Jena/Entwicklung 1889-1912-5

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Hierarchie

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Als hervorragendem Redner übertrug man ihm bei den Bismarck, Moltke, Sedankommersen die Festansprache, und im Juli 1891 fand er neben seinen aufreibenden und zeitraubenden Arbeiten noch Muße, den Schwarzenberg in Deorients „ Gustav Adolf“ zu spielen. Ein Bürgermeister ganz nach dem Herzen der Jenenser ; jovial im Amte wie abends im Freundeskreise, witzig, unterhaltend, schlagfertig, ein Freund der Natur und der Naturschönheiten der Stadt, die ihm dann bald lieb, bald zur wirklichen Heimat geworden ist. Ein Mann, der den großen Vorzug hatte, sich nicht für unfehlbar zu halten, der ehrlich Fehler eingestand, wo er sie begangen hatte, auch mit dem Strome schwamm, wenn er sich überzeugt hatte, daß er dagegen nicht ankam, und nie und niemandem nachtrug; versöhnlich, soweit es sich mit Amt und Würde vertrug. Der Tradition der Stadt und der Stadtverwaltung entsprechend, hielt es Singer für die vornehmste Aufgabe, dem Institut seitens der Stadt jede Förderung zuzuwenden, dem die Stadt bis dahin recht eigendlich ihre Bedeutung verdankte: der Universität, wenn gleich hierbei sein Einfluß natürlich nur beschränkt sein konnte. Aber wo die ............ der Hochschule auf die Hilfe der Stadt rechnen mußte, bei Neubauten, Vergrößerungen ihrer Institute, Aufrechterhaltung eines freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Akademie und Bürgerschaft, hat Heinrich Singer stets und unentwegt gefördert und geholfen. Bedeutete doch die Akademie mit ihren stetig wachsenden Besuche- Im Sommersemester 1904 der tausendste und im Sommersemester 1911 der zweitausendste Student- eine ganz gewaltige Finanzquelle für die Stadt : verdiente doch die Stadt an den 1200 Studenten im Jahre 1905 zirka zwei Millionen Mark, und an den vielen Neubauten, die in diesem Vierteljahrhundert durch die Hochschule in Jena errichtet worden sind, hatten auch die Jenaer Handwerker eine nicht unbeträchtliche Mehreinnahme zu buchen. Die Erweiterung der Universitätsanstalten begann schon 1890 mit dem chemischen Laboratorium, 1892 mußte die Bibliothek erweitert werden, 1898 wurde die Augenklinik und das pädagogische Seminar, 1902 das physikalische Institut, 1903 das Nahrungsmitteluntersuchungsamt, das pharmazeutische und das chemisch-technische, 1904 das hygienische und das mineralogische Institut eröffnet, 1905 die neue Nervenklinik, die Frauenklinik, 1907 das phyletische Museum und 1909 der Anatomieerweiterungsbau eingeweiht. Und dazu kam 1908 die Einweihung der neuen Universität, für die im Jahre 1900 die Carl-Zeiß-Stiftung eine halbe Million Mark gestiftet hatte, Dr.Winkler 100 000, die Stadtverwaltung 100 000 M und 1903 Dr.Gustav Fischer aus Anlaß seines Geschäftsjubiläums 100 000 M. bewilligten. Die „ Wucherei“ hatte sich ja schon längst als zu eng erwiesen; aus dem Wettbewerb, zu dem man am 15.Juli 1903 die Architekten Fischer ( Stuttgart ),Kaiser ( Berlin ),Großheim ( Berlin ), Hocheder ( München ),Hartung ( Dresden ) und Pützer ( Darmstadt ) aufgefordert hatte, ging am 9. Januar 1904 Theodor Fischer als Sieger hervor; am 22.Juni 1907 konnte das Richtfest gefeiert werden und im August 1908 fand die feierliche Einweihung des stattlichen Gebäudes statt. Während dieser Zeit waren aber auch Verhandlungen zwischen der Stadt und der Akademie zum Abschluß gekommen. 1902 wurde das Steuerprivileg der Dozenten im Prinzip abgeschafft und das mit eine Frage gelöst, die einst viel Murren, viel Unzufriedenheit, viel Verstimmung verursacht hatte. Für die Universität selbst bedeutete es eine wichtige Neuerung, daß vom 1.April 1902 ab Frauen auch als Hörerinnen in der philosophischen Fakultät und fünf Jahre später als Studentinnen in allen Fakultäten zugelassen wurden. Schon am 30.Juli 1904 hatte die Enkelin des Telegraphen Morse „ magna cum laude“ in Philosophie ihr Doktorexamen bestanden. Hielt sich die Zahl der Studentinnen zunächst auch noch in bescheidenen Grenzen, so hatte Jena doch endlich als letzte aller deutschen Universitäten ihnen den Zutritt ermöglicht. Das Verhältnis zwischen Student und Bürgerschaft blieb ungetrübt herzlich und freundschaftlich ; man sah ihnen manches nach, was man anderen Bewohnern nicht zugestanden hätte. Die Stadtverwaltung konnte Jahr für Jahr einen höheren Posten aus Strafgeldern in ihr Budget einstellen, und daß sie nicht kleinlich war, dafür stammt aus dem Jahre 1911 der launige Briefwechsel mit einem Burschenschafter, der um Nachlaß einer Geldstrafe ersuchte, da ihm das 25. Strafmandat zugegangen sei! Wichtigere Vorfälle karrikieren die Studenten in ihren witzigen Umzügen, von denen der „ Spittelkirchen „ Umzug ebenso die Billigung weiter Kreise der Bevölkerung fand wie der Teutenenumzug von 1911 auf ihr Verständnis rechnen konnte, als man ihnen verbot, ihre Tische auf den Bürgersteig zu setzen. Am 15.Februar 1911 fand die „ Himmelsziege“ ihr Ende, und Kämmer Karl, der Studentenwirt, der 70 000 M. Studentenaußenstände hinterließ, und Blumenröschen, die Ewig Jugendliche, haben ebenfalls in dieser Zeit ihr freudespendendes Dasein beendet.

Seite 6 Und bei dem einzig ernsten Zwischenfall dieser Jahre, als am 4. Januar 1902 Stud. Held von dem hiesigen Leutnant Thieme im Duell erschossen wurde, stand die Bürgerschaft ausnahmslos auf Seiten der Studenten, und sie empfand es als sehr unangebracht, daß der Offizier schon nach neun Monaten begnadigt, ja sogar nach Weimar, in Jenas unmittelbare Nähe, versetzt wurde. An Max Vollert hatte die Universität seit 1909 einen hingebenden Kurator, der sich um das Gedeihen der Hochschule wie sein Vorgänger unvergeßliche Verdienste erworben hat. Weit über alles Erwarten entwickelte sich in diesem Zeitraume die Optische Werkstätte von Carl Zeiß. 1891 bis 1903 bildeten Abbe, Siegfried Czapski und Otto Schott die Geschäftsleitung , nach Abbes Austritt Czaoski, Max Fischer, Schott und Straubel. Von 300 Arbeitern stieg die Zahl der Angestellten im Jahre 1912 auf 1000 , verdreizehnfachte sich also! 1894 wurde das zehntausenste photographische Objektiv, 1902 das fünfzigtausendste und 1911 das zweihundertfünfzigtausendste Handfernrohr hergestellt, 1909 das fünfzigtausendste Mikroskop. Gemäß der Satzungen der Carl-Zeiß-Stiftung erfüllte die Geschäftsleitung im Sinne ihres Stifters auch die Aufgaben, die außerhalb ihres eigentlichen Stiftungsbetriebes liegen; Sie ließ sich die Förderung der allgemeinen Interessen der optischen und feinmechanischen Industrie angelegen sein, schuf eine Menge von Anstalten und Einrichtungen, die der arbeitenden Bevölkerung Jenas zugute kommen, und förderte namentlich die naturwissenschaftlichen, mathematischen, soziologischen, hygiennischen und technologischen Studien und Institute unserer Universität. Daß Ernst Abbe diese Zuwendungen von der ausdrücklichen Bedingung abhängig machte, daß die volle Freiheit der Lehre und der Ausübung der staatsbürgerlichen und persönlichen Rechte den Dozenten erhalten bleiben müsse, versteht sich bei seiner ganzen Denkungsart von selbst. In Abbes Geiste haben seine Nachfolger Siegfried Czapski ( gestorben 29.Juni 1907) und Max Fischer fortan geschaffen und gewirkt,