Jena/Entwicklung 1889-1912-4

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Hierarchie

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Am Zustandekommen des Kanalisationsstatuts war der spätere Bürgermeister Eduard Dornbluth nicht unwesendlich beteiligt gewesen. Die größten Schwierigkeiten und das meiste Kopfzerbrechen verursachte auch damals schon den Stadtvätern der „Nervus rerum“,das Geld. Die Stadt sah sich gewaltigen Ausgaben gegenüber, die ihr durch Schulen, Kanalisation, Straßenpflasterung, Wohltätigkeit verursacht wurden, und durfte diese doch nur nach Maßgabe ihrer Einnahmen vornehmen. Gewiß hatten sich die Einnahmen aus der Einkommenssteuer von Jahr zu Jahr gehoben; 1879 betrugen sie 62 000 M. und zehn Jahre später 50 % mehr, und unter den regelmäßigen Einnahmen der Kämmerei standen die Abgaben an erster Stelle, die aus dem Verdienste der Brauerei stammten. Zwar hatten die Universitätsdozenten seit langem auf ihren eigenen Braubetrieb verzichtet: die „Rosenbrauerei“ bereitete der städtischen Brauerei immerhin eine beachtliche Konkurrenz. Nach Auflösung der alten „ Braukommune“ ( 1853 ) hat die Felsenkellerbrauerei nur unrentabel gewirtschaftet, so daß man 1867 ernsthaft an einen Verkauf des Unternehmens dachte. Seit man aber 1883 in Kieslinger einen sehr fähigen Fachmann als Direktor angestellt hatte, hob sich der Ertrag und Verkauf von Jahr zu Jahr, und während man noch 1882 an die Kämmereikasse nur 3 000 M. abgeliefert hatte, konnte man ihr schon 1889 10 000 M. überweisen und im Jahr darauf sogar 17 000 M. Der Bierabsatz hatte sich von 1885 – 1888 von 7180 hl auf 16 5000 hl gehoben. Freilich war es für das Unternehmen nachteilig, daß es soviel von dem Reingewinn an die Stadtkämmerei abliefern mußte; während andere Brauereien den größten Teil ihres Reingewinnes zur Verbesserung ihrer Anlagen verwenden konnten, arbeitete die Brauerei in Jena dazu, das Soll und Haben des Stadthaushalts auszugleichen. Andere gewerbliche Unternehmungen der Stadt bildeten die Gasanstalt und das Wasserwerk. Das erste Gaswerk war 1862 gebaut worden; während aber die Bevölkerung jährlich nur um 3.4 % durchschnittlich gewachsen war, wies der Gasverbrauch eine jährliche Durchschnittssteigerung von 8.5 % auf. Im Jahre 1880 kamen nur 25.3 cbm Gas auf jeden Jenenser, 1890 aber 38.5 cbm, so daß also auch dieses Werk sich sehr bald als unzureichend erwies. Und das gleiche galt für die Wasserversorgung. Schon 1740 hatte man die Leutraquelle gefaßt; 1878 war die Hochdruckwasserleitung von Ammerbach angelegt worden. Zehn Jahre später aber erwarb die Stadt für 13 200 M. die im Mühltal gelegenen, 51 321 qm großen Hoffmannschen Grundstücke, um sie zur Wassererschließung auszuwerten. Auch für die öffentliche Fürsorge und Wohltätigkeit hatte die Stadt mancherlei getan. Für die Armen- und Krankenpflege hatte man drei Gemeindeschwestern angestellt, für weibliche Arme wurde ein Arbeitsnachweis auf dem Rathause errichtet, das städtische Arbeits- und Verpflegungshaus, wo Obdach- oder Erwerbslose und auch Arbeitsscheue ein Unterkommen fanden, war 1882 umgestaltet worden, das St.Nikolaus-, St.Jakob- und St. Magdalenenspital boten altersschwachen Leuten aus Jena und stiftungsgemäß auch aus Oßmaritz und Jenalöbnitz Aufnahme. Auch das Reichsgesetz über den Unterstützungswohnsitz hatte der Stadtgemeinde beträchtliche Unkosten verursacht, so daß sie von 1885 –1888 insgesamt 22 000 M. für die offene Armenpflege hatte zuschießen müssen. Und dabei überließ die Stadt sogar noch viel, sehr viel sogar der Privatwohltätigkeit, die damals so recht mit Liebe, Verständnis und Erfolg von dem Diakonus Dr. August Kind zentralisiert worden war. An erster Stelle kam hierfür der Zentralfrauenverein in Jena in Frage, der die Versendung von erholungsbedürftigen Kindern nach Bad Sulza, den Unterhalt der Kleinkinderbewahranstalt, der Industrieschule, der Spinnerei und Leinenanstalt besorgte. Daneben betätigte sich seit 1817 der Verein für sittlich-hilfsbedürftige Kinder, seit 1878 der Verein gegen Hausbettelei, seit 1881 die Herberge zur Heimat und endlich, für Jena ganz besonders wichtig, seit 1833 die Stiftungssparkasse, die seit 1869 jährlich ein Drittel ihrer Reingewinnes für öffentliche Zwecke für öffentliche Zwecke auswerfen mußte, und im ersten Jahrzehnt 1869-1879 zirka 34 000 M., im zweiten Jahrzehnt 1879-1889 281 122 M., außerdem aber noch 190 564 M. für das Gymnasium ausgeschüttet hatte.

Müßte es nicht überaus verlockend und reizvoll sein, in einer solchen Stadt, die derart mannigfache und mannigfaltige Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungssicherheiten bot. Stadtoberhaupt zu sein? Dr.Thieler verließ Jena am 31.August des Jahres 1889, ohne daß ein Nachfolger gewählt gewesen wäre. Man hatte allerdings am 15.Juli 1889 eine Bürgermeisterwahl vollzogen, und 657 Stimmen waren von 1162 Bürgern ( 71 % Beteiligung) auf den Stadtrat Schneider aus Grimmitschau abgegeben worden. Dieser aber war tags zuvor zum Bürgermeister von Pirna gewählt worden, so daß die Jenenser den Posten erneut ausschreiben mußten. Zu Bewerber meldeten sich, in engere Wahl kamen Regierungs...,Schmidt ( Eisenach ), Stadtrat Karras ( Kottbus ) und Gemeindevorstand Heinrich Singer ( Gohlis ),von denen letzterer am 19.September 1889 von einer Bürgerversammlung, die von Engel abgehalten worden war, als einziger Kandidat bezeichnet wurde. An der Wahl am 30. September beteiligten sich 74 % der Stimmberechtigten, und Singer wurde gegen Schmidt mit 765 gegen 75 Stimmen gewählt. Am 3. Dezember 1889 fand seine feierliche Einführung durch den Bezirksdirektor Carl Born aus Apolda im Rathaus statt. Für Singer hatte vor allem gesprochen, daß er in Gohlis ein Gemeinwesen hatte leiten müssen, das sich in den letztvergangenen Jahren unerwartet schnell entwickelt hatte, so daß man dem neuen Bürgermeister schon ein gewisses Maß an Erfahrung und Vorbereitung für die Aufgaben zutrauen mochte, die ihm hier entgegentraten. Während des Interregnums hatte der Gemeinderat wegen der Paradiesschule einen neuen Beschluß gefaßt: statt der beabsichtigten 18 klassigen Schule, die auf 192 000 M.veranschlagt war, sollte Cosack den Entwurf für eine 24 klassige Schule vorlegen, die man auf 240 000 M. berechnete. Die erste Aufgabe, der Singer mithin gegenübergestellt wurde, war der Haushaltsplan für das Jahr 1890. Selbstverständlich hatten die drei Wochen, die Singer im Amte weilte, nicht genügt, um irgendwie formend oder gestaltend hierauf einzuwirken : der neue Plan unterschied sich daher fast nur durch erhöhte Zahlen, nicht aber durch Anlage usw. von seinen Vorgängern. Bis zum 30.September 1912 ist Heinrich Singer an der Spitze der Stadtverwaltung geblieben. 1893 erhielt er die Dienstbezeichnung Oberbürgermeister, am 16. Dezember 1893 und am 12.Januar 1901 wurde er wiedergewählt, sein Gehalt allmählich von sechs- auf zehntausend Mark erhöht, zu Weihnachten 1901 verlieh ihm der Großherzog das Ritterkreuz des Falkenordens und 1908 wurde er Ehrendoktor der jenaischen Juristenfakultät.

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