Vernichtung der Immanuelkirche in Schirwindt (Sirvinta)

aus GenWiki, dem genealogischen Lexikon zum Mitmachen.

Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese Seite gehört zum Portal Pillkallen und hier zur Stadt Schirwindt

Die ev. Immanuelkirche in Schirwindt
Die Orgel in der ev. Immanuelkirche in Schirwindt
Holzkreuz am ehem. Standort der Immanuel-Kirche in Schirwindt

Auszug aus dem „Schloßberger Heimatbrief“ [1] 2001, Nr. 39, Seite 94, von Romas Treideris, litauischer Ortsheimatpfleger aus Kudirkus-Naumiestis

Kirchen sind kleine Heiligtümer unserer Kleinstädte, ihr Zentrum und Herz. Sie erzählen von den Einwohnern, die ihren einzigen Gott in verschiedenen Sprachen und Glaubensrichtungen verherrlichen. Ihr Glockengeläut regte die Menschen an, sich zu sammeln und über den Sinn des Lebens nachzudenken.

Die katholische Barockkirche von Kudirkos Naumiestis (Neustadt), die im Jahre 1787 vom Bischof Adomas Koscis im Namen der Entdeckung des Heiligen Kreuzes geweiht wurde, war der Vorwand zur Entstehung der evangelisch-lutherischen zweitürmigen Gotikkirche in Sirvinta (Schirwindt). Erinnern wir uns an die Worte des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV.[2]:
„Habe ich im Westen den Katholiken einen Dom[3] erbaut, so will ich im Osten hier den Evangelischen einen Dom erbauen, der ebenso stolz nach Rußland (zu der Zeit war Litauen im Faustballen des Zaren) hineinragt wie die katholische Kirche von drüben hierher".
In den Augen unserer Kindheit war das einmalige Architekturdenkmal ein Denkmal, das überirdische Gnade und Ruhe ausströmte, kein vergleichbares in den nächsten Städten. Die Verbindung zu den Häusern der Stadt und der Natur fühlte man beim Anblick dieser Kirche am besten vom Ufer der Sesupe (Szeszuppe = Ostfluß), von der litauischen Stadtseite Meistai (Maischti). Der berühmte gesellschaftliche Funktionär, Bischof Justinas Staugaitis[4], der im Jahre 1877 in der Schule von Naumiestis lernte (lehrte?), schreibt in seinen Memoiren:
"... die hier sich schlängelnde Sesupe mit der schönen hohen Holzbrücke (zu der Zeit war die Brücke aus Holz). Weiter – die Stadthäuser mit roten Dächern. In der westlichen Richtung - der Garten des Pfarrhauses und hinter ihm - die große Kirche mit zweistöckigen Türmen. Noch weiter - die Mündung der Sirvinta (der Schirwindtfluß) in die Sesupe, dicht mit Weidenbüschen bewachsen und mit einer genauso dicht bewachsenen Insel mitten im Fluß. In der Ferne, hinter dem Fluß und grünen Weiden, rote Dächer - das Städtchen Sirvinta (Schirwindt) mit der hohen, im Gotik-Stil gebauten, lutherischen Kirche mit zwei spitzen Türmen. Ein wunderschöner Anblick!"

Leider wird man in der Gotikkirche nie mehr die Erhabenheit der Messe erleben können: Die Kirche ist vor 45 Jahren endgültig vernichtet worden. In diesem Jahr gedachten wir ihres 145. Einweihungsjahres. Das brachte in unserer Erinnerung die tragischen Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegsjahre zurück, welche mit ihrer Vernichtung in Verbindung standen. Jetzt kann man behaupten, daß die Kirche in vier Etappen zerstört wurde. Davon zeugen die Ergebnisse der Vernichtung.

Das erste Mal erlitt die Kirche einen großen Schaden in den Kämpfen am 15., 16., und 17. Oktober des Jahres 1944. Es verbrannte das Dach des zentralen Kirchenschiffes und der östliche Turm wurde herabgesetzt, bis zur Höhe der Seitenwand dieses Kirchenschiffes. Das kann man aus dem sowjetischen Propagandafilm über die Besetzung von Sirvinta (Schirwindt) und den Erinnerungen des zu der Zeit 13- jährigen Zeugen (der Klassenkamerad der Mittelschule F. Tarnosaitis) beurteilen. Er weilte, von Neugierde geführt, in dieser Kirche noch im November des gleichen Jahres, als man noch das Schießpulver und Blut riechen konnte. Es war so: Als ein russischer Militärlastwagen kurz in Sirvinta (Schirwindt) hielt, ging dieser 13-jährige in die Kirche, um sie zu besichtigen. Durch die Haupteingangstür habe er nicht gehen können, weil im Raum ein Haufen von Brand- und Dachresten lag. Er gelangte durch die offene Seitentür hinein. Im Raum, am Altar, wo seiner Meinung nach der Platz für den Priester war, sah alles verwüstet aus. Anscheinend haben die russischen Soldaten nach wertvollen Sachen gesucht, der Schrank war umgestürzt, die Bücher lagen zerstreut auf dem Boden. Ein Buch vom Boden aufgehoben, wunderte er sich, daß es litauisch war. Er nahm vier davon mit. Das Dach des westlichen seitlichen Kirchenschiffes war noch da. Von dem Dach der östlichen Seite kann er nichts sagen, höchstwahrscheinlich war es auch noch da. Das von ihm gesehene Bild der Kirche entspricht den Aufnahmen, welche aus dem sowjetischen Film gemacht wurden. Es wäre nicht schwer gewesen, die Kirche aufzubauen.

Die zweite Zerstörung der Kirche fand Mitte Dezember 1944 statt: Durch Versprengen wurde der westliche Turm herabgesetzt und der Höhe der hinteren Wände angeglichen. Damals haben die Deutschen beide Städte beschossen. Die russischen Soldaten sprachen davon, daß die Panzer vorgedrungen waren. Deshalb wurde auch der westliche Turm aus militärischen Gründen herabgesetzt, damit er nicht als Orientierungspunkt zum Beschießen diente. Da war es auch noch nicht schwer, die Kirche später wieder aufzubauen.

Die dritte Zerstörung der Kirche erfolgte wahrscheinlich Ende Dezember 1944: Von den Russen sind die Säulen des Zentralschiffes mit Wänden und ein Teil der Außenwand des östlichen Seitenschiffes zersprengt worden. Selbstverständlich sind die Dächer der Seitenschiffe auch nicht geblieben - sie stürzten zusammen mit den Säulen. Die Logik sagt, daß man wegen der Ziegelsteine gesprengt hat, welche zum Bauen der Kriegsstraße über Miestlaukis nach Ostpreußen benötigt wurden, denn man sah keine in der Kirche. Auch die Ziegelsteine der in Kudirkos Naumiestis verbrannten Häuser, die noch aufzubauen waren, wurden zu diesem Weg gebracht. Nach dem Sprengen waren noch die hinteren Wände, beide herabgesetzten Türme, der größere Teil der Außenwand des östlichen Seitenschiffes und die ganze Außenwand des westlichen Seitenschiffes erhalten geblieben. Es wäre schon sehr schwer gewesen, die Kirche aufzubauen. In diesem Zustand, nicht endgültig vernichtet, sahen wir sie 12 Jahre lang. Die Zahl der Gebäude in Sirvinta (Schirwindt) wurde immer kleiner, und sie stand da und erinnerte an die Tragödie dieses kleinen Städtchens. Die sowjetische Zivilmacht entschloß sich nicht, sie zu zerstören, obwohl die in Sintauti (in der Nähe von Kudirkos Naumiestis) vom Krieg beschädigte Kirche von den örtlichen Kommunisten vernichtet wurde.

Die vierte Zerstörung der Kirche im Jahre 1956 war auch die letzte: Die noch stehenden Wände und teilweise zerstörten Türme wurden von den russischen Soldaten bis auf die Fundamente zersprengt. Im Sommer 1956 war ich zum Urlaub zurückgekehrt, als eine mächtige Explosion donnerte und Staubwolken emporstiegen. Und wie zum Spott wurde nach einiger Zeit an dieser Stelle das Denkmal für den großen Bolschewiken Lenin gebaut, obwohl er nicht sehr lange auf der heiligen Stätte aushielt. Jetzt steht an dieser Stelle ein von A. Spranaitis aufgestelltes Holzkreuz.

Die in der Kirche gefundenen Bücher sind Zeitschriften der Literatur, Wissenschaft, Politik und Religion „Draugija", die zu Bände gebunden sind. Wir haben die Ausgaben der Jahre 1912 und 1914 bekommen, die sich jetzt im geschichtlichen Museum von Sirvinta (Schirwindt) in Kudirkos Naumiestis (Neustadt) befinden, als Zeugen unserer geistlichen Verbindung mit Sirvinta. Es ist nichts Erstaunliches an dem Vorhandensein der litauischen Bücher, weil auch in der „Enzyklopädie der litauischen Literatur" Priester von Sirvinta (Schirwindt) erwähnt werden. Das ist Thomas Gedkantes, geboren um1525 in Zemaitija, der Dichter der litauischen Kirchenlieder. Das Kirchenlied „Magnificat, die Verherrlichung der Jungfrau Maria" ist 1570 im Liederbuch von M. Mazvydas (dem Autor des ersten litauischen Buches) gedruckt. Jonas Gedkantas, geboren 1556 in Sirvinta (Schirwindt), war der Helfer des litauischen Schrifttums. Er war einer der aktivsten Redakteure der von J. Bretkunas übersetzten Bibel. Efraim Friedrich Meisner, geboren in Encunai, Kreis Stalupenai (Stallupönen = Ebenrode), war ein Mitarbeiter von K. Milkus. Er übersetzte ins Litauische 10 und schrieb 2 Predigten für das von ihm vorbereitete Meßbuch, half bei der Vorbereitung des Liederbuches.

Wem gehörten diese vorgefundenen Bücher? Theodor Wilhelm Färber war als Priester in Sirvinta (Schirwindt) von 1886 bis 1926 tätig. Diese Bücher sind in der Zeit seines Priestertums herausgegeben. Offensichtlich konnte dieser Priester, der Gebildete von Sirvinta, auch gut Litauisch und interessierte sich für das Leben Litauens[5].

Die Geschichte ist die Suche nach Wahrheit. Vielleicht wird die Zeit, wenn neue Fakten entstehen, Korrekturen und Verbesserungen hineinbringen. Vielleicht... Aber jetzt verfügen wir nur über soviel Wissen über die Taten der Sowjetarmee, von der diese Kirche, Schönheit und Gotik, vernichtet wurde. –


Zurück zum Portal Schirwindt

Fußnoten

  1. Die Genehmigung für die Veröffentlichung des Artikels in GenWiki im „Portal Pillkallen“ unter der Auflage der ausschließlich nicht-kommerziellen Nutzung liegt mir, Günther Kraemer, von der „Kreisgemeinschaft Schloßberg/Ostpr. e.V. in der Landsmannschaft Ostpreußen e.V., Rote-Kreuz-Straße 6, 21423 Winsen/Luhe“ schriftlich vom 19.03.2011 vor.
  2. König Friedrich Wilhelm IV., Artikel Friedrich_Wilhelm_IV.. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. (23.04.2013)
  3. Gemeint ist der Kölner Dom, Artikel Kölner_Dom. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. (23.04.2013)
  4. Justinas Staugaitis, Artikel Justinas_Staugaitis. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. und http://lt.wikipedia.org/wiki/Justinas_Staugaitis (23.04.2013)
  5. Anm. Redaktion: Besonders im nördlichen Teil des Kreises Pillkallen (seit 1938 Schloßberg) wohnten zahlreiche eingewanderte Nationallitauer, die die deutsche Staatsbürgerschaft annahmen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts fand in den Kirchen beider Konfessionen des Kreises der Gottesdienst zweisprachig statt, in Deutsch und Litauisch. Siehe auch „Chronik des ostpreußischen Grenzkreises Schloßberg/Pillkallen", Bd. 3, Kirchspiel Schirwindt, Kapitel 3.2 Germanisierung und Konfessionen, Autor: H. Sebeikat, Vertrieb: Kreisgemeinschaft Schloßberg.
Persönliche Werkzeuge