Alt Gertlauken

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Wappen der Kreisstadt Labiau

Alt Gertlauken

Bauerndorf im Forst Prusken
Kreis Labiau, O s t p r e u ß e n
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Landschaft im Norden von Alt Gertlauken


Hierarchie

Inhaltsverzeichnis

Das Oberforsthaus Neu Gertlauken (Foto 2011)

Einleitung

Die Nehne-Brücke in Alt Gertlauken

Alt Gertlauken ist weithin bekannt durch das Buch von Marianne Peyinghaus „Stille Jahre in Gertlauken“, in dessen Mittelpunkt eine junge Lehrerin steht, die während des Zweiten Weltkriegs 1941 – 1945 in der Schule von Alt Gertlauken ihre erste Berufserfahrung sammelt und sich darüber ihren Eltern in Briefen mitteilt.
Der Reiz ihrer Briefe, die sie ab November 1941 nach Köln schickt, liegt darin, daß sie Alltägliches berichten, von den kleinen Sorgen und Freuden mit den Schulkindern, die der Lehrerin zum 22. Geburtstag 166 Eier schenken, von den Dorffesten, den Jahreszeiten, den Radfahrten auf verschlammten Wegen, Spaziergängen im Wald und den Reisen nach Königsberg.

Das Buch erschien 1985. Die dreiklassige Schule, in die auch die Schüler von Groß- und Klein Gertlauken, sowie die aus dem Forstamt Gertlauken gingen, existiert noch in gutem Zustand und dient jetzt wohl als Bibliothek

Allgemeine Informationen

Ein Siedlungshaus in Alt Gertlauken (Foto 2007)

Der Name Gertlauken leitete sich ab von dem Prußen Gerte (pr. gert = trinken, Tabak schnupfen), der hier Land besaß.
Im Ortsnamen steckt auch das baltische Wort laũkas = „Feld“.

Tatsächlich liegt das Dorf inmitten riesiger Felder und Wälder, durch die,
gesäumt von Uferwiesen, die Nehne fließt.

Der russische Name Novaja Derevwnja (Новая Деревня) bedeutet „neues Dorf“.

Politische Einteilung

Kreiszugehörigkeit

Amtsbezirk Gertlauken

  • Am 09.04.1874 wird der Amtsbezirk Gertlauken Nr. 20 aus den Landgemeinden Alt Gertlauken, Alt Kirschnabeck und Leißen und dem Gutsbezirk Gertlauken, Forst 1 gebildet.
    Er wird vom Amtsvorsteher in Gertlauken verwaltet.
  • Am 03.06.1938 Umbenennung der Gemeinden:
  • Alt Kirschnabeck in Kirschbeck
  • Leischen in Hirschdorf.

Kirchliche Einteilung / Zugehörigkeit

Evangelische Kirche

Dreiklassige Volksschule in Alt Gertlauken, Kreis Labiau (Foto 2012)

Alt Gertlauken gehörte zum Kirchspiel Laukischken.
Zum Konfirmandenunterricht mußten die Mädchen und Jungen aus Gertlauken 10 km zu Fuß laufen.

Katholische Kirche

Alt Gertlauken gehörte zur katholischen Kirchengemeinde Labiau.
Die Heilige Messe wurde in Labiau in einer Kapelle in der Friedrichstraße gefeiert.

Geschichte

Gertlauken ist altes Siedlungsland. Bereits im Jahr 1402 fand es in einer Notiz des „Großen Ämterbuchs“ eine Erwähnung. Zu diesem Zeitpunkt lagen noch viele Hufen brach. Fünf Jahre später jedoch wurden bereits einige Zinseinkünfte aus Gertlauken notiert. Die Siedler waren Prußen und Litauer und so war es auch noch 200 Jahre später. Auf der Landkarte wurde Gertlauken aber erst 1701 aufgeführt.

Die umliegenden Wälder bestimmten die Arbeit vieler Dorfbewohner. Die Kohlenschwelerei, die seit alters her betrieben wurde, gab es auch noch nach dem Ersten Weltkrieg. In den 1930er Jahren existierten immer noch zehn Köhler. Daneben hatten sich in Gertlauken viele Handwerker niedergelassen. 1939 zählte man 788 Einwohner.

Nehne-Fluss

Nehne-Fluss bei Alt Gertlauken, Kreis Insterburg, Ostpreußen
Nehne-Brücke in Alt Gertlauken, Kreis Insterburg, Ostpreußen

Literatur

Bahnhof in Mauern

Brief von M. Peyinghaus
"Gertlauken, den 1. November 1941
Liebste Eltern!
Angelangt! Am ersten Wirkungsziel angelangt! Wie mag das enden? Doch ich will der Reihe nach erzählen. (...)

Mein Zug am nächsten Morgen ging um 7.31 Uhr. Drei Stationen mußte ich noch von Labiau aus fahren: Deimetal, Schelecken,
dann hielt der Zug in Mauern.
Stellt Euch unser Straßenbahnwartehäuschen auf dem Heumarkt vor, dann habt ihr den Bahnhof von Mauern. Zehn Meter entfernt führt eine schnurgerade Straße vorbei, die sich nach achtzig Metern im Wald verliert. Drei kleine Bauernhäuser am Rand der Straße, weit und breit nur Felder, ringsum Wald; er stößt am Horizont mit dem Himmel zusammen, einem weiten, unendlich hohen Himmel, an dem die Wolken jagen.

Ich sah den Zug abfahren und stand mit meinen drei Koffern und der Tasche allein da und fühlte mich sehr verloren. Es war kein Mensch da, nur ein Bauer schickte sich gerade an, seinen Pferdewagen zu besteigen. Bevor er entschwinden konnte, stürzte ich mich auf ihn und fragte nach Gertlauken, Ja, er müsse nach Krakau, da solle ich nur aufsteigen, das läge auf halbem Wege, da könne ich ein Stück mitfahren. Der Bauer lud mein Gepäck auf, schlug eine warme Decke über meine Knie und hängte mir einen schafpelzgefütterten Mantel um - der Wind pfiff nämlich ganz schön.

Bald kreuzten wir die geteerte Landstraße von Königsberg nach Tilsit und kamen durch ein größeres Dorf mit Namen Laukischken,
wo ich rechts das Dach eines Schlosses sah, vormals ein Jagdschloß des Großen Kurfürsten, der gern zur Auerhahnjagd hierher kam. Hinter Laukischken Felder, ein kleines Stückchen Wald und wieder Felder, weite Sicht, ein paar Biegungen, endlich ein neues Dorf - Krakau!
Buckliges Pflaster, mit Schilf gedeckte, weißgetünchte Häuser, die sich an die dunkle Erde schmiegen.

Der Bauer hatte inzwischen rausbekommen, daß ich das neue “Lehrfräulein” von Gertlauken war und fuhr mich auch noch die letzten fünf Kilometer bis zur Schule. Was er mir unterwegs erzählte, sah ich dann: Im Juni hatte in Gertlauken ein großer Brand fünfzehn Häuser eingeäschert. Die Ruinen stehen noch, es sieht trostlos aus. Der Brand war um Pfingsten durch einen Kohlenmeiler entstanden und hatte ganz seltsam gewütet. Hier und da stand mitten zwischen den Brandruinen ein heiles Haus, das er einfach übersprungen hatte. Die Leute sind fleißig beim Wiederaufbau, hausen in ihren Ställen oder bei Nachbarn.

Gertlauken liegt ungefähr in der Mitte zwischen Königsberg und Tilsit, von beiden Städten etwa sechzig Kilometer entfernt. Zwanzig Kilometer südlich liegt Wehlau, zwanzig Kilometer nordwestlich Labiau. In Friedenszeiten fuhr von Gertlauken täglich ein Omnibus nach Wehlau, doch jetzt im Krieg ist man auf sein Fahrrad angewiesen, denn die nächste Eisenbahnstation ist Mauern, zehn Kilometer weit weg.” [1]

Ortsbild

Ortsmitte von Alt Gertlauken, Kris Labiau

Von M. Peyinghaus
„Gertlauken ist ein langgezogenes Straßendorf. Aber die Häuser stehen mit Scheune und Stall ein ganzes Stück vom Nachbarhaus entfernt. Im Dorfmittelpunkt kreuzen sich zwei Straßen. An der einen Seite der Kreuzung steht der Krug, an der anderen Seite der einzige Laden. Die Landstraße kommt von Laukischken und Krakau und führt beim Krug im rechten Winkel nach Wehlau, wohin in Friedenszeiten eine Busverbindung besteht.

In Richtung Wehlau, über den Nehnebach hinweg, wohnt die Förstersfrau mit Namen Kippar. Etwas weiter steht am Waldrand das Haus des Oberforstmeisters, während im Wald, weiter nördlich und ganz versteckt, der kleine Dorffriedhof liegt. Geht man die von Laukischken kommende Straße am Krug vorbei, so wird sie immer schmaler, “landwegiger” und führt dann über Kuckers und Damerau nach Weidlacken.
Dagegen führt die Wehlauer Straße zur Post und endet kurz darauf im Wald.

Es gibt die Ortsteile Alt-, Neu-, Groß- und Klein Gertlauken, wobei mit Groß- und Klein Gertlauken lediglich zwei Forsthäuser bezeichnet werden. Viele Häuser von Neu Gertlauken liegen einsam im Wald versteckt.“

Bewohner

Straße zur Ortsmitte von Alt Gertlauken, Kris Labiau
Die Dorfschule in Alt Gertlauken

Von M. Peyinghaus
„In Gertlauken arbeiten die meisten Leute als Forstarbeiter im Wald. Aber auch die Kleinbauern mit ihren zehn oder zwanzig Morgen und etwas Pachtland, die im Sommer ihren Hof bearbeiten, sind im Winter im Wald, und man nennt sie hier “Holzrücker”. Frauen und Kinder helfen beim Bäumepflanzen.

Es gibt auch ein paar Handwerker: einen Ofensetzer, einen Stellmacher, Schuster, Bäcker, Fleischer und so weiter, sowie einen oder zwei Köhler. Größere Bauern mit neunzig oder hundert Morgen sind selten. Für die Waldarbeiter sind in der letzten Zeit freundliche Siedlungshäuser gebaut worden, dazu gehören etwa zwei Morgen Land, so dass jeder sein Schwein, seine Gänse, Enten, Hühner hält, mancher auch eine Kuh. Eine Lieblingsbeschäftigung ist die Imkerei. Einer besitzt an die hundert Bienenstöcke, die meisten haben zwei bis zehn.

Das 800-Seelen-Dorf Gertlauken ist ein Walddorf mit mehreren Förstereien, und König ist der Herr Oberforstmeister. Viele Familiennamen enden hier auf “at” wie Dannat, Struppat, oder auf “eit”, Schustereit, Nikoleit, aber auch auf “ke” wie Lemke, Liedtke. Doch auch so allgemeine Namen wie Schwarz, Beckmann und Neumann gibt es, während die mit der Endung “etter”, wie Scharfetter zum Beispiel (so heißt unser Oberforstmeister), österreichischen Ursprungs sein sollen.

Die Leute mit solchen Namen stammten von jenen Flüchtlingen aus dem Salzburger Land ab, die dort 1732 ihres evangelischen Glaubens wegen von den Bischöfen vertrieben wurden und vom Soldatenkönig in Ostpreußen aufgenommen wurden, wo das Land durch die große Pest 1709/11 sehr entvölkert war. Außerdem ließen sich in dieser Zeit viele Litauer in der Gegend nieder, und deshalb muß der Pfarrer in der Laukischker Kirche auch litauisch predigen.“

Schule

Von M. Peyinghaus
„Gertlauken besitzt eine dreiklassige Schule. Die eine Lehrkraft heiratete kurz vor dem Krieg und schied aus, und die beiden anderen, darunter der Hauptlehrer Stachel, wurden gleich zu Anfang des Krieges eingezogen. Die Kinder, 115 an der Zahl, hatten lange keine Schule. Dann unterrichteten Aushilfskräfte, dann war wieder frei, und seit dem 1. Oktober 1941 unterrichtet der Lehrer aus dem Nachbardorf drei Tage hier und drei Tage in seinem Dorf.

Die Schule ist ein massives dreigeschossiges Backsteinhaus mit drei Klassenräumen und der Wohnung für den Hauptlehrer. Das Gebäude wurde vom Brand an Pfingsten 1941 verschont. Es gibt Stromanschluß, eine Lehrer- und Hilfsbibliothek und noch ein kleines Mansardenzimmer unterm Dach.“

Das Ende des Krieges

Ein verlassener Hof in Miguschen an der Deime (Januar 1945)

Von Christel Beckmann
„Am 19. Januar 1945 bekamen wir den Befehl zur Flucht. In der Nacht haben wir unsere Sachen auf den mit zwei Pferden bespannten Wagen geladen. Oma war die Tapferste. Sie hat noch Puten und Hühner geschlachtet und Mutter und uns alle getröstet. Es sah wüst aus in den Stuben, in Küche und Speisekammer. Alles lag wild durcheinander, Federn, Hühnerköpfe, alte Kleider und sonstiges.

Unsere Tante Lina wollte nicht mit uns ziehen. Nachdem wir Abschied von ihr, von Haus, Hof und Vieh genommen hatten, machten wir uns auf den Weg.” So schrieb im Juni 1946 die 15jährige Christel Beckmann an ihre ehemalige Lehrerin Marianne Peyinghaus. Das Verhängnis traf die Menschen Ostpreußens im härtesten Winter seit Jahren. Es fror Stein und Bein, der Sturm heulte, Glatteis und Schneeverwehungen behinderten das Fortkommen auf den von Flüchtlingstrecks, Militärkolonnen, Panzern und Geschützen verstopften Straßen. Die Friedlichkeit und Kriegsferne Ostpreußens hatte sich in ein Inferno verwandelt.

Ein halbes Jahr später - wiederum in einem Brief an ihre ehemalige Lehrerin - zieht Christel Beckmann Bilanz:
“Wir haben Nachricht von Tante Lina aus Gertlauken. Hildegard Schustereit ist mit anderen Mädchen verschleppt worden und im Ural verstorben. Im Dorf sind fast alle alten Leute tot. Meine Cousine Ingrid Iwahn ist auch tot, ebenso Tante und Onkel Matschull, meine Schulkameradin Lotte Jakobeit und ihre Mutter, Lies Wallat und Eva Gronwald. Siegfried Schwarm ist ebenfalls verstorben, seine Mutter hat ihn im Straßengraben beerdigt. Herr von Cohs ist gefallen, Frau von Cohs ist ins Dorf zurückgekehrt und an Typhus gestorben. Ihre Kinder sind verteilt: Die kleine Franka ist bei Frau Kather, der eine Junge ist bei Frau Schwarm, der andere bei Frau Fröse. Meine liebe Cousine Herta wurde oft vergewaltigt, auch die anderen Frauen.

Die Bauernwirtschaften liegen brach. Das Land ist verwüstet, nur Disteln und Dornen. Alle müssen in Deimehöh arbeiten, auch Gertrud Beckmann und meine Cousine Herta. An Tieren haben sie nur noch Hunde, Katzen, Mäuse und Ratten. Weder Kuh noch Schwein noch Hühner. Alle haben ihre Sachen verloren, das letzte Bett, Kleidung, Schuhe, alles.
Sie haben nur noch die Lumpen, die sie auf dem Leibe tragen.” [2]


Bibliografie


nach dem Ort:

Karten

Umgebungskarte von Alt Gertlauken [3]




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Daten aus dem genealogischen Ortsverzeichnis

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Quellen

  1. Marianne Peyinghaus, Stille Jahre in Gertlauken, Goldmann, Berlin 1985, ISBN 3-442-12830-7
  2. Christel Beckmann an Marianne Peyinghaus, in „Stille Jahre in Gertlauken“, Goldmann, Berlin 1985
  3. Ausschnitt aus dem Messtischblatt Alt Gertlauken, Stand 1938


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