Binnenwanderung

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Hierarchie: Regional > HRR > Historische deutsche Staaten > Lebensumstände > Wirtschaft > Bevölkerung, Armut, Auswanderung > Wanderungsbewegung > Binnenwanderung

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Binnenwanderung, teilweise nach dem erstem Domizilwechsel mit nachfolgenden mehreren Umzügen in einem Ballungsgebiet, stellt bei der Familienrekonstruktion den Familienforscher vor teilweise unlösbar erscheinende Aufgaben. Gleichzeitig mit den Ortswechseln der Probanden im 19. Jhdt. und der Bevölkerungsexplosion in den neu entstandenen Ballungsgebieten verändern sich die kommunalen und regionalen Organisationsstrukturen und damit auch die mögliche Archivierung der aus dieser Zeit noch vorgandenen Belege.

Domizilwechsel

Unter Binnenwanderung versteht man den Ortswechsel (Domizilwechsel) innerhalb der zeitlichen Grenzen eines Staates. Also wer von Leitomischl nach Neiße um 1895 umsiedelt, wandert aus; wer von Memel nach Metz in der Zeit um 1895 zog, wanderte binnen, heute wieder: aus. Es ergeben sich also zeitlich veränderliche Tatbestände bei dieser begrifflichen Unterscheidung. Aber unter volkswirtschaftlichem Gesichtspunkt (diesen wörtlich genommen) hat der Gegensatz zwischen Aus- und Binnenwanderung doch seine weittragende Bedeutung, insofern die Strukturveränderung eines volkswirtschaftlichen Organismus naturgemäß grundverschieden in dem einen und in dem anderen Falle ist.

Umschichtung

Von daher ist die Umschichtungen der Bevölkerung eines bestimmten Landes durch Wanderungsbewegungen innerhalb der einzelnen Landesteile und solche zwischen dem platten Lande und den Städten zu unterscheiden. Eine Verschiebung der Bevölkerung zwischen den einzelnen Landesteilen ist während der hochkapitalistischen Periode im 19. Jahrhundert in weitem Umfange derart erfolgt, daß Gebiete mit rein landwirtschaftlichem Gepräge ihre Bevölkerung an die industriellen Gebiete abgeben mußten. Es wird genügen, wenn wir diesen Vorgang, der wohl ein allgemeineuropäischer ist, in demjenigen Lande verfolgen, in dem er sich vielleicht am deutlichsten und schärfsten vollzogen hat: Deutschland.

Nach der Berufszählung von 1907 betrug innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches der Wanderungsverlust Ostdeutschlands, ohne Berlin und Brandenburg, 2.068.743 Personen. Diesem stand ein Wanderungsgewinn Westdeutschlands in Höhe von 903.298 Personen gegenüber. An diesem Wanderungsgewinn waren besonders stark beteiligt:

  • Rheinland mit 355.547 Personen
  • Hamburg mit 315.741 Personen
  • Westfalen mit 288.390 Personen
  • Königreich Sachsen mit 228.641 Personen
    • Quelle: Statistik des Deutschen Reiches, Bd. 211 S. 29.

1885-1890: Noch deutlicher wird der Gegensatz zwischen den agrarischen und den industriellen Gebieten, wenn wir alle agrarischen Gebiete Deutschlands den industriellen gegenüberstellen, wie es in folgender Zusammenstellung geschieht, die die Bevölkerungsbewegung durch Wanderung für die einzelnen Gebietsteile Deutschlands während des Jahrfünfts 1885-1890 zum Ausdruck bringt. Es ist daraus ersichtlich, daß der Exodus in Gruppe I mit vorherrschendem Großgrundbesitz allerdings am stärksten, daß er aber vorhanden ist auch in Gruppe II und III, den Agrarbezirken mit vorwiegendem Mittel- und Kleinbesitz:

  1. Östliches Preußen: 851.770 Geb.überschuß, 212.666 Bev.-Abn., -639.104 Wanderungsverl. (-75,04 %)
  2. Westliches Preußen u. Mitteldeutschland: 611.578 Geb.überschuß, 531.089 Bev.-Abn., -80.104 Wanderungsverl. (-13,15 %)
  3. Süddeutsche Staaten: 500.787 Geb.überschuß, 347.520 Bev.-Abn., -153.267 Wanderungsverl. (-30,61 %)
  4. Industriezentren: 937.688 Geb.überschuß, 1.480.191 Bev.-zun., +542.503 Wanderungsgew. (+57,86 %)
  • Quelle: Schriften des Vereins für Sozialpolitik Bd.56; M.Schumann: Die inneren Wanderungen in Deutschland, in v. Mayrs Allgem. Statist. Archiv 1 (1890), 503 ff.

Urbanisierung

Während der hochkapitalistischen Periode im 19. Jhdt. vollzieht sich in den Ländern mit kapitalistischer Kultur auch die Urbanisierung der Bevölkerung, die Zusammenballung (Agglomeration) in Städten überhaupt und in Großstädten insbesondere.

Gesamteuropa

Die gesamteuropäische Entwicklung, welche für Vergleiche interessant ist und jeweils einen Durchschnitt aus sehr verschiedenen Anteilziffern in den unterschiedlichen Ländern darstellt, kommt in folgenden Zahlen zum Ausdruck:

Der Anteil an der Gesamtbevölkerung in ganz Europa betrug: 1860

  • der Städte überhaupt: 25,7% (1860), 35,7% (Anf. D. 20. Jhdts)
  • der Städte über 50.000 Einwohner: 7,8% (1860), 16,5% (Anf. D. 20. Jhdts)

Westeuropa

Deutlicher wird die starke Ballungsraumtendenz, wenn wir Westeuropa für sich allein betrachten. Hier betrug der Anteil:

  • der Städte überhaupt: 34,1% (1860), 48,0 % (Anf. D. 20. Jhdts)
  • der Städte über 50.000 Einwohner: 10,3 % (1860), 22,3% (Anf. D. 20. Jhdts)
    • Quelle: Zusammenstellungen bei Sundbärg.

Urbanisierung in Deutschland

Über Deutschland, das ungefähr die Mitte zwischen England und Frankreich hält, unterrichten folgende Zahlen: im Deutschen Reich lebten in Städten, das heißt für damals in Orten über 2.000 Einwohner:

  • 1871: 36,1 %
  • 1880: 41,4%
  • 1890: 47,0%
  • 1900: 54,3
  • 1905: 57,4%
  • 1910: 60,0 %.

Von 1000 Einwohnern des Deutschen Reiches lebten

in 1871 1880 1890 1900 1905 1910 1925
Großstädten über 100.000 Einwohner 48 72 121 162 190 212 267
Mittelstdten 20 – 100 Tsd. Einwohner 72 89 98 126 129 133 ~
Kleinstdten 5 – 20 Tsd. Einwohner 112 126 131 135 137 141 ~
Landstdten 2 – 5 Tsd. Einwohner 124 127 120 121 118 112 ~

Zusammenfassendes Ergebnis: Der Löwenanteil der Zunahme der städtischen Bevölkerung entfällt auf die Großstädte (Ballungsräume).

Ziehen wir die Ballungsbestrebungen um die Stadtkerne in Betracht, so lebten in einem Umkreis von 10 km um die jeweils über 100.000 Einwohner zählenden Städte von je 1.000 Einwohnern des Deutschen Reiches

1871 1880 1890 1900 1910
62 101 163 225 278

Die Gesamtbevölkerung der zugehörigen Ballungsgebiete betrug bei den 37 Großstädten Deutschlands:

  • 1871 insgesamt 5.971.500 oder 100 %
  • 1910 insgesamt 18.014.200 oder 301,7 %
    • Quelle: Nach den Berechnungen Schotts; Sombart, Werner: Der moderne Kapitalismus (6 Bde.)
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