Brieg - Stadt und Landkreis (1964)/Das bittere Ende

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Brieger auf der Flucht

Als der Bombenkrieg in West- und Mitteldeutschland einsetzte, wurde Schlesien zum Luftschutzkeller Deutschlands. Unzählige Evakuierte und Ausgebombte fanden in schlesischen Familien Aufnahme, so auch in der Stadt und dem Landkreis Brieg.

Die erste russische Bombe fiel in der Nacht vom 7. zum 8. Oktober 1944 am Bahndamm in der Nähe des Peppelparks. Getroffen werden sollte die Eisenbahn. Es war aber ein Blindgänger, und Schaden wurde nicht weiter angerichtet. Am 18. Januar 1945 fielen dann die ersten amerikanischen Bomben auf Brieg.

Am 19. Januar 1945 überschritt die dritte russische Gardepanzerarmee zwischen Rosenberg und Kreuzburg erstmalig die schlesische Grenze. Damit begann der Leidensweg der Bewohner Schlesiens.

Von der rechten Oderseite her durchflutete die fliehende Landbevölkerung die Stadt. In Brieg war es noch verhältnismäßig ruhig. Am 20. Januar veröffentlichte die Brieger Zeitung noch eine Bekanntmachung des Kreisleiters, wonach keine Gefahr für die linke Oderseite bestehe und die Lage sich gefestigt habe. Einen Tag später, am Sonntag, dem 21. Januar, begann aber schon mittags der Abtransport der Lazarettinsassen und abends die Evakuierung der Frauen, Kinder und Greise bei bitterer Kälte. Die Quecksilbersäule war auf minus 22 Grad gesunken. Hirschberg im Riesengebirge war als Auffanglager vorgesehen. Unzählige andere Flüchtlinge hatten diese Stadt aber schon überfüllt. Viele Brieger fuhren gleich weiter nach Mittel- oder Westdeutschland. In Dresden sind bei dem großen Bombenangriff noch viele Brieger umgekommen.

Der Kampf um Brieg

Das Infanterie-Ersatz Bataillon 360 wurde Mitte Januar 1945 in die Nähe von Namslau verlegt und Brieg zur Festung erklärt. Zur Verteidigung standen nur Verwundetenkompanien, das Pionier-Ersatz-Bataillon 8 und ein ungarisches Pionier-Bataillon, zur Verfügung. Am 19. Januar 1945 wurde der Volkssturm aufgerufen. Die gesamte Besatzung Briegs belief sich auf 6.000 Mann. Sie war aber mangelhaft ausgebildet und ausgerüstet. Es stand nur wenig Munition zur Verfügung, Verpflegung war genügend vorhanden.

Die vorbereiteten östlichen Stellungen wurden besetzt. Am 21. Januar drangen die Russen in Scheidelwitz ein, am nächsten Tag war bereits das ganze rechte Oderufer besetzt. Um Lossen entbrannten heftige Kämpfe, am gleichen Tage um 15.30 Uhr erfolgte bereits der erste Feuerüberfall auf Brieg und die ersten Übersetzversuche der Russen über die Oder. Die Beschießung der Stadt erfolgte nun aus nächster Nähe. Die Oderbrücke wurde zwar gesprengt, hatte aber nur einen Knick erhalten und war zu Fuß noch passierbar.

In der Nacht vom 23. zum 24. Januar erfolgte der Oderübergang bei Linden und Koppen. Dorf um Dorf fiel in russische Hand. Der Ring um Brieg begann sich enger zu ziehen. In der Nacht vom 25. auf den 26. Januar wurde der Fliegerhorst geräumt und der Flugplatz gesprengt. Allmählich begann sich nun auch eine Einbruchsgefahr von Süden her abzuzeichnen. Die Gefahr rückte immer näher, und am 4. Februar war der Ring um Brieg vollkommen geschlossen. In der Nacht vom 4. zum 5. Februar brannte es an allen Enden der Stadt, am gewaltigsten aber Dach und Türme der Nikolaikirche. Durch diesen Feuerschein war die Stadt hell erleuchtet.

Am 6. Februar 1945 um 7.20 Uhr hatte sich das Schicksal Briegs erfüllt. Brieg wurde den Russen nach hartem Kampf und unzähligen Opfern übergeben. Nach kurzem aber harten Kampf war die alte Piastenstadt zu etwa 30% zerstört.

Brieg wird noch einmal Festung

Quelle: Neuere Geschichte der Stadt Brieg

Um den zu erwartenden Einbruch russischer Armeen wirksam aufhalten zu können, hatte sich die Breslauer Parteiführung im Sommer 1944 entschlossen, auf der rechten Oderseite Auffangstellungen für die zurückweichenden deutschen Truppen bauen zu lassen "Unternehmen Bartold". Breite Panzergräben von 3 Meter Tiefe (Panzerfallen) und dahinter Grabensysteme und Einmann-Löcher für die Verteidiger. Dazu wurden weit aus dem Hinterland mit Eisenbahnzügen und anderen Verkehrsmitteln Arbeitskommandos aus Deutschen, Polen usw. herbeigeholt, die dann 4 Wochen in den benachbarten Dörfern untergebracht wurden, um - ohne Rücksicht auf Sonn- und Feiertage - zu schanzen. Aus der Strehlener Gegend fuhr z.B. ein Zug über Breslau nach Karlsmarkt, um eine Kolonne von 200 Mann die letzten 8 km zu Fuß nach Riebnig ins Quartier zu entlassen. Aus Brieg und anderen nahe gelegenen Orten wurden Tageskommandos (Büropersonal, Lehrer, ältere Schüler u. dergleichen) mit Spaten und anderem Gerät zum Arbeitsplatz gefahren und abends wieder abgeholt. Stand man mit den örtlichen Parteigrößen auf schlechtem Fuß, war man öfter oder auch dauernd bei einem solchen Kommando eingesetzt, wie es z.B. dem Verleger der "Brieger Zeitung" Dr. Martin KUBISCH, erging. Solange das Wetter schön war (bis in den November), war die Arbeit an frischer Luft sicher ganz angenehm. Dann wurden die Holzfällerkommandos gebildet, die arm- bis schenkeldicke Bäume fällen mußten, um die steilen Wände der Panzergräben vor dem Einfallen zu schützen. Dabei wurde in unserem Bereich der Lindener Oderwald ausgeforstet.

Nie ist eine sinnlosere Arbeit im Masseneinsatz geleistet worden! Denn als es so weit war, fehlte es an den Kampftruppen, die diese Stellungen hätten besetzen können. Was der Gefangenschaft entging floh damals gleich bis zum Sudetenland, um sich dort neu zu formieren. Man kann aber annehmen, daß auch im Ernstfall dieses Stellungssystem kaum länger als einen Tag standgehalten hätte.

Zum Kampfkommandanten von Brieg wurde Oberst KNITTER bestimmt, der zunächst die Schanzarbeiten zwischen Schurgast und Ohlau einteilen und zu beaufsichtigen hatte. Zu ihm stieß am 11.9.1944 gerade von seiner Verwundung genesen, Hauptmann PIETRUSZKA als sein Adjutant. Die zugewiesene Dienststelle, drei vollkommen leere Räume (und ohne die geringsten Schreibutensilien!) in der TIEDE-Kaserne, wurde bei wachsendem Personal allmählich zu eng, so daß man schließlich Anfang Januar 1945 die Räume der "Wehrmachtsfürsorgestelle" in der benachbarten Sedanstraße bezog.

Nachdem man seitens der Parteistellen die Bevölkerung durch Propagandaphrasen und Verheimlichung der wahren Tatsachen lange Zeit hingehalten hatte, traf die Bevölkerung am 19.1.1945 (dem Tage, an dem eine russische Panzerarmee bei Kreuzburg die schlesische Grenze überschritt) die Einberufung des "Volkssturms" wie ein Keulenschlag. Um 22 Uhr wurden alle waffenfähigen Männer bis 60 Jahren (darunter viele Jugendliche) ins Bergel bestellt, wo schon ein großes Strohlager vorbereitet war. Um Mitternacht ging es zum Waffenempfang zum Stiftsplatz. Die Gesichter wurden zusehends länger, als ihnen alte französische Beutewaffen ausgehändigt wurden (MG, die keiner bedienen, Gewehre, die man nur mit einer Patrone laden konnte, Seitengewehre, die der Requisitenkammer eines Theaters zu stammen schienen!). Noch in der gleichen Nacht siedelte der Volkssturm ins Minoritenkloster (Feuerwehrdepot) über und blieb dort bis zum 23.1.1945.

Nachdem in der Nacht vom 7./8.10.1944 ein verirrter russischer Flieger schon einmal eine Bombe am Stadtpark in der Nähe der Bahngeleise verloren hatte (Blindgänger) und Mitte Januar 1945 ein amerikanischer Bomberverband im Reihenwurf den östlichen Stadtteil getroffen und einige Häuser in Brand gesetzt hatte, war Brieg bisher noch gut weggekommen! Obwohl die Bauerntrecks der rechten Oderseite, die ab 19.1. ohne Unterlaß über die Oderbrücke fuhren, schon eine Vorahnung des Kommenden boten, gaben die Parteiorganisationen nach wie vor beruhigende Erklärungen ab: "Vorsorgliche Räumung der rechten Oderseite. Für Brieg keine Gefahr!" Alles hoffte noch auf die versprochenen "Vergeltungswaffen" und später auf die sagenhafte Armee SCHÖRNER. Aber schon zwei Tage darauf (Sonntag, 21.1.) wurden mittags die Lazarettinsassen und technisches Personal aus der kriegswichtigen Industrie abtransportiert. Am späten Abend kamen die Blockwalter in alle Häuser und bestellten Greise, Frauen und Kinder für den nächsten Morgen 5 Uhr ins Bergel, um sie per Eisenbahn aus der Schußlinie zu bringen (Nur eine vorsorgliche Maßnahme. In zwei, höchsten drei Wochen seid ihr wieder daheim!) Aber es klappte nicht so recht. Zu Mittag umlagerten immer noch Hunderte den Bahnhof. Da machten sich die anderen Kolonnen mit vollgepackten Schlitten, Handwagen und Kinderwagen in Richtung Norden oder Westen zu Fuß auf den Weg, bei der beißenden Kälte (um -20 Grad) ein bejammernswertes Bild. Der den Briegern zugewiesene Kreis Hirschberg war bald überfüllt, und viele zogen weiter zu Verwandten und Bekannten in Deutschlands Mitte und Westen. Viele kamen bei dem vernichtenden Fliegerangriff auf Dresden (21.2.1945) um.

Mitte Januar war das Brieger Ersatz-Bataillon in die Namslauer Gegend verlegt worden. Die etwa 6.000 Mann, die dem Kampfkommandanten unterstanden, setzten sich zusammen aus dem Pionier-Ersatz-Bataillon 8 und einem Brieg unterstellten ungarischen Pionier-Bataillon, ferner aus einigen Verwundeten-Kompanien, allen zufällig im Kreis Brieg sich aufhaltenden und auf dem Bahnhof aufgefangenen Urlaubern (darunter auch Marinesoldaten), einer Polizei-Einheit, dem Postschutz und dem Volkssturm. Der letztere war natürlich mangelhaft bekleidet und zunächst schlecht bewaffnet (die später ausgegebenen deutschen Karabiner samt 30(!) Schuß Munition waren auch nicht sehr wirkungsvoll!). Auch die paar im Stadtpark aufgestellten Geschütze litten schwer unter Munitionsmagel. Nur die Verpflegung hätte noch viele Monate gereicht!

Am 23.1., nach 15 Uhr, begannen die Russen mit dem Artilleriebeschuß, der bis zum 6.2. nicht mehr aufhören sollte. Am 27.1. gab es einen schweren Fliegerangriff. Weite Teile der Stadt, besonders in der Altstadt, wurden in Trümmer gelegt. Viele Brände entstanden, die in der Nacht oft ganze Stadtteile hell erleuchteten. So brannte sehr früh der Oderflügel des Schlosses und in der Nacht vom 4. zum 5.2. auch das Dach und die Turmhauben der Nikolaikirche. Bereits am 23.1. hatte ein Zufallstreffer die an der Oderbrücke angebrachte Sprengladung entzündet. Die Brücke war aber nur eingeknickt und noch begehbar und mußte scharf bewacht werden.

Im Schutze des Oderwaldes hatten sich die Russen schon am 23.1. bis an die Oder herangearbeitet und gegenüber dem dort verteidigenden Büropersonal des Luftgaukommandos Breslau einen Brückenkopf gebildet. Ganze Stapel von frisch geschlagenem Bauholz für die Bartold-Linie, die noch am Waldrand lagen, halfen ihnen beim Brückenbau, und bald rollte auch schweres Material auf das linke Ufer. Zwar gelang es unseren Pionieren noch einmal, die Brücke zu sprengen (sie ließen einen Kahn mit einer Sprengladung gegen das Bauwerk treiben), doch war sie im NU wieder aufgebaut. Eine in Linden selbst eingesetzte Pioniereinheit vermochte den Feind zwar noch einmal aus dem Dorfe zu werfen, doch stießen die Russen bald danach über Briesen und Heidau nach Rathau und Grüningen vor und reichten in den nächsten Tagen einer anderen Abteilung die Hand, der es gelungen war, auch bei Koppen den Übergang über die Oder zu erzwingen. Das Tapfer kämpfende 1. Volkssturm-Bataillon unter Hauptmann WEISER konnte dem mit schweren Waffen kämpfenden Gegner auf die Dauer nicht standhalten und zog sich über Schönau und Paulau kämpfend auf Brieg zurück. Die Russen hatten es besonders auf die Zuckerfabrik NEUGEBAUER abgesehen, doch hielten deren Verteidiger bis zum letzten Tage tapfer aus!

Am 25.1. gelang es noch, mit einem letzten Zug etwa 150 Alte und Kranke aus dem Marienstift und dem Keller des Lyzeums aus Brieg in Richtung Strehlen, Glatz und Waldenburg fortzubringen, bevor das Stellwerkhäuschen an der Briegischdorfer Unterführung und die wichtigsten Weichen des Bahnhofs gesprengt wurden. Die letzten 50 - 60 Kranken des Marienstifts konnten Brieg mit Traktoren im Schutz der Nacht verlassen und wurden nach Reichenbach u. E. gebracht. Am gleichen Tage (25.1.) wurde auf Befehl des Luftgaukommandos VIII der Fliegerhorst Brieg nach Faulbrück bei Reichenbach u. E. verlegt. Die Anlagen des Hermsdorfer Flugplatzes aber wurden ebenfalls in der Nacht zum 26.1. gesprengt.

Die Kampfkommandantur, inzwischen anscheinend von den Russen ausfindig gemacht, mußte jetzt von der Sedan Straße mehr ins Zentrum, in die NEUGEBAUER-Villa an der Feldstraße, verlegt werden. Auch diese erhielt mehrere Artillerietreffer, doch war der Luftschutzkeller gut ausgebaut. An den in der Gegend von Mollwitz brennenden Dörfern konnte man erkennen, das die Stadt nun auch von der Südseite eingeschlossen war! Die traditionelle Führerrede zum 30. Januar brachte nichts Neues und wenig Trost. Am 1.2. setzte schlagartig Tauwetter ein, was die Stimmung in der Truppe nicht gerade hob.

Die Fernsprechleitungen konnten jetzt schon nicht mehr benutzt werden, da durch sie bereits russische Worte vernehmbar waren. Nur durch verschlüsselte Funksprüche war man noch mit der Außenwelt verbunden. Ein solcher kündigte am 4.2. mittags für den folgenden Morgen den Durchbruch zweier Divisionen von Neiße her an, und Tatsächlich ließ am 5.2. zunehmender Geschützdonner aus südlicher Richtung noch einmal die Herzen höher schlagen. Man hatte sich allerdings zu früh gefreut, da nur eine Division verfügbar war, deren Angriff aber stecken blieb. Ein neuer Funkspruch verhieß den Abwurf von Artilleriemunition durch Flugzeuge noch im Laufe des 5.2., doch kam es auch dazu nicht mehr. Schließlich wurde die Besatzung aufgefordert, am 6.2. selbst den Ausbruch zu wagen. Alle Verwundeten, die dem Feind nicht in die Hände fallen sollten (etwa 600 an der Zahl), wurden noch am Abend des 5.2. auf Fahrzeuge verladen. Alle Proviantlager, die dem Feinde nicht in die Hand fallen sollten - das Heeresverpflegungsamt war in einem Gebäude der Firma T.T. HEINZE untergebracht, und auch im Bergelsaal hatte man Lebensmittel eingelagert -, wurden den Flammen übergeben, was diese Nacht mit all den anderen brennenden Gebäuden besonders schaurig machte. Alle verfügbaren Kräfte versammelten sich jetzt in der Gegend der Feldstraße.

Am östlichen Ausgang der Feldstraße, in Richtung Bahnhof, stand ein gepanzertes Sturmgeschütz, wohl das letzte intakte, und sollte gleich beim geplanten Ausbruch die Führung übernehmen, als es aus Richtung Schüsselndorfer Unterführung durch eine russische Panzergranate getroffen wurde und anschließend ausbrannte. Da der Kampfkommandant - es war gegen 23 Uhr - in dieser Richtung starke feindliche Kräfte vermutete, entschloß er sich, kehrt zu machen und den Ausbruch in westlicher Richtung (nach Tivoli) zu versuchen, was ihm - allerdings nur mit 600 Mann - auch gelang. Weitere 200 deutsche Soldaten sollen sich bei dem 25 km langen Marsch in die Freiheit dann als Versprengte noch angeschlossen haben. Das Ganze scheint sehr hastig und unorganisiert vor sich gegangen zu sein, sonst hätten am anderen Tage nicht 2.800 deutsche Soldaten in Gefangenschaft geraten können, von denen einige von dem neuen Entschluß des Obersten KNITTER angeblich gar nichts gewußt haben, sogar sein eigener Adjudant nicht.

Einer weiteren Gruppe von 120 Mann unter Führung eines gebürtigen Briegers gelang es, aus dem Kessel herauszukommen (Schleichweg Neißer Straße - Schrebergärten - Oppelner Bahnstrecke - evangelischer Friedhof - Alzenau). In der zweiten Nacht liefen sie leider bei Grottkau den Russen in die Hände und wurden fast völlig aufgerieben.

Während sich Adjudant PIETRUSZKA, das Heft jetzt in die Hand nehmend, mit dem pensionierten Oberst REIMANN und zwei Majoren beriet, was zu tun sei, war ein tags zuvor in Gefangenschaft geratener Polizeioffizier mit einer schriftlichen Aufforderung ins deutsche Hauptquartier geschickt worden. Es war die für den 6.2., früh 8 Uhr, befristete Übergabe-Aufforderung der Russen, von denen übrigens keiner als Parlamentär mitgekommen war. Den Deutschen wurden übertrieben gute Bedingungen eingeräumt (die dann nicht eingehalten wurden). Sollten sie nicht darauf eingehen, würden die Russen auf den, den Deutschen noch verbliebenen Stadtteil ein konzentriertes Feuer richten.

In diesem Augenblick erschien auch der SA-Standartenführer FRECKMANN als stellvertretender Kreisleiter (Kreisleiter WERLITZ hatte sich kurz vor der Einschließung auch noch schnell abgesetzt, weil er angeblich außerhalb Briegs "dienstlich" zu tun hatte) und machte sich stark die Stadt unter seinem Kommando zu verteidigen, wenn die anwesenden Offiziere auf die russische Forderung eingingen. Er wurde von diesen im Hinblick auf die aussichtslose Lage zurechtgewiesen und schwankte - nicht ganz nüchtern - hinaus. Bestimmungsgemäß jetzt noch hinzugezogene Unteroffiziere, Soldaten und Volkssturmmänner waren sämtlich für sofortige Übergabe. Diese wurde von PIETRUSZKA angeboten und um 7.20 Uhr vollzogen.

Tagsüber standen die etwa 2.800 Gefangenen bei leichtem Regen in einem Hof in der Hindenburgstraße und marschierten am 7.2. bei denkbar schlechten Wegverhältnissen (oft mitten durch den Nachschubverkehr der Russen) über Grüningen und Heidenau nach Linden, sodann über die von den Russen erbaute Brücke über die Oder. An vielen im Eise liegenden Stämmen war zu erkennen, das unsere Pioniere die erste Brücke mit Erfolg gesprengt hatten. In Neu Limburg gab es die erste warme Verpflegung aus einem Jauchewagen, was am Geschmack deutlich erkennbar war. Dort wurde Hauptmann PIETRUSZKA eingehend verhört. Eine Dolmetscherin fragte ihn, warum Hitler eigentlich den Krieg mit Rußland angefangen hätte, wo doch jedes deutsche Dorf schöner sei als die russischen Städte. Während der traurige Zug über Scheidelwitz, Leubusch, Mangschütz, Kronstadt und Kreuzburg ins Lager Dochhammer (5 km hinter Kreuzburg) marschierte, wo er am 11.2.1945 ankam, wurde PIETRUSZKA abgesondert und unterwegs weiter verhört. Im Gefangenenlager bei Tschenstochau traf er die Kameraden wieder, doch wurden dort die Offiziere streng von den übrigen Gefangenen getrennt. Dann trennten sich auch die Wege der meisten Brieger.

Sorgfältig gesammelte Nachlaßsachen der gefallenen Verteidiger Briegs konnten natürlich den Angehörigen nicht mehr zugestellt werden, so daß sie als verloren angesehen werden müssen. So sei nun dieses Kapitel abgeschlossen. Es hat also für Kurze Zeit wieder einmal eine "FESTUNG BRIEG" gegeben, doch muß man diese Bezeichnung - gelinde gesagt - als Hochstapelei betrachten, wenn wir an die Festung zurückdenken, die Friedrich der Große einmal erobern mußte; denn ihr fehlte 1945 auch alles, was diesen anspruchsvollen Namen gerechtfertigt hätte!


Diese Seite enthält Text des Buches »Brieg - Stadt und Landkreis«, herausgegeben von der Stadt Goslar zum 10. Treffen der Brieger in Goslar im September 1964. Abgeschrieben von Hermann Hosp aus D-54516 Wittlich in Rheinland-Pfalz. Überarbeitet und umgesetzt in HTML-Code durch Dr.-Ing. Frank Knorr aus D-03185 Teichland, OT Maust in Brandenburg.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Stadt Goslar vom 8. Mai 2001.
Früher war dieser Text auf der alten Regionalseite www.genealogy.net/reg/SCI/Brieg/st-kr/stbrieg5.html zu finden.
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