Herforder Chronik (1910)/265

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Herforder Chronik (1910)
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wie sie sich noch gern nannte, ein glänzendes Hofleben. Viel mehr aber als der äußere Glanz dieses Aufenthalts an dem immerhin kleinen Hofe trug ein anderer Umstand dazu bei, der jungen Seele Elisabeths die fruchtbarsten Eindrücke zu vermitteln. Die Mutter nämlich, so eitel sie auch in ihrer Prunksucht erscheint, geizte doch nach der Ehre, einen durch geistigen Glanz hervorstechenden Hofhalt zu führen, und infolge ihrer Anteilnahme an allen geistigen Bestrebungen und Bewegungen ihrer Zeit scharten sich Männer der Kunst und Wissenschaft um sie. Da war es denn kein Wunder, wenn in solcher Umgebung die allem Höheren geöffnete Seele des Fürstenkindes reichste Nahrung aufnahm. Ihr Sinn neigte schon früh dahin, die oberflächlichen Zerstreuungen des Hoflebens gering, die tiefergehende Beschäftigung mit den Wissenschaften für das Höchste zu achten. Alle Beschreiber ihres Lebens stoßen in dieser Beziehung gewaltig in die Ruhmesposaune, aber wenn wir auch manches für übertrieben erachten, so haben wir doch keinen Anlaß, das Zeugnis ihrer Zeitgenossen anzutasten, welche ihr für ihre jungen Jahre eine staunenswerte Fülle von Kenntnissen beimessen. Sie habe, so sagen sie, das Griechische und Lateinische, die Sprache der Gelehrten, mit Leichtigkeit gesprochen, nicht weniger auch die in ihrem Verkehr bei Hofe erforderliche französische, spanische und italienische Sprache beherrscht. Selbst mit Hebräisch und Arabisch sei sie vertraut gewesen.

Vorzügliche Lehrer müssen ihr zur Seite gestanden haben, welche sie in die höhere Mathematik und in die Naturwissenschaften einführten. Nicht genug damit soll sie sich außer mit den aufgezählten wissenschaftlichen Dingen auch noch mit der Musik, mit Bildhauerei, Holzschneide- und Kupferstechkunst beschäftigt haben. Wir wissen nicht, welchen Grad der Vollkommenheit sie in diesen Künsten erreicht hat, fest steht aber, daß sie zu den gebildetsten und geistvollsten Fürstentöchtern damaliger Zeit gezählt worden ist.

Und zu alledem tritt ihre tiefe Gottesfurcht, zu welcher ihre fromme Großmutter Juliane von Oranien den festen Grund gelegt hatte. So unerschütterlich fest stand sie im evangelischen Bekenntnis, daß sie der glänzenden Verlockung, als Gemahlin Wladislaws den polnischen Königsthron zu besteigen, widerstand, um nur nicht den durch solche Verbindung geforderten Glaubenswechsel vollziehen zu müssen.


Unter der Schar der Gelehrten und Künstler am niederländischen Hofe trat der jungen Prinzessin zum ersten Male jene weibliche Erscheinung entgegen, welche infolge ähnlicher trüber Lebensschicksale, gleichen umfassenden Wissens und ruhelosen Wahrheitsdranges wie keine andere vorher bestimmt schien, zu ihr in ein herzliches Freundschaftsverhältnis zu treten, welches erst an Innigkeit einbüßte, als die verschiedenen Lebenswege und die Ungleichheit der religiösen Anschauungen sie trennten. Diese merkwürdige Freundin Elisabeths war

Anna Maria v. Schurmann (spr. Schürmann).

Auch deren Jugendzeit war voller Drangsale gewesen. Ihre Eltern mußten das Vaterland, die Niederlande, wo sie begütert waren, verlassen, als vor dem