DAGV/Arbeitsgruppe Probleme der Genealogie/Erfurt-2002

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Deutsche Arbeitsgemeinschaft genealogischer Verbände e.V. (DAGV)
Sitz Stuttgart, gegründet 28./29. Mai 1949
in der Nachfolge der „Arbeitsgemeinschaft deutscher familien- und wappenkundlicher Vereine“, gegründet 29. November 1924.

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Thema: "Ziele und Aufgaben der DAGV für das kommende Jahrzehnt" 16 März 2002
Der Arbeitskreis „Probleme der Genealogie", der - wie auf den Genealogentagen in Zürich und Potsdam bereits diskutiert - als offene Veranstaltung für interessierte Genealogen konzipiert ist, traf sich zu seiner ersten Tagung am 16.3.02 im Parkcafe „Hopfenberg" in Erfurt.
Teilnehmer
13
Einleitend beschäftigte sich Dr. Hermann Metzke mit dem Thema "Ziele und Aufgaben der DAGV für das kommende Jahrzehnt". Dieser Problemkreis ist nicht zu definieren ohne die Berücksichtigung grundsätzlicher Fragen und aktueller Entwicklungstendenzen in der Genealogie. Einleitend beschäftigte sich der Referent mit der Frage der Bewertung der Genealogie als Hilfswissenschaft oder Methode. Die Zuordnung der Genealogie ist vor dem Hintergrund der derzeitigen Biotechnologie- und Humangenetikdebatte, die teilweise mit einer weitgehend undifferenzierten Einbeziehung der Genealogie einhergeht, keineswegs nur von akademischem Interesse. Viele unzutreffende Aussagen zur Genealogie beruhen darauf, dass genealogische Forschung im engeren Sinne und die Anwendung der Familienrekonstruktion als Methode in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen miteinander vermischt und nicht als unterschiedliche Ansätze gesehen werden. Undifferenzierte, nicht selten auf Missverständnissen beruhende Diskussionen zum Verhältnis von Genealogie und Humangenetik erschweren auch eine sachliche Erörterung des Verhältnisses von Genealogie und Nationalsozialismus. Der Referent stellt sich auf den Standpunkt, dass Genealogie eine historische Hilfswissenschaft sei, während ihre Anwendung in anderen Wissenschaftsdisziplinen vorrangig methodischen Charakter hat.
Genealogie im 21. Jahrhundert kann nicht lediglich die Fortsetzung der Familiengeschichtsforschung des 19. Jahrhunderts mit anderen Mitteln sein kann. Vor allem drei Aspekte sind relevant: Die Veränderung der Quellenlage in Deutschland durch die Quellenverluste im zweiten Weltkrieg, die Veränderungen in Familienstruktur und Namensrecht und zunehmende Zuwanderung von Menschen aus Kulturkreisen mit völlig anderen, häufig mündlichen Überlieferungstraditionen. Andererseits dürfte die deutsche Genealogie zur Zeit von zweierlei profitieren: Die zunehmende Wichtigkeit der Alltagsgeschichte in der professionellen Geschichtsforschung sowie das wachsende Interesse an der eigenen Geschichte und an der Wahrung des eigenen Andenkens.
Essentiell erscheint ein Nachdenken über die Zielrichtung künftiger genealogischer Vereinsarbeit: Soll der Schwerpunkt liegen auf dem Zugang zu gesammelten Daten oder auf einer prospektiven Arbeit? Auf welche Quellen kann sich Genealogie zukünftig stützen bzw. welche Daten sollten wir als Genealogen ggf. in eigener Verantwortung und Regie sammeln. Die durch das Internet ausgelösten Entwicklungen werden die genealogischen Gesellschaften verändern. Zu erwarten ist ein stärkeres Zusammenrücken der regionalen Vereine; möglicherweise werden sich auch viele Genealogen von der regionalen Vereinsarbeit weg und zum Internet hin orientieren. Abzusehen ist längerfristig eine Schwerpunktverlagerung von der vorrangigen Datensammlung zur Erschließung anderer Quellen mit dem Schwerpunkt einer stärker sozial- und lokalgeschichtlich orientierten Familiengeschichtsforschung. Wichtig ist, dass sich die genealogischen Gesellschaften der Probleme annehmen, die das Internet aufwirft in Bezug auf dauerhafte Datensicherung und Qualitätskontrolle. Aus diesen Gesichtspunkten ergeben sich die aktuellen Aufgaben der DAGV. Die wichtigste wird nach wie vor die Interessenvertretung sein. Themen gibt es genug: Namensrecht, Kirchenbücher und die Deutsche Zentralstelle für Genealogie. Dabei darf aber nicht übersehen werden: In der Politik wird nichts bewegt, wenn dahinter keine Macht steht. Der Hinweis auf 20.000 Mitglieder der DAGV bewegt wenig, wenn nicht deutlich wird, dass es um ein wichtiges Problem unseres Vergangenheitsverständnisses geht, dass einen wesentlich größeren Personen- und damit Wählerkreis beschäftigt als die etwa 20.000 organisierten und zum größten Teil in der DAGV vertretenen Genealogen. Es muß nach Möglichkeiten gesucht werden, unser Anliegen in das Bewußtsein der Gesellschaft zu rücken und ein breites öffentliches Interesse zu artikulieren. Das kann nicht allein Aufgabe des Dachverbandes sein. Hier ist die Mitwirkung der Mitgliedsvereine und der Einzelmitglieder gefordert.
In diesem Zusammenhang muß auch deutlich gemacht werden, was die Genealogen der Gesellschaft bieten. Dabei ist vor allem auf den spezifischen Beitrag der Laiengenealogen zu Erinnerungskultur und Alltagsgeschichte unserer Gesellschaft zu verweisen. Das, was von uns an Quellenerschließung und an historischer Detailarbeit geleistet wird, kann sich sehen lassen und sollte durchaus Anlaß für Selbstbewusstsein sein. Es würde Unsummen kosten, eine gleiche Leistung über staatlich finanzierte Programme zu erreichen. Eher erstaunlich ist, dass diese Arbeit von der professionellen Historikerzunft nur sehr begrenzt anerkannt wird. Für die Zukunft der Genealogie ist wichtig, dass ihr wissenschaftlicher Stellenwert stärker als bisher zur Kenntnis genommen wird. Die DAGV muß sich um den Zugang zu wissenschaftlichen Gesellschaften bemühen und Foren für entsprechende Aktivitäten bieten sollte. Bezüglich der Koordination werden die unterschiedlichsten Wünsch an die DAGV herangetragen. So wird in Diskussionen immer wieder die Frage nach einheitlichen genealogische Archivierungs- und Darstellungssystemen aufgeworfen. Ganz abgesehen davon, dass es schwierig sein dürfte, vor allem vor dem Hintergrund der sich ändernden Familienstrukturen den sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Erfordernissen gerecht zu werden, erlauben EDV-Datenbanken heute eine Ordnung des Datenmaterials nach unterschiedlichsten Gesichtspunkten und die Zahl der Auswertungsprogramme nimmt zu. Ich würde hier keinen Handlungsbedarf sehen, eher schon bei der Auswahl von EDV-Programmen, um die Datenbanken der Mitgliedsvereine kompatibel zu halten. Das wäre eher eine Aufgabe des Vereins für Computergenealogie.
Wichtiger erscheint Sicherung der Kommunikation zu zentralen Problemen der Genealogie. Nach wie vor ist die zentrale Veranstaltung der Genealogentag, der heute vorrangig darstellt als organisatorisches Zentrum, Vorstellung der Region und Treffen von überregionalen Mitgliedsvereinen. In Zukunft sollte der Schwerpunkt mehr auf Fragen von allgemeiner Bedeutung liegen. Es ist nachzudenken beispielsweise über eine regelmäßige Posterausstellung auf dem Genealogentag, wie sie auf vielen wissenschaftlichen Kongressen heute üblich ist. Allerdings wäre der organisatorische Aufwand hoch.
Zahlreiche Themen werden unter Genealogen diskutiert, die von der DAGV als Dachverband bisher nur unzureichend aufgegriffen wurden. Hier könnte der Arbeitskreis „Probleme der Genealogie" ein Forum bieten, das diese Aufgabe übernimmt und das eine Ausstrahlung auf die Mitgliedsvereine ermöglicht.
Dr. Volkmar Weiss möchte die Debatte auf wesentliche Gesichtspunkte konzentrieren. Von einzelnen Vereinen werden erhebliche Leistungen erbracht. Es gehe darum, überregionale Vereine und Institutionen stärker einzubinden. Schwerpunkt der Aktivitäten müsse auf der Lobbyarbeit und der Einwerbung von Mitteln liegen. In der Diskussion standen sich zwei Grundpositionen gegenüber. Detlef Kühn forderte eine klare Trennung der Aufgaben von DAGV und Vereinen. Er sieht die Aufgaben der DAGV vorrangig in der politischen und sonstigen Interessenvertretung; wichtig sei eine vorausschauende Lobbyarbeit. Die DAGV müsse Entwicklungen beobachten und rechtzeitig darauf reagieren. Genealogentage und die Zeitschrift „Genealogie" sollten für die öffentliche Einflussnahme genutzt werden. Metzke hält dem entgegen, dass eine scharfe Aufgabentrennung zwischen DAGV und Mitgliedsvereinen nur bedingt möglich und sinnvoll sei. Aktivitäten der DAGV sind nur erfolgversprechend auf der Basis gleichgerichteter Aktivitäten von Mitgliedsvereinen und Einzelgenealogen auf lokaler und regionaler Ebene, um so ein breiteres öffentliches Interesse zu erzeugen. Bernhard Lesaar meint, dass die DAGV dort aktiv werden solle, wo die Möglichkeiten der einzelnen Vereine überfordert sind. Ulf Bollmann hält die Schaffung eines Forums für die Diskussion zentraler Probleme für richtig und regt Fach-Mailinglisten an. Hans-Peter Wessel hält es für wichtig, dass die Vereine die Arbeit der DAGV stärker unterstützen. In öffentlichen Äußerungen einzelner Vereine und Genealogen wird auf die DAGV und ihre zentrale Rolle selten oder nie hingewiesen. Er empfiehlt, die DAGV-Website im Internet stärker für Informationen zu nutzen. Außerdem solle sich die DAGV stärker bei zentralen Problemen wie der Sperrung die Kirchenbuchfilme der Mormonen für die Nutzung in Deutschland durch einzelne Landeskirchen und Bistümer einschalten. Metzke hält dem entgegen, dass die Kirchen das als Eingriff in ihre Befugnisse sehen und erfahrungsgemäß nicht selten empfindlich reagieren. Siegfried Reincke weist auf die Möglichkeit hin, Ereignisse wie die Ottonenausstellung in Magdeburg für die Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen und dadurch Mittel und Arbeitskräfte einzuwerben.


Der zweite Tagungsordnungspunkt war der Diskussion organisatorischer Probleme der DAGV gewidmet. Einleitend wies Metzke darauf hin, dass die Debatte um die Einrichtung einer Geschäftsstelle der DAGV eine Strukturdiskussion ausgelöst habe, der man sich stellen müsse. Die DAGV benötige eine Leitungsstruktur, die ermöglicht, dass notwendige Arbeit ehrenamtlich von berufstätigen Vorstandsmitgliedern geleistet werden kann. Notwendig sei vor allem ein Konzept, nach dem es nicht zu einem Nebeneinander der Aktivitäten von DAGV und Computerverein kommt. Es bestehe die Gefahr, dass durch ein Geflecht von gegenseitigen Mitgliedschaften unübersichtliche und u.U. auch ineffektive Strukturen entstehen. Die bemerkenswerten Aktivitäten des Vereins für Computergenealogie sollten innerhalb der DAGV einen angemessenen Platz einnehmen und allen Mitgliedsvereinen uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Zugleich besteht die Möglichkeit, im Rahmen der DAGV Aufgaben zu übernehmen In diesem Kontext ist angestrebt, durch synergistische Effekte die Kosten für die Vereine für Dachverband und Internetnutzung günstiger zu gestalten. Anschließend erläuterte Wessel die Arbeit des Vereins für Computergenealogie. Der Verein will
  • die zentrale Anlaufstelle für die deutsche Genealogie im Internet bereitstellen und betreiben
  • den deutschen Genealogieserver kontinuierlich weiter ausbauen (Länder, Kreise, Orte)
  • große, gemeinsame, Internet basierte Genealogie-Datenbanken aufbauen und betreiben
  • allgemeine genealogische Hilfsangebote im Internet bereitstellen
  • werbefreie genealogische Mailinglisten betreiben
  • das Magazin Computer als wichtige genealogische Fachpublikation publizieren
  • mit regionalen Vereinen zusammenarbeiten
  • die Vereine durch gemeinsame Projekte und Internetauftritte stärken Der Verein für Computergenealogie will nicht regionale genealogische Forschungen betreiben, Genealogie-Software bewerten oder Internet „Insellösungen" unterstützen. Eine Kommerzialisierung nach US-amerikanischem Muster soll vermieden werden. Der deutsche Genealogie-Server ist die zentrale Anlaufstelle für Informationen über Genealogie im deutschen Sprachraum. Der Verein betreibt allgemeine Informationsseiten wie das genealogische Ortsverzeichnis GOV oder die deutschsprachige GEDCOM-Datenbank GEDBAS. Der Verein hat allgemeine Datenbanken (Adressbücher, Zeitungsanzeigen, Bürgerbücher u.v.a.m.) und Registerdatenbanken (z.B. Namensregister von genealogischen Werken [in Kooperation mit dem Degener Verlag]) sowie bisher 20 Ortsfamilienbücher ins Internet gestellt. Er gibt die Zeitschrift „Computergenealogie" sowie einmal jährlich eine Vereins-CD heraus und betreibt ca. 60 Mailinglisten.
Anschließend schlägt Wessel eine Rahmenvereinbarung zwischen DAGV und Verein für Computergenealogie vor.
Kontrovers diskutiert wurde die Beantwortung genealogischer Anfragen durch den Vorstand der DAGV. Metzke stellte eingangs klar, dass es dabei nicht um die Übernahme familiengeschichtlicher Forschungen, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe nach den gegebenen Möglichkeiten gehe. Ein großer Teil der Anfragen sei nicht an Vereine weiterzuleiten oder relativ einfach mit einem Formbrief zu beantworten. Die Zahl der Anfragen sei ohnehin gegenüber früher offensichtlich zurückgegangen, wahrscheinlich durch die stärkere Nutzung des Internets. Im Interesse ihrer Außenwirkung sollte die DAGV jedoch nicht einfach auf eine Bearbeitung verzichten. Allerdings könne das nicht auf Dauer vom Vorsitzenden erledigt werden. Für die verbleibenden Schreibarbeiten müsse eine begrenzte Bürokapazität am Arbeitsort des Vorsitzenden geschaffen werden, wichtiger sei jedoch die Schaffung und Nutzung von Internetkapazität und eine funktionierende Kommunikation mit den Mitgliedsvereinen. Friedrich Wollmershäuser verweist auf die teilweise unsinnige Mehrarbeit, die daraus resultiert, dass die gleiche Anfrage häufig an mehrere Stellen gerichtet wird. Bollmann bietet die Übernahme der Bearbeitung von Anfragen bei Auswandererproblematik an. Demgegenüber plädiert Kühn für eine eindeutige Ausrichtung der Arbeit des DAGV-Vorstandes auf die politische Interessenvertretung. Er schlägt die Einstellung eines (teilzeitbeschäftigten) qualifizierten Mitarbeiters vor, der vor allem für die Pressearbeit zuständig ist. Diskutiert wurde auch die Frage einer festen Adresse der DAGV unabhängig von dem Wohnsitz des jeweiligen Vorsitzenden. Als letzter Tagesordnungspunkt wurde die Weiterführung der Arbeit des Arbeitskreises diskutiert. Angedacht ist eine Tagung zum Thema Ortsfamilienbücher, voraussichtlich im Oktober oder November diesen Jahres.

gez.Hermann Metzke

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