Ludwig Carl Wilhelm von Baumbach-Kirchheim – Erinnerungen aus dem Leben eines hochbetagten Mannes (1799 – 1883)/20
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| Ludwig Carl Wilhelm von Baumbach-Kirchheim – Erinnerungen aus dem Leben eines hochbetagten Mannes (1799 – 1883) | |
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an, welchen über die Berge von Fulda nach dem Haunetal
zurückzulegen die Träger vorzogen trotz des schwierigen Terrains
statt des viel weiteren Weges über Hersfeld. Mit sehr schwerem
Herzen trat ich selbst den Marsch an, in stetem Zweifel, ob das
Unternehmen glücken würde. Ich ging den Trägern einige Schritte
voran, als dieselben kurz vor Beginn des Berganstieges die
Tragbahre niedersetzten, nach mir rufend. Von tödlichem Schrecken
ergriffen eilte ich zurück und fand zu meiner unaussprechlichen
Freude, daß Hermann nur etwas zu genießen begehrte. Auch die Berge
wurden glücklich überschritten, und kamen wir gegen Abend in
Hünfeld an, wo sich große Schwierigkeiten zeigten, da die Tragbahre
zu lang war, um sie in einem Zimmer irgendeines Gasthauses
unterzubringen- so mußten wir sie in einem Gang zwischen zwei
geheizten Zimmern stehen lassen. Des anderen Tages erreichten wir
bei guter Zeit Fulda, wo ich nochmalige Ängste auszustehen hatte,
indem in dem Logis, nachdem die Traghölzer abgeschnitten, die Bahre
in ein oberes Stockwerk aufgewunden werden mußte. Indessen, auch
dies ging, Dank sei Gott, glücklich von statten und Herrnann wurde
in eine Bettstelle gebracht, woran sich eine Maschinerie zum
Aufwinden befand, und so die Möglichkeit gegeben war, die Wunde von
allen Seiten zu untersuchen, wobei sich die Wahrheit des
Ausspruches herausstellte, wie sofortige Amputation geboten
gewesen, dieselbe aber jetzt zu spät sei.
Nachdem ein auf der unteren Seite des Beines hervorstehender zerschmetterter Knochen abgekneipt worden war, schritt die Herstellung, soweit überhaupt möglich, rascher voran. Ich konnte dieselbe nicht vollständig abwarten, sondern mußte die Pflege Hermanns der guten Mutter allein überlassen, da mich meine Pflicht auf den Landtag rief. Die natürlich sehr hohen Kosten bestritt, wie bei allen solchen Gelegenheiten gewöhnlich, der Edelmut des guten Onkels Ernst. Der gute Hermann wurde zwar soweit hergestellt, daß er an Krücken gut gehen, selbst wieder Treibjagden beizuwohnen vermochte, jedoch zeigte sich doch später Amputation geboten. Ich wende mich nun zu meiner Tätigkeit als Mitglied der Ständeversammlung, in welche ich natürlich als Neuling eintrat. Bald jedoch machte ich mich mit dem Geschäftsgang vertraut und erwarb mir das Vertrauen meiner Kollegen. Blicke ich noch jetzt auf meine Tätigkeit zurück, darf ich mir das Zeugnis geben, daß ich stets die beschworene Verfassung und den Ständeeid, und nur diese im Auge hatte. Mein Glaubensbekenntnis war daneben ein gemäßigt liberales, nie war ich Parteimann und erhielt mir in allen Lagen meine Unabhängigkeit. Bald wurde ich in die bestellten Ausschüsse, zumal die wichtigeren, namentlich den Budgetausschuß gewählt, und in diesem zum Referenten über den Militäretat bestellt.
Dieser hatte eine übertriebene Höhe ohne wahren Nutzen und war eigentlich nur ein Spielwerk in den Händen des Regenten. Ich trug pflichtmüßig um Verminderung der Kosten an, ohne jedoch dabei je die Pflichten aus den Augen zu lassen, welche das Land in Gemäßheit der Bundesakte zu erfüllen hatte. Dadurch zog ich mir jedoch den Haß des Mitregenten, späteren Kurfürsten zu. Ein weiterer Grund war, daß ich zum Mitglied des Ausschusses erwählt wurde, welcher über die in Anregung gebrachte Anklage auf Verfassungsverletzung des damaligen Ministers Hassenpstug zu berichten hatte, und die
