Hake Betken un sine Duven

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Ein Mord in der Nähe von Platjenwerbe im Oktober 1618

Aus dem Buch "Die Börde Lesum" von Pastor Heinrich Hoops, erschienen 1909


Es sind nun fast dreihundert Jahre her, da wohnte in dem Kirchdorf Büttel im Lande Wührden ein reicher Bauer, namens Hacke Betken. Er saß auf seinem prächtigen großen Marschenhof, den seine Vorfahren dem Meere abgerungen hatten. Wegen seiner ehrbaren Gesinnung stand er weit und breit in großem Ansehen. Sein Weib achtete und liebte ihn , und seine Kinder hingen mit Stolz an ihrem trefflichen Vater. Alljährlich pflegte er im Herbst nach Hannover oder Braunschweig zu reisen, um sein Fettvieh auf den dortigen Viehmärkten an den Mann zu bringen; denn damals wurden in Scharmbeck noch nicht die großen Märkte abgehalten wie heutzutage.

So war er auch im Oktober des Jahres 1618 nach Hannover gewesen, hatte viele fette Ochsen zu Gelde gemacht und ritt nun befriedigt auf seinem kräftigen braunen Hengst der Heimat zu. Die wohlgefüllte Geldkatze hatte er unter dem Wams umd den Leib geschnallt.

Desselben Weges ritt ein junger Bauer aus Wremen an der untern Weser der Heimat entgegen, Willem Frese, des dortigen Vogts Sohn, und mit ihm zwei lose Gesellen, einer aus Bülkau bei Freiburg an der Elbe und der andere aus Berlin gebürtig. Schon begann der Krieg, der dreißig Jahre lang Deutschlands Völker durcheinanderwarf, die Gemüter aller Abenteuerlustigen zu erregen. Solche beutegierigen Brüder mochten auch jene beiden sein, die sich zu dem Wremer Vogtssohn gesellt hatten.

Sie waren nicht weit mehr von Bremen entfernt, als Hacke Betken auf seinem feurigen Hengst sie einholte. Die Bauern an der Unterweser kannten einander fast alle von den gemeinsamen Marktreisen her. So freute sich denn Hacke Betken, in Willem Frese einen Reisegefährten gefunden zu haben, der ihn bis Büttel begleiten werde. Die beiden Fremden freilich hätte er lieber nicht bei ihm gesehen.

Man unterhielt sich über die Kriegsgerüchte, die von Österreich her durch Deutschland klangen. Wenn das nur nicht einen großen Krieg zwischen den Katholischen und den Protestantischen gebe? Mit den Marktreisen würde es dann wohl vorbei sein. Nun, einstweilen sei das Geschäft wohl noch gut gegangen, meinte Willem mit einem neidischen Blick auf Hackes dicke Geldkatze, über das Wams sich bauschte. Ja, wer einen guten Schlag Ochsen züchte, der könne immer sein Brot dabe finden, entgegnete Hacke nicht ohne Stolz. Auf die Pferdezucht scheine er sich auch zu verstehen, mischte der Berliner sich ins Gespräch; solch einen Hengst, wie Hacke ihn reite, haber in ganz Berlin noch nicht gesehen. Hacke Betken klopfte seinem Hengst den Hals und rühmte, wenn's darauf ankäme, ritte er heute noch i einem Zuge nach Büttel; der Hengst könne es machen.

Gegen Abend hatten die vier Reisenden Bremen erreicht, wo sie in einer Herberge einkehrten. Die beiden Fremden winkten Willem Frese heimlich zu sich heraus. Da tuschelten sie eine Weile miteinander und kamen dann mit harmlosen Mienen wieder herein.

Hacke Betken wollte in der Herberge übernachten und erst am andern Morgen weiterreisen in die Heimat.

Warum er nochmals in fremdem Bett schlafen wolle? warf Willem Frese hin; die Pferte hielten's aus; es sei heller Mondschein und schöne, stille Luft6; sie wollten weiterreiten, könnten gegen Morgen in Büttel sein. Hacke Betken sträubte sich. He, erst prahle Hacke mit seinem Hengst, und wenn er zeigen solle, was der könne, dann krieche er ins Mauseloch; sein Rappe könne den Weg noch gut machen, giftete Willem. Da fuhr Hacke auf: was Willems Schwarzer könne, das täte sein Brauner noch dreimal; sie wollten reiten!

So ritten die vier den alten Heerweg nach Burg und weiter nach Lesum herum. Als sie an das Lesumer Holz kamen, fing Willem Frese mit Hacke Betken an zu streiten, welcher von den beiden Wegen am schnellsten hindurch führe, ob der zur Rechten oder der zur Linken. Sie konnten sich nicht einigen und machten eine Wette: sie wollten in gleichem Trabe wie bisher weiterreiten; wer am ersten anlange, sollte seine Pistole abfeuern.

Sie ritten los, Hacke Betken links, die drei anderen rechts über Platjenwerbe. Hacke ließ sein Pferd traben; die drei jagten im Galopp. So langten diese zuerst bei der verabredeten Stelle an, hielten sich aber im dichten Gebüsch verborgen. Nun kam auch der ahnungslose Hacke Betken an, sah sich um, rief, dachte, die anderen hätten wohl die Richtung verfehlt und gab dann das abgemachte Zeichen mit der Pistole. Das hatten die drei Schurken abgewartet, und nun brachen sie plötzlich aus dem Busch heraus, hielten dem Wehrlosen ihre geladenen Pistolen entgegen und schrieen ihm zu, er solle sein Geld hergeben.

Entsetzt erkannte Hacke Betken, in was für Hände er gefallen war. Da aller Widerstand nutzlos, schnallte er seine Geldkatze ab und warf sie ihnen hin mit den Worten, nun sollten sie ihn reiten lassen. Daß er sie an den Galgen brächte! hohnlachten die andern. Da flehte Hacke sie an, um seiner Frau und seiner Kinder willen möchten sie ihm das Leben lassen. Die Antwort war ein Schuß, der seinen Leib durchbohrte, so daß er vom Pferde sank.

Als Hacke Betken nun am Boden la in seinem Blut, flog laut schreiend eine Schar Wildenten vorüber. Da hob der Sterbende seine Hand empor und rief mit letzter Kraft: "De Aanten bringt et an den Dag!" Dann sank er zurück und hauchte sein Leben aus. Die Mörder durchschossen nochmals seinen Körper und verscharrten ihn dann in der Erde.

Der Hengst aber jagte in sausendem Galopp davon, der Heimat zu. Schweißbedekt kam er beim Morgengrauen in Büttel an und Stampfte, Einlaß begehrend, vor dem Hause seines ermordeten Herrn. Schreckensbleich stürzten die Frau und die Kinder Hacke Betkens samt den Knechten und Mägden heraus; und wie sie den Hengst sahen ohne seinen Herrn, ahnten sie sogleich ein Unglück. Die Knechte und Nachbarn Hacke Betkens setzten sich z Pferde, ließen den Hengst vorausgehen und folgten ihm, wohin er sie führte. So kam man an die Mordstätte. Dort machte der Hengst an der Stelle Halt, wo Hacke Betkens Leiche verscharrt lag. Man grub sie aus und brachte sie nach Büttel. Groß war der Schmerz der Angehörigen, als der treffliche Mann ihnen so ins Haus getragen wurde. Die ganze Gemeinde kam zusammen, als die Leiche feierlich bestattet wurde.

Alle Nachforschungen nach den Mördern waren vergeblich; sie waren mit ihrem Raube längst über alle Berge. Ihr böses Gewissen trieb sie in die Fremde. Sie ließen sich als Söldner anwerben und kamen bis nach Prag im Böhmerlande. Als aber das Heer, bei dem sie standen, in der Sclacht am Weißen Berge im Jahre 1620 geschlagen wurde, frlohne sie und kehrten nach dem Norden zurück.

Jahre vergingen. Über Hacke Betkens Grab war längst Gras gewachsen. Die drei Mordgesellen trugen keine Sorge mehr, daß ihre Tat noch entdeckt werden könnte.

Man sagt, ein Mörder werde unwiderstehlich nach dem Ort seiner Tat zurückgezogen. So fanden siich auch jene drei Schurken wieder in der Gegend ein, wo sie ihr ruchloses Werk vollbracht hatten. Ihr Weg führte sie nach Oldenburg, wo ein Markt abgehalten wurde. Es traf sich, als sie da zusammenstanden, daß eine Schar Wildenten über den Marktplatz hinflog. Da blinzelte einer den andern zu und spottete: "Kiek, da fleegt Hacke Betken sine Duben!" Zufällig standen Leute aus Büttel in der Nähe. Sie stellten die drei zur Rede: "Wat wät't Ji von Hacke Betken sine Duben?" Sie machten Ausflüchte und suchten zu entkommen. Aber es gelang ihnen nicht. Sie wurden festgenommen, bekannten auf der Folter ihre Tat und erhielten ihre gerechte Strafe: unter Erzbischof Johann Friedrich von Bremen wurden sie hingerichtet.

Hacke Betken aber setzte man einen Grabstein, in dessen Ecken die Umrisse von Vögeln unklar zu erkennen sind, mit folgender Inschrift:

Anno 1618 den 27. October in der Nach tho 2 Uhr, ys de irsome und vornehme Hacke Betken up den Lesumer Felde ehrbaermlik van den nahbenannten dre Morders ermordet, berovet unde bestalen. - Siner Seelen Godt gnedigh ist. - Des Vagedes Sone to Wrem, Willem Frese, unde Johann Hilliken uth der Bokauw unde Frerich Rinsel van Berlin uth der Marke. Godt gewe den Mordern ehr vordeende Lohn."

Der Stein ist, stark verwittert, auf dem alten Kirchhof von Büttel noch jetzt zu sehen.

Das ist die Geschichte von Hacke Betken.


Anmerkung: Die merkwürdig an die Sage von den Kranichen des Ibykus erinnernde Geschichte von Hacke Betken habe ich zuerst von dem greisen Schuhmacher Johann Kühlken in Lesum erzählen gehört, der sie in seiner Jugend von dem alten Borchert Krudop in Holthorst erfahren hat. Dieser hat Kühlken auch den Stein gezeigt, den man zur Erinnerung an die Tat auf der Mordstelle gesetzt hat, einen einfachen, etwa anderthalb Fuß hohen Feldstein. Der Stein hat in Holthorst auf dem ehemals Th. Lürmanschen, jetzt Karl Schünemannschen Gut gestanden, da, wo sich nun das Hofmeierhaus befindet, bei dessen Bau der Stein beseitigt worden ist. Meine Darstellung der Sage schließt sich zum Teil an die Kühlkensche Erzählung, zum Teil an eine Wiedergabe von Lehrer D. Steilen in Vegesack (Brem. Nachr. v. 17. Aug. 1908) an, die der Verfasser mir freundlichst zur Verfügung gestellt hat; ihr entnehme ich auch die für die Geschichte bedeutsame Grabsteininschrift.

Eine Abbildung des Grabsteins finden Sie hier


(Das Th. Lürmansche Gut wurde vor 1857 erbaut und befand sich im sogenannten Lehnhof-Park, dem heutigen Friedehorst-Park. Es wird vermutet, dass sich das Hofmeierhaus und damit der Gedenkstein am Ende der Straße "Eichenhof" befanden - der weiterführende kleine Heckenweg wurde in meiner (Uta Bothe) Kindheit "Räuberweg" genannt, ob ein Zusammenhang besteht, mag dahingestellt sein.) Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, dass die "Louis-Seegelken-Straße" (auf Platjenwerber Gebiet "Grenzstraße") früher in direkter Linie auf die Straße "Eichenhof" führte, sie wurde auf Veranlassung von Theodor Lürmann nach dem Einverständnis von 29 Bauern der umliegenden Höfe entwidmet und dem Park zugeschlagen.