Deutsche und französische Kultur im Elsass/072
aus GenWiki, dem genealogischen Lexikon zum Mitmachen.
| GenWiki - Digitale Bibliothek | |
|---|---|
| Deutsche und französische Kultur im Elsass | |
| Inhalt | |
| <<<Vorherige
Seite [071] |
Nächste
Seite>>> [073] |
| korrigiert | |
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Bevor dieser Text als fertig markiert werden kann, ist jedoch noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. | |
der Arbeitermassen an der Partei auf der festen Überzeugung, dass
die Notwendigkeit des Untergangs der bestehenden
Gesellschaftsordnung „wissenschaftlich bewiesen" sei. Während der
französische Sozialismus seine Ansprüche in der Hauptsache noch aus
den Menschenrechten ableitet, stellt die deutsche Sozialdemokratie
ihre Forderungen nur als das Resultat einer höheren Einsicht in die
naturnotwendige soziale und wirtschaftliche Entwickelung hin. In
beiden Völkern ist dieselbe Bewegung mit ähnlichem Endziel aus den
gleichen Übelständen hervorgegangen. Aber der Franzose rechtfertigt
die Bewegung vor dem Richterstuhl des gesunden Menschenverstandes
(bon sens) mit dem Recht des Menschen, der Deutsche will sie vor
der ihm höchsten Instanz, der Wissenschaft, als naturnotwendig und
darum berechtigt erweisen.
Höchst eigentümlich ist die Stellung der Kunst zu dieser nationalen Geistesbildung. Gewiss sind die grossen deutschen Dichter und ihre Werke ohne diese Geistesbildung nicht denkbar. Ein Lessing, ein Goethe, ein Schiller, ein Jean Paul, ein Richard Wagner stehen mit ihren Werken auf dem Fundament dieser Geistesbildung. Aber es ist ein Beweis für ihre dichterische Kraft, dass sie in ihren Werken das schulmässige Wissen überwunden haben, während der „gelehrte" Dichter Frankreichs, Emile Zola, als Dichter seinem Wissen unterlegen ist. Dagegen ist die bildende Kunst in Deutschland durch die schulmässige Geistesbildung gehemmt und in falsche Bahnen geleitet worden. Ohnehin besitzt der Deutsche den Formensinn und die Kraft der bildnerischen Wiedergabe des sinnlichen Eindruckes nur in beschränktem Masse. Das schulmässige Wissen und die gelehrte Reflexion haben bei Künstlern und Publikum die Naivität sinnlicher Empfänglichkeit noch weiter zurückgedrängt.
Bei diesem allgewaltigen Einfluss der schulmässigen und gelehrten Geistesbildung auf die deutsche Nation ist es nicht zu verwundern, dass diese Bildung auch bei der sozialen Gliederung des Volkes wirksam ist, ja förmlich als klassenbildende Kraft erscheint. Zu den Geburtsständen und Berufsständen treten in Deutschland als weitere soziale Klassen die Gebildeten und die Ungebildeten. Jedoch lässt sich bei genauerer Beobachtung auch eine feinere Gliederung in Hochgebildete, Durchschnittsgebildete, Halbgebildete und ganz Ungebildete durchführen. Diese soziale Funktion der Bildung ist in gleicher Stärke in den übrigen Ländern, besonders in Frankreich, nicht vorhanden. Auch sie beruht auf der schulmässigen Natur der Geistesbildung. Als solche ist diese Geistesbildung nicht jedem zugänglich. Nur ganz bestimmte, scharf abgegrenzte Kreise der Nation
- Bildunterschrift:
- CH. SPINDLER: Bäuerin aus der Umgegend Strassburgs.
