Australische Auswandererbriefe (1934)/20

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Der Heimat Bild“ - Australischen Auswandererbriefen nacherzählt von Walter Fläming
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Der Heimat Bild Flaeming 1934.djvu
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Dann gebt doch einen guten Bekannten für uns folgende Sachen mit: eine gute, neue Bibel und ein paar eiserne Tiegel mit Füßen; das verpackt in eine feste Weidekiepe. Wir bezahlen es Euch mit herzlichem Dank.

      In Hamburg sollen sie sich beim Geldwechseln nicht übers Ohr hauen lassen. Geht in die Wechselstube, da wird man nicht betrogen. 1 Pfund ist ein Stück Geld von 6 Thuler 20 Silbergroschen Wert. Wir haben mit den Wechselgefällen 6 Taler 23 Silbergroschen gegeben, also 3 Silbergroschen Wechselgeld. Dieses Gold, wie auch alles Silber, hat englisches Wappen und Bild. Die Schrift kann man ja bald lesen. Schlimm ist es auch nicht, wenn man ein paar Thaler preußisches Geld bei sich behält; es gibt ja auch auf dem Schiff noch allerlei zu kaufen. Am Ende der Reife nehmen es die Matrosen ab, die dafür englisches Geld geben.

      Nun grüßt auch Christian Jerichow, jung und alt, Peter Leue, Heinrich Haug mit allen seinen Kindern, Wilhelm Köhler mit Frau und Kindern, Schneidermeister Kurl Taege, Friedrich Schadack, Christoph Dieter, Christian Schulze, Gottfried Ranke, Tuchmachermeister Köhler in Ziesar, die Muhme Seidler aus Altenplathow mit ihren Kindern, Johann Siegel aus Tucheim und den Kaufmann Meinecke in Ziesar. Dessen Frau meinte, in Australien wuchsen die Kinder aus wie die Pflanzen im Keller, lang und schwach. Aber die Australierkinder sind alle rot und stark und so munter, wie sie nicht mal in Deutschland waren. Unser kleiner Fritz ist ein tüchtiger Kerl geworden. Und wenn wir Sonntags nach der Kirche mit den anderen Landsleuten zusammentreffen, sollt Ihr bloß sehen, wie schnellbeinig sie beim Zeckspielen und beim Ringelreihen find. Und wenn dann die Mädel anfangen zu singen: „Mariechen sitzt auf einem Stein“ oder „Wir ziehen durch, durch die goldne Brücke“, dann spielen sogar wir Alten im Kreis mit. Das ist immer so schön, man bloß, unsere Frauensleute kriegen dabei immer nasse Augen. Und das ist nicht gut für einen frischen Australfarmer, wenn ihm dann auch ein heißer Kloß den Hals hinaufsteigt.

Zwanzig Jahre auf eigener Farm

den 20. Mai 1872

Lieber Bruder, liebe Freunde!

      Daß Ihr unsern guten Vater um Weihnachten zur ewigen Ruhe bestattet habt, hat uns doch erschüttert. Habt vielen Dank für die Zeitungen aus den Jahren 70 und 71 und das schöne Kriegsbuch. Unser Fritz, der jetzt schon 20 Jahre alt wird, kennt es fast schon auswendig. Und unser kleiner Wilhelm - er ist jetzt 12 Jahre alt - spielt seit Monaten Sonntags und nach der Schule mit seinen Kumpanen nichts weiter als Deutscher und Franzos. Ich lese da, daß auch die Generäle von Wartensleben eine große Rolle gespielt haben. Sind das etwa die Herren auf Karow am Fiener? Darüber mußt Du mir noch mal ganz ausführlich schreiben. Dem Wilhelm Matthes aus Paplitz seinen Brief, wo er von 1864, 1866 und 1870/71 erzählt, hat mir der Pastor abgebettelt. Schön ist es, daß sie hier in der Schule nun auch die schönen Lieder singen, die Wacht am Rhein und Deutschland über alles. Das hätten wir um 1848 doch nicht gedacht, daß es mit Deutschlands Einigkeit noch was würde. Der Bismarck-Schönhausen muß doch ein Deibelskerl sein. Wenn wir mit andern englischen Nachbarn von diesen Dingen reden, so macht uns eins immer Spaß. Dann machen wir ihnen ganz deutlich klar, daß wir in Deutschlund ganz nahe bei Schönhausen gewohnt haben. Jedesmal gibt es bei ihnen die gleichen großen Augen; und ein schneeweißer Engländer sagte allen Ernstes: „Bismarck ist ein Square-head wie Ihr; das macht die gleiche Luft, die Ihr geatmet habt.“ Square-head ist der Schimpfname für uns Deutsche hier. Er ist aber gar nicht so böse gemeint und bedeutet Dickschädel, Querkopf, Quadratschädel oder so ähnliches. Daß er nicht zum Ekelnamen wird, darauf passen wir schon selber.