Unser Kirschgarten

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<<<Erzählungen aus Schmelz


Unser Kirschgarten

Von Gerhard Krosien


Jeden Frühling von 1935 an war unser Kirschgarten ein Traum in Weiß: Die Kirschbäume - in Zweierreihe zu beiden Seiten des breiten Mittelganges - blühten! Erst waren sie klein - wie wir Memel-Schmelzer Bowkes. Und die Kirschbäume waren auch nicht allein im Garten, der von einem zweieinhalb Meter hohen Bretterzaun eingefriedet war.

Frühling im Kirschgarten

An der Westseite beblätterte sich dichtes Himbeergesträuch - wohl als Schutz gegen den Seewind gedacht! Gegen ungebetene gefiederte Gäste - vor allem in der Erntezeit - war dieses Gesträuch mit vom oberen Rand des Bretterzaunes nach unten gespannten Netzen geschützt. Zwischen den Kirschbäumen machten sich Johannisbeersträucher breit: rote, gelbe und schwarze Sorten. Zu beiden Seiten des Mittelganges wuchsen Stachelbeersträucher, die von Lattengestellen umgeben waren - wohl wegen der Stacheln. Am Gartenende wuchsen Rhabarberstauden. Im ersten Drittel des Kirschgartens stand eine luftig, aber stabil gebaute Gartenlaube, bei der an den Seiten wilder Wein gepflanzt war und die innen mit einem von Bänken umgebenen Tisch ausgestattet war.

Im Laufe der Zeit wuchsen nicht nur wir Schmelzer Bowkes. Auch die Kirschbäume wurden größer und größer. Und sie blühten in jedem Frühling immer mehr. Auch der wilde Wein ließ sich nicht bitten. Er überwucherte rasch die gesamte Gartenlaube von außen. Sie sah bald aus wie eine grüne Kugel mit einem Loch darin, dem Eingang.

In jedem Jahr wurden die Stämme der Kirschbäume gegen Ungezieferbefall weiß angestrichen - also gekalkt. Nach der Blütezeit diente uns Kindern der Garten oft als Spielplatz. Allein die überwucherte Gartenlaube verleitete uns zu so manchem fantasievollen Spiel dort.

Nur während des Spätsommers und der Herbstzeit wurde unser „Spieldrang“ im Garten erheblich eingeschränkt. Dann war die Pforte im Holzzaun zwischen Garten und Hof meist verschlossen. Bloß Großvater, die Eltern und andere „Große“ konnten sie mit dem dafür vorgesehenen Schlüssel öffnen. Wie man uns wissen ließ, galt diese Einschränkung unserer „Gartenaktivitäten“ ausschließlich dem Wohl unserer Gesundheit. Wir hätten ja unreife Kirschen essen und daran erkranken können. Jedes Jahr waren wir sauer darüber! Wir kamen aber zu unserem „Recht“, denn die verlockenden Kirschen stahlen wir uns in Gemeinschaft mit den anderen Schmelzer Bowkes aus unserem eigenen Garten. Gestohlene Kirschen schmeckten sowieso besser!

Inzwischen gibt es unseren Kirschgarten nicht mehr. Dies konnte ich während eines Besuchs im Jahre 1991 vor Ort feststellen. Alle Bäume und Büsche sind fort. Dafür stehen auf dem Gartengelände dort hässliche Blechgaragen der Jetzigen. Ich bin ganz sicher, wenn wir 1944 nicht Haus, Hof und Garten hätten verlassen müssen, würden sich auch heute noch die Nachgeborenen der Damaligen an unserem Kirschgarten erfreuen. Allerdings wären die Kirschbäume jetzt wohl noch viel größer!