Beschreibung und Geschichte der Burg Kinsberg (1910)/48

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Beschreibung und Geschichte der Burg Kinsberg (1910)
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Geschichte Burg Kinsberg.djvu
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2. Die große Forelle im Eselsbrunnen.

Der Eselsbrunnen liegt 800 Schritte von der Burg entfernt an der Talseite des Schloßberges. Die Burgbewohner holten immer ihr Trinkwasser daselbst, weil sie das Wasser des tiefen Windebrunnens im Schloßhofe für ungesund hielten. Als die Burg noch von der Herrschaft bewohnt wurde, war ein Esel dazu bestimmt, das Wasser hinaufzutragen. Ein Wächter begleitete ihn, um das Wasser in Fässer zu füllen, die mit eisernen Haken an dem hölzernen Sattel befestigt waren. So mußte das Tier auf seinem Rücken das Wasser täglich zur Burg tragen; daher der Name Eselsbrunnen. In diesen Brunnen hatte einer der früheren Burgherren eine große Forelle setzen lassen, um durch sie das Wasser rein und klar zu erhalten. „Steht auch meine Forelle noch?“ fragte er zuweilen den Eselstreiber. „O ja, gnädiger Herr, ich sehe sie allemal, wenn ich Wasser hole,“ erwiderte dieser. „Nun so gib nur acht, daß sie mir nicht entwendet wird,“ entgegnete der Herr.

In einer mondhellen Nacht stand einmal der Burgherr im oberen Saale und schaute am Schloßberge hinab; da sah er einen Menschen beschäftigt, den Brunnen auszuschöpfen. Der Burgherr nahm sein Sprachrohr und rief mit vernehmlicher Stimme:

„Laß die Forelle stohn,

Sonst ist der Strang dein Lohn!“

Aber der Fischer ließ sich dadurch nicht stören; der Brunnen ward ausgeschöpft, und der Dieb eilte nun flüchtig mit der Forelle in seine Hütte und ließ sie sich wohlschmecken.

Der Burgherr hatte ihn nicht aus den Augen verloren, und der helle Schein des Mondes ließ ihn denselben bis zu seiner Hütte verfolgen. Als am andern Morgen der Wasserschöpfer zum Brunnen kam, fand er die Forelle nicht mehr und meldete eilig dem Herrn diesen Verlust. Da entbrannte der Burgherr im Zorne und ließ den Mann holen. Da dieser die Tat eingestand, ward er schon am andern Tage als Forellendieb an den Galgen gehängt.