdolmetscher für den Verkehr mit den eingeborenen Prußen, Kuren und Litauern. Einer der beiden Vertragspartner muss also ein Undeutscher gewesen sein und brauchte einen Dolmetscher, um den gültigen „Schichtungseid“ in deutscher Sprache schwören zu können. „Pfarrer Eisenblätter war das bestimmt nicht; somit kann die undeutsche Indigene nur Richard Kant gewesen sein.“ [20]

Der Ort Kantweinen in der Großgemeinde Aglohnen wechselte im Lauf seiner Geschichte öfter den Namen. Aktenkundig ist 1539 ein Enders Kantwagen. Die indigenen Siedlungen (Besiedlung mit baltischer Urbevölkerung) des Memellandes sind Sippensiedlungen, wie an vielen Ortsnamen erkennbar ist (z.B. Gibbischen Martin, Schompetern, Thaleiken Jakob und viele mehr). Die kurische Bezeichnung "Wagger" (Dorfschulz) entspricht dem lettischen "vagars, vagaris" (Aufseher über die Hofarbeit, Fronvogt, Wirtschaftsaufseher). Auch der Landesherr hatte Kenntnis von diesem Begriff: „… befohlen, daß ein ieder landt oder pauersmann, er sey officirer, ambtsdiener odder wagger…“. Mitte des 17. Jahrhunderts wird Kant Wagger immer als Waldaufseher, Waldwart oder Wart bezeichnet. In genau dieser Zeit tritt der Urgroßvater des Philosphen Richard Kant in Erscheinung. Der Personenname Kant wird etwa seit 1500 im nördlichen Memelland belegt, also genau seit Beginn der kurischen Neusiedlung.

Siehe links Dittauen oder Tiedter Jacob, rechts davon Muiszen oder Kummetter Keller, davon rechts Kantweinen oder Kantwagen, davon nördlich Aglohnen, links im Süden Prökuls (Schroetter Karte 1802, Maßstab 1: 160 000)


Hans Kant , der Großvater von Immanuel Kant, heiratete in Memel die Tochter des Altstadtbürgers Hans Reinsch [26] und 1698 ein zweites Mal die Witwe des Musquetiers Lorenz Caminski. Bei seiner zweiten Heirat wurde er folgendermaßen gekennzeichnet: „Hans Kant Bürger und Riemer in Mümmel außm Prekolschen eingew“. Aus dieser zweiten Ehe ging der Sohn Christian hervor. Die Orte, in denen Hans vorher beruflich tätig war, haben nie zu Prökuls gehört, wohl aber Kantweinen und das in unmittelbarer Nachbarschaft liegende kölmische Gütchen Keller Kummetter, dessen Besitzer Hans Kant von 1693 bis 1698 war. Dieses Dorf trägt auch den kurisch-lettischen Alternativnamen Muiszen (Gutshof). „Im Etatsministerium findet sich in der Akte Keller-Kummetter ein Schriftstück darüber vom 3.III.1698 mit der Überschrift ` … des Hans Kandten ausm Prökolschen´. Also fast die gleiche Formulierung wie wenig später im Memeler Kirchenbuch.“ [21] Während mit dieser Formulierung nur der Besitz des Hans Kant gemeint sein kann, weist die Memeler Kirchbucheintragung jedoch auf seine Gebürtigkeit, denn man legte zu der Zeit großen Wert auf eine „ehrliche“ Abstammung der Handwerker.

Selbst wenn sein Vater Richard Kant in Ruß und Heydekrug gelebt hat, so war „das Prökulsche“ das Nest der Großsippe, und Kantweinen vermutlich sein Geburtsort und der seines Sohnes Hans, denn Richard hat zwar die Tochter der Krügerswitwe Hinckmann etwa 1635 geheiratet, er taucht in Ruß aber ausweislich der Amtsrechnungen erst im Jahr 1643 auf. Richard Kant hat mindestens einen Bruder gehabt, denn es wird eine Bruderstochter Anna erwähnt, die von der Tante Dorothea einen alten Rock und ein paar Strümpfe geerbt hatte. Diese Tatsache lässt annehmen, dass Richard Kant ein sogenannter „weichender Erbe“ vom väterlichen Hof war.

Mortensen fragt sich am Schluss seiner Abhandlung, warum Immanuel Kant selbst so wenig über seine Herkunft wissen konnte und schließt auf eine sehr geringe Familientradition. Allerdings sei dieser Irrtum verständlich, da zwei seiner Großonkel schottischer Abstammung waren, außerdem befanden sich unter den sieben Paten seines jüngsten Onkels zwei Schotten. Die memelländischen Schotten waren nämlich nicht nur Konkurrenten sondern auch Handelspartner der Krüger, die durch Einheirat, insbesondere durch Heirat von Witwen, in der Gesellschaft Fuss zu fassen und sozial aufzusteigen versuchten.

Der „ehrenveste und wolgeachte Herr Richard Kandt krüger zu Werden“ muss die meiste Zeit seines Lebens recht wohlhabend gewesen sein und besaß sogar ein Buch: die Bibel, beides Voraussetzungen, dass aus den Nachkommen etwas werden konnte, zumal im abgelegenen Memelland damaliger Zeit die Bildungschancen recht gering waren. In den 170 Jahren von 1544 (Gründung der Königsberger Universität) bis 1715 haben nur 10 junge Memelländer dort studiert. Dass Richard möglicherweise ein recht gewiefter Kaufmann gewesen ist, zeigt seine sehr hohe Verschuldung just zu dem Zeitpunkt, als er nach dem Tod seiner Frau Dorothea einen Teil des Erbes an deren Verwandte auskehren muss. Andererseits war er auch als alter Mann derart verschuldet, dass er den Krug in Werden an seine Tochter Sophie [27] und deren zweiten Ehemann, den Schotten Hans Karr abtreten musste und noch nicht einmal seinen Sohn Hans Kant anständig abfinden konnte. Trotzdem bedingte er sich als Altenteil außer Wohnung, Kleidung und Nahrung auch ein Taschengeld von 20 fl. (entsprechend 1/5 der jährlichen Krugpacht) aus sowie das Stellen einer Kalesche mit zwei Pferden und einem Burschen.

Hans Kant, der Großvater Immanuels, kaufte 1693 das Landgütchen Keller-Kummetter, das er aber in wenigen Jahren heruntergewirtschaftet hatte. Jedoch war er auch Opfer unlauterer Geschäftspraktiken des Hausvogts Jacob Tiede geworden, der wegen Veruntreuung des Hausschillings verurteilt wurde und danach flüchtig war. Hans Kant ging also praktisch vermögenslos nach Memel, etablierte sich als Riemermeister und arbeitete sich zielbewusst wieder hoch. Er wurde Bürger in Memel, erwarb ein Haus und später durch Heirat ein weiteres, das aber bereits 1735 nicht mehr vorhanden war. Sein großes Begräbnis 1715 "mit allen Glocken, der ganzen Schul und ein Lied vor der Thür" beweist, dass Hans Kant ein wohlangesehener Memeler Bürger gewesen ist.

Von seinem Sohn Johann Georg Kant (* Ende Dezember 1682), der mit Anna Regina Reuter (der Vater Caspar Reuter * 1670 stammte aus Nürnberg) verheiratet war und sich als Riemermeister in Königsberg niedergelassen hatte, ist nichts Herausragendes bekannt, außer dass von seiner zahlreichen Kinderschar zwei seiner Söhne die höhere Schule besuchen und der ältere, Immanuel (getauft auf den Namen E m a n u e l), studieren konnten. Der jüngere Bruder Johann Heinrich wurde Pfarrer in Kurland, jedoch hat er derart spät studiert, dass anzunehmen ist, dass sein älter Bruder ihm das Studium finanziert hat. Der Riemermeister Johann Georg Kant starb arm.

Immanuel Kant, Statue vor der Königsberger Universität

Am Ende ihres Buches stellen Mortensens eine Bruchteil-Berechnung über den "deutschen Blutanteil" Immanuel Kants an. Hierzu muss angemerkt sein, dass das Ehepaar Mortensen in einer Epoche gelebt hat, in der in Ostpreußen die Nationalitätenfrage heiß diskutiert wurde, wobei besonderes Augenmerk auf die indigene prußische und kurische Bevölkerung gelegt wurde, aufgeheizt wohl auch durch die seit der Bismarck´schen Minderheitenpolitik entstandene "kleinlitauische" Bewegung, die am 30. November 1918 in der Veröffentlichung der "Tilsiter Akte" mündete und die Ostpreußen zu einem ursprünglichen Teil des (nichtexistenten) Großlitauens deklarieren sollte.

Mortensens untersuchten also anhand der Familiennamen die ethnische Herkunft der Vorfahren Immanuel Kants:

  • Lieder oder Ludertt oder Leyde, deutsch oder prußisch? (Selbst Eisenblätter ist eine Verformung des samländischen Ortes Eisselbitten)
  • Reinsch deutsch oder doch kurisch von Judtsche Rensch abstammend?
  • Kant reinkurisch oder wegen "Unterwanderung durch die Litauer" doch halb litauisch?

"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" sagte einst der "Halbdeutsche" Immanuel Kant, der mittlerweile der gesamten Welt gehört und auf den wir Memelländer besonders stolz sind.


Quelle: Mortensen, Hans und Gertrud: Kants väterliche Ahnen und ihre Umwelt, Rede von 1952 in Jahrbuch der Albertus-Universität zu Königsberg / Pr., Holzner- Verlag Kitzingen/ Main 1953 Bd. 3 (zusammengefasst und ergänzt durch Beate Szillis-Kappelhoff)

Pietsch, Richard

Richard Pietsch in Nidden
Handschriftliche Widmung von Richard Pietsch
Grab von Richard Pietsch mit dem "Vater Unser" in Kurisch, Deutsch und Litauisch. (Foto: Annelie Stoellger 2010)
Grab von Richard Pietsch zwischen seiner Mutter (links) und seiner Großmutter (rechts). Der schwer zu entziffernde Text ist das "Vater Unser" in kurischer, deutscher und litauischer Sprache. (Foto: Annelie Stoellger 2010)

Der Postbote, Kunsthandwerker, Kunstmaler und Sprachforscher Richard Pietsch [28] wurde als viertes von fünf Kindern eines Fischers am 9. Juli 1915 in Nidden geboren. Er starb am 27. Dezembember 2007 in Heidelberg, die Beisetzungfeierlichkeiten waren für den 3. Januar 2008 angesetzt, am 7. September 2008 wurde seine Urne nach Nidden überführt und auf dem historischen Friedhof [29] zwischen seiner Mutter und seiner Großmutter beigesetzt, deren Grabumrandungen nach alter Tradtion in hellblauer Farbe angemalt sind. Der Grabstein wurde von seinem Vetter Hans Stanschus [30] gemeißelt und war bereits 1998 von Filmleuten des NDR nach Nidden geschafft worden. Richard Pietsch hat sich um die nehrungskurische Sprache verdient gemacht.

Ein Sturz vom Tisch kurz nach Ende des 1. Weltkrieges hatte für das Kleinkind weitreichende Folgen: Da kein Arzt in der Nähe war oder geholt werden konnte, blieb das verletzte Schultergelenk unbehandelt und für immer lahm. Er konnte nicht mit den anderen Kindern toben, stand oft am Rand aber schulte indes unbewusst seine Beobachtungsgabe und begann zu zeichnen. Später widmete er sich der Volkskunst. Seine berühmte Kurenkarte [31], auf der er Ortschaften, ihre Kurenwimpel und ihre Geschichte sowie Fischgründe eingetragen hatte, wurde häufig plagiiert und als Werbung für politische Ziele, insbesondere in der „kleinlitauischen“ Literatur missbraucht.

Wie er selbst sagte, taugte er zum Fischer nicht mehr und musste sich nach einem anderen Beruf umsehen. Also wurde der Junge Postillion und musste jede Nacht um 3 Uhr mit dem Pferdewagen oder -schlitten nach Preil und Schwarzort, 35 Kilometer hin und wieder zurück. War die Chaussee aufgeweicht, musste er zwischen Vordüne und Brandung am Haff entlang, ebenso wenn im Winter der Schiffsverkehr eingestellt war. Bei Frost fand er den Weg über das zugefrorenen Haff am leichtesten, wobei er sich von Sternen und Leuchtfeuern leiten ließ. 1935 bekam er einen bequemeren Posten bei der Badeverwaltung.

In Nidden hatte der Tourismus stark zugenommen, aber die Fischer hatten während der Litauerzeit eh keine wirtschaftlichen Probleme, konnten sie ihre Produkte doch zu einem guten Preis veräußern. Allerdings befand sich nun etwa vier Kilometer südlich eine Grenze, über die der junge Mann einmal aus Übermut einen Feriengast nach Pillkoppen führte. Für diese Tat wurde er mit 14 Tagen Gefängnis bestraft, das sich im Hause Sakuth befand und nur einmal täglich kontrolliert wurde, so dass er sich in der Tür sitzend und sonnend gut erholen konnte.

Im 2. Weltkrieg wurde Pietsch als Ersatzreserve II zurückgestellt und hauptamtlich der Memeler HJ unterstellt. Ab 1941 war er Sonderbauftragter für „Werken“ in Ostpreußen und machte in einer Kunstgewerbeschule im Erzgebirge eine Weiterbildung im Schnitzen. Danach leitete er in Weißenburg/ Masuren eine Werkstatt für Körperbehinderte und Kriegsbeschädigte. 1944 heiratete er eine Königsbergerin, im Winter kam die Tochter zur Welt, und 14 Tage danach ging es über Pillau auf die Flucht nach Dänemark. Seine Frau verstarb wenig später, die Tochter wurde bei Verwandten in Norddeutschland untergebracht, währen Richard zwei Jahre als dänischer Kriegsgefangener verbrachte. Aus zwei weiteren Ehen hatte er zwei Söhne. Im Westen betätigte er sich zunächst als Versicherungvertreter, bekam dann eine Stelle in einem Büro der Bundeswehr, wo sich auch noch den linken Arm verletzte und mit 50 Jahren in die Frührente geschickt werden musste.

Richard Pietsch verbrachte nun seine Zeit damit, Material über seine Heimat zu sammeln und legte besonderen Wert darauf, das Erbe seiner kurischen Muttersprache zu bewahren. Er hatte internationale Kontakte mit Sprachwissenschaftlern und schrieb Bücher und Abhandlungen, die weltweit Beachtung fanden. 1993 erhielt Richard Pietsch den Georg-Dehio-Preis für Kultur- und Geistesgeschichte. Im hohen Alter war er häufig als „Der letzte Kure“ in Funk und Fernsehen präsent, was natürlich übertrieben war, lebten doch über Deutschland und Schweden verstreut noch andere Kuren. Aber ihm fiel das kurische Sprechen im Laufe der Zeit immer schwerer, wenn er um eine Sprachprobe gebeten wurde, gab es doch seit Jahrzehnten keinen Menschen mehr, mit dem er sich hätte kurisch unterhalten können.

Im Nachruf des „Memeler Dampfboot“ Juli/ 2008 [32] wird Richard Pietsch als letzter wertvoller Zeitzeuge der Fischerkultur auf der Kurischen Nehrung gewürdigt: „Sein jahrelanges Schicksal im Rollstuhl und fern der geliebten Heimat hat Richard Pietsch tapfer und mit großer Geduld ertragen. … Ehre diesem großen Landsmann!“

Leseprobe

Kuoa tie Laužes ede (Essgewohnheiten)

  • Kad tie zvejes par labes saguvumes juoa dauge āspelnij, tap pirages cepte, tas jau pussvete tap uoazgrieste un duoate.
  • (Wenn die Fischer durch gute Fänge mehr verdienten, wurde auch Kuchen gebacken, der bereits am Sonnabend aufgeschnitten und gereicht wurde.)
  • Svedienes deve tad sāles rāpučes ar pečānes brādes, apvirtes gribes, tie rudina tap ielikte, va ieliktes bruklines lasete is kāpe meze.
  • (Sonntags gab es dann Salzkartoffeln mit Schweinebraten, gedünstete Pilze, die im Herbst eingelegt worden waren, oder eingelegte Preiselbeeren aus dem Nehrungswald.)
  • Ieliktes melines, kracines va aviečes deve nu kāde reze va us svediene pa edine.
  • (Eingemachte Blaubeeren, Brombeeren oder Himbeeren gab es nur zu besonderen Anlässen oder auf dem Sonntagspudding.)


Das Vaterunser

  • Teve mūses, kur tu es danguj,
  • Garbiets ir taue vards.
  • Lai nāke taue karelīste.
  • Taue vale nuoase duoade ka is dange, ta ir us zeme.
  • Mūse diene maize duoade mums šuoadiene.
  • Ir paduoade mums mūse kalte,
  • Ka ir mes paduoadame mūsams kaltejams.
  • Ir nevede mums is pajundijuma,
  • Islidze mums nu piktume.
  • Tad taue ir ta kareliste un ta sile un ta šviesibe
  • Nu amžu lidz amžu. Amen


Quellen:

  • Kwauka, Paul, Pietsch, Richard: Kurisches Wörterbuch, Verlag Ulrich Camen Berlin, 1977
  • Pietsch, Richard (künstlerischer Entwurf und Text): Bildkarte rund um das Kurische Haff, Heimat-Buchdienst Georg Banszerus, Höxter, Herstellung: Neue Stalling, Oldenburg
  • Pietsch, Richard: Deutsch-Kurisches Wörterbuch, Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk Lüneburg 1991
  • Pietsch, Richard: Fischerleben auf der Kurischen Nehrung dargestellt in kurischer und deutscher Sprache, Verlag Ulrich Camen Berlin 1982
  • Schmid, Wolfgang P.: Das Nehrungskurische, ein sprachhistorischer Überblick

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Treitz, Doris (Alexandra)

Die Sängerin Doris Treitz (Künstlername Alexandra) [33] wurde am 19. Mai 1942 als Tochter des August Treitz und der Wally Margarete Swetosch in Heydekrug geboren. Sie starb am 31. Juli 1969 in Heide (Holstein) unter nie geklärten Umständen bei einem Autounfall. Sie hinterließ einen Sohn namens Alexander Nefedov.

Valaitis, Lena

Die Sängerin Anele Valaitis wurde am 7. September 1943 in Memel geboren und ging als Kleinkind mit der verwitweten Mutter und dem Bruder nach Westdeutschland. Sie besuchte in Hüttenfeld das litauische Gymnasium, machte eine Lehre bei der Post und nahm privaten Gesangsunterricht. Sie nahm mehrere Male an Vorentscheidungen zum Eurovision Song Contest teil.

Willoweit, Gerhard

Gerhard Willoweit war Wirtschaftshistoriker aus dem Memelland, Archivar der AdM [34] (Arbeitsgemeinschaft der Memellandkreise).

Willumeit, Günter

Günter Willumeit

Günter Willumeit wurde am 10. Dezember 1941 als Sohn des Holzkaufmanns Heinrich Willumeit und seiner Ehefrau Margarete geb. Fehlau in Memel in der Kehrwiederstraße geboren. Er starb am 17. Oktober 2013 in Bad Segeberg. Sein Abitur legte er 1962 am Gymnasium Dahlmannschule in Bad Segeberg ab und absolvierte danach seinen Wehrdienst. 1964 schied er als Leutnant der Reserve bei der Flugabwehr aus. Sein Studium der Zahnheilkunde begann an der Universität Kiel, die Promotion zum Dr. med.dent. erfolgte an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. 25 Jahre lang war Dr. Willumeit in Bad Segeberg als freiberuflicher Zahnarzt tätig. Die künstlerische Laufbahn begann bereits in den 1960iger Jahren im Hamburger "Onkel Pö", wo er für Musikproduktionen entdeckt wurde. Inzwischen kann der Künstler auf mehr als 25 produzierte Musikträger und als Buchautor stolz sein. Als Humorist trat er in mehreren Hundert Fernsehsendungen auf, denn er beherrscht als Parodist etwa 50 Sprech- und Gesangsstimmen sowie nahezu alle Dialekte. Besonders in seiner Rolle als "Bauer Piepenbrink" erntete er auf ausgedehnten Gastspielreisen weltweit große Erfolge. Im Jahr 2008 konnte er auf sein 45jähriges Bühnenjubiläum zurückblicken. Günter Willumeit gibt als Motto an: "Es gibt nichts Schöneres, als Menschen zum Lachen zu bringen." Seine Hobbies sind Musik, Reisen und Segeln.


Im Alter von 71 Jahren starb der Künstler nach langer schwerer Krankheit, an der er seit 2012 litt.

Lieber Günter, wir halten Dich in Erinnerung.

Kaufleute und Unternehmer

Blode, Hermann

Hermann Blode
Emma Blode

Friedrich Hermann Blode [35], Gastwirt, Mäzen und Kunstsammler, wurde am 23.9.1862 in Nidden geboren. In dem Ort auf der Kurischen Nehrung gründete sein Vater 1867 einen Gasthof, den bereits kurze Zeit später Ludwig Passarge in einem Reisebericht erwähnte.

1885, nach dem Tod des Vaters, übernahm Hermann Blode den Gasthof. Er heiratete eine junge Frau aus Nidden, Emma Zander [36].

Zu dieser Zeit entdeckten Professoren und Absolventen der Kunstakademie Königsberg die Kurische Nehrung und zahlreiche Studenten folgten ihnen nach Nidden. Der Gasthof von Hermann Blode wurde zum Treffpunkt der Künstler und so entstand um 1890 die Niddener Künstlerkolonie. Nicht nur Maler, auch Musiker, Komponisten und Schriftsteller zog es nach Nidden und man traf sich in der Veranda des Gasthofes Blode zu Diskussionen und zu fröhlichen Runden. In der "Memelländischen Bäderzeitung" vom September 1936 findet sich eine Werbeanzeige für das Gästehaus und in der "Kurliste" sind die Gäste aufgelistet. *Memelländische Bäderzeitung

Max Pechstein, Lovis Corinth, Karl Eulenstein und Karl Schmidt-Rottluff sind nur einige der über 100 Maler, die immer wieder nach Nidden kamen. Blode hieß sie alle herzlich willkommen, er richtete sogar ein Atelier ein, dass man mieten konnte. Hatte ein Maler kein Geld für Kost und Logis, so hielt Blode ihn frei, nahm dafür aber ab und zu ein Gemälde in Zahlung. Seine Gemäldesammlung war bald berühmt.

Grab von Hermann Blode in Nidden

Während des 1. Weltkrieges wurde es etwas ruhiger in Nidden, aber ab 1919 fanden sich die Künstler wieder ein und die Künstlerkolonie belebte sich neu.

Ein häufiger Gast im Hause Blode war der Maler Ernst Mollenhauer. Er heiratete 1920 Hedwig Blode, eine Tochter des Wirtes. Ab 1923, nach der Annektierung des Memellandes, geriet Hermann Blode -wie viele andere- in wirtschaftliche Schwierigkeiten und dachte an die Schließung des Hauses. Als er einige Jahre später erkrankte, übernahmen Tochter und Schwiegersohn Mollenhauer die Leitung des Gasthofes.

Hermann Blode starb am 7.7.1934 in Nidden und wurde auf dem alten Fischerfriedhof [37] beigesetzt. Sein schlichtes Grabmal war ein abgesägter Eichenstamm, der bis heute erhalten blieb.

Ernst Mollenhauer betrieb den Gasthof bis 1944 weiter und nach wie vor war er ein Treffpunkt der Künstler. Als sowjetische Truppen im Winter 1944/45 näher rückten und bereits den Ort Preil erreicht hatten, flüchtete die Familie. Da man Mollenhauer verboten hatte, seine Werke und die Sammlung des Schwiegervaters rechtzeitig auszulagern, ging alles verloren. Sowjetische Soldaten sollen damit ihre im ehemaligen Atelier Mollenhauers eingerichtete Sauna geheizt haben.

Das Gasthaus Blode wurde in den 1970er Jahren abgerissen, heute steht dort ein Hotel.



Siehe auch: Haus Hermann Blode in Nidden, Gedicht von Fritz Kudnig

Lindenau, Paul

  • Lindenau, Paul
Paul Lindenau
Gullideckel

Geboren 6. November 1882 in Wehlau/ Ostpreußen, gestorben 5. Oktober 1955 in Kiel.
Paul Lindenau besuchte die Vorschule und das Königliche Gymnasium bis zu Mittleren Reife. Danach diente er nach damaligem Brauch als Einjährig-Freiwilliger bei den Pionieren. Die Dienstzeit beendet, begann er seine praktische Tätigkeit bei den Werft und Maschinenbaubetrieben Kroll & Eulert und R. Schneider & Co. in Memel. Einige Zeit später studierte P.L. an der Königl. Sächs. Gewerbeakademie in Chemnitz, dann am Technikum der Freien und Hansestadt Bremen, schließlich an der Techn. Hochschule zu Danzig Maschinenbau und Schiffbau, unterbrochen entsprechend den Gepflogenheiten seiner Zeit, durch langjährige praktische Tätigkeit auf namhaften deutschen Werften. Dann eine Studienreise nach England, das damals den Schiffbau der Welt beherrschte. Nun erst war seine Ausbildung abgeschlossen und er ging als erster Konstrukteur im Handelsschiffbau und später für den U-Bootbau zu F. Schichau nach Elbing. Das war 1911 in der Blüte des zweiten Kaiserreichs. Er blieb dort, bis eben dieses Reich in Trümmern dahin gesunken war. In dieser düsteren Zeit brachte er 1919 den Wagemut auf, sich in Memel selbständig zu machen."


  • Lindenau, Harald
Harald Lindenau
Nachruf im "Memeler Dampfboot" [38], Februar 2007:

"Es gibt nicht viele Eigentümer-Unternehmer, die der Ostseestadt Kiel ein Gesicht als Industriestandort gegeben haben. Einer der ganz Großen unter ihnen war Harald Lindenau [39]. Der Werftbesitzer und Schiffbauer ist am Mittwoch im 93. Lebensjahr verstorben. Sein Name bleibt aber weltweit mit der Entwicklung und Fertigung von Spezialschiffen verbunden.

Nachfolge: 1942 trat Harald Lindenau, ältester Sohn des Werftgründers, in das väterliche Unternehmen ein und übernahm hier die Leitung der Grau- und Stahlguß-Abteilung. Der am 5.12.1914 in Elbing geborene Harald Lindenau wuchs in der väterlichen Werft auf, machte 1933 das Abitur und war dann bei MAN in Augsburg sowie beim Bremer Vulkan in Vegesack tätig. Er studierte an der Technischen Hochschule in Berlin Schiffsmaschinenbau. Nach dem Diplom-Examen 1939 arbeitete Harald Lindenau zunächst als selbständiger Konstrukteur und Gruppenleiter im U-Boots-bau bei den Deutschen Werken in Kiel. In Kiel hatte Harald Lindenau seine Frau Gertrud, geborene Ritter, kennengelernt, die er 1942 heiratete.

Die Wirren und Wogen des verlorenen 2. Weltkrieges trieben den Pionier des Schiffsbaus vom Memeler Tief [40] an die Kieler Förde. Bis 1944 wurden dort vor allem Fähren, Frachter, Schlepper und auch Minensucher gebaut. 1947 erfolgte die Neugründung des Unternehmens in Kiel-Friedrichsort. Nach dem Tode seines Vaters übernahm der Junior 1955 die Führung des Unternehmens. 1987, im Alter von 73 Jahren, zog sich Harald Lindenau -nun selbst der Senior- aus dem operativen Geschäft in den Beirat des Unternehmens zurück. Damals war die Werft im Sog der zweiten Weltschiffbaukrise in die Insolvenz getrieben worden.

Den Beirat führte Harald Lindenau bis 2005 als Vorsitzender, bis zu seinem Tod gehörte er ihm als Ehrenvorsitzender an. Dieses bedeutete für ihn aber keinesfalls kürzer zu treten. Selbst im hohen Alter ließ er keinen Tag vergehen, ohne persönlich auf "seiner" Werft nach dem Rechten zu schauen. Denn schließlich waren und blieben die Kontakte zur Kundschaft wie in die Belegschaft ihr wichtigstes Kapital. Noch heute arbeitet die Werft bei den thermodynamischen Berechnungen für ihre weltweit berühmten "Lindenau Doppelhüllen Tanker" mit dem Computerprogramm, das "der Alte" mit 81 Jahren an seinem ersten PC in Kooperation mit der TU Berlin eingeführt und ständig weiterentwickelt hat. Doch Lindenau baut auch Container-, Fahrgast- und Roll-on/ Roll-off-Schiffe für Kunden in aller Welt. Seit 1987 führen Sohn Dirk und Günter Stehen das Unternehmen. Heute steht die Lindenau-Werft in Auslastung, Beschäftigung und wirtschaftlichem Ergebnis so gut da wie nie seit 1972."

(Holger Schimkus)

Stobbe, August

  • Stobbe, August Buchdruckerei-Besitzer

Geboren am 17.Juni 1817 in Uderwangen bei Königsberg. Gestorben 17.Januar 1879 in Wiesbaden.
Er zog im Jahre 1849 um nach Memel. Ausschlaggebend für die Umsiedelung nach Memel war der damalige Staatsanwalt Presting, der mehrere Jahre Mitglied des Richter-Collegiums an dem Königlichen Kreisgericht in Memel war. Zusammen mit dem Buchdruckereibesitzer Teubert aus Heilsberg wurde unter schwierigsten Umständen die neue politische Zeitung unter dem Namen "Memeler Dampfboot" gegründet, die anfangs nur zweimal wöchentlich erschien. Trotz der unerfreulichen materiellen Hindernissen und vielfachen Anfeindungen und der damals einflussreichen reaktionären Partei zu kämpfen hatte, trotzdem, dass ihm in amtlicher Hinsicht, in der Zeit der Reaktion, oft viele Unannehmlichkeiten nicht erspart blieben, hielt er seine liberalen Grundsätze stets aufrecht und folgte dem Panier des Fortschritts, soweit es die Preßgesetze (Anm.: Pressegesetze) gestatteten. Er galt als Ehrenmann, seinen Freunden ein treuer Freund. Er wusste durch anspruchlose Bescheidenheit, durch menschenfreundliche, wohlwollende Gesinnung die Gunst der Mitbürger in immer weiteren Kreisen sich zu erwerben. Durch seinen schwankenden Gesundheitszustand veranlasst, gab er im Jahre 1872 den Verlag des Memeler Dampfboots auf und legte sein ganzes Buchdruckerei-Geschäft in andere Hände. Stobbe hat sich durch seine 24jährige Wirksamkeit als Buchdruckereibesitzer, wie durch sein ehrenhaftes Wesen ein dauerndes, freundliches Andenken bei seinen Mitbürgern erworben.

Politisch oder kulturell für das Memelländische Deutschtum wirkende

Gerullis, Georg

Georg Gerullis

Der Sprachwissenschaftler Georg Gerullis [41] wurde am 13. August 1888 in Jogauden geboren. Als ehemaliger Vertrauensdozent des NS-Studentenbundes an der Universität Leipzig und wegen Mitgliedschaft in der NSDAP (ab 1931) und in der SA (1931-1933) wurde er im Mai 1945 durch die SMAD (Sowjetischen Militäradministration in Deutschland) verhaftet und wohl Ende des Monats hingerichtet. 1953 wurde er für tot erklärt.

Eingeschult wurde er vermutlich in Bittehnen und ging wohl in Tilsit aufs Gymnasium. Gerullis studierte von 1909 bis 1912 Philosophie, klassische Philologie und Geschichte in Königsberg und Berlin. Er war Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, wurde 1920 zum Studienrat ernannt und war von 1919 bis 1922 Gymnasiallehrer und Leiter des Litauischen Seminars an der Theologischen Fakultät zu Königsberg. Gerullis war Leiter der Hochschulabteilung im Preußischen Ministerium für Volksbildung in Berlin. 1933 wurde er in den einstweilige Ruhestand versetzt und wechselte wegen Auseinandersetzungen mit dem ostpreußischen Gauleiter Koch nach Berlin. 1935 wurde er gegen das Votum des Lehrkörpers zum Rektor der Königsberger Universität ernannt. Von 1937 bis 1945 war er Professor für Baltische Philologie an der Universität Berlin. Insbesondere hat sich Gerullis um den Erhalt des prußischen Erbes verdient gemacht.

Aufsatz zur Identität der preußischen Litauer (1932)

"Von einer Gutsbesitzerfamilie abgesehen, die sich des Hochdeutschen bediente, hörte man in Jogauden als gewöhnliche Umgangssprache kurz vor 1914 nur Niederdeutsch und Litauisch. Die ethnographische Karte gibt auf Grund der Volkszählung von 1905 40-50% Deutsche und 50-60% Litauer an. Da es damals in Ostpreussen zwischen Deutschen und Litauern überhaupt keine nationalen Gegensätze gab (und zwischen einheimischen Deutschen und Litauern auch heute nicht gibt), kamen Fälschungen aus politischen Rücksichten überhaupt nicht vor. Von Jogaudens Einwohnern waren alle selbständige Landwirte ´Litauer´ und der Dorfschmied sowie ein Teil der Landarbeiter ´Deutsche´. Die ´Litauer´ waren also nicht nur zahlenmäßig, sondern auch wirtschaftlich überlegen. Ja, in gewisser Hinsicht sogar politisch! Denn der ´litauische´ Landwirt ist durchaus monarchistisch und konservativ und wurde naturgemäss von der damaligen Regierung mit grossem Wohlwollen behandelt. An eine Unterdrückung der litauischen Sprache durch irgendwelche untergeordneten Behörden war nicht zu denken. Kurz, die Aussichten für baldige Verdrängung des Litauischen durch das Deutsche müssen um 1914 gering erschienen sein. Und doch ist es heute so weit, dass nur noch 3 alte ´Litauer´ im Dorf vorhanden sind. In etwa 10 Jahren werden dort ´Deutsche´ allein wohnen. Wie ist das gekommen? .....

Meine Eltern sprachen untereinander und mit uns Kindern ausschliesslich litauisch, verstanden hoch- und niederdeutsch alles und sprachen auch hochdeutsch einigermassen, allerdings mit Fehlern und litauischer Artikulation. Niederdeutsch konnten sie nur radebrechen. Daher gebrauchten sie im Verkehr mit Dienstboten und Arbeitern, soweit diese gar nicht litauisch konnten, nur das Hochdeutsche. Denn so sehr man das Hochdeutsche schätzte und Sorge trug, dass die Kinder es möglichst gut erlernten, so wenig achtete man das Niederdeutsche. In der Dorfschule hat mein Vater nicht nur wie meine Grosseltern litauischen Unterricht genossen, sondern daneben auch deutschen, meine Mutter nur noch deutschen. (Der Konfirmandenunterricht allein fand in litauischer Sprache statt).

Das hat sich bei meiner Generation, also bei denen, die um 1914 waffenfähig waren, gründlich geändert. Ich, mein um 1 Jahr jüngerer Bruder und mein 5 Jahre jüngerer Vetter, der bei uns aufwuchs, sprachen von vornherein neben- und durcheinander litauisch und niederdeutsch. Und zwar untereinander, mit den Dienstboten und Dorfkindern fast nur niederdeutsch, mit den Eltern und deren litauischen Nachbarn ausschliesslich litauisch. Hochdeutsch lernten wir erst vom sechsten Jahre ab in der Dorfschule. Wenn man uns nach unserer Muttersprache gefragt hätte, hätten wir jedoch ohne Zögern das Litauische genannt. Briefe wurden von uns allen nach Hause nur litauisch geschrieben. Der Weltkrieg hat die Germanisierung meines Heimatdorfes mit einem gewaltigen Ruck nach vorne getrieben. Die waffenfähige Mannschaft kehrte stark gelichtet aus dem Felde zurück. Die Daheimgebliebenen wurden Herbst 1914 von den Russen verschleppt und blieben bis 1918 in Gefangenschaft. Dann kam die Besetzung des Memellandes durch Litauen. Gleiche Sprache und gleiches Blut vermochten nicht die Entfremdung zu überbrücken, die infolge jahrhundertelanger Zugehörigkeit zu zwei ganz verschiedenen Kulturkreisen, dem preussisch-deutschen und dem polnisch-russischen, eingetreten war. Der preußische Litauer sieht mit Verachtung auf die pulekai ´Polacken´ herab. (Eine auffallend geringe Rolle spielt der Gegensatz evangelisch-katholisch). Einheimische Litauer und Deutsche, beide monarchistisch und äusserst rechts eingestellt, schlossen sich nun bewusst zusammen, während sie bisher nebeneinander einherlebten, wie etwa Evangelische und Katholische in Mischgebieten. Der Litauer begann, sich auf einmal seiner Muttersprache zu schämen. Er wollte nicht mit den Leuten von jenseits der Grenze verwechselt werden. Es setzte eine energische Selbstgermanisierung ein, was ja bei den oben geschilderten Sprachzuständen nicht schwer fiel."

Quellen:

  • Gerullis, Georg: Die altpreußischen Ortsnamen, Berlin, Leipzig 1922
  • Gerullis, Georg.: Zur Sprache der Sudauer-Jadwinger, in Festschrift A. Bezzenberger, Göttingen 1927
  • [42] (Professorenkatalog der Universität Leipzig)

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Meyer, Richard

Schulrat Richard Meyer

Richard Meyer war Schulrat in Heydekrug. Als Landtagsvizepräsident war er unermüdlich tätig und trat für ein deutsches Memelland ein. Ab 1926 war er Beschwerdeführer der Mehrheitsparteien beim Völkerbund und den Signatarmächten.

Deshalb sollte ihm, von der litauischen Regierung initiiert, der Reisepass abgenommen werden, was er unter Berufung auf seine Immunität als Abgeordneter ablehnte. Gegen ihn wurde trotzdem ein Haftbefehl erlassen, und als er sich zu einer Kur im Reich aufhielt, legte die Landtagsfraktion ihm nahe, nicht mehr ins Memelland zurückzukehren, damit er weiterhin seine Aufgaben als Beschwerdeführer fortsetzen könne.

Meyer hat eine Heimatkunde des Memelgebietes geschrieben, ein dünnes Büchlein zwar, aber derart vollgespickt mit leicht verständlich formulierten Informationen, dass es ein wahrer Schatz ist. Das Buch dürfte in erster Linie für Junglehrer gedacht gewesen sein, deren Aus- und Weiterbildung ihm oblag. Doch ist es auch in manchen Passagen in kindhafter Sprache geschrieben, dass sich wohl so mancher dieser Lehrer die Vorbereitungszeit für den Unterricht erspart haben und dirket aus diesem Buch vorgetragen haben dürfte.

Sehr lesenswert:

  • Meyer, Richard (Kreisschulrat in Heydekrug): Heimatkunde des Memelgebietes, Robert Schmidt´s Buchhandlung, Memel 1922
  • Geografie des Memellandes [43]

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Neumann, Ernst

Dr. Ernst Neumann
Pfarrer Theodor Freiherr von Saß vor dem Kriegsgericht in Kaunas

Ernst Neumann [44] wurde am 13. Juli 1888 in Wensowken (Kreis Angerburg) geboren und starb am 19. Mai 1955 in Bad Segeberg. Er war Tierarzt in Memel.

Zu den erstmalig ausgeschriebenen Wahlen zur Memeler Stadtverordnetenversammlung 1933 gründete der äußerst beliebte, militante und trinkfeste Memeler Hafenpfarrer Theodor Freiherr von Saß die Christlich-Sozialistische Arbeitsgemeinschaft (CSA), eine der NS-Bewegung nahestehende Partei. Wider Erwarten war das Wahlergebnis so gut, dass er sämtliche 18 Kandidaten durchbrachte und noch 2 Sitze verschenken musste. Die bis dahin im Kampf um die Rückgabe des Gebietes an Deutschland stehenden Politiker der Landwirtschafts- und Volkspartei konnten sich mit dieser Konkurrenz nicht abfinden und beschlossen die Gründung einer Gegenbewegung: Am 21. Juni 1933 wurde eine zweite unter NS-Vorzeichen stehende Partei, die „Sozialistische Volksgemeinschaft des Memelgebiets“ (SVOG) gegründet.

"Als deren Führer wurde der völlig unpolitische Tierarzt Dr. Neumann in den Vordergrund geschoben, ein Mann von schlichtem, lauterem Charakter, der dem temperamentvollen freiherrlichen Draufgänger in der persönlichen Begegnung nicht gewachsen war und ihn für eine Einigung im Guten auch nicht gewinnen konnte. So mußte, um die Einigkeit um jeden Preis zu erzielen, von Saß mit allen Mitteln diskreditiert werden, wobei man seine Anhänger zum Teil massivem Druck aussetzte. Die CSA-Fraktion spaltete sich: Am 10.Juli gab es in ihr acht Stimmen für und neun gegen von Saß. Die neun Opponenten anerkannten Dr. Neumann als Führer und bildeten eine eigene Fraktion." [22]

Das „Memeler Dampfboot“ und das in Heydekrug erscheinende Organ der Landwirtschaftspartei „Memelländische Rundschau“ veröffentlichten Zuschriften der Neumann-Partei und wurden von der litauischen Regierung mit Strafen belegt, insbesondere, als das „Dampfboot“ 1934 die Formulierung „Besetzung des Memellandes durch Litauen“ gebrauchte.

Daraufhin wurde der als zu nachsichtig geltende litauische Gouverneur Gylys durch Dr. Navakas abgelöst, ein Scharfmacher, der versprach, den letzten Deutschen aus dem Memelland zur Abwanderung zu zwingen. Am 8. 2. 1934 trat das einzig auf das Memelland zugeschnittene "Gesetz zum Schutz von Volk und Staat" (sog. Zuchthausgesetz) in Kraft. 24 Stunden später waren Dr. Neumann und seine Anhänger verhaftet. Am 14.12. 1935 begann der international vielbeachtete Kownoer Prozess vor dem Obersten Litauischen Kriegsgericht in Kaunas, auch Neumann-Saß-Prozess genannt. „Dem englischen Anwalt Sir Alexander Lawrence, der schon während der Vorbereitungen des Prozesses in Kowno gewesen war und den Eindruck gewonnen hatte, es werde für die Angeklagten keine gerechten Verteidigungsmöglichkeiten geben, da der Zweck des Verfahrens die Abschreckung sei, wurde nicht einmal die Erlaubnis zum Zuhören erteilt.“ [23]

Die Verhandlungen erbrachten keinerlei Hinweise auf einen Aufstandsversuch gegen Litauen. Trotzdem wurden höchste Strafen verhängt, selbst die Todesstrafe gegen vier Personen. Dr. Neumann bekam 12 Jahre Zuchthaus, Pfarrer von Saß 8 Jahre. Nicht nur in Deutschland sondern auch im Ausland gab es scharfe Proteste gegen diese Terrorurteile. Schließlich wurden die Verurteilten auf deutschen Druck hin nach und nach entlassen, die letzten 1938. Lediglich für den Lehrer Johannes Schirrmann kam die Amnestie zu spät, er starb im Zuchthaus wegen verzögerter medizinischer Betreuung.

Am 23. März 1939 übergab Dr. Neumann in Memel das Memelgebiet an Adolf Hitler. Da er die NS-Rassengesetze ablehnte , war er in Memel nicht länger erwünscht und wurde auf Vorschlag von Gauleiter Koch als Generaldirektor der Bank der Ostpreußischen Landschaft in Königsberg eingesetzt.

Für seinen "vorbildlichen Kampf als Führer der Memeldeutschen" wurde Neumann 1939 das Gut Kuwertshof bei Ruß übertragen, als "Entschädigung für die erlittene Gefängnisstrafe und Belohnung für sein Eintreten für das Deutschtum".[24] Ab 1941 besaß er das Gut Baugstkorallen. Neumann wurde Mitglied des Deutschen Reichstages und des Reichsbauernrates, SS-Standartenführer ehrenhalber und SS-Oberführer. Im 2. Weltkrieg als Artilleriehauptmann eingezogen, wurde er kurz vor Beendigug des Krieges als Oberstleutnant entlassen. Er floh mit seinen Angehörigen nach Kiel. [25]

Weblink

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Schirrmann, Johannes

Das Grab von Johannes Schirrmann

Johannes Schirrmann wurde am 29.September 1899 geboren und war Lehrer in Plicken. Er starb am 07.Juli 1935 in einem Zuchthaus in Litauen an einer Blinddarmentzündung. Er war verheiratet mit Elisabet Waltraut Klinger [47].


Prof. Helmut Jenkis schreibt: Der Neumann-Sass-Kriegsgerichtsprozess in Kaunas 1934/1935, aus deutscher Sicht

"Der Tod des Lehrers Johann Schirrmann

Zu den bis heute umstrittenen Fällen des Neumann-Sass-Kriegsgerichtsprozesses gehört der Tod des Lehrers Johann Schirrmann. Schirrmann wurde am 29. September 1890 geboren, er war Volksschullehrer in Plicken. Er gehörte vom 7. Juli 1933 bis zum 6. Juni 1934 der Sovog an, er war Zellenleiter. In der Anklageschrift wird er unter der Nummer 106 (von 126) genannt. Nach Monstavičius beriefen Schirrmann (und Stürzebecker) „geheime Zellenabende, hetzten die Mitglieder zum bewaffneten Aufstand, um das Memelland von Litauen abzutrennen und an Deutschland anzugliedern auf und warben neue Mitglieder; d. h. wegen Verbrechens, vorgesehen in § 6 des bekannten Gesetzes. Für diese Verbrechen erkannte das Gericht zu Recht, beide zu verurteilen. Beide zu vier Jahren Zuchthaus mit Verlust der bürgerlichen Rechte. Von der Anklage zur Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes wurden beide freigesprochen“. Monstavičius erwähnt nicht, dass man bei Schirrmann Hitlers 'Mein Kampf' fand, was sicherlich erschwerend wirkte.

Über den Tod des Lehrers Schirrmann berichtet Monstavičius wie folgt:

“Am 3.7.35 erkrankte einer der Verurteilten, Johann Schirrmann, an Blinddarm- Entzündung. Der Arzt verlangte sofortige Operation. Der Chirurg des Zuchthauskrankenhauses war der jüdische Arzt Dr. Sacharin. Schirrmann lehnte die Operation durch den jüdischen Arzt ab. Als die Zuchthausverwaltung einen anderen Arzt heranzog, war durch diese Verzögerung eine Komplikation eingetreten, und der operierende Arzt konnte nur noch eine völlige Vereiterung feststellen, die nach drei Tagen, am 6.7.35 zum Tode des Erkrankten führte. Der Tod Schirrmanns wurde der deutschen Öffentlichkeit und der Welt als ein Märtyrertod im Kampf um das Deutschtum gegen die litauische Barbarei hingestellt, obwohl es jedem damals wie heute klar war, dass Schirrmann als ein Opfer seines Rassenhasses gestorben war“.

Wenn der operierende Arzt eine Vereiterung feststellte, warum konnte diese nicht durch eine Entfernung des Blinddarmes behoben und der Patient gerettet werden, warum hat man - wahrscheinlich untätig - drei Tage gewartet? Die Ärzte mögen diesen Fall medizinisch bewerten.

Ernst-Albrecht Plieg hat in seiner Bonner Dissertation eine andere Darstellung gegeben: Entgegen der Feststellung von Monstavičius konnte die Zuchthausverwaltung in Mariampolė keinen ausgebildeten Arzt zur Verfügung stellen, sondern nur einen Feldscher, der kein praktischer Arzt, Chirurg oder Internist war. Der vom Feldscher angeratene Transport nach Kaunas wurde um drei Tage verzögert, in ungeeigneter Weise vorgenommen und keine ärztlichen Begleitpapapiere mitgegeben. Schirrmann ist an den Folgen - Durchbruch des Blinddarmes? - verstorben, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Es stehen sich zwei Versionen gegenüber. Da Zeitzeugen nicht vorhanden sind, könnte man lediglich in den litauischen Archiven forschen und vielleicht Unterlagen finden, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben. Unabhängig davon kann man Plausibilitätsüberlegungen anstellen, das heißt, wie bei einer ernsthaften Erkrankung - mit Schmerzen - der Patient reagiert: Es ist davon auszugehen, dass dem Patienten nicht mitgeteilt wird, dass ihn ein jüdischer Arzt behandeln soll. Vielmehr benutzt man auch heute noch die kurze Bezeichnung ’der Doktor’ oder der ’der Herr Doktor’, es wird nicht der Name genannt.

Schließlich sollte folgendes berücksichtigt werden: Welcher Patient, der unter Schmerzen leidet und möglicherweise mit dem Exitus letalis rechnen muss, wird nach der rassischen Zugehörigkeit des Arztes fragen? Wenn es um die physische Existenz geht, verblassen alle ideologischen Vorurteile. Diese Plausibilitätsüberlegungen legen die Vermutung nahe, dass eine mangelhafte medizinische Versorgung vorlag, die zum Tode des Lehrers Johann Schirrmann führte. In der Tat hat seine Beisetzung zu einer großen Demonstration von mehreren tausend Memelländern geführt; Schirrman galt als Märtyrer des Neumann-Sass-Kriegsgerichtsprozesses."

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Weblink

  • Helmut Jenkis, ganzer Artikel in Annaberger Annalen [48]

Politisch oder kulturell für das Memelländische Litauertum wirkende

Gaigalat, Wilhelm (Vilius Gaigalaitis)

Wilhelm Gaigalat (litauisiert Vilius Gaigalaitis) [49] wurde am 27. September 1870 in Heydebruch als Sohn des Nikkelis Gaigals [50] und der Aduzze Austins [51] geboren und starb am 30. November 1945 in Bretten/ Württemberg. Er war verheiratet mit Marie Sophie Dietze.

Die Grundschule besuchte Wilhelm Gaigalat vermutlich in Wischwill und ging dann weiter nach Tilsit und Memel auf höhere Schulen. Von 1892 - 1896 studierte er in Königsberg und Berlin Theologie und Philosophie. Danach war er Pastor in Ramutten, Prökuls und Coadjuthen. Gaigalat war Mitglied des preußischen Landtags und zugleich Aktionär der "kleinlitauischen" Bewegung. Auch Gaigalaitis ließ sich nach verunglückter Option für Litauen von Deutschland repatriieren.


Über sein wetterwendisches Verhalten, seine widersprüchlichen Aktivitäten, die auf inneren Zwiespalt schließen lassen, hat Prof. Helmut Jenkis in den "Annaberger Annalen" ausführlich berichtet:

  • Die Wandlungen und Wanderungen des Pfarrers Dr. Wilhelm Gaigalat, Versuch eines Psychogramms, Helmut Jenkis: [52]
  • Der 'Führerbrief' des Pfarrers Dr. Wilhelm Gaigalat, Eine Ergänzung des Psychogramms, Helmut Jenkis: [53]

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Jankus, Martin (Martynas Jankus)

Martin Jankus (litauisiert Martynas Jankus) [54] wurde am 7. Juli 1858 in Bittehnen als Sohn des Martins Jankus und seiner Frau Mare Kerpyte geboren. Er war verheiratet mit Anne Puknyte und starb am 23. Mai 1946 in Flensburg.

Martin Jankus war "kleinlitauischer" Aktivist und publizierte als gelernter Drucker in Tilsit die "Frühlingsfreuden", durch die die in Amerika lebenden litauischen Aktivisten unter anderem das Werk des Christain Doneleitis (Kristijonas Donelaitis) kennenlernen konnten. Jankus spielte zur Zeit um die Annexion des Memellandes (sog. Klaipeda Revolt) eine nicht unerhebliche Rolle als Vorsitzender des Hilfskomitees und moralischer Führer der litauischen Taryba (Staatsrat), welche von 1917 - 1920 die erste provisorische gesetzgebende Versammlung Litauens vor der Gründung der Ersten Republik war. Zusammen mit Erdmann Simoneit (litauisiert Erdmonas Simonaitis) versuchte Martin Jankus zwischen 1919 und 1923 bei der französischen Verwaltung, die sich selbst aus Bildungsfragen heraushielt, die Sprachenfrage ins Rollen zu bringen. So setzten sie gemeinsam eine Elternbefragung bezüglich der Muttersprache durch, bezeichnenderweise ausschließlich an Schulen auf dem Lande ohne diejenigen der Stadt Memel und des Herder-Gymnasium Heydekrug. Trotzdem fiel das Ergebnis nicht den Hoffnungen entsprechend aus: Von den Eltern, die das memelländische Litauisch sprachen, forderten 94,7% für ihre Kinder deutschen Unterricht im Lesen und Schreiben und immerhin 71,7% deutschen Religionsunterricht.

Bei den Litauern galt Jankus als Volksheld, „Patriarch“ und Vorkämpfer für die Bewahrung der litauischen Kultur und Sprache in Ostpreußen und letztlich auch für den Anschluss des nördlichen Ostpreußens an die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstandene Republik Litauen (Großlitauen). Auch er zog es wie die meisten seiner Kollegen vor, sich wieder von Deutschland repatriieren zu lassen, als die politische Situation in Litauen brenzlig wurde.

Jankus´ Verdienst ist u.a. die Sammlung litauischer Volkslieder, die allerdings die unterschwellige Vermittlung der preußisch-litauischen Geschichte, Sprache und Folklore als Zielsetzung hatte, um das Bewusstsein der einfachen Leute zu beeinflussen, welche eigentlich nichts mit den politischen Zielen dieser Bewegung zu tun haben sondern lediglich genießen wollten, ihre Kultur in ihrer Muttersprache pflegen zu können.

Die Gebietsansprüche der "Kleinlitauer" umfassten 1945 das gesamte Ostpreußen als "urlitauisches" Gebiet. Inzwischen erheben sie "nur" noch Anspruch auf den Kaliningrader Oblast.

"Es muß hier einmal gesagt werden: Der preußische Litauer wurde nicht durch die Übernahme der deutschen Sprache zum Deutschen - er war dies viel früher durch die Übernahme der deutschen Kultur geworden. Daß nun mit der allgemeinen Erlernung der deutschen Sprache das Nationalitätenproblem des Memellandes und des nordöstlichen Ostpreußens nicht aufhörte, geht wiederum nur auf deutsche Kosten. Auf Grund der Polenaufstände im Zarenreich wurde 1865-1904 durch die Russen für Litauen ein Druckverbot verhängt. Der Zar verlangte, daß die Litauer die kyrillischen Buchstaben und damit auch die russische Sprache erlernen sollten. So durfte auf litauischem Gebiet nichts Litauisches mehr gedruckt werden. Litauische Schriftststeller und Intellektuelle flüchteten nun wiederum nach Preußen, wo sie sich in Tilsit zusammenfanden. Unter Förderung der deutschen Behörden wurde ihnen gestattet, in den Tilsiter Druckereien Maudrode und Reyländer litauische Schriften herauszugeben, die von Grenzgängern nach Litauen eingeschmuggelt und dort verteilt wurden. Aus diesen in Tilsit mit deutschen Geldern gedruckten Broschüren machten viele Litauer erstmalig Bekanntschaft mit ihrer Schriftsprache.

Statt den Deutschen für diese Hilfe dankbar zu sein, sahen sich diese intellektuellen Konjunkturritter, deren Wirkungsmöglichkeiten im Zarenreich begrenzt und ständig gefährdet waren, nach ungefährlicheren Arbeitsgebieten um. Sie setzten sich in aller Öffentlichkeit für die Erhaltung der preußisch-litauischen Sprache ein und versuchten mit allen Mitteln moralischen Druckes, die ehemaligen preußischen Litauer für die Idee eines Groß-Litauen zu begeistern. Der memelländische Pfarrer Gaigalat, der preußische Lehrer Storost, der preußische Zahlmeister Stiklorius, die zum Teil selbst erst das Litauische als Fremdsprache erlernen mußten, entdeckten plötzlich ihr litauisches Herz. Der preußische Staat sah in ihnen nur romantische Schwärmer ohne politische Bedeutung und ließ sie gewähren. Die Anhängerschaft, die sie in Tilsit und im Memelland fanden, war gering. Das Gefolge von Martin Jankus und Erdmann Simoneit umfaßte immer nur einige hundert Memelländer, da kein memelländischer Litauer Lust hatte, sich auf die niedrige Kulturstufe der sog. Großlitauer hinabziehen zu lassen.

Trotzdem fanden die litauischen Nationalisten Gehör, als 1919 das durch den Russeneinfall von 1915 schwer getroffene Memelland unter die abzutretenden Gebiete eingereiht und gegen den Willen der Bewohner abgetrennt wurde." [26]

Weitere ausführliche Informationen:

  • Das Martin-Jankus-Museum in Bittehnen [55]
  • „Kleine, einfache, ungebildete litauische Bauern…“: Martynas Jankus und das Deutsche Reich, Manfred Klein [56]

Fotos:

  • Rambyno papėdėje [57]
  • Klaipėdos diena ir Martynas Jankus [58]

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Petereit, Wilhelm (Vilius Pėteraitis)

Vilius Peteraitis

Der Sprachwissenschaftler Wilhelm Petereit (lituanisiert Vilius Peteraitis) wurde am 18. Oktober 1914 in Waydaugen bei Szarde Kreis Memel geboren und starb am 5. März 2008 in Montreal/ Kanada. Er besuchte bis 1935 das Vytautas-Gymnasium [59] in Memel, studierte zunächst Germanistik und evangelische Theologie an der Vytautas Magnus Universität Kaunas, dann 1937 Anglistik in Southhampton/ England und 1938 Schwedisch in Uppsala/ Schweden. Nach Abschluss seines Studiums wurde er wissenschaftlicher Assistent und Lektor für deutsche Sprache, ab 1942 war er als Leiter für Germanistik am Pädagogischen Institut Vilnius tätig und von 1945 bis 1949 unterrichtete er am Litauischen Gymnasium in Augsburg. 1949 wanderte er nach Kanada aus.

"Auf dem Blechschild steht: Vaidaugai. Etwas weiter sieht man einige verfallene Gebäude. Der Professor ist aber hier nicht geboren. Der Hof der Petėraitis lag, von der Eisenbahnlinie aus gesehen, in Richtung Haff. Auf der einen Seite war Žardes Kalnas/ der Szarder Berg, auf der anderen der Bach Smeltalė/ Schmeltelle. Selbst die kärglichen Reste zeugen davon, daß hier einmal ein blühendes Dorf stand, voller Leben und Hoffnung. Hier begann der Lebensweg des kleinen Vilius, von hier nahm er alle Werte mit, die sein späteres Leben und Schaffen mit Sinn erfüllten. Hier hörte er die ersten Worte in der von ihm herzlich geliebten Klaipėdiškiai/ Memeler Mundart, hier lernte er gut von böse unterscheiden, zu arbeiten und zu lieben. Hier lagen die Fundamente seines Seins. ..... Aus dem Haus tritt eine Frau mit einem Wassereimer. Sie schöpft Wasser aus dem Brunnen. Auf unsere Frage, wem dieses Anwesen früher gehörte, ist sie über unsere Unkenntnis erstaunt und spricht mit fester Betonung: "Irgendeinem Deutschen..." [27]"

Peteraitis war Aktivist der „Kleinlitauischen“ Bewegung (Mažoji Lietuva/ Lithuania Minor) und von 1985 bis 1992 Gründungs-Vizepräsident deren Stiftung, die aus ihrem Fonds (Kleinlitauische Stiftung/ Mažosios Lietuvos Fondas) den litauischen Präsidenten unterstützte und wohl auch den „Triumphbogen“ [60] in Memel finanziert haben dürfte. 1995 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Klaipeda, deren Gründung er sehr befürwortet und mit dem Entwurf von Strukturen für eine "Universität Kleinlitauens" sehr unterstützt hat. Peteraitis organisierte die Erstellung der „Kleinlitauischen Enzyklopädie“ (Mažosios Lietuvos Enciklopedija), deren erster Band 2000 gedruckt wurde und die mittlerweile dreibändig abgeschlossen wurde. Wilhelm Petereit schrieb hierfür 633 Artikel. Die "Kleinlitauische Enzyklopädie" erscheint bezeichnenderweise in Litauisch und Englisch, nicht aber in deutscher Sprache!

Die „kleinlitauische“ Bewegung entstand aus Protest gegen die Bismarck´sche Minderheitenpolitik und hatte ihr Pendant in Masuren. Die indigene prußisch-kurische Urbevölkerung sowie die eingewanderten Zemaiten und Litauer (im östlichen Ostpreußen) waren loyale preußische Bürger. Die katholischen Litauer traten meist in der zweiten und dritten Generation aus rein praktischen Gründen zum lutherischen (deutschen) Glauben über. Man schätzte sich glücklich im freien Preußen zu leben, Arbeit und Bildung zu haben und weiterhin in seiner baltischen Kultur leben zu dürfen. Das änderte sich mit Bismarck, weil man eine „Germanisierung“ fürchtete. Diese Furcht äußerte sich fast ausschließlich bei der gebildeten Oberschicht, bestehend aus (deutschen!) Beamten und Pfarrern, allerdings meist mit baltischen Vorfahren. Dem gemeinen Volk war dies allerdings gleichgültig; es wollte sich nicht in Politik hineinziehen lassen und lieber die Vorteile Deutschlands für sich und seine Kinder genießen, hatte es doch die menschenunwürdigen Umstände im fiktiven „Großlitauen“ ständig vor Augen.

Bezeichnend für die meisten dieser Aktivisten ist, dass sie zwar für Litauen optiert hatten. Als dieses jedoch unter Stalins Herrschaft geriet, haben sie sich von Deutschland repatriieren lassen. Die meisten dieser Repatrianten wanderten nach Kanada aus, wo ihre Nachkommen noch heute Litauen finanziell unterstützen, mit dem Ziel Litauen so stark zu machen, damit das Königsberger Gebiet „zurück“ nach Litauen geholt werden wird. Vilius Peteraitis warf den ostpreußischen Flüchtlingen und Vertriebenen vor, sich zu sehr dem Heimweh-Schmerz hingegeben und sich ausschließlich zum Deutschtum bekannt zu haben statt ihre baltischen Wurzeln zu pflegen. So hätten sie all ihre Chancen vertan.

Quellen:

  • Bobrowski, Johannes: Litauische Claviere, Reclam Leipzig 1987
  • Kaukas, Kostas: Rötliche Tautropfen am Haffesstrande, Mažosios Lietuvos Fondas, Klaipedos Rytas, Klaipeda 1996
  • Kossert, Andreas: Masuren, Ostpreußens vergessener Süden, Siedler, Berlin 2001
  • Peteraitis, Vilius: Mažoji Lietuva ir Tvanksta, Vilnius 1992 (Königsber Gebiet, Wassernamen)
  • Peteraitis, Vilius: Mažosios Lietuvos ir Tvankstos Vietovardžiai, Ju kilme ir reikšme, Vilnius 1997 (Ortsnamen)
  • Mažosios Lietuvos Enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie), Vilnius ab 2000

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Simoneit, Eva (Ieva Simonaitytė)

Ieva Simonaityte
Der „Triumphbogen" in Memel am rechten Dangeufer an der Börsenbrücke. „ESAM VIENA TAUTA, VIENA ŽEME, VIENA LIETUVA“ („Wir sind ein Volk, ein Land, ein Litauen“), Worte der Ieva Simonaitytė.
Die Schriftstellerin Eva Simoneit (lituanisiert Ieva Simonaitytė) wurde am 23. Januar 1897 als illegitime Tochter des Bauern Jurgis Stubra, bei dem ihre Mutter Etme Simonaite in Stellung war, in Wannaggen geboren. Sie starb 27. August 1978 in Wilna. Vielleicht weil sie eine Frau war und dementsprechend konsequent: Sie ließ sich nicht von Deutschland repatriieren und stand bis zuletzt zu ihrer Hinwendung zu Litauen.

Eva Simoneit litt als Kind an Schwindsucht und wurde zu Hause durch ihre Mutter unterrichtet. Während eines Krankenhausaufenthaltes von 1912 bis 1914 in Angerburg/ Masuren war sie wohl mit der masurischen Protestbewegung in Berührung gekommen, die sich zunächst nur gegen die Einführung des Deutschen als Unterrichtssprache gerichtet hatte, jedoch unter Einfluss polnischer Propaganda in einen Nationalitätenstreit ausartete, der letztlich in der prodeutsch ausgefallenen Volksabstimmung von 1920/21 mündete. Eva Simoneit trat nach ihrer Rückkehr in die Heimat der sich in Tilsit entwickelten analogen „kleinlitauischen“ Bewegung bei. Ab 1921 arbeitete sie als Maschinenschreiberin in Memel und veröffentlichte bereits kleinere Werke in Zeitungen. 1935 erschien ihr erster Roman und nach einer Heilkur in der Schweiz 1939 zog sie nach Kaunas. 1984 wurde ihr Sommerhaus in Prökuls zum Ieva-Simonaitytė-Museum (Ievos Simonaitytės Memorialinis Muziejus) umgebaut.

Eva Simoneit gehörte „zu dem kleinen Häuflein der prolitauischen Protagonisten …. Auf dem alten Memeler Stadtfriedhof steht seit 1977 ein Denkmal, das die `nationale Wiedervereinigung´ symbolisiert und an die litauischen `Aufständischen´ von 1923 erinnert. Es wurde aus einem deutschen Grenzpfahl der Kaiserzeit gefertigt, der einst bei Nimmersatt stand. Daß 1939 von hundertfünfzigtausend Memelländern nur 585 für Litauen optierten, will man bis heute nicht hören. Die zahlreichen litauischen Verstöße gegen das Memelstatut haben die Memelländer jedoch deutscher gemacht, als sie jemals waren.“ [28]

Zur grundsätzlichen Einstellung der Simonaityte sagt Pocytė: „Mit dem Hinweis auf diesen Aspekt stellt Simonaitytė auch die Eigenschaften der Deutschen und der Litauer gegeneinander: Der Kleinlitauer ist gut, er „fügt keinem Menschen Leid zu und läßt auch nicht zu, daß ein anderer jemandem Leid zufügt, auch wenn dieser ein deutscher Edelmann wäre"; der Deutsche ist schlecht, weil er aus der Stadt kommt, „aus diesem Vorhof der Hölle für den litauischen Menschen…“ [29]

„Hineingeboren in die zweisprachige – litauische und deutsche - Welt des Memelgebietes zu Beginn dieses Jahrhunderts ist Ieva Simonaitytė die litauische und die deutsche Sprache gleichermaßen vertraut." [30] Hierzu sei grundsätzlich angemerkt, dass es sich im Memelland nicht um die hochlitauische Sprache handelt sondern um die zemaitische, die leider von Linguisten mit der litauischen gleichgesetzt wird und so dem Memelland sprachlich nicht gerecht wird.

Nachdem die litauische Regierung angesichts der prodeutschen Abstimmungen im übrigen West- und Ostpreußen eine Volksabstimmung im Memelland gar nicht erst zugelassen hatte, wurde hier ein „Aufstand“ inszeniert (sogenannte Klaipeda Revolt). Doch die preußisch-litauischen Menschen, die in der „kleinlitauischen“ Bewegung so sehr um ihr baltisches Erbe gekämpft und sich für das Litauertum stark gemacht hatten, kamen auch hier wieder zu kurz: „Doch das größte Hindernis für die Integration der Kleinlitauer waren meiner Meinung nach die konfessionellen Unterschiede. Der von den Kleinlitauern als „Szameit" (žemaitis) und Katholik bezeichnete Großlitauer, den man vor dem Ersten Weltkrieg kaum kannte, weil er hinter der Grenze lebte, trat erst nach 1923 in die Geschichte des Memelgebietes ein. Die Geschichte dieses Gebietes entschieden fortan nicht nur die Konflikte zwischen Kleinlitauern und Deutschen, sondern auch zwischen den autochthonen Memelländern und den großlitauischen Einwanderern. Im aufgewühlten politischen Strudel dieser Zeit fühlte sich der Kleinlitauer noch mehr als um die Jahrhundertwende hin und her gerissen. I. Simonaitytė bezeichnete diejenigen Kleinlitauer, die abseits der litauischen Vereine stehen, als „deutsche Kleinlitauer" , obwohl sie selbst manchmal enttäuscht war über die memelländische Politik der Regierung in Kaunas. So erzwang die litauische Regierung von den Kleinlitauern Jokūbas Stikliorius, Ansas Baltris und sogar von I. Simonaitytė den Rückzug aus dem Verlag „Rytas" und aus der Redaktion der kleinlitauischen Zeitung „Prūsų lietuvių balsas". I. Simonaitytė vermerkte bitter, daß der litauische Gouverneur im Memelland Šaulys, sich nicht nur Mitarbeiter mit dem höheren Schulabschluß, sondern vorrangig Universitätsabsolventen holte" , was die allermeisten Kleinlitauer nicht vorweisen konnten. Die Zentralregierung in Kaunas bemühte sich nicht um die Mitarbeit der Kleinlitauer und „viele memelländische Angestellte blieben ohne Arbeit und Brot" . Die Memelländer verstanden unter Bewahrung ihrer Identität das Lavieren zwischen dem Litauertum und dem Deutschtum, wobei sie lieber dem Deutschtum Priorität gaben.“ [31]

Quellen:

  • Kossert, Andreas: Masuren, Ostpreußens vergessener Süden, Siedler, Berlin 2001
  • Kossert, Andreas: Ostpreussen, Geschichte und Mythos, Siedler, München 2005
  • Pocytė, S.: Deutsch-litauische Beziehungen bei I. Simonaitytė in Annaberger Annalen 1998 [61]
  • Schiller, Christiane: I. Simonaitytė und das Problem des Bilinguismus in Annaberger Annalen 1998 [62]

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Storost, Wilhelm (Vilius Storosta alias Vydūnas)

Storost-Vydunas auf der litauischen 200-Litas Banknote

Wilhelm Storost (litauisiert Vilius Storosta) [63] wurde am 22. März 1868 in Jonaten als Sohn des Anskis Storost [64] und dessen Ehefrau Marinke Aszmonate [65] geboren. Er starb am 20. Februar 1953 in Detmold und wurde auf seinen Wunsch hin ins Memelland überführt und in Bittehnen nahe seines geliebten Rombinus beigesetzt. Unter dem Pseudonym Vydūnas wird der Aktivist der "kleinlitauischen" Bewegung in Litauen fast wie ein Heiliger verehrt.

Storost litt früh an Schwindsucht (TBC), konnte jedoch dank heilsamer Lebensweise genesen. Er studierte am Lehrerseminar Ragnit die für das Memelland typischen Fächer und unterrichtete zunächst Litauisch, Deutsch, Geographie und Körperkultur an der Volksschule Kinten, wo er auch 1891 seine Haushälterin Klara Füllhaase [66] ehelichte. Neben seiner Berufstätigkeit bildete er sich weiter, studierte Geschichte und Linguistik an deutschen Universitäten und wurde in Tilsit an der neugegründeten Knabenschule Studienrat für Deutsch und Englisch. Nebenbei veröffentlichte er Artikel in den litauischen Zeitschriften "Šaltinis", "Jaunimas" und "Naujovė". Wilhelm Storosts fast schwärmerische Ideen werden den Neuplatonikern zugerechnet und sollten der moralischen Verbesserung und der Unabhängigkeit des Einzelnen dienen sowie das gesamte (preußisch-litauische) Volk durchdringen. Zudem wandte er sich gegen die (angebliche) Germanisierung der in Ostpreußen lebenden Litauer, eine Idee, die durch die Bismarck´sche Minderheitenpolitik verursacht worden war.

Wie die meisten kleinlitauischen Aktivisten optierte Wilhelm Storost 1925 für Litauen, ließ sich aber wieder von Deutschland repatriieren, als Litauen unter Stalins Herrschaft geriet. Als 1944 das Memelland geräumt wurde, flüchtete auch er nach Deutschland und wurde 1946 auf Einladung in Detmold lebender Litauer (oder litauisch fühlender Nord-Ostpreußen) nach dort eingeladen, wo er für den Rest seines Lebens sesshaft wurde.


Weiterführende Artikel:


Literatur:

  • Storost, Wilhelm: “Visatos saranga” (“Der Bau des Weltalls”), “Mirtis ir kas toliau” (“Der Tod und was danach”), “Musu užduotis” (“Unsere Aufgabe”), “Samone” (“Bewußtsein”)
  • Bobrowski, Johannes: Litauische Claviere, Reclam Leipzig 1987

(Beate Szillis-Kappelhoff)

Zweifelhafte Prominenz

Koch, Erich - Gauleiter Ostpreußen

Geboren am 19. Juni 1896 in Elberfeld (Heute Teil von Wuppertal)
Gestorben am 12. November 1986 in der Haft im Staatsgefängnis in Barczewo (Wartenburg) VR Polen.
Gauleiter Erich Koch
  • 1928 Gauleiter der NSDAP in der preußischen Provinz Ostpreußen
  • September 1930 bis 1945 Mitglied des Reichstags für den Wahlkreis Ostpreußen.
  • 1933 Nach der „Machtergreifung“ erhielt er ebenfalls das staatliche Amt des Preußischen Staatsrats.
    Er drängte den ostpreußischen Oberpräsidenten Wilhelm Kutscher aus dem Amt und machte sich selbst zu seinem Nachfolger.Koch war korrupt. Sein Egoismus war der Öffentlichkeit kaum bekannt und wurde von Hitler hingenommen. Beseitigung der enormen Arbeitslosigkeit im strukturschwächsten Gau des Reiches. Die Gleichschaltung der Verwaltung und in der Bekämpfung der politischen und kirchlichen Opposition war Koch so erfolgreich, dass Ostpreußen als „NS-Mustergau“ galt.
  • 1938 wurde Koch zum SA-Obergruppenführer ernannt.
  • 25. November 1944 wurde er zum Chef des Volkssturms im Gau Ostpreußen ernannt.
  • Frühjahr 1945 wurde Koch von General Otto Lasch, dem Kommandanten der Festung Königsberg, mehrfach aufgefordert, die bereits durch britische Bombenangriffe in Schutt und Asche liegende Stadt den sowjetischen Truppen zu übergeben, die Königsberg bereits seit dem 31. Januar 1945 eingekesselt hatten. Koch lehnte dies immer mit der Begründung ab, dass Lasch Soldat sei und als solcher zu kämpfen habe.
  • März 1945 Koch setzt sich mit seinem Stab nach Pillau ab, was sich in Königsberg nicht verheimlichen ließ und von der sowjetischen Propaganda aufgegriffen wurde. Die ostpreußische Bevölkerung nahm Kochs verschwinden äußerst übel. Erst hatte Koch noch flammende Durchhalteparolen verbreitet und eine Aufgabe Ostpreußens absolut ausgeschlossen und nun war er nicht mehr zu finden.
  • 24. April 1945 Flucht mit einem Flugzeug von Pillau-Neutief, wo er bis zuletzt ausgeharrt hatte, auf die Halbinsel Hela.
  • 27. April 1945 Flucht von der Halbinsel Hela mit dem für ihn bereitgehaltenen Hochsee-Eisbrecher aus Ostpreußen vor den vorrückenden Truppen der Roten Armee.
    Er entkam über die Ostsee.
  • 29. April 1945 Über Saßnitz, welches bereits von der Roten Armee bedroht wurde, und Kopenhagen am 30. April 1945 erreichte er Flensburg am 5. Mai 1945 und nahm eine fremde Identität an, indem er sich falsche Papiere ausstellen ließ.
    Sein unzeitgemäßes Hitler-Bärtchen rasierte er ab, zudem trug er nun zur Tarnung eine Brille. Dies schützte ihn tatsächlich vor der Entdeckung: Als er noch in Schleswig-Holstein von einem britischen Kommando aufgegriffen wurde, wurde er nicht verhaftet, sondern in das ehemalige Arbeitsdienstlager Wolfsberg bei Hasenmoor in der Nähe Hamburgs eingeliefert. Nach Auflösung des Lagers blieb Koch in der dazugehörigen Gemeinde. Er mietete sich in einem einsam gelegenen Haus ein, in dem noch weitere Flüchtlinge untergebracht waren. Dort lebte er sehr zurückgezogen, pflegte mit seinen Nachbarn aber ein sehr auskömmliches Verhältnis, obwohl er sich in seiner Dienstzeit als Gauleiter herrschsüchtig und cholerisch gegeben hatte. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich durch Vertretungen, gelegentliche Landarbeiten und den Ertrag einer kleinen Gartenparzelle, die er bewirtschaftete. Nach der Währungsreform im Jahr 1948 erhielt er Arbeitslosenunterstützung in Höhe von 18 Mark. Zudem besaß er in Westdeutschland noch zwei Grundstücke, welche ihm aber nichts nutzten, da er zu diesem Zeitpunkt ein gesuchter Kriegsverbrecher war. Bei seiner Verhaftung im
  • 24. Mai 1949 Verhaftung Kochs. Er besaß er aber dennoch fast 250 DM, was für einen angeblich vermögenslosen Flüchtling knapp ein Jahr nach der Währungsreform ein erklecklicher Betrag war. Bei seiner Verhaftung gab sich Erich Koch als "ehemaliger Major der Reserve Rolf Berger" aus.
  • 10. Januar 1950 Koch wurde er über Helmstedt und Küstrin nach Warschau gebracht, wo er im Mokotów-Gefängnis inhaftiert wurde. Dort musste er ganze sieben Jahre auf seinen Prozess warten. Den Prozessauftakt verschleppte er bis zum 9. Januar 1957 und stellte zudem im Herbst 1957 mehrere Gnadengesuche. Mehrere Anklagepunkte wurden aufgrund eines Amnestiegesetzes vom 27. April 1956 fallengelassen. Das Gericht beschränkte sich zudem darauf, nur Verbrechen Kochs auf polnischem Territorium zu verhandeln. Daher wurden seine Verbrechen in der Ukraine nicht verhandelt.
  • 9. März 1959 Verurteilung zum Tode durch das polnische Gericht in Warschau wegen der Kriegsverbrechen gegen polnische Staatsbürger. Die Hinrichtung blieb ihm erspart, da er chronisch an Blasenkrebs litt und Todesurteile in Polen nur noch an gesunden Verurteilten vollstreckt wurden.
  • 1960 wurde das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt. Er geriet in der Bundesrepublik Deutschland in Vergessenheit.
  • 12. November 1986 Erich Koch verstirbt im Alter von 90 Jahren im Gefängnis von Barczewo.

Schwede-Coburg, Franz

Franz Schwede

Franz Reinhold Schwede [69] wurde am 5. März 1888 als Sohn des Eduard Schwede [70] und dessen Ehefrau Friedericke Wittkowsky in Drawöhnen im Kreis Memel geboren. Er starb am 19. Oktober 1960 in Coburg. Er war ein nationalsozialistischer Politiker und von 1934 bis 1945 Gauleiter der NSDAP in Pommern. Den Zusatznamen Coburg erhielt er, weil er am 28. August 1930 als erster Parteigenosse Bürgermeister der kreisfreien Stadt Coburg wurde.

Weblinks

  • Franz Schwede [71]
  • Jürgen John: Die NS-Gaue: regionale Mittelinstanzen im zentralistischen "Führerstaat" [72]
  • Hans Jörg Ehler: Die Verbandszusammenschlüsse in der privaten Lebensversicherung [73]

Sonstige

Hobrecht, James

James Hobrecht


Der Berliner Stadtplaner James Hobrecht

Berlin. James Hobrecht wird am 31. Dezember 1825 in Memel geboren. Nach einer Ausbildung zum Feldmesser beginnt er 1847 ein Studium an der Bauakademie in Berlin. Zwei Jahre später tritt er in den Architektenverein zu Berlin ein, dem unter anderen Gottfried Semper und Friedrich Schinkel angehören.

  • 1858 wird Hobrecht als Baumeister beim Königlichen Polizeipräsidium in Berlin eingestellt, ein Jahr später übernimmt er für einen Kollegen die Ausarbeitung des Berliner Bebauungsplans. Dieser soll eine geregelte Erweiterung des schnell wachsenden Berlins über die Stadtgrenzen hinaus ermöglichen.
  • 1862 legt er den sogenannten Hobrechtsplan vor, der bis heute die Grundlage für die Berliner Bebauungs- und Verkehrsstruktur bildet.
  • 1868 wird Hobrecht zum Chefingenieur der Kanalisation berufen und soll die Stadtentwässerung modernisieren. Er legt ein Konzept vor, dass eine Schwemmkanalisation in zwölf Radialsystemen vorsieht. In diesen unabhängigen Teilnetzen wird das Abwasser zusammengeführt und mit Dampfkraft an die Peripherie der Stadt gepumpt. Dort wird es auf sogenannten Rieselfeldern verteilt, die gleichzeitig landwirtschaftlich genutzt werden.
  • 1885 wird James Hobrecht zum Stadtbaurat ernannt. Er lässt Straßen, Plätze und Brücken bauen und bringt die Spree-Regulierung zum Abschluss. Nach zwölf Jahren Amtszeit geht Hobrecht in den Ruhestand, 1902 stirbt er in Berlin.

Hobrechts Kanalisationssystem wurde als gelungenes Modell von vielen übernommen. Über 30 deutsche Städte nahmen seinen fachlichen Rat bei der Einrichtung von Be- und Entwässerungsanlagen in Anspruch, Metropolen wie Tokio oder Kairo luden Hobrecht ein.
In Berlin erinnert die Hobrechtbrücke über den Landwehrkanal, die Hobrechtstraße in Neukölln und die James-Hobrecht-Straße in Prenzlauer Berg an den berühmten Stadtbaurat. Zudem wurde das Berliner Stadtgut Hobrechtsfelde nach ihm benannt.

Quellen:


Weitere Links:


Einzelnachweise

  1. Paul Brock: Der Strom fließt, 1942, S.244 ff
  2. Wind, Sand und Meer: Die Kurische Nehrung, ein Buch der Erinnerung (Beiträge von Alfred Brust, Hansgeorg Buchholtz, Ludwig Goldstein, Walter Harich, Waltther Heymann, Ruth Kristekat, Fritz Kudnig, Rolf Lauckner, Gertrud Liebisch, Gerhard Litz, Franz Lüdtke, Paul Matthias, Agens Miegel, Ludwig Passarge, Martin Ludwig Rhesa, Walter Scheffler, Ernst Schütz, Manfred Sturmann, A.K.T. Thielo, Johannes Thienemann), Gräfe und Unzer Verlag München, 1955, S.37
  3. Fischer, Margarete: Zwischen Haff und See, Siebert Verlag, Oldenburg, 1952, S.6f
  4. Kakies, Martin: Elche am Meer, Berlin-Lichterfelde, um 1937, S.11f
  5. Karschies, Erich: Der Fischmeister, Zeitgeschichte-Verlag, Berlin (um 1940)
  6. Keyser, Charlotte: Von Häusern und Höfen daheim klingt es nach,F.W.Siebert, Oldenburg (Oldb), 1962
  7. Kurschat, Heinrich A.: Liebe zwischen den Fronten, in „Ostpreußische Liebesgeschichten“, Gräfe und Unzer, 1967
  8. Rudolf Naujok: Frau im Zwischenland, Adam Kraft Verlag Karlsbad und Leipzig, um 1940, S.6f
  9. Rudolf Naujok: Frau im Zwischenland, Adam Kraft Verlag Karlsbad und Leipzig, um 1940, S.45f
  10. Rudolf Naujok: Frau im Zwischenland, Adam Kraft Verlag Karlsbad und Leipzig, um 1940, S.58
  11. Bötticher, Adolf: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen, Heft V. Litauen, Königsberg 1895, S. 94
  12. Wind, Sand und Meer: Die Kurische Nehrung, ein Buch der Erinnerung (Beiträge von Alfred Brust, Hansgeorg Buchholtz, Ludwig Goldstein, Walter Harich, Waltther Heymann, Ruth Kristekat, Fritz Kudnig, Rolf Lauckner, Gertrud Liebisch, Gerhard Litz, Franz Lüdtke, Paul Matthias, Agens Miegel, Ludwig Passarge, Martin Ludwig Rhesa, Walter Scheffler, Ernst Schütz, Manfred Sturmann, A.K.T. Thielo, Johannes Thienemann), Gräfe und Unzer Verlag München, 1955
  13. Brock, Paul: Ostpreussen Geschichte und Geschichten, NWZ Verlag Düsseldorf, 1979
  14. Sudermann, Hermann: Das Bilderbuch meiner Jugend, Roman einer Zeit, Lindenbaum Verlag Beltheim-Schnellbach, 2009, (Schilderungen aus dem Jahre 1922)
  15. Sudermann, Hermann: Litauische Geschichten, Aufbau Verlag Berlin Weimar 1979, S.62ff
  16. Swars, Ewald: Die Geige, in „Ostpreußische Liebesgeschichten“, Gräfe und Unzer, 1967
  17. Wichert, Ernst: Eine litauische Geschichte, Deutsche Bibliothek des Ostens bei Nicolai, Berlin 1888, S.7ff
  18. Mortensen, Hans und Gertrud: Kants väterliche Ahnen und ihre Umwelt, Rede von 1952 in Jahrbuch der Albertus-Universität zu Königsberg / Pr., Holzner- Verlag Kitzingen/ Main 1953 Bd. 3, S.26
  19. Mortensen, Hans und Gertrud: Kants väterliche Ahnen und ihre Umwelt, Rede von 1952 in Jahrbuch der Albertus-Universität zu Königsberg / Pr., Holzner- Verlag Kitzingen/ Main 1953 Bd. 3, S.28
  20. Mortensen, Hans und Gertrud: Kants väterliche Ahnen und ihre Umwelt, Rede von 1952 in Jahrbuch der Albertus-Universität zu Königsberg / Pr., Holzner- Verlag Kitzingen/ Main 1953 Bd. 3, S.35
  21. Mortensen, Hans und Gertrud: Kants väterliche Ahnen und ihre Umwelt, Rede von 1952 in Jahrbuch der Albertus-Universität zu Königsberg / Pr., Holzner- Verlag Kitzingen/ Main 1953 Bd. 3, S.35
  22. Kurschat, Heinrich A.: Das Buch vom Memelland, Siebert Oldenburg 1968, S.186f
  23. Kurschat, Heinrich A.: Das Buch vom Memelland, Siebert Oldenburg 1968, S.189
  24. Joachim Lilla, Martin Döring und Andreas Schulz: Statisten in Uniform, 2004
  25. Kurt Forster, Christian Krollmann, Fritz Gause: Altpreußische Biographie, 1975
  26. Kurschat, Heinrich A.: Das Buch vom Memelland, Siebert Oldenburg 1968, S.158f
  27. Kaukas, Kostas: Rötliche Tautropfen am Haffesstrande, Mažosios Lietuvos Fondas, Klaipedos Rytas, Klaipeda 1996, S. 111 u. 114
  28. Kossert, Andreas: Ostpreussen, Geschichte und Mythos, Siedler, München 2005, S.18
  29. Pocytė, S.: Deutsch-litauische Beziehungen bei I. Simonaitytė in Annaberger Annalen 1998, S.118f [1]
  30. Schiller, Christiane: I. Simonaitytė und das Problem des Bilinguismus in Annaberger Annalen 1998, S.130 [2]
  31. Pocytė, S.: Deutsch-litauische Beziehungen bei I. Simonaitytė in Annaberger Annalen 1998, S.1f [3]
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