Zigarrenmacher

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Die Lebensumstände im lokalen und regionalen Bereich mit den natürlichen und kulturellen zeitlichen Gegebenheiten geben Hinweise zur Anlage von Biografien unserer Vorfahren in der jeweiligen Generation. Land und Leute in ihrer Zeit, ihre Siedlung, Sprache, Kirche, und die Vernetzung ihres Lebensraumes.

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Wickeltisch, Deckblatt einer Zigarre:
Arbeitsplatz einer Zigarrenmacherin

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Schema der Handarbeit
Verschiedene Arten von Zigarrenblätter

Tabakmaterialien für Zigarren im 19. Jahrhundert

1895: Die schon vor der Entdeckung Amerikas auf Cuba gebräuchlichen Tabacos, als nachgebildete Cylinder aus Tabaksblättern, bestehen aus Einlage, Um- u. Deckblatt. Die gesündesten, festesten und in der Farbe und im Geruch schönsten Blätter dienten zum Deckblatt, während die Einlage mit dem sie zunächst umgebenden Umblatt meist aus einer geringern Sorte, aus nicht zu Deckblättern tauglichem Tabak und Abfällen vom Schneiden des Deckblattes angefertigt wurde. Der sortierte Tabak wurde in feuchten Kellern ausgebreitet oder mittels eines Zerstäubers (Nebelpumpe) mit Wasser befeuchtet und übereinander geschichtet, damit er gleichmässig mild und weich wurde.

Die gleichmässig feuchten Blätter wurden von den Hauptrippen befreit, die zum Deckblatt bestimmten glatt übereinander gelegt und gepresst. Schwachrippige Blätter benutzte man zum Umblatt. Die Einlage wurde dann wieder sorgfältig getrocknet, während die Decken aus feuchten Blättern geschnitten werden mußten.

Die feinsten Havannazigarren (Habana-Zigarren) bestanden durchweg aus Havannatabak; feine Zigarren aus Sumatra- u. Havannadecke mit Brasil- u. Havannaeinlage; mittlere Zigarren hatten feine Sumatra- u. Javadecke, Umblatt aus Domingo, Brasil, Seadleaf, Java und Einlage aus Brasil, Cuba, Havanna; billige Zigarren Sumatra-, Java- oder Carmendecke, inländisches (deutsches) und überseeisches Umblatt und inländische und überseeische Einlage. [1]

Herstellverfahren

1895: Bei der Anfertigung der Zigarren nahm der Wickelmacher die Einlage für eine Zigarre in die linke Hand, ordnet das Material u. legt das Bündelchen auf das Umblatt, wickelt dies darum und rollt den Wickel auf dem Tisch, um ihm einige Festigkeit zu geben. Man benutzt auch 2-teilige Wickelformen, in welchen die Wickel 12 - 24 Stunden gepresst und dabei auf 40 - 50° erwärmt wurden. Die meisten der aus so zugerichteten Wickeln hergestellten Zigarren konnten alsbald geraucht werden; sie brauchen weniger Lager, und bei der Fabrikation wurde Tabak erspart.

Der Zigarrenmacher rollte das Deckblatt um die Zigarre und hatte darauf zu achten, dass die Rippen der Blätter sich möglichst der Länge nach an die Zigarre anlegen. Die Spitze erhielt durch einen aus Stärkemehl und Cichorien bestehenden Klebstoff die nötige Festigkeit.

Für die Fabrikation im großen hatte man auch Zigarrenwickelstühle gebaut, welche die Wickel formten und mit Umblatt versahen. Die kantigen Zigarren erhielten ihre Form durch Pressen in Kisten. Die Zigarren, welche infolge zu fester Wickelung keine Luft hatten, quetschte man zwischen 2 Brettchen oder mit einer kleinen Maschine, bei welcher die Zigarren durch 2 Paar sich drehende, horizontal liegende Walzen, deren Achsen rechtwinkelig gegeneinander gerichtet waren, hindurchgingen.

Die fertigen Zigarren wurden getrocknet, sorgfältig sortiert und dann verpackt. Sie gewannen durch Ablagern infolge einer Nachgärung, auch wurde noch 1895 empfohlen, sie in einem luftdicht verschliessbaren Kasten auszubewahren, in welchem gleichzeitig, von den Zigarren sorgfältig getrennt, gebrannter Kalk oder Calciumchlorid lag; der Kalk zerfiel allmählich zu Pulver, indem er die in den Zigarren enthaltene Feuchtigkeit anzog und sich löschte, und das Calciumchlorid zerfloss, worauf das Material erneuert werden musste. Bei zu schnellem Trocknen oder zu langem Lagern verloren die Zigarren an Aroma. [1]

Deutsche Schwerpunkte der Zigarrenherstellung

Als sich im späten 19. Jahrhundert die Zigarrenherstellung als Teil der Zigarrenfabrikation zu den Zigarrenmachern in die ländlichen Gebiete verlagerte, wurde sie zu einem großen Teil als Heimarbeit betrieben.

Zur Grundausstattung des Arbeitsplatzes eines Zigarrenmachers, egal ob in der Heimarbeit, der Manufaktur oder in der Fabrik, gehörten Arbeitstisch, Rollbrett, Zigarrenmesser, in den 1860er Jahren ergänzt durch Wickelformen und Spindelpresse.

Start des Arbeitsschutzes bei der Zigarrenherstellung

Nikotin, Tabakstaub und Tabakdunst gefährdeten die Gesundheit der Zigarrenarbeiter und -arbeiterinnen. Erkrankungen der Atemwege und der Verdauungsorgane gehörten zu den häufigsten Krankheitsbildern.

Blutarmut (Anämie) und Bleichsucht, Menstruationsstörungen und Erkrankungen im Genitalbereich wurden bei Tabakarbeiterinnen um 1900 öfter festgestellt als bei Arbeiterinnen anderer Branchen. Auch die Kindersterblichkeit war in Tabakarbeiterfamilien höher als in anderen Arbeiterfamilien.

Erst am 15. Juni 1883 verabschiedet der Reichstag das "Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter". Darin geregelt sind Krankengeld, ärztliche Behandlung, Krankenhaus, Sterbegeld und Mutterschaftshilfe.

Zwar hatte die schon vorher existierende staatliche Gewerbeaufsicht in Preußen die gesundheitliche Gefährdung der Zigarrenarbeiterschaft erkannt, doch erst 1888 traten Arbeitsschutzbestimmungen in Kraft. Diese stellten zumindest in den Fabriken bestimmte Bedingungen an die Arbeitsräume und deren hygienische Ausstattung. So sollte wegen der Ausdünstungen des Tabaks pro Arbeitskraft mindestens ein Luftraum von 7 Kubikmetern, ab 1907 von 10 Kubikmetern zur Verfügung stehen. Die Arbeitsräume mussten mindestens 3 Meter hoch sein.

Allerdings galten diese Bestimmungen für die Heimarbeit noch nicht. Erst 1913 kam es zu gesetzlichen Auflagen auf Reichebene. [2]

Frühes Wohnen westfälischer Zigarrenarbeiterfamilien

Die Zigarrenarbeiterfamilien in Westfalen mussten um 1900 jährlich zwischen 80 bis 100 Mark Miete für ihre bescheidenen Wohnungen aufbringen, damals eine Menge Geld. War der Vermieter Landwirt, waren die Tabakarbeiterinnen und Arbeiter oft noch zusätzlich verpflichtet, im Frühjahr und Herbst dem Vermieter bei der Feldarbeit mitzuhelfen. Die Wohnverhältnisse waren beengt, die Familien lebten häufig nur in zwei Zimmern. Eine separate Küche gab es meist nicht.

Staatliche und privatwirtschaftliche Förderung des Hausbaus verbesserten seit den 1880er Jahren die Wohnsituation der ländlichen Zigarrenarbeiterfamilien. Neugegründete Bau-, Spar- und Heimstättenvereine, welche noch bis heute existieren, finanzierten und organisierten den Hausbau, auch mit Eigenmitteln. Zusätzlich stellte die Landesversicherungsanstalt in Münster preiswerte Kredite zur Verfügung. Die neuen Häuser hatten eine Diele, welche als Küche genutz werden konnte. Auf einer Seite lag ein kleiner Stall und der Arbeitsraum der Heimarbeiter, auf der anderen Seite Wohnstube und Schlafzimmer.

Im Amtsbezirk Bünde waren um 1900 von 2.587 Wohnhäusern insgesamt 449 Häuser im Besitz von Zigarrenarbeitern, Im Amt Gohfeld wurden in fünf Jahren fast 500 bescheidene Häuser von Zigarrenarbeitern gebaut. dieser "Bauboom" prägte nachhaltig die Siedlungsstruktur: Die freistehenden eingeschossigen Ziegelbauten mit Stall und einem Nutzgarten bestimmten das Landschaftsbild bis in die 1950er Jahre. [2]

Frauenarbeit bei den Zigarrenmachern

In der deutschen Tabakindustrie arbeiteten um 1850 hauptsächlich Männer. Seit 1875 stieg jedoch der Frauenanteil stark an. Im Jahre 1907 waren in Ostwestfalen fast 42 Prozent aller Beschäftigten Frauen, reichsweit lag ihr Anteil in der Tabakindustrie sogar über 50 Prozent. Doch stellten noch weit mehr Frauen Zigarren her, die Statistiken erfassten die Heimarbeiterinnen nicht systematisch.

Diese Entwicklung stand im Gegensatz zu dem Leitbild des Familienklischees der "bürgerlichen Frau". Sie sollte nur für die Familie zuständig sein: als Ehefrau, Mutter und Hausfrau, wie es teilweise noch heute propagiert wird. Tatsächlich sah die Lebenssituation vieler Frauen damals wie heute anders aus. Sie mußten gegen Billiglohn arbeiten, um zum Familieneinkommen beizutragen. So erging es damals häufig auch ihren Kindern. [2]

Kinderarbeit auch bei den Zigarrenmachern

Im 19. Jahrhundert war Kinderarbeit weit verbreitet. Oft mussten Kinder, besonders von Tagelöhnern und anderen Arbeitern, zum Familieneinkommen beitragen. Die frühe Arbeitsbelastung schadete der der Entwicklung und der Gesundheit der Kinder und behinderte ihre schulische Bildung. Kinderarbeiter gingen meist gar nicht, manchmal nur für wenige Stunden zur Schule.

Das Alter der allgemeinen Schulpflichtigkeit der Kinder in Westfalen begann nach der Amtsblattsverordnung vom 17.05.1828 in den Städten und in den geschlossenen Dörfern vom vollendeten sechsten, in gestreut liegenden Ortschaften, wo die Kinder zu weit von der Schule entfernt wohnten (wobei die Feststellung dem Schulvorstand zustand) vom vollendeten 7. Lebensjahr an. Dabei sollte in Betracht gezogen werden, dass viele Eltern aus Not oder Desinteresse ihre Kinder selten zur Schule schickten und dass der Unterricht an einigen Orten aus Raumnot in der Werkstatt, einen Anbau (Gadem) oder in einer Scheune des Schulmeisters stattfand. Die Schulpflichtigkeit endete mit dem vollendeten 14. Lebensjahr, jedoch mit der Einschränkung, dass sie bei denjenigen Kindern, welche nach dem Urteil des Pfarrers in dem Notwendigen noch nicht unterrichtet waren, auch noch weiter fortdauerte. [3]

In den Zigarrenfabriken und der Heimarbeit wurden Kinder zum Entrippen des Tabaks, zum Tabakanfeuchten sowie zum Auseinandernehmen und Säubern der Tabakbündel herangezogen. Das waren hochgradig gesundheitsgefährdende Arbeiten, weil dabei Tabakstaub und Dunst freigesetzt wurde. Um 1877 sollen allein in den Zigarrenfabriken im Regierungsbezirk Minden ungefähr 35 Prozent der Arbeitskräfte Kinder gewesen sein, in der Heimarbeit waren vermutlich mehr und jüngere Kinder davon betroffen. Zwar plante der Gesetzgeber eine Einschränkung der für die Fabrikbesitzer preiswerteren der Kinderarbeit, aber viele Fabrikaten lehneten damals wie heute aus Kostengründen diesen Gedanken ab. Sie schoben allerdings bei ihrer Ablehnung einem unzulässigen "Eingriff in das Erwerbsleben der Arbeiter" vor. Erst 1891 verbot ein Gesetz die Fabrikarbeit für Kinder unter 12 Jahren. In der Zigarrenindustrie führte das zu einem Anstieg der Frauenarbeit und zu einem Anwachsen der Hausindustrie, weil in den Fabriken selber die preiswerte Zuarbeit der Kinder fehlte. Erst 1913 wurde auch inder Heimarbeit und Hausindustrie die Arbeit von Kindern unter 12 Jahren verboten, doch konnte die Einhaltung der Gesetze hier kaum überwacht werden.[2]

Haushalsführung einer Arbeiterfamilie

Im 19. Jahrhundert war es für jede Frau eine schwere Aufgabe ein ganzes Hauswesen allein und ohne Hilfe gut zu besorgen, besonders dann, wenn der Verdienst des Mannes nur klein und niedrig war. Ein Arbeiter mußte eigentlich zumindest 2 Personen und 2 Kinder ernähren können. Da das Einkommen im 19. Jahrhundert dazu meist nicht reichte, mussten dann Frauen - trotz der damals hohen Geburtenrate - und auch noch ihre Kinder, nach Möglichkeit mit zum Familieneinkommen beitragen.

Ende des 19. Jahrhunderts löste in vielen Haushalten der Einkauf von Lebensmitteln im Laden (Kolonialwarenhandel) die bis dahin übliche Selbstversorgung ab. Dies konnten sich viele Tagelöhner- und Arbeiterfamilien und auch die meisten ostwestfälischen Familien der Zigarrenarbeiter jedoch nicht leisten. Sie waren darauf angewiesen, weiterhin ihre Lebensmittel im kleinen eigenen oder gepachteten Garten anzubauen.

Die Mehrheit der Fabrikarbeiterinnen mussten unter Zeitdruck zusätzlich Hausarbeiten erledigen und Essen zubereiten. Heimarbeiterinnen waren in der Zeiteinteilung zwar leicht flexiber, unterlagen aber auch dem gleichen Zeitdruck, da sie im Akkord unter Qualitätsdruck arbeiten mussten. An 6 Tagen in der Woche mussten je 10 Stunden in den Fabriken gearbeitet werden.

Das Essen war aus Geldmangel wenig abwechslungsreich. Fleisch konnte nur selten (Sonntags) angeboten werden. Das sahen auch Wochenpläne und Haushaltsrechnungen in Anleitungen zum Kochen für Arbeiterfrauen in Kochbüchern so vor. [4]

Ein Arbeiter aus dem Kreis Lübbeke berichtet 1893: " Unsere Hauptnahrung sind Kartoffeln, Gemüse, als Weißkohl, Kohlrüben, Mohrrüben, Wasserrüben und Bohnen. Weißkohl, grüne Bohnen und das Kraut der Wasserrüben werden im Herbst eingemacht und bilden die hauptsächliche Mittagskost. Brot wird ebenfalls stark gegessen, und wird dieses aus geschrotetem Mehl - sogenannter Pumpernickel- bereitet und ist dieses Brot für Arbeiter mit sitzender Tätigkeit sehr schwer verdaulich."[2]

Fußnoten

  1. 1,0 1,1 Quelle:: Hic Leones
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Quelle:: LWL-Freilichtmuseum Hagen, 58091 Hagen, Tabakausstellung
  3. Quelle: Schulwesen im Münsterland
  4. Quelle: Das häusliche Glück. Vollständiger Haushaltungsunterricht ...(Hrsg.: Commission des Verb. "Arbeiterwohl" 1882)
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