Kaltenbach 1850/Aachen

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Aachen

Auszug aus:

Johann Heinrich Kaltenbach: Der Regierungsbezirk Aachen, Wegweiser für Lehrer, Reisende und Freunde der Heimathkunde, Aachen 1850.

Aachen

Die hochberühmte ehemalige Kaiser= und Krönungsstadt Aachen (lat. Aquisgranum, franz. Aix-la-Chapelle), unter 50° 46' 34'' nördl. Breite und 23° 44' 17'' östl. Länge, 553' über dem Meeresspiegel, in einem angenehmen Kesselthale, ringsum von üppig bepflanzten Anhöhen, herrlichen und angenehmen Spaziergängen, zahlreichen Landgütern und prächtigen Villen umgeben, ist die Hauptstadt des Regierungsbezirks gleichen Namens und bildet eine Hauptstation der belgisch=rheinischen, der Mastrichter und Aachen=Düsseldorfer Eisenbahn. Sie ist eine alte, an geschichtlichen Erinnerungen reiche Stadt, welche, durch verschiedene Gerechtsame begünstigt, freie Reichsstadt wurde und daher gewöhnlich des heil. Römischen Reichs freie Stadt und Königlicher Stuhl hieß. Sie war die Residenz mehrerer fränkischer Kaiser, in welcher 37 deutsche Kaiser und 11 Kaiserinnen gekrönt und, außer den von Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen in ihrem Pallaste gehaltenen Reichstagen noch 13 andere Reichstage von verschiedenen Kaisern, 3 Friedensschlüsse (1409 zwischen dem Bischof von Lüttich und dem Grafen von Aremberg, 1668 zwischen Frankreich und Spanien, 1748 zwischen Frankreeich, England und den Niederlanden), und ein großer Monarchenkongreß (1818) abgehalten wurde. Gegenwärtig ist Aachen der Sitz der königl. Regierung, eines königl. Landgerichts, einer Katasterdirektion, einer Polizeidirektion und zweier landräthlicher Behörden (mit Kreisbüreau's für Stadt= und Landkreis), hat eine Stadtkommandantur, ein Handelsgericht, einen Rath der Werkverständigen, ein Hypothekenamt, eine Eichungskommission, ein Steuerfiskalat, eine Salzfaktorei, ein Domainen= und Rentamt, besitzt ein Kollegialstift mit einem Probste, 6 wirklichen und 4 Ehrenstiftsherren, 8 Stiftsvikarien, 8 katholische Pfarreien (eine 9., für sich bestehende Pfarre bildet die Bevölkerung des Gefangenhauses), 1 evangelische, 1 anglikanische und 1 israelitische Gemeinde.

An öffentlichen Lehranstalten besitzt Aachen gegenwärtig ein katholisches Gymnasium, ein kombinirte höhere Bürger= und Provinzial=Gewerbschule nebst einer Sonntags=Handwerkerschule, eine höhere Töchterschule mit Pensionat zu St. Leonard und mehrere Privat=Töchterschulen, 8 mehrklassige Elementarschulen für die Knaben und Mädchen der katholischen Pfarrbezirke, 1 evangelische und 1 israelitische Elementarschule, 8 mehrklassige Pfarr=Armen= oder Freischulen, mehrere Kleinkinder=Bewahrschulen und 1 Taubstummen=Lehranstalt. - Für die Forderung der wissenschaftlichen Richtung sind außerdem wichtig: die Stadtbibliothek, eine Gesellschaft für nützliche Wissenschaften und Gewerbe mit einem Museum und einer Bibliothek, das Museum des naturhistorischen Vereins für Rheinpreußen, ein ärztlicher Leseverein mit Bibliothek und ein wissenschaftlicher Leseverein für Förderung katholischer Wissenschaft.

Als Kranken= und Armenanstalten bestehen hier: das Elisabethspital für Freuen, das Wespien'sche oder Mariaspital für Männer, das Vinzenzspital für unheilbare Kranke, das Mariannen-Institut zur Entbindung und Verpflegung armer verehelichter Wöchnerinnen, die Annunziaten=Irrenanstalt, das für mehr als 200 Arme (alte gebrechliche Männer und Frauen) eingerichtete Theresianum oder Josephinische Armeninstitut, schon seit mehreren Jahren mit dem schönsten Erfolge unter der Leitung der barmherzigen Schwestern vom Orden des heil Karl Borromäus, jetzt in seiner Erweiterung mit dem Waisen= und Armenkinderhaus verbunden, ferner die Hertwartz'sche Armenanstalt zur Versorgung einer Anzahl alter, würdiger Hausarmen der Stadt mit ihnen eingeräumter Wohnung auf St. Stephanshof. Besonders wichtig ist die gräflich von Harskamp'sche Fundation zur Unterstützung zurückgegangener Familien und Familienglieder der Stadt und zur Erziehung und Unterhaltung von 12 Knaben und 12 Mädchen hülfsbedürftiger Eltern, welche adeliger oder guter bürgerlicher Herkunft sind. Unter Administration der Armenverwaltungs=Kommission bestehen überdies noch: das Kloster der Alexianerbrüder (Krankenwärter und Leichenbesorger) und jenes der Christensernonnen, die für die Stadt als Krankenwärterinnen dienen. Von besonders segensreicher Wirkung erweist sich ferner die für die dürftige Klasse getroffene Vorrichtung eines medizinisch=chirurgischen Polyklinikums, wodurch jährlich durchschnittlich an 1200 arme Kranke unentgeltlich behandelt werden. Besondere Erwähnung verdienen auch die zuerst in der St. Paulspfarre in's Leben getretenen Armen= (Johannis=) und Krankenküchen unter Leitung einiger Damen; ferner das Kloster zum Kinde Jesu, deren Mitglieder sich der Erziehung und Verpflegung der armen, verwahrlosten weiblichen Jugend widmen, das Kloster zum guten Hirten, der Vinzenz= und mehrere andere Wohlthätigkeitsvereine. Unter den allgemein wichtigen Anstalten, Einrichtungen, Gesellschaften oder Vereinen sind noch zu nennen: ein Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit nebst (von Herrn Hansemann zuerst errichteter) Spar= und Prämienkasse und Kleinkinder=Bewahranstalten, ein Verein zur Unterstützung auswärtiger armer Brunnengäste, eine Baugesellschaft, die Rheinische, die Düsseldorfer und die Mastrichter Eisenbahngesellschaft, eine Gasbeleuchtungsanstalt, eine Leihanstalt (Lombard), ein städtisches Brandkorps, sowie die durch Wohlthätigkeitssinn sich auszeichnende Aachen=Münchener Feuerversicherungsgesellschaft, die bedeutendste in Deutschland. Gegenwärtig ist die Stadt im Bau eines großen Bürgerhospitals begriffen, in welchem die Kranken der einzelnen kleineren, für den jetzigen Stand der Bevölkerung unzureichenden Spitäler vereinigt werden sollen. Außer einem Theater und einem Casino bestehen hier noch, zum Zwecke geselliger Vergnügung, eine Erholungsgesellschaft, drei Männergesangvereine, ein Instrumentalverein und ein Verein zur Belebung und Förderung der Badesaison.

Der städtischen Verwaltung steht ein Oberbürgermeister nebst zwei Beigeordneten und ein aus 30 Mitgliedern bestehender Gemeinderath vor, welcher nach einem bestimmten Wahlmodus auf 6 Jahre gewählt und alle 3 Jahre zur Hälfte durch Neuwahl ergänzt wird. Diesen stehen noch für besondere städtische Verwaltungszweige ein Kuratorium der höheren Bürgerschule, eine städtische Schulkommission, eine Armenverwaltungskommission und die Stadtpolizeibehörde zur Seite.

Die Stadt selbst besteht aus der innern oder Altstadt, welche noch vor 60 Jahren ihre eigenen Thore und einen Theil ihrer Mauern und Gräben hatte, und aus der äußeren Stadt, die Altstadt allseitig einschließend und noch mit Wällen, Mauern und Gräben theilweise umgeben. Sie hat folgende 9 Thore: das Köln=, St. Adalberts=, Theater=, Marschier=, Jakobs=, Vaelser=, Königs=, Pont= und Sandkaulthor. Die ganze Stadt enthält über 3.100 Häuser, 185 Fabrikgebäude, Mühlen und Magazine, 1153 Ställe und Schoppen und, ausschließlich der Garnison, gegen 47.520 Einwohner, worunter 45.266 katholischer, 1973 evangelischer und 282 israelitischer Religion. Sie ist in zwei Sektion A und B eingetheilt, welche durch die Pont=, Krämer=, Hartmanns= und Wirichsbongaardstraße geschieden werden. Aachen hat 12 Grabenstraßen (Boulevards), welche um die Altstadt führen, 45 Straßen und Gassen in der inneren und etwa 40 in der äußeren Stadt. Durch den Anbau zwischen Aachen und Burtscheid um den Bahnhof der Rheinischen Eisenbahn herum bis zum Burtscheider Verbindungswege ist in den letzten Dezennien eine Vorstadt entstanden, welche sich durch Schönheit der Häuser wie der Straßen gleich vortheilhaft auszeichnet und die nahe gelegene Stadt Burtscheid bald vollständig mit Aachen verbinden wird. Zu den schönsten und lebhaftesten Plätzen gehören der große Markt (zugleich Gemüsemarkt), der Friedrich=Wilhelmsplatz, Theaterplatz, Münsterplatz und Seilgraben. Merkwürdig sind unter den Gebäuden:

  1. Der Dom (das herrliche Münster) mit seinen Kunstschätzen und Alterthümern, 796 von Karl dem Großen erbaut und 804 vom Pabst Leo III. eingeweiht, worin die Gräber Karl's des Großen, Otto III. und die schätzbaren Reliquien oder Heiligthümer, welche alle 7 Jahre von der Gallerie des Glocckenthurmes dem zahlreich herbeiströmenden Volke gezeigt werden. Der prächtige, auf dem Grabe Karl's des Großen aufgehängte Kronleuchter ist von Kaiser Friedrich I. bei Gelegenheit der feierlichen eröffnung des Grabes Karl's des Großen (1165) geschenkt und von Wibertus verfertigt worden. Den in der Sakristei aufbewahrten, in und Silber aufÄs künstlichste gearbeiteten Kasten hat Kaiser Friedrich II. anfertigen und die Gebeine des großen Kaisers hineinlegen lassen. Der auf der Emporkirche befindliche Königsstuhl, bis 1531 bei den Krönungen dienend, ist ein Marmorstuh, auf welchem Karl der Große in sitzender Stellung im Grabe beigesetzt war. Die bis 1796 hier aufbewahrten Reichsinsignien: das mit goldenen Buchstaben auf Pergament geschriebene Evangelienbuch Karl's des Großen, sein Schwert und ein Kästchen mit Erde, in die das Blut des h. Stephanus geflossen, befinden sich seit jener Zeit in Wien.
  2. Das mit zwei hochragenden Thürmen versehene alte Rathhaus, 1353 auf der Stelle des ursprünglichen Pallastes der Karolinger in gothischem Style erbaut; im großen (Krönungs=) Saale desselben die Freskogemälde von Alfred Rethel. Vor demselben, in der Mitte des Marktplatzes, ein schöner Springbrunnen, mit dem bronzenen Standbilde Karl's des Großen geziert.
  3. Das Grashaus, das ältere Rathhaus aus den Zeiten der Karolinger, seit 1807 eine Fruchthalle;
  4. die St. Foilans=Pfarrkirche, bis 1260 die einzige Pfarrkirche in Aachen;
  5. die St. Peters=Pfarrkirche, als Kapelle 1261 erbaut;
  6. die St. Nikolaus=Pfarrkirche, mit drei vorzüglich gematlen Altarbildern (von Diepenbeck und van Duk), von Kaiser Heinrich II. 1005 zugleich mit der
  7. St. Adalberts=Pfarrkirche als Kloster gestiftet;
  8. die St. Michaels=Pfarrkirche, früher die Jesuitenkirche, mit einem ausgzeichneten Altarbilde von Honthorst
  9. die St. Pauls=Pfarrkirche, 1293 als Klosterkirche gestiftet, mit einem werthvollen Gemälde von Schadow
  10. die St. Jakobs=Pfarrkirche, eine der ältesten Kirchen in der äußeren Stadt.

Unter den öffentlichen Gebäuden verdienen noch besondere Erwähnung:

  • das neue Schauspielhaus, dessen Verdergiebel von acht jonischen Säulen getragen wird, 1824 vollendet;
  • der schöne Trink- oder Elisenbrunnen, mit seinen Säulengängen und Restaurationsgebäuden, 1823-24 errichtet;
  • die neue Redoute in der Komphausbadstraße mit reichverziertem Konzert= und Kursaale, worin früher die Spielbank;
  • das Regierungsgebäude mit den im Sitzungssaale desselben befindlichen Wandgemälden der hiesigen Maler Bastiné, Prof. Schmid und Vent.

Drei kalte Bäche, die Pau, Paunelle und der Johannisbach, und ein warmer Bach durchfließen in bedeckten Kanälen die Stadt und vereinigen sich außerhalb derselben zwischen dem Kölner und Adalbertsthore mit der Wurm. Außerdem ist die Stadt reich an Brunnen und Fontainen mit gutem Trinkwasser. Weltberühmt ist sie durch ihre ausgezeichneten Thermalbäder. Die heißen Schwefelquellen befinden sich mitten in der Stadt, in zwei, doch nicht weit von einander entfernten Gegenden. Die oberen drei Quellen, welche in der Nähe des Marktes, am Abhange eines Hügels entspringen, sind heißer und enthalten mehr Schwefel, als die sogenannten untern Quellen. Die Kaiserquelle,

Nach Dr. Monheim's Untersuchung enthält die Kaiserquelle in 16 Unzen Wassers:

a) Gase, in Kubikzollen
8,000 Kohlensäure
0,133 Schwefelwasserstoff
1,853 Stickstoff
b) an festen Bestandtheilen
2,121 schwefelsaures Natron
2,071 salzsaures Natron
6,610 kohlensaures Natron
0,006 phosphorsaures Natron=Lithion
0,630 Schwefelnatrium
0,420 Fluornatrium
0,043 kohlensaures Strontian
0,293 organische Substanz
0,538 Kieselsäure

die größte und schwefelreichste von allen, befindet sich in dem Badehause "Kaiserbad", mächtig und tief aus Felsspalten hervorströmend und übertrifft an Reichthum und Heilkräfen alle anderen Quellen der Stadt. Sie besitzt 46°R.(= Réaumur; Réaumursche Temperaturskala: Fundamental- punkte 0°R = Eispunkt; 80°R = Siedepunkt d. Wassers; der Temperaturdifferenz von 1°C entspricht 4/5°R) und versieht nicht nur den Trinkbrunnen auf dem Friedrich=Wilhelmsplatz, sondern auch noch vier Badehäuser mit Wasser.

Erst im Jahre 1658 fing man in Aachen an, das Mineralwasser zu trinken; 1704 wurde der Trinkbrunnen auf dem Komphausbad aufgeführt und im Jahre 1823 der neue Elisenbrunnen erbaut.

Die untern Quellen in der Komphausstraße, 37° R., versorgen ebenfalls vier Badehäuser und den Trinkbrunnen hinter der Redoute mit dem nöthigen Thermalwasser. Sie entspringenn theils in den Badehäusern und deren Hofräumen selbst, theils in deren Nähe auf der Straße. Auperdem hat Aachen zwei Eisenquellen, unter denen die ebenfalls zu Bädern benutzte reiche Stahlquelle in der Theaterstraße die wichtigste ist und den berühmten Wassern von Pyrmont, Spa und Schwalbach an Eisengehalt durchaus nicht nachsteht.

Ausgezeichnet war von jeher Aachen durch seinen Handel, seine Fabriken und Manufakturen. Auch jetzt noch hat die Stadt sehr wichtige Fabriken, deren Erzeugnisse nicht leicht anderswo übertroffen werden möchten. Unter diesen sind die Tuch=, Kasimir= und Nähnadelfabriken die wichtigsten Industriezweige. Auch die hiesigen Stecknadelfabriken, Eisengießereien, Maschinen= und Dampfkesselfabriken, Wagen=, Kratzen=, Hut=, Tapeten=, Teppich=, Tabak=, Zucker=, Seifen=, Bronze= und Blechwaaren=Fabriken sind von Bedeutung. Die übrigen wichtigsten Erwerbzweige sind: Färbereien, Gerbereien, Material= und Farbstoffen=, Wein= und starke Wollhandlungen, Wechsel=, Kommissions=, und Speditionsgeschäfte, Metall= und Holzhandlungen, Möbel= und Instrumentenfabriken, Buch=, Kunst= und Musikalienhandlungen, Buchdruckereien und lithographische Anstalten usw. usw. Der Handel mit Wolle, Farbwaaren, Getreide und Kolonialwaaren hat in jüngerer Zeit einen größeren Aufschwung genommen, wie dies die vermehrten Fabriken und die Detailhandlungen mit ihren vielen geschmackvollen und reich ausgestatteten Waarenmagazinen beweisen, welche man in den meisten Straßen Aachen's jetzt häufig findet.

Nicht nur durch die hier vorhandenen eleganten Gebäude, sehr guten Gasthöfe und Restaurationen, sondern auch durch bedeutende Kunstschätze und reiche Naturschönheiten bietet Aachen, besonders während der Badesaison, einen sehr angenehmen Aufenthaltsort dar; es ist daher kein Wunder, daß die Stadt alljährlich von vielen tausend Kur= und anderen Gästen besucht wird.

Die älteste Geschichte Aachen's und ihre Entstehung ist dunkel und unsicher, wie die so vieler Städte des Rhein= und Maaslandes. Hier wohnten in den frühesten Zeiten die Eburonen, nachher die Tongerer, Suniker und Ubier genähert. Römer fanden die Thermalquellen zur Ansiedelung geeignet, was ausgegrabene Münzen, römische Inschriften, Ueberbleibsel der Bäder und Wasserleitungen beweisen. durch die Einfälle der Vandalen, Ulanen, Sueven und anderer barbarischer Völker im 5. Jahrhundert wurden die Ansiedelungen hier wie an vielen Orten zerstört. Nach diesen Zerstörungseinfällen ließen sich nicht blos die übriggebleibenen alten Einwohner, sondern auch die Eroberer an solchen Stellen nieder, weil sie aus den Trümmern leicht wieder neue Wohnsitze errichten konnten und auch schon eine gewisse Kultur des Bodens vorfanden.

(Den schon zu blühen beginnenden Zustand unserer Gegend unter den Merowingern beweisen mehrere Dörfer, die als längst bestehend in den Urkunden des 9. Jahrhunderts aufgeführt werden. Es sind: Laurenzberg, Bardenberg, Würselen, Afden, Merkstein, Kirchrath, Eichelshoven, Simpelfeld, Walwiler, Villen, Vaels, Gimmenich, Monzen, Lonzen Walhorn usw.)

Diesem wird es auch zuzuschreiben sein, daß die meisten Römeranlagen später als fränkische Villen und Pfalzen wiedergefunden werden. Von den Römern wurde der Ort Aquisgranum (die Wasser des Apoll) genannt, welcher Name in Urkunden schon im 8. Jahrhundert vorkommt. Der sogenannte Granus=Thurm am Rathhause ist sehr wahrscheinlich auf der Stelle des alten römischen Apollotempels erbaut. Der deutsche Name Aachen ist aus Ach, Aich, Ahha, welche ebenfalls Wasser bedeuten, entstanden. König Pipin II., von Herstal, hatte 753 in Aachen, welches damals schon zum Flecken herangewachsen war, einen Pallast (Pfalz) mit einer Kapelle; von dieser hat die Stadt später die französische Benennung Aix-la-Chapelle erhalten. Bis zum 9. Jahrhundert waren die Bewohner von Aachen Diener der Pfalz und Meyer der königlichen Höfe und Besitzungen daselbst. Kein Besitzer und freier Eigenthümer wohnte noch allda. Kaiser Karl der Große, wahrscheinlich in Aachen geboren, ließ 778 die Pfalz und 796 die königliche Kapelle, die spätere Münsterkirche, neu aufbauen und die Bäder herstellen. Er errichtete zu Aachen eine hohe Schule und eine Bibliothek unter Alkuin, gab Marktrechte und Gewichte, stiftete ein Kloster bei der Kirche und ließ die Pfalz mit den sämmtlichen Anlagen mit einer Mauer einfassen. Der Kaiser hielt sich gern in Aachen auf, besonders in seinen letzten Lebensjahren und feierte in der Münsterkirche gewöhnlich die Ostern und Weihnachten. Er hielt große Hoftage zu Aachen; sein Pfalzgraf richtete die Freien, an dessen Stelle später der Vogt erscheint. Ein königlicher Meyer stand den Unfreien der königlichen Pfalz vor. Die Schöffen wurden aus den Freien gewählt. Aachen, obgleich im Ober=Maasgau gelegen, war als königlicher Weiler und als Hauptpfalz von jeher der Gaugrafschaft entzogen und bildete schon 870 einen besonderen Distrikt, "das Reich von Aachen", unter königlichen Richtern und Verwaltern.

Im Oktober des Jahres 992 wurde in dem Pallaste Aachen eine große Kirchenversammlung gehalten welcher Paulinus, Patriarch von Aquileia, statt des Papstes präsidirte. (814) Ludwig der Fromme, Karl's Nachfolger, wohnte gewöhnlich zu Aachen. Unter seiner Regierung brach (823) die Pest in Aachen aus, woran viele starben. Er ließ die Kapelle auf dem Salvatorsberg bauen,

(Dieser Berg war damals mit dem höhern Lousberg und dem niedrigern Weingartsberg noch ein und derselbe Berg. Flache Senkungen trennten sie von einander, welche Zeit und Menschenhände allmählig vertieften und erweiterten. Diese Höhen hatten im 9. Jahrhundert noch keine eigene Benennung. Im Jahre 977 wurden sie Luovesberg genannt, welches Wort (1005) Leueberg, (159) Lueweberg und (1126) Lowisberg in den Urkunden geschrieben wird. Daß dieselben ehemals mit Weinreben bepflanzt waren, beweist nicht bloß der Name des einen, sondern geht aus alten Stadtrechnungen klar hervor. Es war nämlich von der Stadt Aachen ein Preis auf den Weinbau gesetzt.)

welche sein Sohn, Ludwig der Deutsche, schon baufällig fand und mit 3 Mansen, Weinberg und den Leibeigenen beiderlei Geschlechts, die dieselben bewirthschafteten, dotirte und 871 dem Kloster Prüm schenkte. Der Abt von Prüm ließ die nunmehr dotirte Kirche einweihen zu Ehren des Heilandes. 997 tauschte Kauser Otto III. sie von Prüm ein und schenkte sie sammt dem zugehörigen Berge und Weinwachs der Wittwe Alda, die hier ein Kloster für Jungfrauen und Wittwen gründete und reichlich beschenkte. Karl der Kahle verlegte den Aachener Markt nach St. Denis bei Paris. Unter dem Verfall der karolingischen Macht und der Herrscher fielen die Normänner von Mimwegen aus in die Gegend zwischen Rhein und Maas bis Bonn, raubten die Schätze und Kostbarkeiten des Pallastes und der königlichen Kapelle zu aachen, machten die Kirche zum Pferdestall und steckten Pallast und Flecken in Brand. Bei dieser Verwüstung Aachen's waren die Heiligthümer vorher in die Abtei Stablo und wahrscheinlich hierauf nach Mainz in Sicherheit gebracht worden.

Die Ottonen haben Aachen wieder hergestellt, vermehrten die Stiftungen und Otto III. gründete (1000) das St. Adalbertsstift. Kaiser Heinrich II. gründete (1005) das Nikolasstift (jetzt Pfarrkirche) und schenkte aus seinen hiesigen Reichsgütern des Fleckens aachen dem Adalbertsstift und der Abtei Burtscheid als Eigenthum ansehnliche Strecken mit Häusern, Wiesen, Aeckern und Fischteichen. Unter den salischen Kaisern (1024-1125) hatte Aachen noch keine Thore, Mauern und Gräben, obgleich die jetzige Mittelstadt (die Altstadt) schon mit Häusern bebaut war. Auch war schon ein königliches Zollhaus hier. Die Bewohner bildeten drei Klassen: 1. Ministerialen der Pfalz, im Dienste der Könige und Fürsten als Diener, Verwalter, Aufseher, Richter etc.; 2. Freigeborne, aber dem Hofe gegen Zinspflicht in Schutz sich begebend, trieben Handel, Geldwechsel, bearbeiteten edle Metalle, bildeten Künstler, oder ließen die Feldmark durch eigene Knechte anbauen, legten Gärten und Weinberge an; 3. Handwerker, welche unter dem Verwalter standen und unfrei waren. Sie bildeten die ältesten Bürger (Burgenses) und ersten Gemeindeglieder. Um 1135 waren die Tuchweber zu Aachen bereits kräftige Gewerbsleute, mit deren Tüchern alle damals bekannten Märkte versehen wurden. Der Vogt und der Meyer waren fortwährend die königlichen Lokalbeamten, die höhere Gerichtsbarkeit übte indessen (1141) der Herzog Gottfried von Nieder=Lothringen noch aus, indem er zu Aachen persönlich Gericht hielt.

Das älteste vorhandene Aachener Stadt=Privilegium ertheilte Kaiser Friedrich I. 1166. Derselbe bestätigte drei alte Freiheiten und verlieh Münzgerechtigkeit, zwei Jahrmärkte, jeden von vierzehn Tagen und Abgaben= und Zollfreiheiten, welche von späteren Kaisern oft bestätigt wurden. Unter Friedrich I. (1172) wurde die Stadt mit einer Mauer umzogen; die außer den Mauern gelegenen Häuser bildeten Vorstädte, welche man seit dem 14. Jahrhundert ebenfalls anfing, mit Mauern, Gräben und Thoren zu versehen. Friedrich bewohnte bei Anwesenheit in Aachen die Feste Berinstein, auf der Höhe zwischen dem Lütticher und dem Vaelserthor hinter der Kirche St. Jakob, damals außerhalb der Stadt gelegen. Kaiser Heinrich VI. ertheilte (1192) Befehle an Meyer, Vogt, Schöffen und Bürger zu Aachen. Im Jahre 1197 war die Stadt schon so befestigt, daß Kaiser Otto IV. sie mit einem Heere belagern mußte, um gekrönt zu werden, indem die Stadt an Philipp von Schwaben hing. Dann hielt Aachen aber eben so fest an Otto bis 1215, wo Friedrich II. gekrönt wurde. In den Jahren 1224 und 1236 verheerten große Feuersbrünste die Stadt.

1248 belagerte König Wilhelm von Holland sechs Monate lang die Stadt welche dem mit dem Banne belegten Kaiser Friedrich treu blieb, bis sie gezwungen, den König Wilhelm aufnahm. Ein am Adalbertsthore 40 Fuß hoch aufgeworfener Damm, welcher die Pau=, Paunelle=, Johannisbach= und Thermal= Wasser aufstaute und die Stadt unter Wasser setzte, war bei dieser Belagerung der Holländer am wirksamsten. (Man lese darüber: Quix, die Geschichte der Stadt Aachen etc. Aachen 1840) König Wilhelm bestätigte die alten Priviliegien und Freiheiten der Stadt und gestattete dazu, nach eigenen Gesetzen und Verordnungen zu leben; auch entband er sie von fremden Gerichten.

Bei der Schwäche des Reichs=Oberhauptes nahm Straßenraub, durch den Adel von seinen festen Burgen ausgeübt, überhand. 60 Handel treibende Städte, worunter auch Aachen, voerbanden sich (1255) zum Schutze des Handels und des Landfriedens, welcher Bund sich den Namen "Landfrieden" gab, und später noch oftmals erneuert werden mußte. die Münsterkirche, St. Foilan, war bis 1260 noch die einzige Pfarrkirche zu Aachen. Später wurden die Kirchen zum heiligen Jakob, zum heiligen Peter und heiligen Adalbert, in den Vorstadten damals gelegen, zu Pfarren erhoben. Um diese Zeit (1274) kommen zuerst in den Urkunden Bürgermeister und doppelte Schöffenzahl, woraus der Rath bestand, vor. Bei Kaiser Rudolph I. beklagten sich die Aachener, daß die Urtheile des Schöffenstuhles gegen die Räubereien des Adels ohne Wirkung blieben, worauf dieser dem kaiserlichen Präses des Schöffengerichts die Ausführung der Urtheile einschärfte. Die Aachener erkannten (1277) den Herzog Johann von Lothringen und Brabant als ihren Obervogt an, welcher sich auch zur Hülfe verpflichtete. Die Stadt hatte 1277 Fehde mit dem Grafen Wilhelm von Jülich, wahrscheinlich wegen der Vogtei. Wilhelm kam durch Verrath mit 470 Reitern Nachts in die Stadt und wurde nebst zwei Söhnen von den Bürgern erschlagen. Erst 1280 kam der Friede darüber vermittelst 13;000 Mark Buße, an Wilhelm's Verwandte zu zahlen, nebst mehreren Stiftungen zu Stande. Das Meyeramt, wlches früher durch einen Freien oder Edlen der Stadt nach königlicher Verleihung verwatet worden, wurde bereits von Kaiser Rudolph I. dem mächtigen Walram von Montjoie und Falkenburg (aus dem Hause Limburg) anvertraut. Im Jahre 1297 hatte Herzog Johann von Brabant die Meyerei in Pfandschaft und Kaiser Adolph gestattete dem Grafen Walram von Jülich dieselbe einzulösen. 1305 erhielt Diedrich von Montjoie und Falkenburg die Meyerei wieder auf 5 Jahre vom Kaiser Albrecht. Nach ablauf dieser Jahre (1310) hatte die Stadt Fehde mit Motjoie und Jülich wegen der Meyerei, worin die Aachener Korneli=Münster verbrannten und den Frieden mit Geld theuer erkaufen mußten.

1333 entstand ein großer Brand in Aachen, wodurch bei bei 500 Häuser zerstört wurden. Kaiser Ludwig V. schenkte der Stadt nochmals den schon längere Zeit besessenen Distrikt, das Reich von Aachen mit allen Dörfern und Einwohnern; eben so die Befugnis, über die kaiserlichen Waldungen im Aachener Gebiet zu walten. Karl IV. verpfändete 1348 die Meyerei an Jülich, wobei sie dann stets verblieben ist. Durch dieselbe hat Jülich einen Antheil an der öffentlichen Gewalt in Aachen gehabt, welche der Entwickelung der städtischen Freiheit oft entgegen strebte. Faustrecht und Räubereien des Adels nahmen um diese Zeit, bei der Reichsschwäche, überhand, indessen die Städte und die Fürsten selber stärker wurden. die Städte Aachen und Köln, Herzog Johann von Brabant und Erzbischof Wilhelm von Köln schlossen 1351 ein Bündniß auf 10 Jahre, wonach jeder 100 Reiter und 50 Schützen zum Angriff und zur Belagerung der Raubnester stellte, stets 20 Reiter zum Schutze des Landfriedens hielt und drei geschworene Männer als Bundesgericht über Verbrechen am Landfrieden ernannt wurden. Diesem Bunde traten Herr Johann von Montjoie mit 40 Reitern zu Belagerungen und 20 Reitern zu Landzügen, ferner Herr Johann von Falkenburg mit 30 Reitern, Markgraf Wilhelm von Jülich und Graf Diedrich von Lon und Heinsberg mit ähnlichen Streitkräften bei. Die Abtei Burtscheid vermochte nicht mehr, sich gegen Plackereien zu schützen und das Konvent übertrug daher das Dorf und Gericht Burtscheid mit Unterthanen und Einwohnern der Stadt Aachen, welche von nun an dort den Meyer bestellte.

1353 wurde der Bau des jetzigen Rathhauses und des Chors der Münsterkirche durch den Bürgermeister Gerhard, Grafen von Schellard, genannt Chorus, begonnen. Kaiser Karl IV. bestätigte 1356 den Schöffenstuhl zu Aachen und gestattete der Stadt, sich nach Beddürfniß zu befestigen und dazu Steuern und Auflagen in ihrem Gebiet zu machen.

Die Stadt Aachen, der Erzbischof von Köln und der Herzog von Jülich kommen im Jahre 1357 überein, die Münzen von einerlei Schrott und Gewicht zu schlagen. Kaiser Karl IV. gibt der Stadt 1399 eine neue Messe vom 1. - 15. Mai jeden Jahres. Im 14. Jahrhundert blühten die Manufakturen zu Aachen und ein ausgedehnter Handel mit Antwerpen und Venedig. Der Bund zum Schutze des Landfriedens wurde 1364, 1375 und 1383 erneuert. Aachen blieb dem Kaiser Wenzel (1401) treu, weshalb Kaiser Ruprecht die Stadt in die Reichsacht erklärte, welche 1407 nach Gelderpressungen wieder aufgehoben wurde. Im Jahre 1418 wurde der Landgraben um das Aachener Reich angelegt, der jetzt an vielen Stellen zerstört und somit unkenntlich geworden ist.

Seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts erscheint ein Kampf zwischen den das Regiment in der Stadt führenden Geschlechtern und den in Zünften nach und nach organisirten, Gewerbe und Handwerk treibenden Einwohnern. Die Schöffen ergänzten sich herkömmlich durch eigene Wahlen; der Stadtrath war in den Geschlechtern erblich, welche den Magistrat auch wählten. Die gekräftigten Zünfte und Handwerker klagten stets über schlechte Verwaltung und suchten dieselbe an sich zu reißen. 1428 brach ein Aufruhr gegen den Rath aus; die Bürger wählten aus den 10 Zünften einen neuen Rath. Der alte Rath zog aber bewaffnete Hülfe in die Stadt, besiegte die Aufrührer und ließ 4 Anführer derselben enthaupten, worauf die Ruhe für den Augenblick wider hergestellt war. Nach Gährungen und Meutereien gegen den Magistrat, welcher die Stadt mit Schulden überladen hatte, wurden 1437 aus jeder der 10 Zünfte 6 Bürger zu Mitgliedern des Raths aufgenommen. 1442 fielen abermals Meutereien vor und ein Bürgermeister wurde verbrannt. Im folgenden Jahre wurde die Schneider= und Wagner=Zunft eingerichtet. Ungeachtet des Privilegiums, welches Kaiser Friedrich III. dem Rath ertheilte, entwickelte sich immer größere Gährung gegen den Erbrath. Die Unordnungen dauerten fort, bis 1450 der Gaffelbrief, oder eine Verfassung zu Stande kam, wodurch der Erbrath abgeschafft und 11 Zünfte regulirt wurden, wovon jede 2 Rathsherren un 6 Geschickte wählte. In diesem Jahre kamen auch die Messing=Fabriken nach Aachen, welche im folgenden Jahrhundert größtentheils auswanderten und sich in Stollberg niederließen.

1469 trat die Stadt Aachen in Büdnis mit Karl dem Kühnen von Burgund und 1473 ertheilte Kaiser Friedrich III. dem Schöffenstuhl ein Privilegium, wonach die Schöffen jederzeit Mitglieder des Stadtraths sind. 1474 hatte wegen Erhöhung der Auflagen ein Volksauflauf geen den Rath statt. Der Hauptanführer wurde enthauptet; 400 junge Männer wanderten aus. Um diese Zeit befestigte der Rath die Stadt. Es wurden damals wohl die jetzigen äußeren Mauern der Stadt erbaut. In der Folge mußte jeder Auswärtige, welcher in Aachen ein Handwerk treiben wollte, das Handwerksrecht in der Stadt erkaufen. Gegen ende des 15. Jahrhunderts erscheint das jetzige Rathhaus fertig gebaut. 1505 ward die Zunft der Messing=Fabrikanten errichtet. Die Stadt war indß schwer mit Schulden belastet und der Gaffelbrief von 1450 gänzlich in Vergessenheit gerathen. Die Zünfte standen auf und beschworen auf's neue den Brief. In einem allgemeinen Aufstande wurde ein neuer Rath und Bürgermeister gewählt, worüber Prozeß vor dem Reichskammergericht in Wetzlar geführt wurde. 1524 ward Luther's Lehre zu Aachen verkündet, jedoch ohne Erfolg und 1542 kam zuerst ein Jesuit nach Aachen und predigte mit Beifall. Der Magistrat ertheilte in diesem Jahre 30 protestantischen Familien, welche wegen Religionsdruck aus Flandern und Artois einzogen und Fabriken einführten, das Bürgerrecht. Unter Herzog Alba's grausamem Regiment in den Niederlanden zogen immer mehr Protestanten und Fabriken aus den Niederlanden nach Aachen. 1543 vereinigte Johann von Hompesch die von Jülich ihm aufgetragene Vogtei und Meyerei in seiner Person, welche seit dem nicht mehr getrennt wurden. Um 1550 waren große Bewegungen und Streit über Religion. 1552 wurde ein Antrag um Aufnahme der neuen Fabrikanten in die Zünfte nicht gestattet und Anfangs 1555 wurde abgelehnt, daß die Protestanten sich einen Prediger halten dürften. Die Aachener Protestanten wendeten (1559) sich hierauf an die protestantischen Reichsfürsten um Unterstützung, welche sich auch, jedoch ohne Erfolg, für sie beim Kaiser verwendeten. Andererseits aber erfüllte der Rath auch nicht das Begehren König Philipp's II. von Spanien, die Protestanten aus Aachen zu vertreiben. Indessen vernahm der Rath die Zünfte über die Protestanten und da diese sich gegen dieselben erklärten, so traten ein Bürgermeister und eine protestantische Minorität von Mitgliedern des Magistrats und des Raths aus ihren Stellen und der Rath wählte einen Statthalter für den abgegangenen Bürgermeister. Die Zwietracht wurde aber in der Stadt immer stärker. Die niederländischen Kriege fingen an, die Stadt hart zu drücken. Der Prinz von Oranien erpreßte zuerst 26.000 Thaler. Um nun den inneren Frieden zu erhalten, wurde 1574 beschlossen, mit den Katholiken auch Augsburgische Konfessionsverwandte in den Rath aufzunehmen; alle andere Sekten (Wiedertäufer) blieben ausgeschlossen. Von nun an wurde der Rath stark mit Protestanten besetzt.

1578 wurde die Kupferschmiedezunft errichtet.

1579 verlangten die Protestanten nunmehr freie Religionsausübung. Der Rath schlug den Antrag ab. Der Herzog von Parma, in den Niederlanden anwesend, wirkte den Protestanten entgegen. Indessen gewannen diese 1580 größere Macht im Rath, es ergab sich eine Spaltung in demselben und beide Partheien wendeten sich an den Kaiser, welcher die Katholiken aufrecht zu erhalten trachtete. Von den Protestanten wurden andere Bürgermeister gewählt, als von den Katholiken; ein einem Aufruhr wurden der protestantische Magistrat mit Gewalt eingeführt und der katholische aus der Stadt vertrieben. Der Kaiser befahl, daß der protestantische Magistrat abtrete, und nach vergeblichen Unterhandlungen sollten kaiserliche Kommissarien erscheinen, welche jedoch wegen kölnischer Unruhen ausblieben. Brabantische und Jülich'sche Truppen hielten indessen Aachen eingeschlossen. Der protestantische Magistrat machte 1583 einen Ausfall und nahm die Feste Kalkofen ein, worin die Garnison umkam. Der Kaiser verhandelte aber nur und schritt nicht weiter ein; da verordnete der protestantische Magistrat, daß den Protestanten öffentliche Religionsübung gestattet werde, was auch geschah. Der Vogtmeyer, Johann von Thenen, welchen der Herzog von Jülich zu Aachen bestellte, wurde vom Magistrat vertrieben, 1590 aber wieder aufgenommen. Endlich erfolgte ein kaiserliches Urtheil gegen die protestantische Regierung zu Aachen und eine Verordnung, daß Alles auf den Fuß von 1560 wieder hergestellt werden sollte, worüber verhandelt wurde, bis 1596 die Bestätigung erging, und als dem ungeachtet ein protestantischer Bürgermeister gewählt wurde, erfolgte die Reichsacht gegen das protestantische Aachen, deren Exekution dem Kurfürsten von Köln mit Hülfe des Kurfürsten von Trier und dem Herzoge von Brabant aufgetragen war. Der protestantische Rath erklärte sich hierauf zur Niederlage der Aemter und zur Abschaffung des öffentlichen protestantischen Gottesdienstes bereit und unter Einwirkung der kurfürstlichen Kommissarien wurde ein katholischer Magistrat und Rath erwählt. Die zu leistenden Exekutionskosten und Entschädigungen wurden zu 195.615 Aachener Thaler berechnet, welche 126 geächtete Protestanten bezahlen sollten, indessen von denselben nicht erhoben wurden, weil viele derselben auswanderten.

Von dieser Zeit an scheinen die Nähnadel=Fabriken wichtig geworden zu sein. Im Jahre 1615 wurde die Nähnadlerzunft errichtet. Der neue katholische Magistrat suchte die Ordnung kräftig zu handhaben; er vertrieb 1601 alle Wiedertäufer aus der Stadt. Inzwischen hatte die Stadt noch stets Streitigkeiten mit dem Herzog von Jülich, welcher im Gebiete derselben placken und rauben ließ. Die Protestanten bleiben nicht ruhig und die Auswanderungen dauerten fort (1608). In einem Aufruhr (1611) erstürmten die Protestanten das Rathhaus und nahmen die Stadtthore ein, brachen in das Jesuitenkloster und zogen die in die Kirchen geflüchteten Jesuiten heraus, zerstörten das Innere der Kirche und des Klosters. Die bewaffneten Protestanten trugen wieder auf freie Religionsübung, Theilnahme an städtischen Aemtern, Austreibung der Jesuiten, Rückkehr der verbannten Protestanten=Anführer und auf Straflosigkeit ihres neuen Aufstandes an. Als sie aber Aussicht auf Kleve=Jülich'sche Hülfe erhielten, setzten sie den Rath ab, ernannten eine regierende Deputation von 88 Mitgliedern an seine Stelle, richteten ihren Gottesdienst wieder ein und befestigten sich in der Stadt. Sie warben stets Soldaten an, setzten vier Stadtverwalter ein, ernannten zu allen Stellen, nahmen die Stadtkasse in Besitz, untersuchten die Rentkammer und Archive und übten allein gänzlich die Regierung aus. 1612 wurden neue Bürgermeister und ein neuer Rath, welcher größtentheils aus Protestanten bestand, gewählt. Kaiserliche Kommissarien trafen aber zu Aachen ein und drangen auf Wiederherstellung des Alten. Kaiser Mathias erließ 1613 ein Restitutions=Mandat, welches unbeachtet blieb. Dann erschienen neue kaiserliche Kommissarien, und der spanische General Spinola kam aus den Niederlanden mit 16.000 Mann an zur Exekution des Mandats. Hierauf trat der neue Rath ab und der alte wieder ein. 600 Wiedertäufer und der prtestantische Prediger und Lehrer wurden vertrieben; mehrere tausend Einwohner wanderten aus. Der protestantische Rath hinterließ 22.000 Thaler Stadtschulden und dei Exekution des Spinola hatte 18.000 Phillipsthaler gekostet, zu deren Deckung er (1618) die Güter der Entflohenen verkaufte, wodurch aber nur ein Theil der Summe gedeckt wurde. Die lästige spanische Besatzung blieb übrigens in Aachen bis 1632. Im Jahre 1629 wurden die Juden vertrieben und das städtische Lombard errichtet. Der 30jährige Krieg fing (1636) an besonders hart auf dem geschwächten Aachen zu lasten, wo kaiserliche und spanische Truppen überwinterten. Da Aachen sich weigerte, eine abermalige Wintergarnison (1638) aufzunehmen, so wurde es belagert, gebrandschatzt und zur Aufnahme von 16-17.000 Mann gezwungen. Dann rückten (1642) hessische und weimarische Truppen vor und die Bürger der Stadt mußten sich vertheidigen und stets unter den Waffen bleiben. In Folge des westphälischen Friedens (1648) verloren endlich die Protestanten zu Aachen Gewissensfreiheit mit öffentlichem Gottesdienst und Bürgerrecht, bis zur französischen Eroberung im Jahre 1794. Zu den bisherigen Drangsalen der Stadt kam nun auch 1656 der große Brand, worin 17 Personen umkamen und die Rath= und Schöffen=Archive, die Dächer der Kirchen und des Rathhauses und bei 4000 Häuser zerstört wurden. In den folgenden Jahren wurden zwar 1600 neue Häuser erbaut, allein die Fabriken und Gewerbe waren theils verlassen, theils geschwächt und die Auswanderungen dauerten noch fort Aachen hob sich nicht mehr zu voriger Kraft und Größe.

Die französischen Kriege bis zum Nymweger Frieden waren der Stadt wieder sehr lästig. Die französischen Heere standen in und um Aachen und die Militairkosten zur eigenen Vertheidigung lasteten besonders schwer auf der Stadt (1678). Der Kriegsdruck durch kaiserliche Besatzung (1689) und die Kriegskosten schwächten die Stadt, welche derselben in den Jahren 1734-35 und 1740-44 sehr schwer fielen bis 1748 der europäische Friede zu Aachen geschlossen wurde.

Im Jahre 1757 lagen die französischen Heere im 7jährigen Kriege der Stadt wieder zur Last. Dreimal überwinterten Heeres=Abtheilungen zu Aachen und beim Hubertsburger Frieden hatte die Stadt zum zum Reichskontingent über 40.000 Thaler und an die Franzosen (1792) über 373.000 Reichsthaler ohne die Einquartierungskosten geleistet. Ungeachtet des Vertrages (1660) mit Jülich wegen der Vogt=Meyerei, entstand 1768 ein abermaliger Streit darüber mit Jülich. Im folgenden Frühjahr sandte Jülich 2000 Mann gegen die Stadt, wlche dieselbe mit Gewalt besetzten und dem Magistrat und Rath bis Juni 10.000 Reichsthaler Kosten und Schaden machten, wo dieselben wieder abzogen. der darüber angefangene Prozeß vor dem Reichshofrath dauerte bis 1770, wo eine kaiserliche Vergleichungs=Kommission nach Aachen kam. Allein die Unterhandlungen Jülich'scher und Aachener Abgeordneten mit den kaiserlichen Kommissarien dauerten mehrere Jahre, bis endlich am 10. April 1777 zu Wien ein definitiver Vertrag abgeschlossen wurde, welcher die Verhältnisse der Stadt zum Herzog von Jülich auf der Basis des Vertrages von 16670 regulierte. Nach wenigen Ruhejahren entstand 1786 ein Opposition gegen den Magistrat und Rath. Klagen über Mißbräuche und schlechte Verwaltung der Stadt und ihrer Finanzen insbesondere, wurden vor dem Rath geführt, welche letzterer zu beseitigen und zu widerlegen suchte. Der Partheigeist stärkte sich; die Opposition faßte die Absicht, sich in den Magistrat und Rath zu drängen. Zu dem ende fingen sie an, Stimmen zu den bevorstehenden Wahlen auf alle Weise in den Zünften zu sammeln. In den Zünften selbst entstand Entzweiung. Die Wahlen in denselben begannen tumultuarisch und gewaltthätig. Der Magistrat kassirte eine Wahl und suspendirte eine andere. Die Remonstranten, jetzt die Neue Parthei genannt, protestierten dagegen. Endlich sollten am 24. Juni verfassungsmäßig die großen Wahlen zu den Bürgermeister= und anderen höchsten Stellen vorgenommen werden. Die neue Parthei suchte durch Furcht die Wähler des Magistrats, die Alte Parthei genannt, von der Theilnahme abzuhalten und dadurch sich die Majorität zu sichern. Als diese dennoch auf dem Rathhause zu den Wahlen erschienen, erfolgte ein Volksauflauf; in's Rathhaus drangen mit Stöcken bewaffnete Männer ein, und aus dem Wahlsaale prügelten und vertrieben dieselben den Magistrat und die Wähler der alten Parthei (24. Juni). Ein Bürgermeister mußte seine Stelle niederlegen, und mehrere hohe Stellen wurden den Häuptern der neuen Parthei eingeräumt, während die Vornehmsten der alten Parthei aus der Stadt flüchten mußten. So hatte die Neue Parthei gesiegt. Da die alte Parthei Hülfe zu Brüssel suchte, so wendete die Neue sich an das Reichs=Kammergericht zu Wetzlar um Festhaltung des neuen Zustandes als eines verfassungsmäßigen. Das Reichskammergericht erließ ein Mandat in diesem Sinne. Vom Reichshofrath zu Wien erging aber bald eine Restitutions=Verfügung, welche nicht ausgeführt wurde. Der Prozeß hatte seinen Fortgang vor beiden Reichsgerichten.

Das Reichskammergericht veranlaßte 1787 eine delegirte Kommission der ausschreibenden Fürsten des niederrheinisch=westphälischen Kreises, zur Untersuchung, Bestrafung und Beilegung des Streites. Dann erließ dasselbe ebenfalls ein Restitutions=Mandat für die Beamten und Behörden. Neue Wahlen wurden durch dasselbe suspendirt, ferner nach neuen Exzessen ein Kommando Kreistruppen von 800 Mann nach Aachen verordnet, um den vertriebenen Bürgermeister wieder einzusetzen und demnächst durch denselben neue Wahlen vornehmen zu lassen. Es erschien hierauf eine Kreis=Direktorial=Gesandschaft mit Kreistruppen zu Aachen, und ausgetretene Magistrats= und Rathsglieder wurden wieder in ihre Stellen eingesetzt. Neue Wahlen wurden nun eingeleitet. Die Gesandtschaft schritt auch zur Untersuchung des Vorhergegangenen, und mehrere Führer der Neuen Parthei wurden verhaftet. Endlich kassirte das Reichskammergericht alle Wahlen und Vorgänge seit dem 24. Juni des vorigen Jahres. So war die alte Ordnung wieder hergestellt.

Die Gesandschaft beschäftigte sich 1788 zugleich mit der Verbesserung der Aachener Verfassung, wozu auch die Zünfte einen Ausschuß machten. Die Untersuchung der Klagen für und gegen den Magistrat wurden dabei fortgesetzt. Jetzt wurde man besonders auf des Schädliche des Aachener Zunftzwanges aufmerksam. Durch Urtheil vom 17. Juni 1789 erkannte das Reichskammergericht sämmtliche beiderseitige Klagen der Alten und Neuen Parthei, verurtheilte die Schuldigen, verordnete nöthige Verbesserungen im städtischen Wesen und schrieb die Form der neuen Wahlen vor. Herr von Dohm machte 1790 seinen Entwurf einer verbesserten Konstitution für Aachen bekannt. Derselbe wurde von der Gesandtschaft dem Reichskammergericht vorgelegt. 1791 wurden die Gesandschaft und die Kreistruppen von Aachen zurückgezogen, nachdem schwere Kosten daran gegangen waren. Das Reichskammergericht verordnete die gutachtliche Vernehmung des Magistrats über den Entwurf. Dann bestätigte und publizirte dasselbe eine verbesserte Konstituiton der Reichsstadt Aachen am 17. Februar und verordnete deren Ausführung. Anträge auf Susvension der Ausführung (1792) Seiten Jülich wurden nicht angenommen. Zünfte reklamirten auch gegen Modifikationen des Zunftwesens, welche der provisorische Rath beabsichtigte. Das Reichskammergericht verordnete wieder ein Kommando Kreistruppen nach Aachen. Zwölf Zünfte und ein Theil des Raths genehmigten einen neuen Gaffelbrief=Entwurf, welcher durch eine Denkschrift bei der Reichsversammlung zu Regensburg, sodann von Jülich, unterstützt wurde. Hierauf erschien die Kreis=Direktorial=Kommission wieder in Aachen, zur Ausführung der Urtheile und Verordnungen des Reichskammergerichts. Dieselbe verbot Versammlungen des großen und kleinen Raths zu Delibertionen über die Verfassung. Jülich provozirte indessen solche Versammlungen und hielt ein Kommando Truppen in der Stadt, worauf das Reichskammergericht dessen Zurückziehung befahl, was auch geschah. Endlich marschierten die Franzosen erobernd in Aachen ein. General Dumouriez erließ eine Proklamation an sein Heer, zum Schutze der Bürger von Aachen, welche hier am 20. Dezember publizirt wurde.

1793. Die Franzosen hielten Aachen bis nach der Schlacht bei Aldenhoven besetzt, wonach sie abzogen und dabei von Aachenern molestirt wurden. Die Franzosen kamen zurück, und Aachen wurde in Folge des Lüneviller Friedens definitiv mit Frankreich vereinigt. 1801, nach der Vereinigung des linken Rheinufers mit Frankreich ward Aachen die Hauptstadt des Roerdepartements, der Sitz des Präfekten, der obern Justiz=Tribunale etc. Nach Vertreibung der Franzosen durch die hohen Alliirten (im Januar 1813) war Aachen der Sitz des General=Gouvernements vom Mittel= und Niederrhein und seit der Vereinigung dieser Länder mit der Krone Preußens im April 1815 ist Aachen die Hauptstadt des königlich preußischen Regierungsbezirks und der Sitz der Königlichen Regierung.

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