Fluchtberichte aus dem Memelland

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Memelländer auf der Flucht


Inhaltsverzeichnis


Originalberichte in Briefform

Vorbemerkungen

Die hier versammelten Briefe stammen aus dem Nachlass von Bodo Paul (1894-1966), der Gastwirt, Kaufmann und zeitweilig auch Bürgermeister in Kairinn, Kreis Memel, war. Die Briefe sind alle an ihn gerichtet und beschreiben die Erlebnisse während der Flucht. Sie sind beeindruckende Zeugnisse für die Ereignisse in den Jahren 1944 und 1945, in denen ein Großteil der angestammten Bevölkerung des Memellandes die Heimat verlassen musste.
Rechtschreibung und Formulierungen sind so belassen worden, wie sie in den Briefen stehen.


Adam Aschmies (1906-1978), Schillgallen (Ksp.Memel/Kairinn), Kreis Memel

Walle bei Verden, den 12. 01.1946

Liebe Familie Paul !

Teile Euch mit, daß wir Gott sei Dank noch alle gesund und am Leben sind. Wir hoffen, daß unsere Zeilen Euch bei guter Gesundheit antreffen. Eure Adresse haben wir durch Familie Lilischkies erfahren. Ich erlaube mir einige Zeilen an Euch zu schreiben. Meine Familie ist am 25.01.1945 aus Krausien im Samland weitergeflüchtet; da die Hauptstraße nach Elbing für den Zivilverkehr gesperrt war, konnte sie aus Samland nicht mehr mit dem Wagentreck rauskommen. Sie sind im Samland ganze 14 Tage rumgefahren. Zuletzt sind Sie auf Pillau zugefahren, konnten Pillau nicht erreichen, da die Straße für Flüchtlinge gesperrt wurde. In ihrer Bedrängnis, wo die Lage sehr kritisch wurde, ist meine Frau und Frau Mitzkus zur Kommandantur gegangen und hat um Auskunft gebeten, was sie machen sollen, da auf ihren Wagen nur Ausländer als Begleiter zur Verfügung standen. Der Kommandant hat befohlen, daß sämtliche Frauen mit Kindern die Wagentrecks verlassen sollen, da die Lage ernst ist. Von dem Dorfe Dirschkeim im Samland an der See gingen jeden Tag mehrere kleinere Schiffe nach Pillau. Sie sind am nächsten Tag mit Handgepäck, soviel sie tragen konnten, zum Schiff gegangen. Die Wagen und Pferde mußten im Samland bleiben. In Pillau mußten sie auch mehrere Tage bleiben, dort war die Verpflegung sehr schlecht, es gab nur Wassersuppen. Von dort aus wurden sie mit großen Schiffen nach Danzig gebracht. In Danzig wurden Flüchtlingszüge zusammengestellt. In Danzig sind die Flüchtlinge gut aufgenommen und auch gut behandelt worden. Das Gepäck wurde von Kriegsgefangenen zur Bahn gebracht. Sie sind mit dem Zug über Gr. Stettin, Güstrow in Richtung Bremen gefahren. Sie sollten drei Stationen hinter Bremen ausgeladen werden. Am 22.02.1945 ist der Flüchtlingszug auf der Strecke Langwedel-Dauelsen von englischen Tieffliegern mit Bomben und Bordwaffen angegriffen worden; es gab viele Tote und Verwundete. Der Zug wurde völlig zerschossen, so daß die Flüchtlinge auch dort ausgeladen werden mußten. Meine Frau ist am 22.02.1945 im Zug durch Ober- und Unterschenkel schwer verwundet. Der Helmut ist durch Kopfschuß (Weichteilverletzung) verwundet. Die kleine Ursula ist an einer schweren Lungenentzündung erkrankt. Meine Frau und die Kinder haben fünf Wochen in Verden im Krankenhaus gelegen. Nur die Oma und die Marta blieben gesund. Sie wurden in Walle untergebracht mit dem Gepäck. In der Zeit, in der meine Frau im Krankenhaus lag, wurde die Marta und die Oma in dem Hause, wo sie untergebracht waren, bestohlen. Es wurde ein neuer Bettbezug zweischläfrig und ein Laken gestohlen. Wir sind durch diesen verlorenen Krieg bettelarm geworden. Unsere Möbel, Kleider und Wäsche haben wir verloren, wir werden nie in der Lage sein, das wieder zu beschaffen, was wir gehabt haben. Meine Familie habe ich durch die Hauptvermittlungsstelle Hamburg am 8.12.1945 gefunden. Der Rückzug in Ostpreußen habe ich von Ortelsburg bis Heilsberg bei einer bespannten Versorgungskompanie mitgemacht. Am 07.02.1945 bin ich durch russische Tiefflieger durch Splitterbomben verwundet worden. Wir wurden nach Heiligenbeil zum Kriegslazarett geschafft. Von dort über Pillau nach Swinemünde mit dem Lazarettschiff. Von Swinemünde mit dem Lazarettzug über Rostock nach Hamburg. Im Lazarett Hamburg habe ich vom 12.02 bis zum 12.04.1945 gelegen.

Nun ist Schluß für heute.

Herzliche Grüße sendet Euch Familie Adam Aschmies.


Georg Petereit (1888-?), Schillgallen (Ksp.Memel/Kairinn), Kreis Memel

Holzhausen bei Minden, den 20.06.1946

Lieber Bodo nebst Familie !

Habe mit großer Freude deine Karte, geschrieben vom 11.06.1946, am 17.06.1946 empfangen; habe oft über dich und deine Familie gesprochen, was machst du und deine Kinder ? Wie mein Sohn Johann zu Pfingsten bei uns war, haben wir auch darüber geredet. Lieber Bodo, wenn Du noch entsinnen kannst, wie der Krieg anfing, da habe ich auch geschildert, wir werden den Krieg verlieren, viel mehr habe ich es deiner Gattin erzählt, ich traute mich nicht, zu viel zu erzählen, daß es nicht an die große Glocke komme. Im Januar 1946 waren deine Gebäude nicht zerstört, auch meine sollen noch gestanden haben. Ohne Krieg kommen wir nicht in unsere liebe Heimat, es sei denn, wir werden ein Wunder erleben. Ich will kurz von meinen Erlebnissen schreiben, zuerst wie ich bei Heydekrug eingekesselt war von den Russen. Da war auch die Frau Skrandies (Schillgallen (Ksp.Memel/Kairinn)) und verschiedene Bekannte. Ich lief durch russische Linien durch und wurde stark beschossen. Die Pferde wurde ist los in den Mingewiesen, den größten Teil an Sachen habe ich mitnehmen können, habe mich an einen Oberst gewendet, um mit einem Militärdampfer mitfahren zu dürfen, da konnte ich mitnehmen, soviel ich wollte bis Cranz. Ich wollte erst weiterfahren, einige haben abgeredet, dann fuhr ich bis Lauenburg (Pommern), da wurde ich als Verwalter auf ein großes Gut geschickt. Da habe ich wirklich sehr gut gelebt, das war so richtig eine Erholung. Früher durfte ich nicht weg, die Gelbe Gefahr ließen nicht, schon konnte der Blinde mit Stock fühlen, was kommen muß. Bis zum 08.03.1945 verblieben wir. Am 08.03. morgens fuhren wir mit den ganzen Gutsleuten in Richtung Danzig, am 09.03 abends holten die russischen Panzer uns ein, dazwischen geschossen wurde auch. Ich wurde gleich mitgenommen, auch andere Männer. Transport ins Lager Richtung Braunsberg. Bei diesem Transportmarsch wurde ich alt und grau, Essen gab es gar nicht. Von morgens 7 bis abends 7-8 Uhr. Wer nicht mitkam, der wurde beiseitegeschafft: Von den 1000 Mann in meiner Kolonne blieben 200 übrig, die nach Rußland geschickt wurden. Ich wurde inzwischen entlassen, der Rückmarsch nach Lauenburg war eben so schlimm. Wenn Du allein gehst, wirst Du von jedem Russen angehalten und sie sagen, du bist ein deutscher Offizier, stellen dich in den Graben zum Erschießen; Papier oder ein Schein geben die Russen nicht, weil die anderen nicht lesen können. Es vergingen ungefähr drei Wochen, da haben sie mich wieder geholt, auch andere Männer, die noch da waren. Ich verblieb 24 Stunden, dann haben sie mich wieder freigelassen, die Männer wurden mitgenommen. Ich verblieb in Pommern bis zum 05.12.1945, da habe ich allerlei erlebt und gesehen, auch mal Tage gut verlebt, die meisten Tage aber waren die schlimmsten, uns haben sie immer geplündert, des Nachts die Russen, am Tage die Polen, das Essen wurde allmählich alle. Dann fuhr ich nach Berlin. Bei der Bahnfahrt von Lauenburg bis Stettin wurde ich ganz beraubt, ohne Schuhe, ohne Jacke, im Hemd kam ich nach Berlin. Auf dem Transport nach Berlin erfroren 93 Menschen, die von Russen und Polen ausgekleidet waren. In Berlin verblieb ich 1 ½ Monate bis ich die richtigen Papiere besorgt hatte. In Berlin war das Essen sehr knapp, länger durfte ich nicht bleiben. Nach dem 5-7 Tag verstand ich mit den Berliner richtig umzugehen, ich konnte auch länger bleiben. Dann hatte ich schon meine Papiere für eine freie Ausfahrt in die Britische Zone. Bis ich alles zusammen hatte, mußte ich mehr schwindeln als ein Rechtsverdreher. Jetzt bin ich einquartiert bei dem früheren Ortsgruppenleiter, der zur Zeit im K.Z. sitzt.

Beschreib auch deine Strapazen. Schönen Gruß auch an deine Familie von Georg nebst Familie.


Johann Tendies (1880-1970), Kairinn, Kreis Memel

Niendorf bei Uelzen, den 27.01.1946

Liebe Familie Paul ! Es hat mich, Annchen und Eva sehr erfreut, ein Lebenszeichen von Heimatnachbarn zu bekommen. Von Aschmies und Motikats habe ich auch Briefe bekommen. Ja, viel größer würde die Freude sein, wenn man persönlich sprechen könnte. Vielleicht kommt ja die Zeit, wo man sich gegenseitig besuchen könnte. Ich möchte so gerne die lieben Heimatnachbarn und die guten Bekannten sprechen. Hier in Uelzen traf ich einige: Bruweleit (Szarde) und Jenkis (Plicken), Klumbies von Prökuls, Herbert Schwarz haben mich besucht, ich war auch bei denen. Horst Schwarz soll auch nicht weit davon sein. Ebenso Förster Neubert (Schwarzort), der eine Försterstelle bekommen hat. Herbert Schwarz ist als Lehrer mit Familie in Kirchweyhe nicht weit von Uelzen eingesetzt. Es freut mich sehr, mein lieber Bodo, daß du so gründlich alles beschrieben hast über die Fluchtzeit. Es ist ja allen schlecht und schwierig ergangen, denn vom Fluchttag 08.10.1944 haben wir von manchen Nachbarn, auch von Dir, nichts mehr gehört, von vielen auch jetzt noch nichts. Mir und meiner Familie ist Schreckliches vorgekommen, und habe keine Ruhe weder Tag noch Nacht, Kummer und Sorgen und quälende Gedanken, denn: Mein liebes Frauchen ist auf der Flucht in Labiau verloren gegangen mit der Gieselchen, Tochter von Eva am 22.01.1945, bis dato nirgends zu finden. Hat sich nirgends gemeldet. Wo kann sie geblieben sein ??? Weiß der liebe Gott allein. Nun, von unserer Flucht: Am 08.10. um 11 Uhr fuhren wir vom Hof. Gelszus haben uns aufgehalten, denn sie sagten, nicht allein wegfahren, die kommen mit. Wir waren um 9 Uhr fertig zum Fahren, als die nicht kamen, fuhren wir allein. Das Kind gaben sie uns mit, wollten in Prökuls uns treffen; die fuhren aber erst am Montag, den 09., und trafen erst nach 10 Tagen in Labiau ein. Von Prökuls mußten alle Wagen nach Sakuten, Kinten, Augstumaler Moor nach Heydekrug fahren, waren viele Kairinner mit. In Heydekrug war große Verstopfung. Ich kam mit meinen beiden Fuhrwerken abends im letzten Moment durch die Brücke. Der Russe war gleich da. Die Brücke wurde, wie ich durch war, gesprengt. Viele Verwundete und Tote waren schon. Manche (Taleikis, Gelszus, viele andere, auch Petereit) fuhren zurück nach Kinten, über die Fähre kamen aber nicht mehr alle durch. Haben alles stehen lassen, alle bepackten Wagen und Pferde bekam der Russe. Von Heydekrug ging es sehr langsam nach Russ. Nachts um 2 Uhr kam ich durch die Russbrücke. Fuhren in unser erstes Quartier; wurden schon erwartet, sehr freundlich aufgenommen. Waren sehr nette Leute und für die Pferde wurde gut gesorgt. Ich hatte neun Personen mit. Warten auf Gelszus, so war es besprochen. Aber die kamen nicht mehr. Am zweiten Tag mußten alle Flüchtlinge und auch die Besitzer schnellstens raus; wir fuhren zuerst über Nacht. Waren im Wagen auf ein Förstergehöft, anderen Tags abends wurde angewiesen in Gertlauken, 20 km vor Labiau. Es war im Ganzen gut da, alle fünf Pferde hatten guten Stall. Da waren sonst keine Pferde. Mit der Zeit wurde das Futter alle, und zu kaufen gab es wenig, da es eine schlechte Ernte gewesen war. Klee oder gutes Heu gab es gar nicht; schlechtes Land. Ich ließ meine Pferde dort pflügen fürs Futter. Zuletzt gab es gar nichts mehr. Wir sollten zur Elchniederung fahren, Futter holen. Eines Tages fuhren wir an 28 Wagen von Gertlauken. Bekannte waren da der Strauß (Usnis / Leisten). Die meisten waren Heydekrüger und Kinter, wie Fleischer Rose und viele andere; wir kamen zur Elchniederung auf ein Gut Spangehl Herrendorf an. Unterwegs trafen wir mit Michel Füllhaase, Anduleit (Waaschken), Namowitz (Waaschken) zusammen. Wir hielten zusammen, hatten gute Stube und Betten, denn die Einwohner waren schon alle geflüchtet; aber man durfte nicht mehr zurückfahren. Die Pferde sollten dort arbeiten, ich habe da in Herrendorf gemahlen, Rose hat geschlachtet. Vieh und Schweine waren genug da, da lebte man ganz gut. Die Pferde bekamen Hafer und Klee, wieviel man wollte, aber da sie sich zuviel angestrengt und erkältet hatten, wurden sie krank und es krepierten viele, alle tragende Stuten versetzten. Am 28. auch zuletzt mein Fuchs, da war eine Seuche, mein Schimmel ging auch ein. Ich kam vor Weihnachten zurück zu meiner Familie nach Gertlauken, gelegentlich ohne Fuhrwerke. Füllhaase, Anduleit, Namowitz blieben da. Später, wie der Russe durchbrach, blieb alles da, kamen die Wagen nicht mehr zurück, wo die Menschen blieben ? Nichts gewiß. Die alten Gelszus habe ich vom Sammellager Labiau nach Gertlauken angefahren noch im Oktober. Zum weiteren Flüchten hatten wir keine Fuhrwerke mehr ! Am 21.01.1945 mußten alle raus. Ein Autobus kam Frauen und Kinder abfahren bis Labiau. Meine Frau, Eva mit dem Kind und ich fuhren mit. Anna blieb bei den Sachen. Ich fuhr wieder zurück. Frau mit Kind und Eva blieben im Pfarrhaus. Da war eine warme Stube für uns bereit. Wir haben da mehrmals übernachtet. Die Pfarrsleute waren sehr nett. Wollten sobald wie möglich mit dem Zug weiterfahren; es war überall so verstopft, man konnte nicht zum Zug herandrängen. Ein Königsberger Auto versprach, uns bis Königsberg mitzunehmen. Zuerst mußte er noch nach Gertlauken abholen fahren, auch unsere Sachen. Ich mußte mit. Es hat sehr lange gedauert. Der Russe schoß schon in Gertlauken, auch in Labiau. Als ich zurück nach Labiau kam, war meine Frau mit Kind von N.S.V. mit Wagen weggebracht nach Nautzken. Eva war schon zu der Zeit auf den Bahnhof gegangen mich suchen. Wir trafen uns, aber Frau und Kind bis heute nirgends zu finden. Das ist doch ein sehr trauriges Schicksal für mich. Etwas Ermunterung ist, daß man von Nachbarn etwas hört. Der Bus nahm mich und Eva und die Sachen mit nach Königsberg; verweilte in einem Luftschutzkeller 5 Tage, in Königsberg Frau und Kind gesucht. Als der Russe Königsberg beschoß, mußten wir schnell raus auf den Bahnhof, nach Pillau. Von da nach Gotenhafen. Sieben Tage gesucht. Von da mit einem Lazarettschiff nach Saßnitz (Rügen), von da mit dem Zug bis Uelzen, von da in Niendorf II (Es gibt mehr Niendorfs) beim Bürgermeister Albert Meyer, ist Bauer, 170 Morgen. Tochter Anna, Eva und Heinrich sind auch da. Haben zwei Stuben, zahlen 20 RM Miete. Am 17.02.1945 kam Eva und ich in Niendorf II an. Zuerst war es sehr gut da, als aber mehr Flüchtlinge ankamen, ist es nicht mehr so gut, aber man ist zufrieden mit allem. Kartoffel und Holz bekamen wir ½ Jahr ganz frei. Jetzt haben wir für Kartoffeln gezahlt, man kann zufrieden sein. Ich brauche von Arbeitsamt wegen nicht zu arbeiten, aber ich helfe so in der Wirtschaft, da ist immer was zu tun: Repariere die Schuhe für die Niendorfer II. Habe damit Arbeit genug. Handwerkzeug habe ich mir besorgt. Im Frühjahr half ich im Feld arbeiten. Anna melkt Kühe; waren elf, jetzt zehn, eins vom Zug überfahren. Der Zug geht zweigleisig dicht am Gehöft, bekamen Milch für die Arbeit. Wie ist es, lieber Bodo, mußt du arbeiten oder der kleine Arthur ? Er ist doch noch zu jung oder geht's freiwillig ? Während des Gefechts um Uelzen mußten wir alle für fünf Tage raus aus Niendorf II. Der Tommy kam Sonntag nach Niendorf, über Nacht konnten wir im Keller bleiben, dann mußt man weg, weil Beschußfeld war. Nach drei Tagen konnten wir zurück, war vieles gestohlen. Der Tommy war bei uns anständig. Verloren haben wir alles. Nur mit Handkoffer konnte man wegkommen. Wie es uns auf der Seefahrt ging, wenn Interesse dafür, werde ich davon schreiben. Es war schrecklich. Anna ist bei mir; war auch als Verlorene gesucht und gefunden. Töchter Marie Kersten und Gertrud Gronau sind von Pommern nach Holstein (Pinneberg-Datum). Ich war dort zweimal. Vom Schwiegersohn Kersten und von Gronau keine Spur seit Januar 1945. Auch von meiner Schwester nichts zu wissen, auch vom Schwager und von anderen Verwandten nichts. In Niendorf ist kein Bekannter. Wir sind nur zwei Bauern von Beruf. Der andere ist vom Warthegau, nur wenige aus Ostpreußen. Die Bauern hier sind stur, haben für Flüchtlinge nichts übrig. Es ist ein trauriges Dasein, man sehnt sich nach der Heimat. Wenn Litauen frei würde ? Bei Russen nicht.

Mit herzlichen Grüßen Tendies.

P.S.: Lieber Bodo, ich schreibe einen langen Brief, denn es ist so, als hat man mit dem Nachbar gesprochen. Bitte schreibe bald wieder und grüße auch alle anderen Bekannten von mir. Gib auch meine Anschrift an: Man freut sich, was zu hören. Wie sieht es jetzt in unserem lieben Kairinn und in Memel aus ? Gerne möchte man es sehen. Vielmals Grüße an Dich und die Familie, Johann Tendies.


Johann Tietz (1886-?), Labatag Michel Purwin, Kreis Memel

Kastahn bei Grevesmühlen, den 20.06.1946

Mein lieber guter Freund und Nachbar ! Deine liebe Karte habe ich heute mit großer Freude und Dank erhalten, ja ich habe an euch sehr, sehr oft gedacht und man geht so mit Gedanken überall und besucht jeden Nachbar und denkt, wo mag der sein, wo mag der sein. Ja, erst muß ich euch alle recht herzlich grüßen, am meisten deine liebe Gemahlin und Kinder. Meine Frau läßt auch alle recht herzlich grüßen; sie lebt noch in der Hoffnung, daß wir nach der Heimat zurückfahren; ich hoffe aber nicht mehr, denn die scheint uns auf ewig verloren zu sein, gewiß es fahren schon verschiedene, aber es ist die Frage, wohin sie fahren; ob sie das Memelgebiet erreichen ist eine große Frage, denn von denen, die gefahren sind, hat sich noch keiner gemeldet. Du schreibst, lieber Bodo, daß du schon einmal an mich geschrieben hast; es kann ja möglich sein, aber bekommen habe ich nichts, sondern heute erst die erste Karte. Jetzt will ich kurz unsere böse Fahrt und auch die jetzige Heimat beschreiben: Wir fuhren von Gr. Hoppenbruch am 07.02.1945; wir sollten schon früher fahren, aber wir haben immer gezögert, denn wir haben schon die elende Flucht eine Zeit lang zugesehen und hatten die Absicht, auch gar nicht zu fahren. Zuletzt aber hat uns der Ortskommandant rausgeschmissen. Der Meikis war schon einige Tage früher weggefahren und so haben wir uns entschlossen, uns den Treck anzuschließen und die hoffnungslose Fahrt unternommen. Wir fuhren bis Heiligenbeil, von da mußten wir über das Frische Haff fahren und meistens des Nachts. So fuhren wir auch am Abend. Es war dunkel, windig, und es hat auch geregnet. So um Mitternacht kommen wir ans Ufer, mußten warten bis es hell wird, haben gefroren im Wagen, zweiten Morgen fuhren wir längst dem Ufer weiter. Das Eis war schon schwach, und es sind viele eingebrochen. Wir sind auch eingebrochen, aber man kam noch raus. Ach, da lagen Autos, Pferde- und Menschenleichen und allelei gute Sachen. Weil das Eis schwach war, mußten wir auf der Nehrung fahren, da ging es auch gefährlich zu, bergauf bergab. Den Abend blieben wir wieder unter freien Himmel in einer Schlucht. Morgens ging es weiter und sollten über die Düne rüber längst der See fahren; da mußte man vier Pferde zusammenspannen. Längst der See sind wir drei Tage gefahren. Essen haben wir aus dem Seewassser gekocht, nach drei Tagen Fahrt haben wir festen Weg erreicht, und da fuhren wir über Dirschau, also Westpreußen, Pommern, Brandenburg, Mecklenburg. Die Fahrt hat fünf Wochen, d.h. 36 Tage gedauert. Erlebt haben wir Gefährliches und Fürchterliches. Nach einer Woche Fahrt wurde ich schwer krank, hatte hohes Fieber und Durchfall. Da ich magenkrank bin, habe ich ihn recht verdorben, und ich lag Tag und beinahe jede Nacht im Wagen. Den Hermann hat die Militärpolizei uns vom Wagen in Westpreußen abgeholt; er mußte zum Militär. Meine Frau, die hatte einen schweren Husten, ich lag zum Sterben, der Ton kam plötzlich weg. In jeder Stadt lief sie immer nach Medizin für mich, aber es half wenig, haben kaum Geld, auch an Lebensmitteln, auch für die Pferde war schlecht Futter zu bekommen: Ich war so schwach, daß ich kaum zwang in den Wagen einzusteigen. Meine Frau hatte von den Sorgen ganz schneeweißes Haar bekommen. So wurden wir hier von der Partei einquartiert. Meine Absicht war nach Schleswig-Holstein zu fahren, aber leider zwangen meine Pferde nicht mehr, die hätten bestimmt ausgekizzt. Ach, meine lieben Pferde lagen unterwegs in machen Stalle. Waren sieben auch neun Pferde. Hier sind wir gut untergebracht. Sind bei einem Bauern von 160 Morgen, hat 14 Milchkühe, auch viel Jungvieh, gleich vom ersten Tag an bekommen wir das Essen und so ist es auch bis heute, aber müssen auch arbeiten, alles, was anfällt. Es ist nicht leicht für uns alte Menschen; zu Hause haben wir nicht so schwer gearbeitet. Morgens Kühe melken, ich melke auch. Winter über habe ich die Kühe besorgt, melken zu helfen, ausmisten, füttern, tränken, putzen. Etwas hat auch der Jaudzims geholfen, der auch mit seiner Frau und Tochter, auch bei demselben Bauer ist. Im Sommer ins Feld, vorigen Sommer haben wir geschafft, hofften, dieser Sommer wird anders werden, jetzt kommt wieder dieselbe Last. Ich habe auch Siedlung angemeldet, aber leider bis jetzt noch keine bekommen; konnte bekommen, aber ohne Wohnung. Na, hoffentlich kommt was, denn so lange der Mensch lebt, lebt immer die Hoffnung. Gewiß für Lebensmittel brauchen wir uns nicht sorgen, was wir bekommen, kaufen wir uns selbst. Ich bekomme Brot 10,5 kg, meine Frau bekommt bloß 6,0 kg, also im ganzen 33 Pfund den Monat. Von dem anderen wie Fett, Fleisch und Nährmittel ist wenig. Na, liebe Nachbarn, sagt bloß mir jetzt, wie ist jetzt euch zu Mute: Alles verloren. Meine Söhne habe ich mit Gottes Hilfe beide gefunden, beide haben mich zu Ostern besucht. Wir beide haben ein nettes Zimmerchen, sind zwei Betten, ein Tisch, vier Stühle, eine Kommode. Unterwegs wurden wir sehr bestohlen, am meisten an Kleidern und Wäsche. Was denkt ihr, werden wir noch Kairinn sehen, viele sind schon gefahren, auch Fr. Taleikies mit Baities und Fr. Berent der Fr. Taleikies ihre Tochter. Haben die Memel erreicht oder sind nach Moskau gefahren ? Jetzt seid alle recht herzlich gegrüßt von uns allen bis auf ein frohes Wiedersehen ?

Jetzt mit Gott, eure Nachbarn und Freunde Familie Tietz.


Martin Wisbar (1896-1959), Kairinn, Kreis Memel

Kröpelin, den 02.07.1950

Liebe Familie Paul!

Ihr werdet überrascht sein, ein Schreiben vom alten ehemaligen Nachbar der Heimat zu erhalten. Im selben möchte ich Euch unsere Erlebnisse mitteilen, wieweit uns das Schicksal geprüft hat. Als am 08.10.1944 unsere Heimat geräumt wurde, hatte ich das Pech, wieder den grauen Rock anzuziehen. Als den Sonnabend vor der Räumung meine Frau nicht mehr zur Stadt kam und die Gerüchte in der Stadt selbst immer lebhafter wurden und wir schon in Alarmbereitschaft standen, habe ich noch durch Mühe einen Drei-Stunden-Urlaub ausgefochten, habe den Wagen schnell zurecht-gemacht und bin dann wieder schleunigst zur Stadt auf Wache gefahren in der Hoffnung, in nächsten Tagen wieder meine Wirtschaft besuchen zu können. Die Woche drauf nach drei erfolgten Bombenangriffen auf Memel bot sich mir Zeit und Gelegenheit meine in Sorgen gelassene Wirtschaft noch mal in Augenschein nehmen zu können, aber nicht mehr vom Hofe selbst. Meine Wirtschaft stand schon im Niemandsland. Als ich durch Schmelz durch verschüttete Straßen, abgeknickte Leitungsmasten und zertrümmerte Kolonnenwagen bis zur Strommeisterei Schmelz mich durch gearbeitet hatte, erblickte ich am Zaun ein Schild mit folgender Inschrift: Achtung ! Straße gesperrt. Feindeinsicht. Bin sofort auf die Kanalböschung gegangen und habe mich dann bis gegenüber Gustav Schmidts Wirtschaft vorgearbeitet. Schmidt sein Wohnhaus war schon abgebrannt. Die Artillerie bumste lebhaft in Starrischken rein. Habe mich dann bis zur H.K.L. vorgearbeitet, und habe mich dann beim Komp.Chef gemeldet, Grund meines Erscheinens und meine Wünsche. Dann kam ein Feldwebel mit in den Laufgraben. Ich bekam ein Fernglas in die Hand gedrückt, und habe zum letzten Mal mit meinen Augen mein Gehöft und das Gelände abgestreift. Im Niemandsland grasten noch zwei Pferde und drei Kühe. Euer liebes Gehöft war auch schon damals im Besitze der Russen. Traurig und unverrichteter Dinge mußte ich wieder zurückschleichen mit dem Gedanken, jahrelang bist Du da gegangen und gefahren. So habe ich das viermal wiederholt bis zum 07.12.1944. Aber auf mein Gehöft durfte ich nicht mehr hin. Letztmalig stand noch mein Gehöft. Kawohl, Wirzimts, Einars, Preukschat sowie das Insthaus Gürts neben uns, waren schon alle abgebrannt. Die Kampflinie kam aus Richtung Szarde und machte eine harte Schleife um Kanal gegenüber ehemalige Leidereiters Ziegelei. Von Starrischken war schon damals nicht mehr viel übrig, brannte Tag und Nacht. Aus meist alten Leuten wurde ein Fähr- und Brückenkommando gebildet. Ich selbst war auf der großen Sandkrugfähre im Einsatz bis zum 19.01.1945 und war stolz darauf auf unser heimatlichen Scholle zu bleiben und einen kleinen Beitrag zu Verteidigung unserer geliebten Heimatstadt Memel zu leisten. Als die Sowjetarmee kurz vor Königsberg vorgedrungen war, haben wir den Brückenkopf Memel am 18. zum 19.01.1945 aufgegeben. Wir sollten in einem langsam geordneten Geleit nach Pillau auslaufen, leider klappte die Anordnung nicht. Da die Sandkrugfähre nicht seefähig war, sollte uns die Memel auf Schlepptau nehmen. Der Molenkopf lag unter Artilleriebeschuß. Zeit war wenig zu verlieren und jeder Kapitän handelte schnellstens aus dem Beschußbereich zu kommen. Wir gingen mit unserem Schiff auf Seetiefe und gerieten in eine Nebelbank. Da wir nur geringe Fahrt aufweisen konnten, verloren wir unser Geleit bei Nacht schnell außer Sicht. Wohl oder übel blieben wir mit einem unsicherem Fahrzeug auf hoher See. Der Kompaß funktionierte nicht, so waren wir angewiesen nach einem feststehenden Stern zu orientieren und zwei Mann waren nötig das Steuerrad zu bedienen. Bei 18-20 Grad Kälte war das nicht ein Leichtes. Nachtsüber verhielt sich die See ruhig, als der Morgen graute, wurde die See immer unruhiger und um die Mittagszeit hatten wir schon hochbewegte See, so daß die Brecher über Bord platscherten und wir dauernd vom Kurs abgetrieben wurden. Wir hatten keine Blinksignale noch Flaggensignale am Bord, drum konnten wir uns auch mit keinem fremden Schiff verständigen im Fall, wenn die Not am Mann geht. Letztenendes dachte ich, wir gehen bald zu den Fischen. In der Bucht am Leuchtturm Brüsterort flaute die See allmählig ab. Bereits vier Stunden später als unser Geleit liefen wir vereist wie ein Eisklumpen, aber noch wohlbehalten gegen Abend in Pillau ein. Später nach drei Tagen bekamen wir wieder einen Einsatz: Wehrmacht und Flüchtlinge von Pillau bis Neutief auf die Frische Nehrung übersetzen. So ging das eine Zeit lang bis die Stelle heißer wurde als Memel. Es kam nur Eisen und Feuer vom Himmel herunter. Am 15. zum 16.04.1945 in der Nacht in Neutief bei Pillau ereilte mich das Schicksal, so daß ich mein rechtes Beim am Unterschenkel eingebüßt habe. Ich wurde in derselben Nacht amputiert und kam mit einem Sanitätsbus bis Stutthof auf die Frische Nehrung. Von dort nach Hela, von Hela nach Dänemark (Kopenhagen). Dort erwartete ich die Kapitulation. Das Lazarett wurde von dänischen Freiheitskämpfern umstellt. Wir wurden interniert und als Gefangene behandelt, die Freßage wurde schlechter. Wer seine Wertsachen sowie Uhr und Geld nicht frühzeitig verwahrt hatte, dem wurden sie abgenommen. Vom 25.04. bis 08.08.1945 war ich in Dänemark. Am 08.08. wurden wir weiter nach Deutschland verschickt in das Lazarett Stade an der Elbe. Im Juni 1946 kam ich ins Marine-Lazarett nach Cuxhaven. Etwa am 23.06.1946 trat ich die Reise mit einem Bein zu meiner Frau nach Kröpelin an. Eine Beinprothese hatte ich schon von Hamburg, aber mit dem Biest konnte ich noch nicht laufen. Unser Wiedersehen war schwer. Ich stand auf Krücken, meine einzige Tochter von 17 weilte nicht mehr in unserer Mitte. Sie ist am 06.10.1945 hier in Kröpelin verstorben und ruht fern der Heimat hierselbst auf dem Friedhof in Kröpelin. Als am genannten Tag meine Frau den Hausschlüssel zum letzen Male umgedreht hatte, ist sie in einer Tour mit kurzen Ruhepausen bis Labiau hingekommen. Wie es ihr ergangen ist, bedarf keiner Erklärung, weil ihr das alles selbst erlebt habt. Meine Frau hat oft nach Memel an mich geschrieben, daß sie wieder von Labiau evakuiert werden. Am 07.12.1944 habe ich zehn Tage Sonderurlaub bekommen. Das Pferd der Kommission vorgeführt und verkauft. Der Wagen mit Zubehör und manche Sachen blieben beim Bauern in Labiau. Als ich dort im Urlaub kam, war der Befehl schon raus, daß die Flüchtlinge wieder fort müssen. Wir haben dann wieder die Klamotten gepackt und zur Bahn gebracht. Ein Transport ging nach Sachsen. Ich fuhr wieder nach Memel zu meiner Einheit zurück. Das war das allerletzte Mal, wie ich auf dem Königsberger Bahnhof mich von meiner Tochter verabschiedet habe. Im September 1945 sollte ein Transport angeblich nach der Heimat abgehen. Meine Frau hat sich an dem Transport angeschlossen und sind bis Stettin ins polnische Gebiet schon reingefahren. Der Pole ließ den Transport nicht weiter fahren und forschte danach, ob der Transport aus Deutschen besteht. Es war bloß den Russen zu verdanken, daß die Plünderung des Transportes verhindert wurde, die Russen sagten, es sind bloß Litauer. Meine Frau sagte mir, die Begleitmannschaft des Transportes ist sehr anständig gewesen und habe auch gute Verpflegung bekommen. Dann ist der Transport wieder nach Meißen in Sachsen ins Lager gebracht worden. Dann später in verschiedene andere Lager. Mit Umwegen ist dann meine Frau hier nach Kröpelin in Mecklenburg gebracht worden, wo wir uns auch heute noch befinden. Unsere Postverbindung war schon im Februar 1945 von Pillau abgerissen. Kurz nach Ankunft in Kröpelin nach kurzer Krankheit ist dann meine liebe Tochter von uns gegangen. Die Postverbindung zwischen uns war noch nicht aufgenommen. Meine Frau wußte nicht, ob ich noch am Leben bin, und es war ihr nicht ein Leichtes, ihre schon erwachsene Tochter allein zu beerdigen. Vor Strapazen, Gram und Sorgen ist sie selbst krank geworden, und lag über zehn Wochen zu Bett, allein auf sich verlassen. Am 18.12.1945 erhielt ich von meiner Frau die erste, aber sehr traurige Nachricht, daß die Tochter verstorben ist, und sie selbst schwer krank zu Bett liegt. Da war mir das Leben gleich null, aber man mußte sich zusammen nehmen, wenn man wieder weiter leben wollte. Nun liebe Familie Paul ! Soweit mein Bericht über das Ende des schrecklichen Hitlerkrieges. Nun, lieber Paul, wie ist es denn Euch ergangen ? Seid Ihr noch wohlbehalten in der Familie alle beisammen, sind deine Burschen schon groß ? Habt Ihr Ihr dort eine Lebensexistenz und wie geht es Euch sonst ? Entschuldige bitte, weil ich Du sage, wir sind ja alle unter einen Kamm geschoren.

Nun wünschen wir Euch allen alles Gute für die Zukunft. Mit herzlichen Heimatgruß Eure Familie Wisbar.

Auf Wiedersehen.


Flüchtlingskinder

Flüchtlingskind Regina aus Memel, geb. 1937

Familie Szillis 1944, Memel

In Memel ging ich in die 1. Klasse der Simon-Dach-Schule. Meine Klassenlehrerin war „Fräulein“ Frau Naumann. Turnen hatten wir in der Kantschule. Auf dem Marktplatz wurde Stintsuppe ausgegeben. Einmal war im Hafen der Walfänger „Walter Rau“ [5]. Da lagen auch Italiener. Wir gingen mit Onkel Max [6] die Italiener ärgern und riefen ihnen „Spagetti, Spagetti“ zu. Sie antworteten „Kartuffel, Kartuffel“. Wir waren 1944 in den Sommerferien zu Oma nach Königsberg gefahren und kamen nicht mehr zurück nach Memel. Man durfte ja nicht sagen, dass man weg wollte, weil das ja Defätismus war. Mutti ist noch mal mit der (MS) „Elisabeth“ nach Memel gefahren und hat Silber und Federbetten geholt.

Im Sommer gab es Bomben auf Königsberg, wir waren aber bei Oma in Seligenfeld. Papa hatte Urlaub, war aber nach dem ersten Angriff weg. Vorher hatte er noch gesagt, wir müssen nach Dresden. Nach dem zweiten Bombenangriff sind wir dann nach Dresden. Verwandte durfte man ja besuchen. Mein Bruder hatte seinen Teddy Knuti verloren. Er wollte nicht weiter. Da haben wir ihm erzählt, dass Knuti zu seinen Brüdern ins Eismeer schwimmt. Da ging er mit. In Dohna haben wir bei einem Industriellen gewohnt, haben die Verwandten alle besucht und sind von Dohna bis Pirna zu Fuß spazieren gegangen. Da war ein russisches Kriegsgefangenen-Lager. Mutti hatte bei ihnen Spielzeug bestellt. Wenn man ihnen Brot gab, dann schnitzten sie es. Weil es für Mutti zu gefährlich war, musste ich an den Zaun laufen und das Brot durchstecken und auch das Spielzeug annehmen. Mein Bruder wurde in Sachsen eingeschult, aber wir hatten kaum Schule, weil die wegen der Angriffe wochenlang ausfiel.

Ich lag mit einer Gehirnerschütterung im Bett. Da war plötzlich ein solcher Großangriff, dass die Türen im Haus alle rausfielen und ich mir vor Schreck an meiner Soldatenpritsche den Kopf gestoßen habe. Wir sind dann mit dem Zug weggefahren und mussten mehrere Sorten Kleider übereinander anziehen, Sommersachen und Wintersachen. Wir bekamen Namenschilder und Gasmasken um den Hals gehängt. In den Tornister kam Essen. Auf dem Weg zum Zug stank die Luft, überall brannte es, im Straßengraben lagen Tote und Beine und Arme und hingen auch in den Bäumen. Der Zug war so voll, dass man gar nicht umfallen konnte. Wie die Heringe standen wir da. Aufs Clo gehen ging nicht, man musste es einfach laufen lassen. Draußen hingen auch welche am Zug.

In Stendal gab es Fliegeralarm. Wir mussten alle raus und uns an den Bahndamm legen. Da sahen wir Möbeltransporte, die von Männern in Uniform verladen wurden, so schöne Möbel. Und wir mussten ums Leben rennen. In Magdeburg mussten wir auch raus. Dauernd musste man so ums Leben rennen. Im Tunnel unter den Gleisen hatten wir ein Strohlager. Da gab es einen Treffer, die Wasserrohre waren kaputt und wir alle nass. Und das noch zu all den Läusen. Und man hatte uns den Koffer mit Silber geklaut.

In Uelzen hatten wir gleich Tieffliegerbeschuss. Wir sind dann nach Unterlüß und kamen in einer Baracke unter, bis wir in Dreilingen ein Zimmer bekamen. Wenn wir draußen spielten, flogen die Tiefflieger immer auf uns Kinder zu und wir mussten uns schnell hinschmeißen. Sie warfen schöne Silberpapierstreifen raus (Anm. Radarabwehr). Aber als wir sie zum Spielen aufsammelten, hatten wir verätzte Finger.


Flüchtlingsnachkömmling Beate, geb. 1945

Ich habe die Flucht nur indirekt im Bauch meiner Mutter [7] miterlebt und wurde am 13. Mai 1945 in der Lüneburger Heide geboren. Trotzdem war meine Kindheit von den Fluchterlebnissen meiner Eltern und meinen älteren Geschwister geprägt. Meine Schwester war bei meiner Geburt 8 Jahre alt, mein Bruder 7 Jahre. Ich wurde während des letzten Fronturlaubes meines Vaters [8] in Memel gezeugt.

Ich wurde 14 Tage zu spät geboren, denn ich wollte und wollte nicht kommen. Die aus Siebenbürgen stammende Hebamme hatte meine Mutter schließlich auf einen Bollerwagen gesetzt und war mit ihr über das holprige Pflaster der Dorfstraße gefahren um die Geburt einzuleiten. Ich hatte bei der Geburt schon lange blonde Haare, die um den Finger zu einer „Tolle“ gewickelt werden konnten. Gleich nach der Geburt wickelte mich die Hebamme nach russischer Art als stramm eingebundenes Wickelkind. Meine Mutter fand das sehr praktisch, weil meine Arme und Beine durch das stramme Anlegen sehr gelenkig waren und ich gut zu behandeln war.

Nachts marodierten noch Soldaten durch die Wälder, so dass meine Mutter froh war, dass ich in meinen ersten Lebenswochen niemals schrie. Das Geschrei eines Babys hätte die Familie verraten können. Mein erster Gratulant war ein Neger. Meine Oma hütete mich im Garten, denn es war ein heißer Mai, als sehr zu ihrem Schrecken plötzlich der amerikanische Soldat vor ihr stand. Sie befürchtete das Schlimmste, aber er sah das Baby und strahlte über das ganze Gesicht. Er hielt Oma für die Wöchnerin, und etwas später kam er mit einem Lätzchen zurück, auf dem gestickt „Mein Liebling“ stand. Er hatte es wohl von einer Leine abgenommen.

Beate, 3 Jahre alt

In Dreilingen blieben wir nur sechs Wochen. Dann wurde die Familie auf einen Leiterwagen verfrachtet und in Holthusen II in dem Insthaus eines Bauern einquartiert. Wir hatten zwei Zimmer und teilten uns die in der Mitte liegende Küche mit einer anderen Familie. Meine eigenen Erinnerungen fangen an, als ich etwa 2 ½ Jahre alt war. Da hatte ich eine Mittelohrentzündung. Mutti hatte mich auf einen Tisch gesetzt. Es war eiskalt. Der Arzt piekste mir ins linke Ohr und Eiter floss über meine Schulter auf mein Leibchen. Meinen Vater nahm ich mit etwa 3 Jahren zum ersten Mal wahr, als Mutti krank im Bett lag. Sie jammerte wieder und wieder das Wort „Hexenschuss“. Ich fand das sehr spannend und suchte überall, um die Hexe zu entdecken, die da schießt. Weil Mutti im Bett lag, musste Papa kochen. Es war mir ein völlig absurdes Bild, wie er da mit der dampfenden Kartoffelschüssel an den Tisch trat. Es passte nicht mit Papa zusammen, deshalb fiel er mir auf.

Erich Szillis [1] und Edith Szillis [2] mit Kindern und George Szillis [3] 1948, Lüneburger Heide

Der Sommer 1948 war sehr warm. Wir bekamen Besuch vom Memeler Opa [9] und anderen Verwandten. An die Spiele dieses Sommers kann ich mich sehr gut erinnern. Meine Geschwister hatten zwar die Aufgabe auf mich aufzupassen, aber das vergaßen sie auch gerne mal und rannten mir weg. Dafür hatte ich meinen gleichaltrigen Freund Toni. Dieser hatte brandrote Haare und wurde deshalb oft von dem großen roten Hahn attackiert, der ihm sogar auf den Kopf flog und seine Augen auspieken wollte. Auf mich hatte es eher der böse alte Ganter abgesehen, der mir, wann immer ich über den Hof rannte, in Po und Waden biss. Natürlich hätten Toni und ich bei unserer Kate bleiben können, doch lockte der große Birnbaum auf dem bäuerlichen Geflügelhof. Flüchtlinge durften nämlich Fallobst sammeln, und wir nutzten jede Gelegenheit, uns an den süßen Birnen satt zu essen.

Opa hatte mir einen Dackel geschnitzt, mit Leder zwischen den Teilen. Den zog ich an einem Bindfaden hinter mir her. Der Dackel konnte richtig wackeln und ich war stolz auf ihn. Oma [10] hatte mir einen braunen Dackel genäht. Den nahm ich mit ins Bett und hielt mich an seiner Rute fest. Ohne meinen Dackel konnte ich nicht einschlafen. Eines Abends hat Regina ihn immer wieder durch das Zimmer geworfen und dann zerrissen. Ich konnte nun nicht mehr schlafen, und irgendjemand musste abends bei mir am Bett sitzen und meinen Unterarm kraulen.

Es fuhren immer noch englische Panzer durchs Dorf, direkt am Haus entlang um die Kurve. Das Quietschen der Ketten war lange vorher zu hören und machte einen Höllenlärm. Am Tag liefen Toni und ich neben den rasselnden Panzerketten her, folgten ihnen um die Kurve und riefen immerzu „Schocklett“. So musste man nämlich zu den Tommys sprechen, hatten die großen Schulkinder uns beigebracht, weil Tommys blöde sind und nicht mal Deutsch können. Aber niemals flog Schokolade aus einem Panzer heraus. Ich wusste ja auch gar nicht was das war, aber die Großen sagten, dass sie schmeckt. Und Schmeckbares suchte ich immer. Der erste Panzer eines Konvois fuhr immer nur bis an die Kreuzung, oben guckte das Gewehr aus dem Loch und zeigte in alle Richtungen. Einmal guckte es ganz lange Toni und mich an. Ganz lange. Und am Himmel flogen Flieger mit einem Viereck hinten. Dann riefen die Großen „Bomber“! Und wir rannten in Deckung.

Die großen Jungs liefen in die Wälder Flugzeugwracks suchen. Ich folgte ihnen, verlor sie aber meist am Dorfrand aus den Augen. Sie brachten Propellergehäuse mit und machten daraus Paddelboote. Mich nahmen sie darin nicht mit auf den Fluss, obwohl ich so sehr bettelte. Ich sah ihnen nur zu wie sie Spaß hatten. Eines Tages war im Wald was hochgegangen, Tonis ältester Bruder war tot, ein anderer Dorfjunge verlor sein Bein, ein dritter seinen Arm. Da machten die Erwachsenen im Dorf einen Mordskrach und den Jungs wurde verboten, in die Wälder zu gehen. Danach passten die Großen schon vorher auf, dass ich die Richtung nicht mitkriege, in die sie abhauten. Sie schlugen Versteckspiel vor, ich sollte als Erste suchen. Beim Abzählen halfen sie mir noch, aber wenn ich dann über die Hofmauer geklettert war, waren alle weg.

Mittags hockte ich mich immer an die Dorfstraße, um die Rückkehr der Schüler zu erwarten. Eines Tages waren sie ganz aufgeregt und zeigten mir neues Geld, über das sie in der Schule gesprochen hatten. Das 50-Pfennig-Stück gefiel mir besonders, weil da eine Frau abgebildet war, die Kartoffeln ausbuddelt. Aber die Großen lachten mich aus und erklärten mir, dass die Frau eine Eiche einpflanzt. Das fand ich nicht gut, denn Eicheln schmecken bitter. Dafür durften wir jetzt mit den alten Münzen spielen. Immer eine gegen die Wand ditschen. Dann prallte sie gegen die Mauer und fiel in ein Feld zurück. Und da wo der Pfennig hinfiel, wurde mit einem Messer eine Linie in den Sand gezeichnet, wo Russland wieder ein Stück Land verloren hatte.

Meine Mutter habe ich in dieser Zeit nur in gereizter Stimmung in Erinnerung, und ich weiß, dass ich ihr aus gutem Grund möglichst aus dem Weg ging, denn ich bezog wegen nichts Prügel mit dem Kochlöffel. Ganz schlimm war es, als ich einmal mit Toni gewettet hatte, wer von uns beiden am schnellsten die Treppe hinunterkullern kann. Als ich vor Schmerz heulte, bekam ich noch Prügel obendrein. Und je mehr ich brüllte, desto mehr fuchtelte sie mit dem Kochlöffel vor mir rum und drohte für jedes Brüllen noch mehr Prügel an. Die Frau, die mich bei Hageltreiben im Kinderwagen nach Gerdau gefahren hat, ein Blech Streuselkuchen obenauf zum Abbacken beim Bäcker, die Frau, die im Karnickelstall saß und mich zu den Karnickelbabys in ihrer Schürze lockte, war auch meine Mutter. Aber ich hatte bis zu ihrem Tod immer Angst vor ihr.

Aber es war ein schöner Sommer mit Papa. Er nahm mich mit, Beeren zu sammeln und erklärte mir die Bienenvölker, zeigte mir Pilze und erzählte schöne Geschichten von der Roggenmuhme, vom Morgenstern und vom Siebengestirn. Dann bekam er endlich Arbeit und verdiente Brot in Uelzen beim Stadtbauamt. Das Brot, das er jetzt verdiente, hieß „Haskebrot“ (kiškio pyragas: Naschwerk, das Kindern von der Reise mitgebracht wird), und er brachte es mir sogar jeden Tag mit, so dass ich ihn schon sehnsüchtig vor der Haustür erwartete, wenn er zu Fuß die Landstraße entlang kam. Den Hasen traf er nämlich in Hansen an einem Feldrand, wie er mir erzählte, und der trug ihm eindringlichst auf, das Brot der Beate zu geben. Lange Jahre später erfuhr ich, dass er seine Tagesration für mich aufgespart hatte. Wann immer ich nach Uelzen fahre, geht meine Route durch Hansen und am Stadtbauamt vorbei, denn es ist für mich für alle Zeiten in dankbarer Erinnerung mit Brot verbunden.

Dann besuchten uns Papas Bruder [11] und seine Frau [12], „das Kieler Lieschen“. Die waren zu mir zu aufdringlich, nahmen mich sogar auf den Schoß! Und Onkel Kurt wollte mir sogar die Zehnägel schneiden! Das war aber Papas Privileg. Ich hab mich richtig biestig gegen sie benommen. Sie hatten ein Radio als Geschenk mitgebracht und eine weiche Decke. Aber die konnte mich auch nicht für sie einnehmen. Sie waren mir zutiefst unsympathisch, ich blieb zickig und endlich hauten sie ab. Viele Jahre später erfuhr ich in einem pubertären Streit mit meiner Mutter, dass die gekommen waren, um mich zur Adoption zu holen.

Eines Sonntags morgens sang Papa mir ein Lied vor: „Klapperstorch du Guter, bring mir einen Bruder, Klapperstorch du Bester, bring mir eine Schwester.“ Ende Dezember 1948 wurde dann mein kleiner Bruder geboren. Der Winter war sehr kalt, und ich saß nur sehnsüchtig am Fenster, um den Kindern zuzusehen, die draußen Schlitten fuhren und Schneeball warfen. Ich hatte nämlich keine Schuhe und konnte nicht raus. Im Frühjahr zogen wir dann in eine Dreizimmerwohnung oben im Bauernhaus, und dort mussten wir immer ganz leise auf der Treppe sein.

Im Garten einer alten Frau entdeckte ich eines Tages eine Reihe Löwenmäulchen, schöne, gelb-lila gestreifte. Davon pflückte ich einen ordentlichen Strauß für zu Hause. Aber dort freute sich niemand. Papas Worte prasselten nur so auf mich nieder: "Diebstahl ... Studienratstochter ... ausgerechnet ... dann heißt es wieder Flüchtlinge." Er schickte mich, den Strauß der rechtmäßigen Eigentümerin zurückzubringen. Alleine musste ich gehen. Die alte Frau öffnete erstaunt und war ganz freundlich. Aber ich schämte mich sehr, denn ich wollte keine Diebin sein. Den Nachbarbauern Krüger, den ich auf meinen Streifzügen durch das Dorf kennengelernt hatte, fürchtete ich. Bei unserer ersten Begegnung hatte er ausgerufen: "Meine Güte, bist du klein! Dich kann man ja in die Tasche stecken!" Dabei hatte er seine Hand in die Joppentasche gesteckt. Ich bin ganz erschrocken weggerannt, denn in seine Tasche wollte ich nicht. Jedes Mal, wenn wir nun zusammentrafen, steckte er seine Hand in die Jackentasche, weitete diese und lachte. Ich machte lieber einen großen Bogen um sein Gehöft. Eines Abends hatten wir nur ganz wenig Brot und ein Glas Marmelade. Mutti entfernte die Schimmelschicht aus dem Glas und schnitt dann das Brot. Für mich war nur der kleine Knust vorgesehen. Darüber war ich so aufgebracht, dass ich diesen wütend über den Tisch warf. Da schlug Papa mir auf die Hand, dass meine Warzen anfingen zu bluten und sagte: "Gott ist böse, wenn man Essen wegwirft." Es war das einzige Mal, dass er mich geschlagen hat, und ich habe nie wieder Essen missachtet, egal, was auf den Tisch kam.

Die Bäuerin verbot mir, sie in ihrer Küche zu besuchen, weil ihre Küche nichts für Flüchtlinge ist. Und ihre Toilette ist auch nichts für Flüchtlinge. Aber sie war sauber, so ganz anders als das Plumpsklo über den Hof im Schweinestall, wo ich immer Furcht hatte hineinzufallen. Aber eben nichts für Flüchtlinge. Aber einmal hat sie mir nach dem Schlachten doch eine Kanne voll Schmecksuppe mitgegeben! Eigentlich sollte nur Toni eine bekommen, weil sein Vater für den Bauern arbeitete. Sie sagte: „Schmecksuppe gibts nicht für Flüchtlinge“. Ich habe sie nur angeguckt… Schließlich überwand sie sich, und ich bekam auch eine. In der Suppe schwamm eine dicke aufgedunsene Wurst! Eine solch gut riechende Köstlichkeit hatte ich noch nie erlebt! Ich schleppte die Kanne wie eine Trophäe nach Hause und konnte mich an der aufgequollenen grauen Wurst gar nicht satt sehen.

Kinder Szillis 1951: Ekkehard, Beate, Gernot, Regina, Lüneburger Heide
Oma [4]

Nachklang: Meine großen Geschwister betonen immer wieder, dass ihre Kindheit in Memel sehr schön war. Sie erzählten von ihrem behüteten Dasein, von den Ausflügen zur Nehrung und von der Eisbude an der Fähre. Sie erzählten mir von Leichen, die auf den Bäumen hingen und von einzelnen Armen und Beinen auf den Straßen und in den Straßengräben. Und dass es ganz entsetzlich stank. Und mein Bruder sang dann dazu „Negeraufstand ist in Kuba … In den Bäumen hingen Leichen, humba humba hassa“. Immer wieder erzählten sie mir vom Feuer. Und vom Gestank. Und von den Fliegern über Dresden. Ich kann das Geräusch von diesen langsamen Fliegern bis heute nicht leiden. Es macht mir immer noch Angst, auch wenn es sich im Nachhinein als Rasenmäher herausstellt.

Und meine Kindheit? Ich kann mir unter Behütetsein nichts vorstellen, vielleicht eine Art Gefangenschaft? Ich wuchs verwildert und unbeachtet auf, war für mein Alter äußerst selbständig, hatte Normen entwickelt und konnte für mich selbst entscheiden, weil die Erwachsenen damit beschäftigt waren, Nahrung für den Tag heranzuschaffen. Am schönsten war das Stromern durch das Dorf, das Entdecken der Natur, aber ich hatte Hunger! Welch ein seliger Tag, als Toni und ich oben im Sauerkirschbaum saßen, uns vollfraßen und von niemand verscheucht wurden! Ich erinnere mich an Kälte und an Träume, in denen viel Feuer vorkam. Erst als wir ins Bauernhaus zogen und meine Oma [13] aus der Lungenheilanstalt entlassen wurde und zu uns gezogen war, kam Geborgenheit in mein Leben. Sie betete jeden Abend mit mir. Sie erzählte mir Geschichten. Sie brachte mir Benimm bei. Sie war mein Hort! Ich liebte sie, aber ich durfte sie zeitlebens nicht küssen, weil sie nicht wollte, dass ich mich bei ihr anstecke. Meine Oma habe ich das erste und letzte Mal geküsst, als sie im Sarg lag, in Zellophan eingeschweißt. Ich war 13 Jahre alt und dankte ihr für alles Gute mit einem Kuss auf die Stirn. Selbst da hätte ich nicht gewagt, sie durch die Zellophanhülle auf den Mund zu küssen. Und sie war so kalt und es krampfte mir die Brust zu.

Reise ohne Wiederkehr von Gerhard Krosien

Elfriede, Gerhard, Helga und Karlheinz Krosien, letztes Bild vor der Reise ohne Wiederkehr

Der Abend war schön - wie fast alle Juliabende es am Kurischen Haff sind! Es war angenehm warm, die Sonne strahlte noch vorm Untergehen vom Himmel. Überall war Feierabend eingekehrt. Wir Kinder wurden - wie sonst auch – nach der Abendtoilette früh ins Bett gesteckt – meist früher als andere Kinder. Deren Gekreische konnte man noch vom Bett aus hören.

Und doch - am 30. Juli 1944 - schien einiges anders als sonst zu sein! Die Erwachsenen hatten in den letzten Tagen öfter zusammengestanden und mit den Händen gestikulierend geredet, ihre Gesichter hatten dabei einen ziemlich besorgten Ausdruck gehabt. Irgendetwas lag in der Luft! Das hatten auch wir Bowkes bemerkt.

Vom Bett aus war zu vernehmen, dass noch jemand ins Haus gekommen war. Vater konnte es nicht sein; der war ja an der Front in Russland. Kurze Zeit später hörten wir Mutter noch irgendwo in der Wohnung kramen. Das erschien uns schon komisch. Denn das war anders als sonst! Abends las sie meist in aller Ruhe ein Buch oder die Zeitung. Oder sie vertiefte sich in irgendeine Handarbeit. Dennoch entschlummerten wir Kinder nach durchtobtem Tag recht bald.

Am nächsten Morgen geschah etwas für uns ganz Ungewohntes: Obwohl Alltag, mussten wir Kinder unsere „guten Kleider“ anziehen, was wir eigentlich nur an Sonn- oder Feiertagen sowie bei festlichen Anlässen taten. Auch Mutter hatte sich festlich gekleidet. Die ganze Familie frühstückte gemeinsam am Küchentisch – keiner fehlte. Tante Elsa, Großvater und Großmutter fanden sich bald ein. Wir Kinder wurden an die Hand genommen. Mutter ergriff eine kleine Reisetasche, hängte sich den leinenen, sonst neben der Hauseingangstür hängenden Beutel um, in dem für den Fall eines Bombenalarms wichtige Dokumente zusammengetragen und verwahrt waren. Sie nahm die Jüngste von uns vier Kindern an die Hand. Dann trotteten wir alle in einen strahlenden Sommermorgen hinaus - zur Bushaltestelle an der Mühlenstraße, der Hauptstraße zwischen dem Vorort Schmelz und der Stadt Memel selbst.

Unterwegs trafen wir Nachbarsfamilien, Freunde, Bekannte. Alle wie wir sonn- oder feiertagsmäßig gekleidet, alle auf dem Weg zur Bushaltestelle. Im Bus selbst ebenfalls viele bekannte Fahrgäste, ob an der Haltestelle mit eingestiegen oder sonst wo zugestiegen. Alle festlich gekleidet, gewohnt ruhig, die Kinder in ausgelassener Stimmung.

Der Bus machte halt an der Dange vor der Anlegestelle, von wo aus ich schon so oft mit der Fähre nach Sandkrug zur Kurischen Nehrung hinübergefahren bin. Diesmal hieß es hier: Endstation, alles aussteigen! „Soll es heute womöglich in großer Gesellschaft auf die Nehrung gehen?“, fragten wir uns.

Doch nicht der altgewohnte Raddampfer liegt heute am Steg! Ein blendend weißes Fahrgastschiff, die „Liebe“, soll es diesmal offensichtlich sein. In aller Gemütsruhe strömen die Menschen auf das Schiff und verteilen sich über die verschiedenen Decks. Wir Kinder durchstöbern alle möglichen Ecken des Schiffs und sind immer wieder erfreut darüber, dass so viele Freunde von uns diese Reise mitmachen.

Eine Musikkapelle spielt auf dem Kai flotte Weisen, zuletzt „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus...“ Dann fallen die Leinen ins Wasser, das Schiff legt ab. Winken hinüber und herüber. Großvater bleibt zurück. Die Fahrt geht los. Stundenlang bei schönstem Sonnenschein durchs Kurische Haff mit der „Liebe“, so, wie ich sie vom Kahn aus schon öfters vorüberziehen gesehen habe.

Gegen Mittag ist die Dampferfahrt quer durchs Kurische Haff zu Ende. Labiau heißt unsere Station. Alle Mitgereisten verlassen das Schiff und lagern sich auf einer großen, grünen Wiese im Schatten hoher Bäume. Mutter holt ein ansehnliches Proviantpaket aus der Reisetasche, Tante Ella mit ihren vier Kindern hat ein großes Weckglas mit gebratenen Aalstücken mitgebracht. Das gibt ein herrliches Picknick! So, wie sonst bei Ausflügen zum Ostseestrand oder in die heimatliche Umgebung. Wir Kinder tollen überall umher. Alles hat den Anschein eines großen Familienausflugs.

Am Spätnachmittag geht der „Ausflug“ weiter: diesmal per Bummelzug. Endstation ist Osterode in Ostpreußen. „Hier soll wohl übernachtet werden“, spekulieren wir Kinder. Die einzelnen Familien bekommen von irgendwelchen dienstbaren Geistern in Uniform Adressen auf Zetteln und ziehen darauf in unterschiedliche Richtungen der Stadt davon. Ihnen wird gesagt, der Aufenthalt hier sei „nur vorübergehend“.

Großmutter und Tante Elsa erhalten in einer vornehmen Villa ein großes, helles Zimmer zum Garten hinaus. Die Adresse auf dem Zettel für unsere Familie lautet : „Stadtbaumeister ... in der ...straße Nr...“. Dorthin gehen wir und stehen schließlich vor einem zweistöckigen, neuen, roten Backsteinhaus. Wir treten in den Hauseingang und drücken an der einzigen Klingel - bei ...

Lange rührt sich nichts. Nach erneutem Klingeln tut sich etwas hinter der Tür. Sie wird halb geöffnet, und eine etwas verlebt und übermüdet wirkende Frau von etwa 60 Jahren schiebt sich langsam in die Öffnung.

Wir grüßen höflich, Mutter nennt unseren Familiennamen. Die Frau mustert uns alle der Reihe nach von oben bis unten - ganz Abwehr!

„Ach ja, sie sind die von der Partei angekündigten Flüchtlinge aus dem Memelland“, sagt sie dann mit gleichgültigem Gesichtsausdruck, macht die Tür ganz auf und schlurft voran in ihr Haus. „Hier links, das ist Ihre Wohnung“, sagt sie und führt uns in ein kleines Zimmer mit separatem Eingang zum Flur. „Das ist sonst die Wohnung des Dienstmädchens. Kochen und Baden verboten! Und absolute Ruhe, wenn ich bitten darf! Meine Nerven!“ Und fort ist sie, in einer der anderen Türen des Hauses verschwunden.

Wie betäubt lassen wir uns auf das einzige Bett und auf die Liege im Zimmer sinken. Mutter weint. „Flüchtlinge“ hat die Frau gesagt! Was ist das? Wir verstehen das alles noch gar nicht! Heute wissen wir`s: Wir Memelländer waren ja auch die ersten Deutschen, die ihre Heimat fluchtartig vor der Roten Armee verlassen mussten!

In den nächsten Monaten und Jahren lernen wir den Sinn dieses schrecklichen Begriffs „Flüchtlinge“ mehr als einmal kennen! Denn Osterode in Ostpreußen war ja nur die erste Etappe eines noch weiten, gefahrvollen Weges. Er führte – gerade für uns Kinder - unter manch grausamer Erfahrung über Pommern, die zweite Etappe, in eine Kleinstadt am Rand des niedersächsischen Teufelsmoors – zur vorläufigen Endstation, die für uns nun schon über 60 Jahre Bestand hat. Hier musste nun in völlig fremder, zunächst recht abweisender Umgebung die Grundlage für eine neue Heimat gelegt werden. Wer von uns ahnte damals, dass für viele die letzte Etappe auch die endgültige werden sollte und die frühere Heimat nur noch im Herzen bewahrt werden musste? Wer ahnte aber auch, dass die Flüchtlinge von einst nach Veränderung der politischen Verhältnisse hinter dem „Eisernen Vorhang“ jemals eine wichtige Brückenfunktion zwischen alter und neuer Heimat übernehmen würden? Aber so ist das Leben halt!

(Weitere Erzählungen von Gerhard Krosien zu Vorkriegszeit, Flucht und Neuanfang finden sie hier)


Kriegstagebücher

Kriegstagebuch (1943-1945) von Wilhelmine Pierach (*1876 in Memel-Schmelz/ +1960 in Berlin)

Wilhelmine Pierach um 1920

10. Aug. 1943 meinen 2ten gestrickten Jumper abgeliefert, Verdient: 15 M u. einige Lebensmittel. Außerdem ist gestern mein Mantel fertig geworden. Es war ein Stück Arbeit in den kleinen Räumen, so ein Stück fertig zu machen. F.G. hat sich sehr damit abgequält.

24. Aug. 1943 Meinen 3ten Jumper angefangen. Inzwischen 1 paar lange Herrenstrümpfe gestrickt. Als Belohnung Äpfel Brot Gemüse u. ein Ei bekommen. Also verhungern werde ich hier nicht. Wenn nur nicht immer das sinnlose Anstehen wäre. Noch Marken f. Lebensmittel Kohlen u. Holz. Immer andere Stellen. Dann die Ware erst haben.- Meistenteils steht überall ausverkauft. Und wenn einmal was da ist, dann steht man Schlange. Manchen Tag müßte man an 4 Stellen sein. Im Glück nicht stolz sein, im Unglück nicht verzagen Das Unvermeidliche mit Würde tragen Das Gute tun, am Schönen sich erfreuen Das Leben lieben und den Tod nicht scheuen Und fort an Gott und bessre Zukunft glauben Heißt Leben und dem Tod sein Bittres rauben. A.Sterkfuß

22. Nov. 1943 Abends 7 ¼ - ¾ 8 Bombardiert.- Total. Alles verloren.

24. Nov. 1943 – 4. Jan. 1944 Xanthenerstr. 2b Raßat gewohnt.

4. Jan. 44 Abfahrt nach Memel 10 Uhr abends. Bis Königsberg kein Sitzplatz.

5. Jan. 1944 Krank u. elend in Memel angekommen.

6. Juni bis 2. Aug. bei Erichs gewesen.

Am 3. August (1944) 11 Uhr abends aus Memel auf Dampfer Sumatra. Abfahrt 4 Uhr früh, Ankunft in Danzig ½ 4 Nachm. Weiterfahrt nach Pomm. ca 12 Uhr nachts. Ankunft in Cammien (?) 2 Uhr mittags. In d. Daniener (?) Schule Mittagessen bekommen. Um ½ 5 mit der Bahn bis Sowke (?) u. von da aus zu unserem Quartier gebracht, wo wir dann um 8 Uhr Abends ankamen, nicht sehr freundlich begrüßt, aber es war nachher trotzdem ganz gut dort. Wir waren bis zum 27. Sept. da. Sind dann mit allem Gepäck nach Memel zurück, weil es hieß es sind schon alle wieder dort. Außerdem hatten wir keine Wintersachen mit. Nach einer sehr beschwerlichen Fahrt kamen wir am 28. Sept. nachts 11 Uhr in Memel an u. waren glücklich! Leider dauerte unsere Freude nur 10 Tage.

Am 9. Oktober 44 mußten wir flüchten u. zwar so plötzlich, daß wir nicht das allernotwendigste mitnehmen konnten. Da alles in bester Ordnung schien (es waren sämtliche Geschäfte offen, Omnibus-Verkehr u. s.w.) hatten wir angefangen uns wieder ganz häuslich einzurichten. Aus dem Garten zu ernten, was noch zu ernten war gr. Reinemachen. Am 30. Sept. hatte Bruder Fritz Geburtstag Lisbeth mit ihren beiden Jungens aus Osterode, Fritz ihr Bruder war aus Stolp auf Urlaub gekommen u. so haben wir den Geburtstag ganz glücklich gefeiert. Es war bis jetzt das letzte gemütliche Zusammensein in der Familie. Nach 8 Tagen ein ganz anderes Bild. Endlose Trecks mit Flüchtlingen, Herden Vieh, Pferde! Hunde, die ihren Besitzer verloren hatten, irrten hilfesuchend umher. Pferde u. Rinder verendeten auf offener Straße. Auf der Oberstraße zogen Trecks, auf der Unterstraße unsere Militärautos, Panzerwagen.— So denke ich mir einen Hexenbesen. Und durch all das Wirrwarr mußten wir bis zur Stadt zum Dampfer. Es war schon Artilleriebeschuß. – Nachmittags wurden schon Bomben geworfen. Abends um 6 Uhr war der Dampfer so weit zur Ausfahrt. – ½ Std. Fahrt u. er warf Anker, die Nacht über lagen wir auf dem Haff. Memel wurde beschossen u. bombardiert. Es war viel Geschrei von Menschen u. Tieren zu hören, die mit ihren Trecks auf offener Straße allem Unheil ausgesetzt waren. – Wir sind dann am nächsten Tag bis Labiau gekommen wo wir auch wieder übernachteten. (auf dem Schiff).

Am 11. (Oktober 1944) kamen wir dann in Königsberg an, wo wir dann am Stadtgarten 8 bei Frau Frenzel in ihrer Wohnung bleiben durften. Sie selbst war in Stolzhagen bei ihren Eltern weil sie einen Unfall, bei dem Terror-Angriff auf Kgb. gehabt hatte u. erst gesund werden wollte. Tante Marie blieb bis Ende Okt. Dann holte Lisbeth sie nach Osterode. Ich blieb noch bis Ende November u. bin dann nach Kirchhain gefahren. In der ersten Zeit war es mir hier auch schrecklich. Ungefähr 8 Tage vor meiner Ankunft war hier eine Bestimmung herausgekommen, daß niemand mehr hier aufgenommen werden durfte der nicht durch die N.S.V. gekommen war. Überall bin ich herumgelaufen bis zum Bürgermstr. Der sagte mir u. wenn Sie ein Zimmer bekämen so dürften sie doch nicht bleiben weil alle Zimmer durch die N.S.V. beschlagnahmt sind. Da habe ich mich denn als Besuch bei Frau Gerlach angemeldet. Die Erlaubnis hatte ich bis zum 15. Jan. 1945 erhalten. Die Tage wenn Herr G. zum Wochenende da war, schlief ich in der Nähe bei einer Frau Wangemann.

Am 13. Jan 1945 fuhr ich dann nach Dohna zu Edith, weil ich hoffte, dort wohl ein Zimmer zu bekommen. Auch vergebens! Sachsen ist noch überfüllter wie die Nieder- Lausitz. Am Dienstag den 24. Jan fahr ich dann zurück nach Kirchhain mit dem Vorsatz nun doch nach Berlin zu gehen. Die Rückfahrt war auch schon schwierig. Zuerst war Tags zuvor die 100 kilom. Fahrt gesperrt u. man durfte nur 75 km fahren. Also zuerst von Dohna nach Dresd. Von Dresden waren aber noch 76,6 km. Um diese 1 ½ km mußte ich mich um eine Genehmigung anstellen, die ich denn auch nach ein paar Stunden Warten bekam. Um 2 Uhr sollte der Zug nach Kirchh. abgehen, er stand auch da, aber ohne Lokomotive. Am Tag vorher war Dresden schwer bombardiert u. viele Loko kaputt gegangen. Bis 5 Uhr haben wir im ungeheizten Zug gesessen bis eine Lok frei wurde. So um 9 Uhr war ich angelangt. Frau G. hatte sich schon Sorgen gemacht. Inzwischen hatte eine Frau Jahre mit einer Frau Krüger gesprochen ob sie nicht ein Zimmer abgeben möchte. Da bin ich noch einmal zum stellvertretenden Bürgermstr. gegangen u. habe um Aufenthaltsgenehmigung gebeten u. diesmal hat er sich erweichen lassen.

Nun wohne ich seit dem 28. Jan. (1945) hier fühle mich den Verhältnissen entsprechend wohl u. habe nur den einen Wunsch, daß alle meine Verwandten auch so ein erträgliches Los in dieser Zeit haben. Jetzt wo ich hier fest gemeldet bin habe ich auch gleich meinen Familienunterhalt beantragt u. habe ihn auch schon vom 1. Dez. bis 28. Febr. erhalten. Allerdings etwas gekürzt. Kohlen habe ich schon 6 Zntr. bekommen u. kann mir noch 5 Zntr. holen. Dann habe ich noch so Verschiedenes verlangt, Bluse, Rock, Handtücher, Schuhe, habe auch alle Scheine bekommen. Aber Volksopfer d.h. alte Sachen.

Gestern, 19. Febr. (1945) bekam ich von Grete aus Gr.Strellin eine Karte, die 3 Wochen unterwegs war. Sie schrieb mir, daß sie schon alles gepackt hat u. nur auf den Befehl „Los“ wartet. Das war am 28. Jan. Wo mag sie jetzt sein mit den Kleinen! In der Kälte auf den Trecks. Anni hat man ihr genommen. An Lisbeth, Berta habe ich geschrieben. Ob die auch fort müssen. Von Niemand bekomme ich Post, nur von Erich u. Edith. Aber da scheint es auch nicht mehr mit der Post zu klappen. Am 12. Febr. hat Dresden einen furchtbaren Angriff gehabt. Man spricht von 95% Beschädigung. Die übrig gebliebene Bevölkerung bekommt die Nahrungsmittel durch Flugzeuge und Fallschirmspringer zugeteilt. – Dohna liegt sehr nahe, hoffentlich sind die noch verschont. Hier rückt die Front auch immer näher, seit 14 Tagen gleicht Kirchhain schon einem Heerlager. Panzer, Maschinengewehre, Feldküchen u. alles was zu einem Kampfgebiet gehört., ist da. Soldaten sind eine Menge hier u. jeden Tag kommen neue. Dazu endlose Trecks mit Flüchtlingen, die weiterbefördert werden. Das kleine Kirchhain ist schon überfüllt. Jede Familie hat Einquartierung u. Flüchtl.

18. Febr. (1945) Die Soldaten sind abgezogen, nachdem neue Kompanien aufgestellt waren. Es ist jetzt ruhiger geworden. Auch Flüchtlinge und Bombengeschädigte werden weiter befördert. Außerdem sind die Lazarette von den Schwerverwundeten geräumt. Es ist ruhiger geworden in der kleinen Stadt, aber all diese Maßnahmen beunruhigen. Es ist wohl die ruhe vor dem Sturm. Wenn ich nur irgendeine Nachricht aus Königsberg oder Pommern bekäme!

d. 1. III. 45 Heute wieder keine Post. Diese Ungewißheit ist furchtbar. Gestern bekam ich von Edith eine Karte, sie schreibt, sie sind fahrbereit, um zu Erich nach Unterlüß zu kommen. Gott schütze sie auf der Fahrt durch die tägl. luftgefährdeten Städte. Aus Pommern auch von allen Dreien keine Nachricht. Weder von Lisbeth [14] , Berta, Grete. Ob sie auch wieder flüchten mußten? Man fragt sich blos immer wohin. Wir haben nun doch kein sicheres Plätzchen mehr in Deutschland. Wo mag Gustel [15] stecken u. Bruder Fritz [16], ich schreibe hier jeden Abend ein wenig, blos um auf andere Gedanken zu kommen. – Heute ist ein großer Sturm hier, schon ein paar Mal ging das Licht aus.

d. 2. III. (1945) ½ 11 Uhr Fliegeralarm. Der Flaksender sagt starke Kampfverbände an. Wenn nur Edith u. die Kinder nicht mehr auf der Bahn unterwegs wären. Der Sturm hat heute Nacht zugenommen, dazu eine eisige Kälte. Aber frieren brauche ich nicht. Kirchhain hat mir 35 ltr. Kohlen für mein Zimmer bewilligt. Die Firma hat sie mir anfahren lassen. Allerdings auf die Straße geschüttet. Aber die Hauptsache ich habe sie.

d. 12. März 45 Heute einen Brief von Edith. Gott sei Dank ist sie mit den Kindern glücklich bei Erich angekommen. Wie zu erwarten hat sie auf der Fahrt viel durchmachen müssen, da die Straßen zerstört u. andauernd Alarm gewesen ist. Drei Tage haben sie gebraucht um dort hin zu kommen, wo sonst die Fahrt nur 12 Std. dauert. Erich hat sie für ein paar Tage bei sich in den Baracken unterbringen dürfen. Im Gästezimmer der Kompanie.

d. 17. III. (1945) Ein ereignisreicher Tag! Heute früh habe ich an meine Schwester denken müßen, die ihren Geburtstag hat. Wo mag sie sein. Im vorigen Jahr haben wir ihn noch ganz groß gefeiert. Erich schrieb mir heute, daß er Edith u. die Kinder mit Oma Neumann in Dreilingen Lüneburger Heide untergebracht hat. 9 kilom. von ihm entfernt. In Unterlüß ist es zu unsicher, weil die Feindflieger da Verschiedenes zu suchen haben. Der Ort hat nur 300 Seelen u. es ist alles weit auseinander, Bäcker, Fleischer etc. So ungefähr wie wir es in Pommern erlebt haben. Wo mögen die nun alle sein, denn ich glaube die haben auch schon längst flüchten müßen. Nun kommt für den heutigen Tag das Schlimmste. Ich war zu Gerlachs herübergegangen, um ihrer Wirtin etwas zu helfen, weil ihre Großtochter am Sonntag eingesegnet wird. Da um 11 Uhr Fliegeralarm. Der Himmel war ziemlich bedeckt. Wir haben uns nicht viel um den Alarm gekümmert, weil wir jeden Tag 2-3 mal Sirenen hören. Bis jetzt flogen sie nur herüber. Aber am Sonnabend, ich stand am Fenster u. hörte ein Geräusch, das ich von Berlin aus sehr gut kannte. Ich schrie nur noch nach der Küche hin „Es kommt eine Bombe“ da krachte es auch schon hintereinander. Das Ganze dauerte eine viertel Stunde. Aber was ist da alles geschehen. Wenn all die Bomben die sie geworfen haben getroffen hätten, es wäre von der kleinen Stadt nichts übrig geblieben. Weder von Menschen noch von Häusern. Ganze Straßen sind vernichtet, die Moltke-Str. am (?) , dann Cottbusser u. Hindenburgstr. Am Sonntag waren 45 Tote geborgen die anderen liegen noch unter Trümmern. Es herrscht nun eine große Aufregung. Sobald jetzt die Sirene ertönt fahren alle mit ihren Rädern u. Gepäck in den Wald was 1 Std. Fußweg ausmacht. Wir Umquartierten bleiben wo wir sind. Luftschutzkeller gibt es hier nicht. Verschiedene Umquartierte haben hier auch ihren Tod gefunden. Heute auf der Bezugsscheinstelle war auch eine Frau mit 3 Kindern da, die sie hat aufnehmen müßen, weil in dem Haus wo die Mutter mit ihren Kindern gewohnt hat, durch einen Volltreffer vollständig zerstört ist u. alle Personen die da drin waren ums Leben gekommen sind. Die Kinder waren in der Schule u. sind dadurch am Leben geblieben. Es ist einfach grausig. Der große Junge sah ganz verstört aus.

d. 18. III. 45 Bei Jahres zur Einsegnung v. Hanne Lore gewesen. Es war noch alles da, nicht wie im 6ten Kriegsjahr.

24. III. 45 Beerdigung von 47 Toten vom Terror-Angriff, viele Särge stehen noch in der Leichenhalle u. tägl. sterben noch Verwundete im Lazarett. Das Wetter ist seit dem Tag ganz wunderbar, ein richtiger Frühling, nur kann man sich über nichts mehr freuen. Jeden Tag 2x Alarm u. die Fronten rücken immer näher.

d. 28. III. Heute ein kühler nebliger Tag.

10. April (1945) in Doberlugk gewesen. Sehr warm! 1 Std. Fußweg,

d.14. Apr., einen Brief von Edith erhalten. Hoffentlich geht alles gut bei ihr.

15. April (1945) Herr Gerlach für dauernd nach hier gekommen. Die Firma ist aufgelöst. Die Arbeitslosigkeit scheint ihren Anfang zu nehmen. d. 19. April Hunderte von Flugzeugen kreisen über der Stadt. Es ist Feueralarm gegeben. Panzerspäher sollen bis Galan (?) durchgestoßen sein. Seit Montag d. 16. haben wir tägl. 2 bis 3x Tieffliegerangriffe.- Post bekomme ich jetzt überhaupt nicht mehr.

20. April (1945) Die Straße voll von Flüchtlingen. Der Ruße ist 60 kilom. von uns entfernt. Flieger mit Bordwaffen, Artilleriebeschuß. Wir stehen fluchtbereit. Aber wohin? Nur bis zur Heide geht´s u. dann soll man im Wald bleiben. Wir haben uns entschloßen vorläufig zu bleiben. Die Nacht in Erwartung zugebracht. Verhältnismäßig ruhig. 2 Uhr früh schon schwere Artilleriefeuer Tiefflieger sie schießen aber nur auf (?) u. Autos

Am 20. früh kreisten eine ganze Schar Krähen um meinen Kopf u. krächzten. Ob sie mir Unheil verkünden wollten? Habe immer noch keine Post. Der einzige Trost ist, daß es allen so geht, also kann man noch immer hoffen, daß alle am Leben sind, nur der Postverkehr ist lahmgelegt. Am 18 April sprang ohne jeden Anlaß, mit lauten Tönen ein Glasgefäß bei mir im Schrank. Ob es Vorbedeutung war?

d. 21. (April 1945) Vormittag heftige Schießerei, Artillerie, wir haben trotzdem das Kartoffelland gegraben u. gedüngt. Nachmittag kalt u. viel Regen.

22. April (1945) Sonntag früh um 5 Uhr, der Ruße zieht in Kirchhain ein. Überall an den Häusern weiße Fahnen aufgehängt. Was sollen die Einwohner auch machen. 8 Uhr, man sieht die Kolonnen der R. die Landstraße lang ziehen nach Werenz hin. Vereinzelt hört man Schießen. Wir flüchten uns in die Keller. Um 9 Uhr läuten die Glocken, ich gehe zur Kirche, wenig besucht u. verschiedene gehen schon vor Schluß der Predigt fort. Im großen Ganzen herrscht Ruhe. Auf dem Marktplatz sollen Panzer stehen die Mannschaften u. Offiziere schon betrunken. Sie haben schon die Läden u. Gastwirtschaften beraubt, auch Leuten auf der Straße Uhr Ledermäntel u. Ringe abgenommen. Um 3 Uhr: der Volkssturm muß auf dem Markt die Waffen abliefern. Die Ausländer scheinen sich zu freuen hauptsächlich die Polen verständigen sich mit den Rußen gut. Es ist ein trüber Sonntag kalt, windig Regen u. Hagelschauer. Viele Einwohner fahren mit Handwagen zum Güterbahnhof u. holen sich zentnerweise Kartoffel, die man unentgeldlich holen kann. Gerlachs u. ich haben keinen Wagen u. tragen können wir nicht. Dazu ist der Bahnhof zu weit u. wir nicht kräftig genug. Bis jetzt haben wir nicht gehungert u. gefroren, aber was wird uns die nächste Zeit bringen. Seit dem 20. haben wir kein Licht u. Wasser nur von 9-10 Uhr vorm.

d. 23. IV. (1945) Trauriger Wochenanfang, kalt trübe regnerisch. Auf dem Winkelgut 1 kilom. entfernt gibt es Milch, weil kein Transportmittel da ist. Alles ist lahm gelegt. Natürlich stürzen wir alle hin u. bekommen gratis die Milch. Der Anblick von Kirchhain ist mir trostlos. Überall hängen weiße Fahnen heraus, die Leute binden sich weiße Tücher als Armbinden um. Bis Sonnabend hieß es noch Heil H. heute verfluchen sie ihn schon. So ist das Massenvolk. Zuerst Hosianna, dann u.s.w. Kalt Regen Hagel. Ich gehe zur Stadt, ob ich wohl auf meine Marken was bekommen kann. Ausgeschloßen, die Polen schieben uns beiseite verlangen 15 Pfd. Fleisch 15 Pfd. Wurst, für uns bleibt nichts übrig. Ebenso ist es mit dem Brot. Am Nachmittag machen sich die Polen über die Geschäfte her.. Es wird total geplündert. Die Kirchhainer beteiligen sich dabei.. Es ist dumm, denn wenn die Geschäfte leer sind, dann geht es in die Privathäuser. d. 24 .IV. (1945) Der Wirt v.S. u. ein Nachbar sind nach Hennersdorf gefahren, wo das To(?)Lager geplündert wird. Es ist nicht zu sagen was für Maßen da untergebracht sind. Es ist alles in Maßen da. Vom kleinsten Wirtschaftsgerät bis zum eleg. (?) Es ist eine wahre Völkerwanderung dorthin, mit Handwagen Räder etc, ich habe auch etwas abbekommen. Nur das Nötigste was ich zum Kochen brauchen kann. Eimer Besen Geschirr. Freuen kann man sich nicht darüber, denn in ein paar Tagen werden sie wohl bei uns plündern u. dann bleibt doch nichts übrig.

25. IV. Heute gingen wir essen. Zum letzten Mal. Es wird nur noch für alleinstehende Männer gekocht. Frauen sollen sich allein weiter helfen. Man läuft nun den ganzen Tag nutzlos herum früh jeden 2ten Tag, darf man sich vom Gut ½ ltr. Magermilch holen. Kinder bekommen Vollmilch! Dann versucht man noch auf die letzten Marken etwas zu bekommen. Bisher vergebens. Man vertröstet uns daß alles geregelt wird, aber bis jetzt alles leere Versprechungen. –

26. (April 1945) Der erste Befehl klebt an den Bäumen! Radio App. innerhalb von 3 Tagen abgeben, Heeresgut, Munition etc. Ausgehzeit für die Bevölkerung 6 Uhr früh bis 8 abends. Im Großen Ganzen herrscht Ruhe abgesehen von den Plünderungen in den Dörfern. Es sind aber Soldaten die dürfen es nicht tun, wenn man mit dem Kommissär droht, dann verschwinden sie.

d. 27. (April 1945) 3 Std. beim Fleischer nach den letzten 200 gr. Fleisch angestanden. Nach dem gestrigen Gewitter sehr kalt, Regen u. Sturm. hochbeladene Wagen mit Ballen guter Stoffe ziehen an uns vorüber. Es ist erstaunlich was alles aufgestapelt ist u. die Ausgebombten mußten um einige cmtr. Stoff betteln. Nun fällt dem Feind alles in die Hände.

d. 29. (April 1945) Sonntag klarer Sonnenschein, ein schneidend kalter Wind. Die Franzosen müßen Kirchhain verlassen es heißt auch die Polen, wenn sie nicht mit den R. mitkämpfen wollen. 30. (April 1945) Anschlag an den Säulen. Lebensmittel für die Woche: ½ Pfd. Fleisch 100 gr. Nährmittel 100 gr. Brotaufstrich od. 50 gr. Zucker. 1500 gr. Brot. Die Deutschen dürfen nur 3-6 Uhr Nachm. einkaufen Ausländer v. 9-1 Uhr.

1. Mai (1945) Sehr kalt Wind 4 Std. nach Brotmarken gestanden. Man sieht wenig Rußen in der Ferne Kanonendonner. In der Stadt Ruhe. Obs die Ruhe vor dem Sturm ist?!

2. Mai (1945) Alle müßen sich noch einmal polizeilich melden. Zu Hunderten steht man an. Regen, kalt.

3. Mai (1945) Mit der Ruhe scheint es vorbei zu sein. Schon in der Nacht rollten Panzer an. Am Tage ging es über Feld trotzdem eine gute Landstraße da ist. Man meint sie wollen Flack aufbauen. Anscheinend wird Kirchhain auch noch Kampfzone. Mittags 2 Uhr russ. Soldaten gehen durch die Stadt. Wir wagen uns nicht heraus. 3 Uhr wir gehen einkaufen. Panzer rollen durch die Stadt. Endlos. – Mir gradüber hat sich ein russ. Soldat einquartiert. 3 Häuser in Beschlag genommen. 200 deutsche Gefangene in einer nahen Scheune untergebracht. Es wurde Essen für sie gekocht, sie sollen da übernachten, dann werden sie weiter transportiert. Die Russen benehmen sich bis jetzt sehr anständig.

d. 4. Mai (1945) Berlin soll gefallen sein 134000 Soldaten gefangen genommen. Hitler u. Goebbels sollen sich erschoßen haben, die anderen haben sich ergeben. so erzählen uns die russ. Sold. Ob alles wahr ist!? Seit dem 20. April sind wir ohne Radio u. Zeitung kein Licht kein Wasser, außer sehr schlechtes Pumpenwasser. Alles würde man gerne ertragen, wenn man nur eine Nachricht, ein Lebenszeichen von den Angehörigen hätte. Jeden Tage bete ich für Edith, dass sie ihre schwere Zeit gut durchhalten möchte. Gott stehe ihr bei. Wo mag Erich sein, was für Sorgen wird er sich machen. Wo steckt wohl Lisbeth, Berta u. Grete mit all den Kindern. Wo mein Bruder u. meine Schwester, überhaupt die Königsberger, Trudi, Ernst u. Lotti mit Hubi, Erna u. der Kleinen u. Wenn es wahr sein sollte, daß Hitler u. Goebbels sich erschoßen haben, dann kann man daraus ersehen, wie feige die Bande gewesen ist! Den Rest Achtung den man noch vor ihm gehabt hat würde dadurch verloren gehen.

Sonnabend d. 5. Mai (1945) Seit früh um 4 Uhr kommen Lastautos Panzer, Privat-Autos Omnibusse Postwagen etc aus Berlin an. Die letzten Habseligkeiten der Berliner scheinen es zu sein. Vor meinem Fenster steht ein Lastauto mit 13 Tonnen Öl u. Benzin, jedes Gefäß enthält 200 ktr. Da kommen all die Autos nach dem Kraftstoff. Mein Zimmer riecht nach Benzin u. Staub. Um 9 Uhr kaum bin ich mit dem sauber machen fertig, kommen 2 Soldaten, wollen mein Zimmer haben, ach ich war so unglücklich darüber, so daß der eine dicke zu dem anderen etwas sagte u. da sind sie dann abgezogen. Es gibt auch unter den Russen anständige Menschen. Aber wer weiß wie lange, wenn noch andere kommen, die sich nicht erweichen lassen. Zuschließen darf man nicht, da treten sie gleich die Tür ein. Plündern dürfen die Soldaten hier nicht, der Stab ist uns gradüber einquartiert u. die haben es verboten. Also davor ist unsere kurze Straße sicher. Mittags 12 Uhr wird das Gerücht verbreitet Deutschland hat kapituliert es ist Waffenstillstand. Hoffentlich ist es wahr. Für uns tief traurig 2 verlorene Kriege hinter ein ander. Wie soll ein Volk das aushalten. Was soll aus unserer Jugend werden! Gott schenke uns einen weisen Führer u. nicht so eine Clique von Größenwahnsinnigen. Und vor allen Dingen müßen wir den lieben Gott bitten, daß er die Sinne der Sieger lenkt, daß sie uns nicht ganz erdroßeln. Wenn das deutsche Volk nur eine heilsame Lehre aus diesem Leid nehmen würde! Ich fürchte aber, daß unsere Jugend zu viel von den Teufeln gelernt hat.

Sonntag d. 6. Mai (1945) Ein trüber Himmel. Kalt, ab u. zu Regen. 2 Häuser weiter von hier schon freies Feld anfängt, erschießen die Rußen 2 Rinder für ihren Gebrauch. Kopf u. Eingeweide geben sie den Einwohnern bei denen sie kochen. Unsere Männer suchen die Zigarren u. Zigarettenstummel von der Erde. Ein Jammer.

Montag d. 7. V. (1945) Von ¼ 9-1 nach Brotkarte angestanden, als ich mit dem nächsten Schub reinkommen sollte wurde geschlossen. Am Nachmittag um 3 dieselbe Sache um ½ 7 hatte ich endlich den Zettel. Und das geht nun jede Woche so. Es wird nur für eine Woche ausgegeben. Beim Bäcker dieselbe Sache. Um 3 Uhr wird verkauft, um 12 stellen sich die Leute schon an. Jeder fürchtet nichts mehr zu bekommen. Die meisten Bäcker müßen für die Rußen backen. So verbringt man seine Tage; man kann nicht waschen. Wasser noch immer abgesperrt. Das Pumpenwasser dermaßen kalt u. Eisenhaltig zum Waschen nicht zu gebrauchen. Der Kaffee schmeckt erbärmlich! Heute Pflanzen geholt.

d. 8. V. (1945) Heute sehr warm. Ich gehe ins Dorf 3 kilm , um Milch zu holen. Bei allen Bauern großer Betrieb mit Brotbacken für die Rußen. Ein Haushalt muß 10 ltr. Mehl ein anderer wieder von 4,5 od 5 backen je nach Größe d. Bauernhofes. Mit Mühe u. Not bekomme ich 1 ltr. Milch. Unterwegs trifft man Trecks mit Polen, die bis zum 10ten Kirchh. räumen müssen. Die geplünderten Sachen müssen sie zum Teil zurücklassen. Vieles liegt verschmutzt da u. unsere Leute holen sich noch stra(?)

d. 9. V. In der Nacht soll Stalin eine Ansprache an die Rußen gehalten haben. Der Friede ist da! Die Rußen feiern, verschießen ihre Munition u. sind sehr vergnügt. Morgen sollen sie abziehen. Für uns ist alles traurig. Das einzige daß nun das morden aufhören wird u. daß man Hoffnung haben kann, in absehbarer Zeit Nachricht von den Angehörigen zu erhalten. Die Ungewißheit ist das Schlimmste. Man wird ganz krank davon. Wie mag es Edith gehen. Ob das Kleine schon da ist, für Erich auch eine große Sorge. Ich hoffe, daß es doch allen einigermaßen erträglich geht. Seit heute können wir auch wieder Vor- u. Nachmittag einkaufen gehen.

10. V. (1945) Heute sollen die letzten Rußen abziehen . Bis auf eine Kommission die im Rathaus wohnt. Gestern haben sie noch Lebensmittel herausgeholt wo sie nur konnten. 2 Lastautos stehen vollbeladen vor meinem Fenster. Die ganze Nacht ging ein Posten auf u. ab. Bis 12 Uhr haben sie ihren Sieg gefeiert, mit Gesang u. Grammophon. Ob wir in absehbarer Zeit Post u. Eisenbahnverkehr haben werden ist eine große Frage. 150 Mann sind kommandiert, die Signalmasten u. Schienen zu entfernen. Die Rußen nehmen sie mit. Was werden wir noch alles erleben müßen. 7 Uhr abends: Leider sind noch nicht alle R. fort. 3 neue Lastwagen vor meinem Fenster. Wieder neue Beute aufgeladen. Der Stab ist gestern abgereist. Nun sitzen die Soldaten in den Wohnungen. Irgendwo haben sie ein Grammophon geklaut u. nun wird eine Platte nach der anderen abgespielt. Soeben spielen sie Stille Nacht, O du fröhliche, Vom Himmel hoch u.s.w. Die Rußen haben ihren Nationalfeiertag. Erster Mai! Den Frauen u. Kinder gegenüber sind die R. sehr nett. In der Stadt sollen ja auch schlimme Sachen vorgekommen sein. Aber viel sollen auch die Frauen dran schuld sein. 2 sind erschoßen. Heute ein recht warmer Tag, es muß Gewitterluft sein ich habe Schmerzen in den Füßen.

d. 11. Mai (1945) Früh um 4 Uhr 4 Lastautos machen einen fürchterlichen Lärm. Die Rußen sind im Abziehen. Ich sehe durchs Fenster, ein junger Ochse sieht mich hilfesuchend an, er möchte lieber auf der grünen Wiese sein u. mit seinen Artgenossen herumspringen als von den Rußen gefressen zu werden. Am Boden des Autos liegen noch 2 Schäfchen. Geduldig wie immer. Um 7 Uhr ist die Straße frei, nur ein Posten ist noch da. Unsere Leute wagen sich heraus u. sehen, was sie hinterlassen haben. Ein wertloser Accumulator ein paar Eisenteile u. die Erde mit Benzin u. Öl getränkt! Ein alter Mann führt ein lahmes Pferd vorbei. Beide Invaliden! Abends kommen wieder 2 Lastautos zurück. Immer holen sie noch von den Besitzern Kühe Pferde, Schafe u.s.w. – Sehr heißer Tag. Hochsommer.

d. 12. Mai (1945) Sehr warm 30 Gr. im Schatten. Bekanntmachung wird ausgeklingelt. So vornehm sind wir geworden. Radio Zeitung etc jetzt Luxus für die Deutschen. Also: Alle Männer von 16-65 u. alle Frauen von 16-45 Jahr haben sich am Sonntag früh um 6.30 am Stadthaus zur Arbeit zu melden. Verpflegung ist mitzubringen.

Sonntag d. 13. Mai (1945) Ich gehe früh um 6 ins Dorf um Milch zu holen. Vergebens, nur saure. Die Bauern müssen seit gestern alles abliefern. Es ist wieder sehr heiß. Um 8 Uhr gehe ich in die Kirche. Ich habe eine Unruhe in mir, ich denke, nun da doch Frieden ist, kann man schon von irgendwo her Nachricht erhalten. Es kommen schon deutsche Soldaten hier durch, die sich zu Fuß nach ihrer Heimat durchschlagen wollen. Meistens Rheinländer. Eben klingelt der Mann wieder eine Bekanntmachung. Die Einwohner werden zur ersten Kino-Vorstellung von der russ. Kommandantur eingeladen. Wichtiger wäre für Wasser u. Licht zu sorgen.

d. 14. Mai Anstehen nach Lebensmittelmarken. Dieses Mal gibt es für 3 Wochen. Wieder allerlei Verordnungen. Alle Einwohner sollen mit Schippe u. Spaten nach Waldhufen. Der Wald brennt schon seit 8 Tagen. In 14 Tagen sollen wir ja erfahren, wie alles geregelt werden soll. Wenn blos erst Post u. Eisenbahnverkehr wäre. Es ist unerträglich, diese Ungewißheit. Die Flüchtlinge aus Guben, Forst u. Cottbus dürfen zurück u. man sieht nun wieder die Leute mit ihren Habseligkeiten zurückwandern. Zu Fuß, auf Handwagen, manche haben auch noch elende Pferdefuhrwerke oder Kühe sind vorgespannt. Das ist nun das Groß Deutschland Adolf Hitlers. Wo mag er stecken, an seinen Tod glaubt fast niemand. Wie mag es blos allen gehen, ob die Königsberger u. Memeler schon zurück sind?

d. 15. Mai (1945) Immer noch müssen Frauen u. Männer Schienen losmachen u. nach Rußland verladen. Deutschland soll nur ein Geleise behalten. Von allem ist man abgeschnitten. Keine Zeitung, kein Radio, nur was der Feind uns erzählt, müssen wir glauben. Der sagt nur immer Deutschland nicht mehr alles kaputt, jetzt Rußland,

16ter Mai (1945) Es gibt Wasser u. für einige Stunden am Abend elktr. Licht. Bügeln u. Kochen elektr. ist verboten. Alle Bücher u. Bilder die irgendwie nationalsozial. Bemerkungen erhalten, müßen abgeliefert werden. Die meisten Leute haben hier schon alles vorher verbrannt.

17. Mai (1945) Trudis Geburtstag! Wie mag es ihr gehen. Ob sie bei den Rußen ist in Königsberg. Wenn man nur erst irgendeine Nachricht bekäme.

d. 18. Mai Einige Männer u. Frauen sind per Rad nach Berlin gefahren. Es soll schlimm dort aussehen. Hauptsächlich die Innenstadt. Die Überlebenden werden ganz gut versorgt. Haben schon Wasser, Licht u. Radio u. die Zuteilung an Lebensmittel auch. Die U-Bahn steht unter Wasser.

d. 19. Mai (1945) Alle Männer von 14-62 Jahren u. alle Frauen von 14-45 müßen sich tägl. um 6.30 a, Markt zum Arbeitseinsatz melden. Ausgenommen Frauen die Kinder unter 2 Jahren haben u. werdende Mütter. Viele Warenlager sind hier untergebracht. Alles müssen nun unsere Arbeiter für die Rußen verladen. Viel ist aufgestapelt, von Allem ist eine Unmenge da u. wir bombengeschädigte u. Flüchtlinge bekommen nichts.

d. 20. Mai (Pfingstsonntag) (1945) Für alle Deutschen ein trauriges Fest. Alle müssen, wie an Wochentagen zur Arbeit antreten. Das Wetter kalt u. regnerisch. Feiertage gibt es bei den Rußen nicht. Noch immer werden Schienen aufgerissen u. nach Rußland verfrachtet. Ebenso unser Vieh, Pferde Autos, Motorräder u.s.w. Es bleibt uns nichts! Vorm. in der Kirche gewesen, das ist nicht verboten, überhaupt ist alles sehr übertrieben, mit den Greueltaten. Ab u. zu ist auch Verschiedenes vorgekommen, aber meistenteils waren die Frauen auch daran schuld.

d. 21. Mai (1945) Auch heute Regen u. kalter Wind. Fr. G. muß im Bett bleiben, fühlt sich krank u. elend. Wir sind alle heimwehkrank, ich halte mich mit Mühe hoch. Es ist furchtbar Heimweh zu haben u. so gar keine Heimat mehr zu besitzen. Wir überlegen jeden Tag was wir beginnen werden. Leider kann man nicht aufs Geratewohl nach Berlin fahren. Eine Fahrt kostete 103 M u. man darf dann nicht mehr zurück. Viel fahren per Rad hin 5-6 Std. u. sehen zu ob in ihrer Wohnung noch etwas steht. In der Umgegend soll es ja nicht so schlimm sein u. viele fahren schon mit ihren Sachen zurück. d.h. Fuhrwerk od. Handwagen.

d. 24. Mai (1945) Immer noch dasselbe, die Rußen sollen bis zum 26. Mai alle fort sein u. dann versprechen sie uns geregelte Verhältnisse. Mit den Lebensmitteln wird es sehr knapp. Nährmittel gibt es ein halbes Pfd. den Monat, Fleisch ist dasselbe geblieben ½ Pfd. die Woche. Butter u. Margarine gibt es gar nicht. Bis jetzt hatten wir 200 gr. Rapsöl bekommen. Für die jetzige Verteilung nur 80 gr. Milch gibt es nur auf Kinderkarten u. wenn etwas übrig bleibt bekommt man auf Haushaltungsausweis ½ ltr. d. Woche. Meistens ist nichts übrig oft reicht es nicht für die Kinder. Das Vieh ist fortgetrieben, die Bauern liefern nicht, weil die Ausländer alles wegholen. Polen u. Franzosen sollen fort, zum Teil sind sie wieder zurückgekommen weil sie nicht weiter konnten. Wenn nur erst mal etwas Bahn u. Postverkehr da wäre. Ob alle Angehörigen noch am Leben sind. Oft denke ich Fritz ist schon in Memel. Denn hier läßt der Ruße doch alle in ihre Heimat zurück. Die nur 100 od. 150 kilm von hier entfernt sind, fahren alle mit Handwagen u. zu Fuß nach ihrer Heimat. Z. B. Forst, Kottbus, Guben Kalau u.s.w. Es sind immer so Karawanen von 50-100 Menschen. Wie elend sehen sie aus u. doch sind sie im Grunde froh, daß sie in ihre Heimat dürfen: Soweit hat uns diese Bande gebracht u. wo stecken sie nun mit ihrem großen Geschrei. Heute wieder kalt u. Regen. Wie mag es nur Edith gehen, ob sie alles gut überstanden hat. Hoffentlich ist Erich jetzt schon bei ihr.

25. Mai (1945) Wieder ist die Landstraße voller Trecks. Die Polen u. Ukrainer sollen alle zurück. Sie kommen aus Berlin Dresden u.s.w. liegen hier auf der Straße. Versuchen zu plündern. Unsere Leute wehren sich u. es gibt Schlägereien. Die russ. Kommandantur nimmt ihnen die gestohlenen Sachen ab. Ob die Eigentümer die Sachen zurückbekommen! Wer weiß es. Eben klingelt der Mann wieder. Keine Flüchtlinge dürfen ins Haus, wegen Ansteckungsgefahr. Es herrscht Typhus.

26. Mai (1945) Fr. G. macht mir Sorgen. Seit gestern hat sie Fieber u. Leib, Kopf u. Blasenschmerzen. Wenn es nur nicht schon Typhus ist! Es ist nur gut, daß es mit gesundheitlich ganz gut geht. Überhaupt habe ich es hier ganz gut angetroffen. Meine Wirtsleute sind sehr nett. Haben aber auch großen Kummer. Von ihren 3 Kindern keine Nachricht. Der eine war in Prag im Lazarett. Letzte Nachricht Ende Dez. 44. Der 2te war hier in Elsterwerda im Lazarett u. sollte hier her kommen, aber er ist nicht eingetroffen, während seine Kameraden von dort hier ankamen. Die hatten aber Räder u. er mußte zu Fuß. Entweder ist er von den Rußen gefangen od. er ist irgendwie umgekommen. Die Tochter wohnt in Dresden mit ihrem 6jährigen Jungen. Der Mann auch im Feld gewesen. Von Niemand eine Nachricht. Fr. Krüger sieht sehr elend aus von all dem Kummer. Aber wenigstens haben sie ihr Haus u. sonst alles behalten. Hier in der Straße sind alle von Plünderern verschont geblieben. Außer ein paar eingeweckte Gläser haben sie nichts genommen. Verschiedene die sich gut mit ihnen stellten, haben sie noch viel rangeschleppt. Brot, Zucker, Fleisch, auch Teppiche u.s.w.

d. 27. Mai. Sonntag Ich gehe zur Kirche da sagt mir Herr T. seine Frau möchte mich sprechen. Also sie gibt mir eine Flasche Leinöl u. Brot. Das war eine Freude. Leider geht es Fr. G. noch nicht besser immer noch Fieber. Der Arzt kann nicht kommen ist zu überlastet.

d. 28. Mai (1945) Das Fieber bei Fr. G. hat nachgelassen, fühlt sich aber sehr schwach. Ich habe bei ihr sauber gemacht u. tue alles um sie ein wenig hochzukriegen.

d. 3. Juni Fr. G. macht den 1. Ausgang. Noch schwach, aber es wird schon werden. Wir haben auf dem Friedhof gesessen, der jetzt ganz herrlich ist. Wunderbar gepflegt. Die Kirche steht mitten drin. Wir wohnen 3 Minuten entfernt. Wenn ich die gepflegten Gräber sehe, bekomme ich Herzschmerzen, da ich an alle unsere Gräber denken muß. Wie mögen die aussehen. Noch immer nicht die geringste Nachricht. Wie lange wird es noch dauern, bis Post u. Eisenbahnverkehr für uns Deutsche geben wird. Der Ruße fährt hin u. her per Bahn u. Auto. Heute Sonntag fahren sie die fertig gebauten Behelfsheime Tag u. Nacht u. stellen sie sich am Waldrand auf. Aus den Wohnungen holen sie sich die nötigen Möbel, Betten Matratzen etc. Es scheint so, daß sie sich hier festsetzen wollen. Villen u. die besten Häuser der Stadt müssen geräumt werden. Was mit uns geschehen wird, wer weiß es. A, 29. Mai sollten sich alle Flüchtlinge aus Ost, Westpreußen, Pommern, Schlesien u.s.w. in Finsterwalde zusammenfinden. Nun liegen sie dort im Massenquartier u. werden nicht weiterbefördert. Verschiedene sind zurückgekommen, werden hier aber nicht aufgenommen. Wenn ich nur erst wüßte wo die Unseren alle sind mit den Kindern. Was werden die nur alles ausgehalten haben. Und alles um ein paar Größenwahnsinniger. Es ist furchtbar. Ich habe von Anfang an schwarz gesehen, aber da es so schlimm kommen würde, habe ich doch nicht geglaubt.

d. 6. Juni (1945) Gestern bekam Fr. Kr. die erste Nachricht von ihrem ältesten Sohn. Er hat sich von Prag aus bis Menselwitz durchgeschlagen u. ist bei seiner Tante Fr. Kr. Schwester untergebracht. Bis hier her wagt er noch nicht. Ein Verwandter brachte die Nachricht er kam aus dem Raum Hannover Braunschweig u. will nach Berlin. Alles zu Fuß. Gestern früh ist er wieder fort. Vom 2. bis 6. Juni war Kirchhain wieder Schauplatz von Tausenden durchziehenden Kraftfahrzeugen. Panzer, Lastautos u.s.w. vollbeladen mit den besten Möbel, Betten, Teppiche. Tag u. Nacht ging das Gerassel. Hier geblieben ist nur der Stab u. die dazu gehörende Besatzung. Es ist sonderbar u. man weiß nicht was es bedeuten soll, aber es werden wieder allerlei Kabel u. Drähte gelegt.. In der Stadt u. auf den Feldern. Ohne Rücksicht auf die bestellten Felder wo alle so gut wächst. Es heißt der Krieg ist noch nicht zu Ende. Wir hören nichts, keine Zeitung kein Radio. Wir werden richtig verdummt.

d. 9. Juni (1945) Viele Häuser müßen wieder geräumt werden um den R. Platz zu machen. Es müßen mehrere Familien zusammenziehen. Überall Tafeln in russ. Sprache angehängt. Noch immer ziehen endlose Kraftfahrzeuge hier vorbei. Aber eine Menge Rußen scheinen sich hier auf lange Zeit einzurichten. Alle Flüchtlinge, die zum 29. Mai nach Finsterwalde bestellt waren kommen zurück, weil sie von der Bahn nicht weiterbefördert werden. Viele sind schon unterwegs umgekommen. Irgend etwas scheint doch noch in der Luft zu liegen.

Sonntag d. 10 Juni Anscheinend ist ein russ. Kriegsgefangenenlager gefunden worden. Endlose Scharen kommen an, schlagen ihre Zelte auf u. werden verpflegt. Hinterher werden so 300-350 Rinder getrieben, die sie wohl alle von den Weiden mitgenommen haben. Hier im Ort ist schon alles aufgebraucht. Milch bekommen nur Säuglinge u. Kinder bis zu 3 Jahren. ¼ ltr, tgl. Kranke u. die anderen Kinder ½ ltr. Magermilch. Aber auch nicht jeden Tag! Die übrige Bevölkerung bekommt ½ ltr. Buttermilch in 14 Tagen u. nach stundenlangem Anstehen. Butter gibt es nur für Kinder bis zu 6 Jahren. Als Fett bekommen wir Rapsöl 80 gr. Talg od. Speck. Brot, Fleisch u. Kartoffeln sind dasselbe geblieben. Nährmittel 200 gr. in 4 Wochen. Alle Männer von 14-65 Jahren u. alle Frauen von 14-45 J. müssen sich jeden Morgen um ½ 7 Uhr am Marktplatz zur Arbeit einfinden, Verpflegung, Schippe od. Spaten sind mitzubringen.

d. 11. Juni 45 Alle Frauen von 15-45 Jahren müssen sich im Krankenhaus zwecks ärztl. Untersuchung um 8 Uhr dort einfinden. Diese Parolen werden jeden Abend ausgeklingelt. Radio, Post od. Zeitung gibt es immer noch nicht. Nur wo die Rußen wohnen haben sie sich Radio angebracht.

25. Juni (1945) Wieder geht ein Monat zu Ende u. noch immer weiß man nicht was wird. Aus Berlin bekamen wir schlechte Nachrichten. Verschiedene Leute die gut zu Fuß sind waren hingewandert, sind aber wieder zurückgekommen. Es soll trostlos aussehen. An Verpflegung bekommen sie nur Kartoffel u. Brot fast gar kein Fett u. sonstige Zuteilungen. Allerdings soll es nicht in allen Stadtteilen so sein. Verschiedene Bezirke sollen etwas mehr bekommen. Charlottenburg soll sehr schlimm dran sein. Wenn Fr. G. u. ich etwas kräftiger wären würden wir auch zu Fuß hingehen um zu sehen ob wir irgend eine Unterkunft finden können. Denn es heißt, daß wir alle hier heraus müssen, nur die Einwohner dürfen bleiben.

d. 27. Juni (1945) Siebenschläfer. Viel Regen, Gewitter, überhaupt die ganze Zeit kühl. Wieder viel Flüchtlinge die zurückkommen. Die Polen sind in Schlesien u. lassen keinen über die Neiße.

d. 28. Juni (1945) Befehl die Häuser bis um 5 Uhr mit roten Fahnen zu schmücken. Aus was für einem Anlaß halten sie nicht für nötig zu sagen. Kalter Wind.

d. 29. Juni (1945) An der schwarzen Tafel am Stadthaus eine Bekanntmachung, daß die Berliner evakuiert in Kürze Kirchhain zu verlaßen haben. Es heißt, daß wieder Tausende von Flüchtlingen hier ankommen werden, u. zwar müssen sie nun vor den Polen flüchten. Es soll noch irgendwo Krieg sein. Etwas Genaues weiß niemand.

30. Juni (1945) Von morgen ab soll ein regelmäßiger Zug nach Berlin verkehren. Hin u. zurück. Wenn es so ist werden wir, Fr. G. u. ich einen Tag hinfahren um zu sehen ob wir eine Unterkunft dort kriegen können. Eher wollen wir hier nicht fort. Jeden Tag Gewitter, Regen u. kalter Wind.


Sonntag den 1. Juli (1945) Ob dieser Monat irgend eine Entscheidung bringen wird? Noch immer keine Nachricht von irgend wo her. Keine Zeitung, kein Radio. Lebensmittel werden knapper.

d. 3. Juli (1945) Mit dem Eisenbahn verk. n. Berlin ist wieder nichts. Es fahren nur Güterzüge u. man muß auf dem Kohlenwagen mitfahren. Viele haben es gemacht. Aber die Nachrichten die sie aus Berlin mitbringen sind trostlos. In voriger Woche fuhren wieder einige nach B. Der Zug muß in Ukerow umrangiert werden. Inzwischen kam ein vollbesetzter Zug mit Tschechen aus der entgegengesetzten Richtung. Die Tschechen sind ausgestiegen u. sind über die Deutschen hergefallen u. haben ihnen alles geraubt, was sie mit hatten, sie sind dann wieder hier zurückgekommen. Das Wetter ist noch immer kalt. Viel Regen, jeden Tag Gewitter.

d. 4. Juli (1945) Heute Reginas Geburtstag. Wie waren wir im vorigen Jahr noch glücklich im Vergleich zu heute. Wenn ich denke es ist erst ein Jahr her, kann ichs gar nicht begreifen. Es ist mir als ob es eine Ewigkeit her ist, jedes Gefühl für Zeitrechnung ist weg. Es ist auch viel was man in dieser Zeit alles erlebt hat, an Kummer, sorgen u. Angst. Und zum Schluß noch alle Opfer umsonst gewesen. Alle sind wir nun Bettler geworden.

d. 7. Juli (1945) Bekanntmachung: morgen Sonntag müssen alle Einwohner von früh um 5 bis 2 Uhr nachmittags in ihrer Wohnung bleiben, Fenster geschlossen halten, nicht zum Fenster heraussehen. Warum, wieso wird nicht gesagt. Es ist eben Befehl.

d. 8. Juli (1945) Über das gestrige Ausgehverbot verschiedene Gerüchte. Um 11 Uhr vormittags wurde ein höherer Offizier, d. hier gestorben war nach Doberlugk mit großem Pomp überführt. Aber das soll nicht der Grund sein für das Verbot. Es wird erzählt, daß die R. wieder Unmassen von Sachen fortgeschafft haben. Dann wieder sollen deutsche Gefangene durchtransportiert sein. Was wahr ist, weiß man nicht, nur soviel, daß alles traurig für uns aussieht.

d. 15. Juli (1945) Heute wieder ein Gedenktag: Gerlachs waren bei mir zum Kaffee. Ich hatte Kartoffelpuffer aus gekochten Kartoffeln gebacken. Etwas Fett u. Mehl hatte ich mir verdient, hatte eine blaue Jacke umgestrickt u. da habe ich Mehl etwas Öl, Brot u. auch noch Geld erhalten. Fr. G. hatte mir so wundervolle Rosen gebracht.

d. 16. Juli (1945) Heute war der heißeste Tag bis jetzt 32 Gr. im Schatten. Eine große Menge Russen sind abgezogen. Mit vollbeladenen Last-Autos. Alles haben sie sich genommen. Die Villen ausgeräumt aus dem Rathaus sämtl. (?) Vieh geschlachtet, so daß hier 4 Wochen Schlachtverbot ist.

d. 17. Juli (1945) Ein Wettersturz Regen kalt. Endlose Trecks mit Flüchtlingen aus Schlesien kommen wieder durch. Die Polen vertreiben sie aus ihrem Heim. Trostlos sehen die Menschen aus. Auf großen Leiterwagen haben sie ihre paar Habseligkeiten, die ihnen geblieben sind aufgeladen. Oben auf die ganz alten Leute u. kleinste Kinder. 8 Frauen haben sich vorgespannt u. hinten schieben auch noch viele nach. So geht ein Wagen nach dem anderen vorüber. Pferde, Ochse, Kühe sind nicht mehr da. Vor einer Woche sah ich noch ein Fuhrwerk mit einem Ochsen u. einem Pferd zusammengespannt Am Markt bekommen sie eine Suppe. Täglich geben sie 250-300 Portionen aus. Wir essen jetzt auch wieder dort zu Mittag.

d. 19. Juli 1945 Heute wieder ein sehr heißer Tag. Wir sind vom frühen Morgen unterwegs. Es gibt Wurstbrühe um 9 Uhr wird der Laden aufgemacht von 7 Uhr stehen die Leute an. Am Nachmittag um 4 Uhr gibt es die Grützwurst dazu. Also wieder anstellen. Für die Rußen wird geschlachtet u. das Blut überlassen sie dann uns. Heute ein Anschlag am Stadthaus. Jeder Reiseverkehr nach Berlin gesperrt. Was mag da los sein. Viele sagen Hungertyphus.

d. 20. Juli (1945) Heute wünschte ich mir die Kinder hier. Ich habe Honig, Butter, Brot Quark bekommen. Ich habe einen Jumper gestrickt u. dafür die Lebensmittel bekommen. Nun habe ich noch 2 Aufträge. Fingerhandschuh habe ich schon eine ganze Menge gestrickt u. so nährt man sich. Der Familienunterhalt wird nicht mehr gezahlt. Irgendwie wird sich das wohl auch regeln.

21. Juli (1945) Wieder sehr heiß. Post u. Eisenbahnverkehr immer noch nicht. Wann wird man irgendwie Nachricht erhalten. Es ist hier stiller geworden. Die meisten Rußen sind fort. Alles haben sie mitgeschleppt seit 14 Tagen kriegen wir kein Gramm Fett.

d. 22. Juli Sonntag (1945) Der Wald brennt an 5 Stellen. Ganz Kirchhain ist in Rauch gehüllt. Verschiedenen Staffeln Flugzeuge kreisen über der Stadt u. werfen rote Kugeln herunter. Nachmittags werden die Einwohner aufgefordert mit Spaten u. Schippen zum Löschen anzutreten. Es kommt nicht dazu. Ein furchtbares Unwetter zieht sehr schnell herauf. Unbeschreiblich, Dächer abgedeckt, Bäume abgebrochen, viele entwurzelt. Wolkenbruchartiger Regen u. Hagel. Das gemähte Getreide auseinandergerissen. In einer Stunde wieder Sonnenschein. Wir sind gegangen um Falläpfel zu lesen. Hier stehen Obstbäume an den Landwegen. Zwar sind die Äpfel sehr klein aber für Mus ganz gut. Viele habe ich getrocknet. Dann müßen wir uns aus dem Wald Holz lesen u. so vergehen die Tage im Fluge. Gestrickt habe ich auch schon wieder einen Jumper u. habe neue Aufträge. Verhungern werde ich nicht.

d. 18. Aug. (1945) Die ganzen Wochen habe ich keine Zeit gehabt zu schreiben. Aber heute an dem doppelten Gedenktag (Geburtstag meiner verstorbenen Schwester u. ihrer jüngsten Tochter) muss ich doch sehr viel an Lilo [17] denken. Wie u. wo mögen alle leben? Ich hatte mir Gerlachs zum Kaffee eingeladen. Habe Kartoffelkuchen von gekochten Kartoffeln gebacken von den letzten Alten. Neue soll es geben, aber immer muß man stundenlang anstehen u. wenn man dran ist: ausverkauft. Wie soll das werden! Die ganzen Wochen hat es täglich geregnet. Das Getreide steht schwarz auf dem Feld. Verschiedenes wird gedroschen, aber viel ist noch draußen. Von heute ab, wird russ. Zeit eingeführt. Die Uhren müßen 2 Std. vorgestellt werden

d. 21. Aug. (1945) Heute früh um 7 Uhr russ. Zeit habe ich mich schon angestellt um einen Bon für 250 gr. Öl u. 2 Pfd. Zucker zu bekommen. Es waren schon ein paar hundert Leute da, es war kalt u. windig. Nachdem wir bis ½ 10 Uhr gestanden hatten, hieß es, nur Zelle 1 bekommt am Vormittag, Zelle 2 am Nachmittag u. die anderen Zellen die nächsten Tage. Also am Nachmittag dasselbe Theater. Ich war schon um 2 Uhr da um 3 wird geöffnet, da habe ich dann nach 1 ½ Stunden meinen Bon. Dann ins Geschäft, wo natürlich wieder alles überfüllt war. So vergeht ein Tag, man ist müde u. hungrig u. erreicht nicht viel. Wenn ich nur von irgend jemand eine Nachricht bekäme. Aber Post geht nicht. Ob wir uns überhaupt noch einmal im Leben wieder zusammenfinden werden?!

24. Aug. 45 Im vorigen Jahr um diese Zeit waren wir in Kummin in Pom. Was ist inzwischen alles an Verwüstung u. Grausamkeit geschehen. Alle sind wir heimatlos u. Bettler geworden. Wie stolz brachte uns im vorigen Jahr am 3. Aug. der große Dampfer „Sumatra“ nach Gotenhafen u. Danzig. Es war herrliches Wetter u. wenn der Grund zu der Fahrt nicht ein so trauriger gewesen wäre, hätte man sie als Vergnügen u. Erholung betrachtet. Nach dem was man jetzt von Flüchtlingselend sieht war es auch so.

Am 22. Aug. (1945) bekam ich die erste Post aus Berlin. Eine Karte von Fr. v. L., sie schreibt mir, daß sie am Leben ist, aber furchtbares durchgemacht hat. In nächster Woche will ich mal hinfahren 1-2 Nächte könnte ich bei ihr schlafen. Leider hat sie ein Zimmer abgeben müßen, sonst wäre ich zu ihr gezogen.

Sonntag d. 2. Sept. (1945) Ich bin noch nicht in Berlin gewesen. Nun wollen wir am Dienstag früh versuchen hinzukommen. Gerlachs u. ich. Es gehen noch keine Personenzüge, man muß auf dem Güterzug versuchen mitzukommen. Es fahren aber viele Leute so. Jedenfalls muß man früh am Bahnhof sein. Wenn man Glück hat geht schon ein Zug um 5 Uhr ab, aber es kann auch bis Abend um 5 Uhr dauern. Die Rußen brauchen ja keine Eisenbahn. Die sausen mit den geklauten Autos überall hin u. dann steht ihnen auch noch ein D-Zug zur Verfügung. Ebenso ist es mit allem Anderen. Alles beschlagnahmen sie. Butter gibt es für Erwachsene überhaupt nicht mehr. Dafür alle 14 Tage ½ ltr. Buttermilch, nach der man stundenlang ansteht u. wenn man dran ist, heißt es ausverkauft. Magermilch gibt es nur für Kranke u. Kinder bis zu 6 Jahre. Vollmilch nur für Säuglinge. Die R. sind alle fett ebenso ihre Weiber.

d. 3. Sept. (1945), ich rüst für eine Fahrt nach Berlin. Morgen Dienstag früh um 4 wollen wir losgehen. Hoffentlich haben wir Glück.

d. 15. Sept 45 Heute vor 8 Tagen aus Berlin zurück. Die hinfahrt am 4. war verhältnismäßig gut. Um 5 Uhr waren wir am Bahnhof. Ein Kohlenzug für Berlin stand schon bereit. Alle guten Plätze waren besetzt wir kletterten hoch u. machten uns von Briketts Sitze. Das Wetter war früh sehr kühl, aber mittags war es sehr warm. Jedenfalls ist es gar nicht schlimm mit dem Kohlenzug zu fahren. Vorausgesetzt, daß es nicht kalt u. regnerisch ist. Um 2 Uhr war ich schon bei Fr. v. L. in der Wohnung. Es war ein Jammer wie ein Schatten sah sie aus u. dabei sagte sie, dass sie nun schon erholt aussieht. Während der Zerstörung Berlins sind sie 14 Tage nicht aus dem Keller herausgekommen. Es ist ein grauenhaft gewesen. Am nächsten Tag früh ging ich auf die suche nach Geschw. v. Roscamp. Von Südende bis Meierotto-Str. zu Fuß gegangen. Keine Fahrverbindung. Das Haus war total vernichtet. Nach Erkundigungen in der Nähe hieß es, daß sie noch am Leben sind. Näheres wußte niemand. Um 6 Uhr nachmittags landete ich müde u. hungrig in Südende, wo Fr. v. L. mir einen sehr schönen Bohnenkaffee machte. Donnerstag u. Freitag gingen auch so mit Suchen nach Bekannten u. Erkundigungen hin, leider ohne dass wir etwas erreicht haben. Am Sonnabend früh ging es dann wieder zurück. Nach einem Fahrplan der schon verkauft wurde konnte man schon um 7.05 vom Anhalter Bahnhof abfahren u. sollten um ½ 11 U in Kirchh. sein. Aber der Zug stand nur im Fahrplan. 6 Stunden warteten wir bis ein Zug nach Zossen ging, in Zossen wieder 2 Std. gewartet, dann kamen wir bis Ukro (?) da mußten wir aussteigen, weil der Zug nach Dohna ging. Endlich nach 1 ½ Std. Warten fanden wir in einem Viehwagen Platz u. kamen abends um 8 Uhr in Kirchhain an. nun geht das Leben wieder so eintönig weiter, man geht in den Wald Holz sammeln, für den Winter u. Pilze suchen. Dann stricke ich sehr viel um Lebensmittel zu bekommen. Das Leben ist zu schwer, wenn ich nur von irgendwo her eine Nachricht bekäme.

d. 9. Okt. (1945) Inzwischen ging alles so seinen alten Gang. Lebensmittel werden sehr wenig ausgegeben. Irgendein Fett bekommen wir nun schon seit 8 Wochen nicht. Weder Öl Butter Talg u.s.w. Quark soll es alle Woche ¼ Pfd. geben, aber es reicht immer nicht aus. Heute vor einem Jahr waren wir noch in Memel an der Dange u. ließen uns von den Rußen beschießen u. mit bomben bewerfen. Trotzdem hatte man doch noch irgend eine kleine Hoffnung auf eine gute Lösung aus diesen schweren Konflikten. Heute ist es für uns Deutsche geradezu trostlos. Nur einen Wunsch habe ich, von allen noch einmal etwas zu hören. Ob sie diese furchtbare Zeit überstanden haben. Hier auf unserem kleinen Friedhof ist bald kein Platz mehr. Jede Woche 10-12 Beerdigungen. Meistenteils Fremde die die Strapazen der Flucht nicht aushalten. außerdem herrscht Typhus u. wir sollen alle geimpft werden.

Sonntag d. 28. Okt. 45 Ein wunderschöner Herbsttag. Gleich nach dem Essen bin ich in den Wald gegangen. Bald wird man gemütskrank. Immer keine Nachricht u. hier wird das Leben auch immer unerträglicher. Die Leute möchten uns gerne los sein. Verständnis für unsere Lage haben sie überhaupt nicht. Hier hat ihnen der Krieg nur Vorteile gebracht. D.h., bis jetzt, es kann auch noch anders kommen. Die Ernährungsfrage wird immer schwieriger. Seit 14 Tagen bekommen wir nur 2 Pfd. Brot die Woche u. 4 Pfd Kartoffel. Nährmittel werden überhaupt nicht mehr ausgegeben. Ebenso Fett. Die Arbeiter bekommen ihre extra Karten u. die keine Arbeit haben dürfen verhungern. Für meine Strickerei bekomme ich jetzt auch nur noch Brot, Mehl od. Kartoffel. Aber man muß froh sein, daß es wenigsten etwas gibt.

29. X. 45 Heute zum 3ten Mal gegen Typhus geimpft. Es ist ein kaltes unfreundliches Nebelwetter. Ich bin froh, daß ich die Impfung hinter mir habe. Stundenlang mußte man auch hier anstehen. 3 Ärzte u. Tausende sollten bis zum 1. Nov. geimpft sein sonst gibts keine Lebensmittelkarten. 30. X. Heute kalt u. rauh. 31. X. Ganzen Tag dunkler Nebel.

1. XI. 45 Diese Nacht hatte ich einen schrecklichen Traum. In meinem Zimmer waren eine ganze Anzahl Männer versammelt. Darunter Ernst Szillis [18] im dunklen Überzieher u. so etwas verschwommen. Glaubte ich Fritz Pierach [19] u. Henry [20] zu erkennen. Die anderen waren mir fremd. Am Türpfosten angelehnt, die Stirn in die Hand gedrückt stand Erich [21] mit einem ganz eingefallenen Gesicht. Um ihn herum fremde Männer, einer im Soldatenrock. Ich schob die Kerle zurück u. habe Erich umgefaßt u. ihn gefragt: Wo ist Edith mit den Kindern. Es war so als ob er etwas sagen wollte, bewegte aber nur die Lippen. Da packte mich eine furchtbare Angst u. ich schrie noch 2x wo ist Edith [22] u. die Kinder nach dem letzten Schrei bin ich mit heftigem Herzklopfen erwacht. Ich habe soviel gebetet, daß es der liebe Gott doch nicht zulassen wird, daß ihm Unerträgliches passiert.

2. XI. (1945) Heute sind wir wieder in den Wald gegangen nach Holz u. Pilze. Nach den Nebeltagen herrlich warmes Wetter. Wenn nur dieses Schreckgespenst der Zukunft nicht wäre u. man erst wüßte was aus allen Angehörigen geworden ist.


d. 3. XI. (1945) Heute das erste Lebenszeichen aus der Familie. Berta schrieb mir aus Rostock vielmehr Dettmannsdorf, wo sie mit den beiden Mädchen ist. Sie haben furchtbares Flüchtlingselend durchgemacht u. auch jetzt geht es ihnen nicht gut. Viel Arbeit, wenig Essen u. keine Kleider. Alles hat man ihnen auf der Flucht abgenommen aber sie sind am Leben. Gott hat sie auch so beschützt, daß sie nun gesund sind trotzdem sie krank, elend, verlaust gewesen sind, gehungert u. gefroren habe auf der Flucht.

d. 12. 11. (1945) Heute habe ich wieder eine Freude. Edith um die ich auch immer so gebangt habe ihres Zustandes wegen schrieb mir aus Holthusen II eine Karte. Sie hat ein Sonntagsmädel am 13. Mai bekommen u. alles ist gut gegangen. Erich ist am 22. Juli zu ihnen gekommen. Auch schrieben sie mir die Adresse von Szillis, Hein Doering u. Fritz Pierach. An Berta u. Fritz habe ich sofort geschrieben. Damit sie sich zusammenfinden.

2. 12. 45 Heute einen langen Brief von Erich, Edith u. den Kindern bekommen, was mir wieder eine große Freude war. Es ist schon so: Leid raubt Kraft u. den Verstand, Freud ist Gottes Teuerband. Man bekommt gleich ein bischen Lebensmut wieder.

d. 3. 12. 45 Heute Antwort auf meine Karte von Fritz Pierach er schreibt mir Vaters Adresse er ist in Flensburg wo ich dann auch gleich hingeschrieben habe. Von Berta hat er noch keine Post u. er traut sich nicht hinzufahren u. Berta fürchtet auch die Reise bei der unsicheren Fahrtverbindung, außerdem hat sie auch das Geld nicht zu der Reise. Aber der liebe Gott wird auch hier wieder helfen. Wenn sich blos von den Königsbergern u. Lisbeth u. Grete mal melden würden, dann könnte man schon ein wenig aufatmen.

10.12 (1945) Heute 18 Gr. Frost, wenn es nur nicht so bleiben wollte, all die armen Menschen die kein Heim, keine Kohle u. wenig zu essen haben es wäre furchtbar, wenn es so einen langen Winter geben sollte.

d. 11. 12 45 Heute Nachricht von Geschw. v. Roscamp erhalten. Grete schreibt mir ganz mutlos sie haben viel durchgemacht u. müssen auch jetzt noch unter Hunger u. Kälte leiden dazu kein richtiges Heim. Alle müssen sie in einem Raum leben, der außerdem 100 M. den Monat kostet u. kein Verdienst.

Hier bricht das Tagebuch ab.


Erlebnisberichte

Else Steinwender (1903-1983), Meszeln, Kreis Memel

Else (links) mit Ehemann Richard Steinwender und Tochter Edith in Meszeln


Evakuierung im August und Flucht im Oktober 1944 aus dem Memelland: Erlebnisbericht der Bauersfrau Else Steinwender aus Meszeln bei Wensken, Kirchspiel Prökuls, Kreis Memel in Ostpreußen. Original vom 12. November 1952.

Wir waren Bauern im Kreise Memel in Wensken, Ortsteil Meeßeln. Unsere Vorfahren kamen als Salzburger im Jahre 1732 nach hier (Anmerkung: Die ersten Steinwender kamen tatsächlich erst am 6.8.1763 nach Meszeln) und vererbten ihren Hof von Generation zu Generation. Bis wir, die Unglücklichsten in der zahlreichen Reihenfolge, unsere von Urahnen geerbte Heimat, Haus und Hof, auf dem Wege der Flucht verlassen mußten. Die Flucht veranlaßte die immer näher rückende Front. Zum ersten Mal sind wir am 3. August 1944 im Treck mit den Nachbardörfern und fremden, eine endlose Karawane, etwa 120 km von unsrer Heimat weit geflüchtet.

Nach einer beschwerlichen Reise kamen wir am Sonntag, dem 7. August 1944, in Grünhof-Kippen bei Kreuzingen (Elchniederung), als die dortigen Bewohner friedlich beim Kaffeetrinken waren, an. Nach einigen Schwierigkeiten bekamen wir unser Quartier. Auf der Flucht sollten auch Großtiere mitgenommen werden. Welche sind aber wieder trotz allem zurück in heimatliche Gefilde. Nach einigen 15 km mußte der Zug über ein größeres Moorgelände, weil die Hauptstraßen für das Militär frei bleiben sollten. Die an Moorland ungewohnten Tiere sind vom Wege ab und im Moor stecken geblieben, wo sie einen elenden Tod finden mußten, weil sich kein Mensch um sie kümmerte. Auch sonst lagen viele verendete Tiere am Wege des Flüchtlingszuges.

Bei unserm Quartierherrn haben wir bei der Ernte mitgeholfen und mit Sehnsucht auf eine Heimkehr gewartet, die dann auch nach 3 Wochen eintraf. Zuerst nur Wagen und Pferde und arbeitsfähige Personen zum Ernteeinsatz. So sind wir dann im Eiltempo wieder freudig nach Hause gefahren und haben den Roggen, der schon 4 Wochen auf dem Felde stand und fingerlange Keime hatte, sowie das andere Getreide unter Dach gebracht. Anschließend wurde auch die Kartoffelernte beendet. Im September wurde auch der Roggen für das nächste Jahr gesät, obwohl hier und da Stimmen laut wurden, daß wir nochmals fort müßten. Das wollte keiner wahr haben, und wenn schon, dann kommen wir ja im Frühjahr wieder.

Bis dann am 7. Oktober 1944 der Befehl erging, am Sonntag, den 8. Oktober, wieder mit allem bepackt, auf der Straße zu erscheinen. Wer dem Befehl nicht nachkam, galt als Landesverräter und trägt die Konsequenzen. Nun war guter Rat teuer, denn viele glaubten nicht mehr ernstlich daran, weil wir ja das erste Mal auch hätten dableiben können. Es sind dann auch nur zwei Nachbarn aus unserm Dorf am Sonntag fort. Am Montag, dem 9. Oktober, war es dann auch für viele zu spät; denn da war die Front schon spürbar in unserer Nähe. Flüchtende Soldaten ermahnten uns zur sofortigen Flucht. Nach größtem Überwinden (beim ersten Mal blieb mein Mann daheim) verließen wir unsern Hof und überließen unsere treuen Tiere ihrem Schicksal.

Für die kurze Strecke von ca. 5 km brauchten wir bis zum Abend. Soldaten, Flüchtlinge aus Litauen und die Unsern sperrten die Straße, daß es kein Durchkommen gab. Als durch Bomben ein Munitionslager in die Luft flog, hieß es: „Runter von der Straße, in die Wiesen rein.” Darauf wurde die Straße gesperrt, weil schon die Russen sie besetzt hatten. Nun war die Hauptstraße abgeschnitten. Fuhrwerke, die darauf weiter gefahren sind, sind unter feindlichen Beschuß gekommen und dabei ums Leben gekommen. Wir haben versucht, auf Nebenwegen über die schwierigsten Stellen herauszukommen, wenn wir über den Rußstrom gekommen wären, hätten wir uns außer Gefahr befunden. In dunkler, unheimlicher Nacht sahen wir, auf unsere Heimat rückblickend, als letzten Gruß die grauenhafte Feuerslohe über unserer Heimatstadt Memel. Kurz vor Heydekrug gerieten wir beinahe in ein Gefecht. Infolge verschiedener Hemmungen am Weg und an den Wagen haben wir zu unserm Unglück viel Zeit versäumt und mußten schließlich in Moorweide abseits vom Wege in ein Gehöft abbiegen.

Mit einem Male hieß es: „Die Russen sind da.” Starr vor Schreck schaute ich zu, wie die deutschen Soldaten hinter Gebäuden und Strohschobern in Deckung gingen. Die Nachbarin warf sich auf die Knie und betete laut um Gottes Hilfe, sahen wir uns doch mit unsern Kindern verloren. Wie durch ein Wunder wurde es plötzlich still, bis dann flüchtende deutsche Kolonnen einsetzten, denen wir uns, nach Abwurf alles nur Entbehrlichen, anschlossen. So sind wir noch vor Sprengung der Pilem-Brücke in Minge beim Morgengrauen angekommen. Meterhohe Granathaufen, Ausrüstung, Autos und aller erdenkliche Hausrat lagen mit erschöpften Menschen am Wege. Tausende von Fuhrwerken standen auf den weiten Mingewiesen und warteten auf die Übersetzung mit einer einzigen Fähre über die Minge. Viele werden wohl die Zwecklosigkeit eingesehen haben und versuchten schwimmend das andere Ufer zu erreichen. Viele sollen es nicht erreicht haben. Pferde haben wir selbst in der Mitte des Stromes untergehen gesehen. Eine Gutsbesitzerin, die mit mehreren Wagen aus ihrer Heimat fortgefahren war, kam in Labiau nur mit dem, was sie auf dem Leibe hatte, und einem Handtäschchen an. Ihre Leute ließen die Wagen im Stich, und der Wagen, den sie fuhr, ist auf der Fähre, weil die Pferde scheuten, in den Fluß gefallen. Sie hat nur mit knapper Not ihr Leben gerettet. Ein Fall von vielen. In unserer Ratlosigkeit sind dann mit einmal Männer in SA-Kleidung gekommen und haben uns aufgefordert, mit dem bereitstehenden Schleppkahn zu fahren, aber nur Frauen und Kinder. Die Männer sollten noch dableiben, um eventuell noch mit den Wagen herauszukommen. Wir haben es uns nicht zweimal sagen lassen, weil noch der Schrecken der vergangenen Nacht in unsern Gliedern steckte. Am Nachmittag sind wir fortgefahren. Bei Einbruch der Dunkelheit, es regnete und war sehr finster, blieb unser Kahn mitten im Haff mit abgestopptem Motor stehen. Es war Fliegergefahr, denn man hörte dauernd Fliegergeräusch. Am Morgen sind wir in Labiau gelandet. Nach mehreren Tagen im Lager habe ich meine Angehörigen erwartet, und wir sind dann über Open, Kreis Braunsberg, gekommen. Nach 14 Tagen mußten wir auch da fort, weil die Quartiere mit nachkommenden Flüchtlingen überfüllt waren. So kamen wir am 3. November in Sebnitz in Sachsen an. Nun konnten wir da 5 Monate bleiben, bis wir als Fremde und Nichtsachsen auch da am 28. März fort mußten und hier in Lauterbrunn am 31. März 1945 unsere zweite Heimat bezogen.

Johanne Moors (1919-?), Nimmersatt, Kreis Memel

Johanne Moors, 1944 Schmalkalden

Der folgende Brief stammt aus dem Nachlass der Eleonore Moors, geb. Peter aus Schmalkalden.

Sie erhielt 1944 einen Brief aus Glauchau/ Sachsen von Johanne Moors, die ihre Flucht im Oktober 1944 beschreibt. Im Anschluss an den Brief sind noch Anmerkungen zu finden.

05.11.1944 Glauchau

„Glauben Sie mir, ich spreche nicht gerne über die Not u. Schrecken der vergangenen Tage im Memelland. Ich erlebe von Neuem u. sehe das traurige Bild jener Tage u. grauenhafter Nächte, erschütternd das Schicksal unserer Landsleute, das Herz tut mir so weh, wenn ich daran denke. Es fehlen so viele von unseren Verwandten u. Bekannten, - - es ist so traurig. Und doch kommen wir uns erzählend oft auf jene Stunden zurück. – Durch Margarete Moors werden sie schon manches erfahren haben."

„Die Flucht, der feindl. Durchbruch kam so überraschend schnell, daß uns nicht mehr viel Zeit zum Überlegen blieb u. doch haben wir auch, wie viele andere, noch in der kurzen Zeit der Vorbereitung auf unseren Wagen viel gepackt u. geladen, so daß noch ein großer Teil Volksgut hätte rausgebracht werden können. Doch alles war zu spät, wenn die Landbevölkerung drei Tage früher weggefahren wäre, hätte der Feind sich nicht so viel einkassieren können, - der Befehl zur Räumung kam zu spät. Wo die Schuld liegt, wollen wir jetzt nicht darüber sprechen, - Grenzland, - Notland, 1914 ähnliches Schicksal. Wir wollen dies aus Gottes Hand nehmen als die große Zeit der Prüfung u. Vorbereitung. Wohl kommt bei mir noch oft innerlich alles in Aufruhr, es wird noch eine Zeit vergehen müssen, dann werde ich wohl ruhiger darüber sprechen u. nachdenken.

„… leider kann ich noch immer nichts über Georgs Mutter ( Marie Moors, geb. Pippers) berichten; wir waren auf der Flucht nicht zusammen. Das war auch gar nicht möglich, wir wurden von den endlosen Kolonnen der Wehrmachtautos verdrängt, die Straße verstopften Autos u. Bauerntreckss, feindl. Batterien beschossen die Straßen, dazu noch feindl. Flugzeuge über uns. Brand u. Rauch von unseren Grenzdörfern zog näher heran. So viel ich weiß, fuhr Georgs Mutter mit dem Dienstmädchen auf einen Wagen, auf dem anderen hinterher ihre Schwiegertochter (Trude Moors, geb. Plennis) mit den Kindern (Kurt Johann Moors und Helmut Moors), wir haben uns auf der Flucht nicht mehr getroffen. Mein Vater (Michel Moors), der auch wie die anderen Männer anfangs zu Hause bleiben musste, hat später als der Russe in unser Dorf Scheipen Thoms einbrach auf dem Fahrrad fliehend Georgs Stiefbruder Johann Moors (Anm. Halbbruder, dessen Mutter war Annike Moors, geb. Salofski) unterwegs getroffen, zu Fuß, er suchte auch sein Fuhrwerk mit seiner Familie. Mit unserem Vater haben wir uns auch nicht im Memelland, erst in Labiau getroffen. Johann Moors Geschwister sind doch hier in Thurm, er und die Mutter noch die Schwiegertochter haben bis jetzt nicht gemeldet, - - das ist das furchtbar traurige. Vielleicht trifft noch nach einer Zeit Nachricht von denen ein, sehr viele Familien sind auseinander gerissen, einer weiß nicht vom anderen. Sehr viele kamen überhaupt nicht mehr durch. Ich kann nicht alles erzählen, furchtbar traurig,- -

Sonntag d. 8.10 (1944) fuhren unsere Fuhrwerke von zu Hause weg, daß wir so viel Schlimmes erleben werden, haben wir doch nicht gedacht, wohl schon manches geahnt. Als wir hinter Memel waren sahen wir schon die Nähe der Front, die Fahrt ging sehr schlecht vorwärts, die Straße war ganz verstopft, - unbeschreiblich solch eine Flucht, fürchterlich nachts. Der Russe schnitt uns ab, brach an mehreren Stellen durch u. kesselte uns mit der Wehrmacht ein. Vor Heydekrug gerieten wir ganz in die Feuerlinie, meine Mutter (Marinke Moors, geb. Moors) unser Mädel u. ich verließen unser Fuhrwerk, sprangen in ein LKW, zusätzliche Soldaten von unserer Einquartierung kamen, wenn auch langsam, doch noch aus der gefährlichen Umklammerung der Russen, wohl mussten wir bald auch das Wehrm. Auto verlassen, mussten springen, liefen zu Fuß.

Viele ließen auch ihr Leben im Beschuss der feindl. Panzerraketen. Es war schlimm, sehr schlimm, über das Schicksal der in Gefangenenschaft geratenen will ich nicht denken. In Kinten (in der Nähe vom Haff) nahmen uns drei Frauen Soldaten einer motor. Feldküche auf u. gaben uns zu essen. Noch eine Nacht u. einen halben Tag blieben wir mit den Soldaten im Feuerkessel, dann Stück zu Fuß, Stück zu LKW zum Haff, im Fischerboot über das kurische Haff nach Nidden (auf der Nehrung, - Rettung, abends d. 11.10. weiter übers Wasser nach Labiau, dort meinen Vater getroffen, wussten nicht von ihm waren so froh, welch ein Wunder. Im Sonderzug mit anderen Flüchtlingen nach Sachsen. Über eine Woche rollten wir uns im Lager im Stroh. […] Ich habe in kurzer Zeit viel verloren, einen Tag vor unserer Flucht erhielt ich die Nachricht, dass mein lieber Freund und guter Kamerad gefallen ist. Nun Heimat u. Gut verloren, doch Heimat ist wertvoller, teurer als Güter. Gott gebe uns wieder unsere Heimat.

Herzlichst grüßt Sie ihre Johanne Moors“

Anmerkungen Ich möchte zu diesem Brief Anmerkungen machen, da mir selber beim lesen die Hilf- und Sprachlosigkeit viel Mühe bereitet hat. Wie sehr habe ich mir gewünscht, Johanne berichten zu können, dass ihre Sorgen bereits gelöst waren und mit der Flucht nach Sachsen noch eine weitere Flucht für die Familie verbunden war.

  • Johanne Moors nutzt das Sie, da sie mit Eleonore zwar bekannt aber noch nicht verwandt war.
  • Eleonore heiratet Georg Moors erst etwas später, dadurch wurden sie miteinander verwandt. Johanne und Georg waren Cousins.
  • Johanne Moors kam zunächst bei der Familie vonDr. Wunderlich in Glauchau unter.
  • Johanne konnte damals nicht wissen, dass kein Angehöriger aus der Familie auf der Flucht umgekommen ist. Besagte Verwandte in Thurm waren die (Halb-) Geschwister von Georg Moors, die bei Anna Beitz, geb. Moors untergekommen waren. Weiter lebten in der Nähe bei Zwickau auch Emil Moors und seine Familie.
  • Aufgrund dieses Berichtes und der vorherigen Berichte, wird deutlich, dass Johann Moors und seine Familie die Sprengung der Brücke von der falschen Seite aus erlebten und dadurch zurückbleiben mussten. Ergänzend kann ich sagen, dass der Hof in Uszaneiten nicht verwüstet wurde. Er existiert heute noch und ist im Besitz der Familie.
  • Johann und Trude Moors verstarben beide in Uszaneiten. Ihr Sohn Kurt Johann wurde Pfarrer in Memel so auch ihr Enkel Reinholdas. Die Familie lebt heute in Kleipeda, bei Karkelbeck und Wilnius.
  • Marie Moors, geb. Pippiers ist in den 1970 Jahren nach Schmalkalden ausgewandert und verstarb dort bei ihrem Sohn Georg Moors.
  • Die Familie von Anna Beitz, geb. Moors emigrierte später nach Kanada, ebenso die Familie ihres Bruders Martin Moors.
  • Margarete Moors ging nach Bad Liebenzell.
  • Emil Moors, mein Großvater, flüchtete in den 1950 Jahren über Berlin nach Westdeutschland.

Peter Wallat


Ruth Arndt (1914-2010), Sakuten, Kreis Memel

Aufbruch ohne Wiederkehr

Edith, Gerhard, Maria Anna, Franz, Helmut und Ruth Arndt in ihrem schönen Garten
in Sakuten

Obwohl jeder Aufbruch auch Abschied und ein bisschen Wehmut bedeuten kann, verstehen die meisten Menschen unter „Aufbrechen“ etwas Positives: neue Motivation, Neugier auf andere Lebensumstände, Abenteuer oder Vorfreude auf einen schönen Urlaub.

Dass Aufbruch auch mit Gewalt und Schrecken verbunden sein kann, erleben täglich Tausende von Menschen, die durch Krieg und Terror gezwungen werden, alles hinter sich zu lassen. Auch in unserem Land mussten am Ende des Zweiten Weltkrieges Millionen von Deutschen vor allem aus den damaligen Ostgebieten fliehen.

Mit fast 92 Jahren ist Ruth A. eines unserer ältesten Gemeindeglieder; sie gehört zu der immer kleiner werdenden Schar von Zeitzeugen, die beim Aufbruch durch Vertreibung Verlust, Angst und Lebensbedrohung erfahren haben. Ruth A. wurde 1914 in Sakuten, einem kleinen Ort in Memelland geboren und ist dort auch aufgewachsen. Das Memelland liegt zwischen dem Kurischen Haff, dem Fluss Memel und der litauischen Grenze. Bis zum Ersten Weltkrieg war es preußisch, wurde dann unter französische Verwaltung gestellt und schließlich von Litauen eingenommen. Die Nationalsozialisten holten es 1939 zurück ins „Deutsche Reich“.

Die Familie A. bewirtschaftete in Sakuten ihren Bauernhof mit ca. 100 Morgen Land. Die Eltern und vier erwachsene Kinder betrieben Pferdezucht und Getreideanbau, hatten einige Kühe und einen Torfbruch zur Gewinnung von Brennmaterial. Außerdem arbeitete Ruth als Leiterin einer Poststelle im Nachbarort Wilkieten.

Ernteeinbringung auf dem Arndthof in Sakuten (Ruth, Franz und Edith Arndt)

Der erste Räumungsbefehl durch die deutschen Behörden erreichte die Dorfbewohner im August 1944, da die russische Armee an der litauischen Grenze stand. Alle Familien mussten sich an einem festgesetzten Tag morgens um vier Uhr auf der Dorfstraße versammeln, um in einem gemeinsamen Treck nach Westen aufzubrechen. Man rüstete Leiterwagen aus mit Vorräten für einige Wochen, auch mit Futter für die Pferde. Der Schmied hatte in der Eile keine Zeit mehr, alle schadhaften Wagenräder im Dorf für die Fahrt mit neuen Metallreifen zu versehen. Das Vieh wurde sich selbst überlassen und einfach in den Wald getrieben. Ruth war eine der wenigen Dorfbewohner, die sich dem Treck nicht anschließen durften, da sie die Poststelle weiterhin versorgen musste. Als von dem gesamten Viehbestand nur eine einzige junge Kuh den Weg zum heimischen Stall zurückfand, konnte Ruth dem Tier nur mit Tränen um den Hals fallen.

Die Hoffnung der Flüchtlinge, dass die Evakuierung nur vorübergehend sei, schien sich nach vier Wochen zu erfüllen. Der Treck, der das etwa 100 km entfernte Tilsit erreicht hatte, durfte zurückkehren. Auch die Familie A. kam auf den Hof zurück. Das überreife Getreide wurde geerntet, Obst und Gemüse verarbeitet und sogar 15 kg mühsam gesammelte Preiselbeeren eingekocht. Man glaubte der Propaganda der Nazis, die immer noch einen Sieg über die Russen proklamierten. –

Doch dann kam das Ende: Die Rote Armee setzte ihren Vormarsch fort; der zweite Aufbruch im September 1944 kam übereilt. Die Familie A. rüstete wieder die von Pferden gezogenen Leiterwagen. Diesmal wurden wegen des bevorstehenden Winters außer Vorräten auch die Federbetten und doppelte Kleider mitgenommen. Da die beiden Söhne der Familie zum Militär eingezogen waren, kümmerte sich Ruths Schwester um die alten Eltern. Ruth fuhr mit anderen jungen Leuten auf dem Fahrrad neben dem Treck her. Man kam nur langsam voran. Die Straßen waren verstopft von unzähligen Trecks, denn Tausende von Menschen versuchten sich aus der Gefahrenzone zu retten. Der jahrelang geschürte Hass gegen die Russen wurde zur Angst. Wenn deutsches Militär die Hauptstraßen beanspruchte, mussten die Trecks auf Nebenstraßen ausweichen oder am Straßenrand warten. An warmen Herbsttagen übernachteten die Menschen unter ihren Wagen, bei zunehmender Kälte in Ställen und Scheunen auf Strohstreu. In verlassenen Bauernhäusern gab es oft noch etwas Essbares zum Mitnehmen.

Brunnen auf dem Neubacher Hof in Sakuten mit Emma Knoop, die dort im ganz linken Gebäude auf dem Hof wohnte, wo auch die Baptisten sich trafen

Als man im Dezember die Gegend von Königsberg erreichte, war die Stadt schon mit Flüchtlingen aus dem Osten überfüllt und stand unter ständigem Beschluss der russischen Artillerie. Die Flüchtlinge aus dem Memelland wurden in der Umgebung von Königsberg in Häusern, Ställen und Scheunen zwangseinquartiert, nicht immer zur Freude der jeweiligen Hausbesitzer. Die Familie A. war in einem stallähnlichen Gebäude untergebracht und kochte auf einem Schmiedefeuer. Auch im Raum Königsberg wurde Ruth wieder zum Dienst als Poststellenleiterin verpflichtet, was dazu führte, dass sie ihre Angehörigen aus den Augen verlor. Der Ring der russischen Belagerung Königsbergs war im Januar 1945 geschlossen und die Bevölkerung hatte unter ständigen Fliegerangriffen zu leiden. Tiefflieger beschossen Menschen und Fahrzeuge aus nächster Nähe.

In dem zunehmenden Chaos machte sich Ruth, getrieben von Sorge und Ungewissheit, auf die Suche nach ihrer Familie. Das wurde ihr zum Verhängnis: Die Vororte von Königsberg waren bereits in russischer Hand, so wurde Ruth am 28.01.1945 von der Roten Armee gefangen genommen. Wochenlang wurde sie gemeinsam mit anderen Frauen von den Soldaten in der Umgebung der Stadt herumgetrieben. Sie mussten für Offiziere waschen und kochen, sie mussten Möbel der Deutschen aus den Häusern abtransportieren, das alles ohne nennenswerte Verpflegung. Als Nachtlager dienten Kellerräume, aus denen die Frauen nachts zu Verhören und manchmal zu Vergewaltigungen herausgeholt wurden.

Im März kam es zu einem neuen Aufbruch, diesmal nach Osten, aber nicht, wie die Russen zynisch versprochen hatten, in die Heimat, sondern in Arbeits- und Straflager nach Sibirien. Diese zweieinhalb Jahre Zwangsarbeit waren für Ruth die schlimmste Zeit ihres Lebens. Sie spricht nicht gern darüber, aber sie ist der Überzeugung, diese Zeit des Schreckens, des Hungers, der Schwerstarbeit und der Ungewissheit nur im Glauben an die Hilfe Gottes überstanden zu haben. Es erscheint ihr wie ein Wunder, dass sie durch den Suchdienst des Roten Kreuzes wieder mit ihrer Familie zusammengeführt wurde und nach mehreren Zwischenstationen eine neue Heimat in Bad König gefunden hat. Das erfüllt die 91-jährige auch heute noch mit großer Dankbarkeit Gott gegenüber.

Ulrike Masuhr-Hoefer

(Kirchenblatt der Evangelischen Kirchengemeinde von Bad König Aug./Sept. 2006, 8. Jahrgang, Nr.4, genehmigt von Martin Hecker, Pfarrer, Evangelische Kirchengemeinde Bad König)

Anmerkung:
Der Ort, in dem Ruth A. Dienst machen musste, anstatt mit ihrer Familie weiter zu flüchten, hieß Karplauken, südl. von Königsberg. Die Schwester Edith A. ist mit ihren beiden Eltern bis nach Stolpe/Pommern gekommen, wo sie von den Russen überrannt wurden. Anschließend sind sie von den Polen nach Egeln Nord, Nähe Magdeburg, ausgewiesen worden. Anfang der 50iger Jahre sind sie abermals nach Bad König zu ihrem Bruder/Sohn Helmut A. geflüchtet, der seit dem Kriegsende dort lebte.

Hans-Jürgen Wertens

Familie Steschulat Memel

Unsere Flucht aus Memel
von
Dieter Steschulat (niedergeschrieben nach Mai 1946 und wohl vor der Währungsreform - 21.6.1948 - da auf Schießscheibenpapier aus Neuruppin)

Am Sonnabend den 30 Juli 1944 14.00 Uhr bekamen wir den Räumungsbefehl. Mutti schickte uns früh ins Bett und packte mit Vati die Rucksäcke. Morgens um 4 Uhr standen wir auf und gingen um 1/2 6 zur Fähre, die um 6 Uhr fahren sollte. Um 1/2 8 fuhren wir ab weil immer noch Leute kamen. Um 1/4 3 Uhr kamen wir in Labiau an. Dort bekamen wir Kohlsuppe und eine Scheibe Wurst. Dann mussten wir zum Bahnhof laufen und ziemlich lange auf den Zug warten der um 18 Uhr fahren sollte, aber erst um 22 Uhr fuhr. Um 24 Uhr waren wir in Königsberg wo wir bis 4 Uhr standen. Dann fuhren wir sehr langsam auf Nebenstrecken, da die Hauptstrecken überfüllt waren. Um 12 Uhr kamen wir in Liebemühl an. Dort stiegen wir aus und standen eine ganze Weile herum bis wir auf einzelne Bauernwagen geladen waren, die uns in die umliegenden Dörfer brachten. Wir kamen nach Bieberswalde. Dort warteten wir bis zum Abend, da für uns 6 Personen kein Quartier da war. Endlich nahm uns die Frau Petersen mit in ihr Haus und sorgte dafür, daß wir vorläufig auf dem Abbau bei Kunkowsky unterkamen. Nach zwei Tagen kamen wir weiter zu Pawlowsky in Illgenhöh (Bogunschöwen). Dort half ich Kühe- und Gänsehüten, Heu harken und aufladen, Getreide aufstellen und dreschen und Kartoffelngraben. Nach 3 Monaten mussten wir nach Liebemühl. Dort ( 2.11.44 ) blieben wir eine Woche beim Schleusenmeister Hilbrecht. Dann mußten wir zur Bahn und fuhren nach Pommern. (Ab 8.11.44 An 9.11.44) Wir kamen nach Pribbernow (Krs. Cammin Bf. Rackitt). Dort kamen wir ins Gasthaus Utz, wo wir für 6 Personen nur ein altmodisches Sofa und eine Chaiselonge . Nach zwei Wochen (Nrp an 26.11.) fuhren wir freiwillig nach Neuruppin zu Tante Anni. Dort blieben wir 1/2 Jahr und zogen in die Ferdinandstraße 33 zu Bier. Dort hatten wir 2 Zimmer. Am 23. November 45 Umzug zur Wittstocker Allee 160. Dort wohnten wir bei Krauses und hatten 2 Zimmer. Bei Biers hatten wir Nachricht von Vati bekommen und deshalb entschlossen wir uns zu ihm zu ziehen, weil uns der Iwan nicht sympathisch war. Darum fuhren wir am 15.4.46 nach Berlin, um von einem Lager aus nach dem Westen zu kommen. Nach Berlin ging es mit einem Lastwagen, der uns auf dem Alex absetzte. Dort hielten wir einen Tempo an, der uns zum Lager in der Stadtmission, Berlin Neukölln Lenaustr. 1 - 4 brachte. Dort wollte man uns nicht aufnehmen, weil alles überfüllt war, und wir riefen Schw. Erna Packieser an. Sie kam und besorgte für uns in der Friedelstr. 24/25 ein Privatquartier bei Prachatka. Unser Gepäck ließen wir in der Stadtmission verschließen. Am 2o.4. fuhren wir mit der U Bahn und mit der S. Bahn nach Berlin Tiergarten zum Lager Kruppstr 2 - 4 (ehem: Kriegsakademie). Dort wurden wir erst entlaust, dann stand Mutti nach allen möglichen Scheinen an und schließlich ging es zur Lehrterstraße ins Lager. Das Lager war ein ehemaliges Gefängnisgebäude, das durch die Bombenangriffe sehr viel abbekommen hatte. Dort bekamen wir einem Zimmer 3 Betten. Am 21.4. war Ostern, und jeder bekam 1 Ei, das wir aus Neuruppin mitgebracht hatten. Ein paar Tage nach Ostern bekamen wir Bescheid, dass wir mit einem Transport am 25.4 (Muttis Geburtstag) über die Grenze könnten. Da ging die Rennerei von neuem los und Mutti mußte die Dreisprachenscheine usw. holen. Alle mussten noch einmal zur Entlausung, dann musste die Marschverpflegung abgeholt werden. Ich fuhr mit Mutti und einigen Männern zur Lenaustraße, um das Gepäck zu holen. Mutti fuhr mit der U-Bahn zurück, und die Mä/ Ende!/
Forts. 8.2.94: Männer und ich fuhren unsere Sachen mit einem Tischlerwagen quer durch Berlin u.a. auch durch das Brandenburger Tor.

Übrigens habe ich bis zur Wiedervereinigung oft gesagt: "Ich habe etwas gemacht, was mir keiner nachmachen kann: Mit dem Handwagen durchs Brandenburger Tor!"

Übersichtstabelle

30. Juli 44 Räumungsbefehl
31. Juli 44 6 Uhr Abfahrt (Versp. 1/2 8 Uhr)
14 Uhr Labiau an 22 Uhr L. ab
24 Uhr Königsberg an
1. August 444 Uhr Königsberg ab
1. August 4412 Uhr Liebemühl an
15 Uhr Liebemühl ab
16 Uhr Bieberswalde an
19 Uhr Kunkowsky an
3. August 4411 Uhr Kunkowsky ab
12 Uhr Ilgenhöh an
13 Uhr b. strömenden Regen Pawlowsky an.
(Datum unbekannt)
2.Nov.448 Uhr Ilgenhöh ab
9 Uhr Liebemühl an - Einweisung bei Fam.Hillbrecht, Schleusenmeister
8.Nov.1 Woche später 13 Uhr Liebemühl ab.
9.Nov.1 Tag später = Pribbernow (Rackitt) an - Hotel Utz, war geschlossen
20.Nov.2 Wochen später = Pribbernow (Rackitt) ab
26. Nov. 44Neuruppin an.
1.Mai 45 (Iwan!)
3. Juli 1945Umzug nach Ferdinandstr. 33 (bei Bier)
23. Nov. 45Umzug nach Wittstocker Allee 160
15. Apr. 46Umzug nach ( Bln. Lenaustr. 1-4) Friedelstr. 24/25
20. Apr. 46Umzug nach Lager Lehrter Str. 58
25. Apr. 46Abfahrt von Berlin, Grunewald 15.15
26. Apr. 467 Uhr Braunschweig an
( 2 nach 0 Grenzübertritt) (24.6.94: 2,00!)
26. Mai 4613.30 Braunschweig ab
(ca 16) Lehrte an 17.55 Lehrte ab
abends Celle an! Wiedersehen mit Vati!
29. Mai 4612.50 Celle ab. 16.00 Uelzen an
16.00 - 30.4.46 16.00 im Lager Uelzen (Baracke 4)
abends Lehrte an
1.5.46 11.00 Lehrte ab
14.00 Bockenem an
3.5.46 20.00 Königsdahlum[1] an
20.30 zu Spengler[2]


Fluchtbericht von Hedwig Neubacher

Von dem Film „Die Flucht“ inspiriert, versuche ich nach 63 Jahren, meine persönlichen Fluchterlebnisse, die sich von August 1944 bis April 1945 hinzogen, zu schildern:

An einem herrlichen Sommertag Anfang August, die Ernte war gerade in vollem Gange, erhielt mein Vater, der Bürgermeister und Ortsbauernführer der Gemeinde Saugen im Kreise Heydekrug war, einen Anruf des Amtsvorstehers und Ortsgruppenleiters Albert Köckstadt, der besagte, dass die Rote Armee der deutschen Grenze bedrohlich näher gekommen ist und die Bevölkerung des Memellandes evakuiert werden müsse. Auch ich wurde von meinem Vater beauftragt, einen Teil der Bewohner Saugens vom Fluchtbefehl zu benachrichtigen. Der Schock unter den Leuten war natürlich sehr groß. Die Bauern richteten ihre Fuhrwerke (Leiterwagen) zu Planwagen um, und bepackten sie mit dem Nötigsten (Verpflegung, Kleidung, Betten usw). Mit ihren Familienangehörigen, ihren Bediensteten und wo es möglich war auch mit Nachbarn, sollten sie sich zum angegebenen Zeitpunkt auf der Reichsstraße Nr. 132 in Richtung Heydekrug bereitstellen. Bewohnern ohne eigene Fahrgelegenheit wurde die Flucht mit der Eisenbahn ermöglicht. Es wurde schon Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, denn der immer stärker zu hörende Kanonendonner zeigte an, dass die Front ständig näher kam.

Es war ein schöner Sommermorgen, als die Wagenkolonne um 5.00 Uhr früh Saugen verließ. Zuvor war das Vieh ein letztes Mal versorgt worden. Mein Vater und ein Weißrusse, der auf unserem Hof arbeitete, blieben zurück. Als Bürgermeister hatte mein Vater für die ganze Gemeinde zu sorgen, später kam er mit dem Fahrrad nach. Wir waren sechs Personen: Meine Eltern, Großvater Christoph Kakureit (der den Wagen kutschierte) und wir drei Schwestern: Christel, Anneliese und ich. Die Reichsstraße war vollgestopft von Flüchtlingstrecks und Fahrzeugkolonnen der Wehrmacht, sodass wir nur langsam voran kamen. In Heydekrug bogen wir von der Reichsstraße ab und fuhren in Richtung Ruß weiter. Aber auch hier staute sich der Verkehr. Nach etwa acht Stunden und 23 Kilometern überquerte unser Treck - ohne von sowjetische Kampfflugzeugen angegriffen zu werden – die 1914 fertiggestellte Petersbrücke über den Hauptmündungsarm des Memelstroms (Atmath) und erreichte den Ort Ruß. In Ruß war noch ein weiterer Mündungsarm der Memel zu überwinden, für den es keine feste Brücke gab. Über eine von der Wehrmacht errichtete Pontonbrücke wurden die Trecks über die Skirwieth, geführt. Auch wenn dieser Mündungsarm schmaler als der der Atmath war, so war es für die Männer und Frauen doch recht schwierig, die Gespanne auf der schwankenden Brücke zu lenken. Nach der Überwindung dieser beiden Flussläufe war die größte Gefahr erst einmal überstanden und eine längere Rast für Mensch und Tier wurde eingelegt. Wäre es nicht so ein ernster Anlass gewesen, man hätte es als ein schönes Abenteuer angesehen. Unter all den vielen Flüchtlingen lief mir auch mein heimlicher Schwarm über den Weg. Auf einem Fahrrad fuhr er den Treck auf und ab. Er nahm mich sogar auf der „Querstange“ seines Fahrrades mit, was mir natürlich sehr gefiel. Ob es ihm auch gefallen hat, erwies sich erst nach 12 Jahren, als er mich zum Traualtar führte. Es war Alfred Neubacher. Nach einer Übernachtung unter freiem Himmel erreichten wir am nächsten Tag das Dorf Spannegeln, westlich von Tilsit, wo wir auf einem kleinen Bauernhof bei einem netten Ehepaar ein Quartier fanden.

Die Front hatte sich inzwischen stabilisiert, sodaß keine unmittelbare Gefahr vor der Roten Armee bestand. Die Bauern des Memellandes wurden aufgerufen, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren und die Ernte einzubringen. Meine Eltern, mein Großvater und meine ältere Schwester Christel fuhren wieder nach Saugen zurück. Auf Wunsch meiner Mutter blieben meine Schwester Anneliese und ich zunächst weiter in Spannegeln. wei Wochen später machte dann auch ich mich mit Anneliese auf den Weg nach Hause. Per Anhalter auf Wehrmachtsfahrzeugen erreichten wir innerhalb eines Tages unser Elternhaus. Danach war uns noch vergönnt, ein paar Wochen zu Hause zu verleben.

Der Abschied von der Heimat

Anfang Oktober hatte die Rote Armee ihre Truppen neu formiert und startete ihren Angriff auf Ostpreußen. Am 7. Oktober um vier Uhr morgens erhielt die Gemeinde Saugen den Räumungsbefehl, der alle Bewohner zur sofortigen Flucht aufforderte. Da mein Vater sich noch auf einem Lehrgang befand, bekamen meine Schwester Christel und ich den Auftrag, sofort alle Bewohner vom Fluchtbefehl zu benachrichtigen. Einige Einwohner nahmen den Befehl nicht so ernst und glaubten, dass es sich wieder nur um eine reine Vorsichtsmaßnahme handeln würde. Oft hörten wir: Wir fahren nicht noch einmal in den April! Leider sind aus diesem Grund einige Menschen zu spät zur Flucht aufgebrochen, sind von der Roten Armee überrannt worden und haben später viel Leid ertragen müssen. Ein Stoßkeil der Roten Armee hatte zum Ziel, die Memelbrücke in Ruß zu erreichen, um die deutschen Truppen im nördlichen Memelland abzuschneiden. 4

Am 8. Oktober - es war ein Sonntag - konnte man beobachten, wie sich deutsche Truppenteile in Richtung Heydekrug absetzten. Dazwischen schoben sich bereits Flüchtlingstrecks aus dem Kreis Memel, darunter auch unsere Verwandten aus Szaggern. Sie machten auf unserem Hof eine Pause und setzten die Flucht mit uns gemeinsam am nächsten Tag fort. Meine Mutter hatte alle Vorbereitungen getroffen, die zur Flucht nötig waren. Mein Vater kam erst im Laufes des Tages von einem militärischen Lehrgang zurück; da war der Planwagen bereits bepackt. Für meine Mutter war es eine schwierige Aufgabe gewesen.

Als wir am 9. Oktober um 5 Uhr früh unseren Hof verließen, hatten wir das Gefühl, dass es für immer sein könnte. Meine Mutter hat wohl am meisten gelitten. Ich kann es nicht vergessen, wie gebrochen sie noch einmal durch das Haus ging. Sie hörte die Kühe brüllen, die nicht gemolken werden konnten. Auf der Straße staute sich der Verkehr, sodass wir nur langsam voran kamen. Der Fluchtweg verlief wie bei der ersten Flucht im August über Heydekrug und die Mündungsarme der Memel bei Ruß. Glücklich waren wir, als wir um die Mittagszeit diese Engpässe ohne Feindeinwirkung hinter uns gelassen hatten. Schon wenige Stunden später sprengten deutsche Pioniere die Petersbrücke. Damit blieb dieser Fluchtweg zumindest für alle Fahrzeuge unpassierbar. Für die Flüchtlinge aus dem nördlichen und mittleren Teil des Memellandes, die es nicht mehr geschafft hatten, sich rechtzeitig über den Memelstrom zu retten, gerieten in die Hände der Roten Armee und gingen einem ungewissen Schicksal entgegen.

Unser Weg führte zunächst wieder nach Spannegeln, wo wir schon im Sommer untergekommen waren. Des Nachts hörten wir von der östlichen Seite des Memelstroms starke Gefechte. Kanonendonner, Feuer von brennenden Gehöften und Leuchtgeschosse hinterließen ein gespenstisches Bild. Noch heute ist es für mich eine schreckliche Erinnerung. Auch unsere Gastgeber bereiteten sich auf die Flucht vor, obwohl durch das natürliche Hindernis des Memelstroms noch keine akute Gefahr zur Flucht bestand. Mein Vater musste sich wieder zum Militärdienst melden und verließ uns schweren Herzens. Bereits nach einigen Tagen setzten wir dann unsere Flucht in Richtung Königsberg fort. Ein Quartier fanden wir im Kirchdorf Ludwigswalde, das etwa 15 km südlich von Königsberg lag. Die Familie Kesslau aus Saugen, die mit zwei Fuhrwerken unterwegs war, hatte sich ebenfalls dort eingefunden. Pferde und Wagen wurden bei einem Bauern in der Scheune untergestellt und unsere Familie bekam im Gemeindehaus neben dem Pfarrhaus einen großen Raum zugewiesen. Dieses Quartier blieb dann für etwa ein Vierteljahr unser Zuhause.

Ein Kanonenofen, der normalerweise zum Heizen bestimmt ist, diente meiner Mutter auch als Küchenherd. Heute kann ich mir das gar nicht mehr vorstellen,wie meine Mutter das so alles geschafft und aus der Not eine Tugend gemacht hat. Die netten Pfarrersleute waren schon recht alt. Versorgt wurden sie von einer hübschen Hausgehilfen. Meine Schwester Christel, die schon 18 Jahre alt war, bekam eine Stelle als Hauswirtschaftslehrling auf einem Gut bei Wismar in Mecklenburg. Nach einer traurigen Silvesternacht verabschiedete sie sich von uns.

In der Festung Königsberg

Mitte 'Januar 1945 begann die sowjetische Offensive auf Ostpreußen. Schon nach wenigen Tagen hatten die sowjetischen Truppen das Gebiet um Königsberg eingeschlossen. Wir saßen nun in der Falle. Eine Möglichkeit der Roten Armee noch zu entkommen, war die Flucht über das zugefrorene Frische Haff. Zusammen mit der Familie Kesslau und einem älteren Ehepaar – diese nahmen auf ihrem Wagen auch die Pfarrersleute mit – setzte sich unser kleiner Treck am 15. Januar 1945 bei heftigem Schneefall und starkem Frost in Richtung Frisches Haff in Bewegung. Für meinen Großvater, der die Pferde lenkte, war es eine große Anstrengung. Inzwischen hatte sich der Treck vergrößert. Es schneite den ganzen Tag und die Sicht war sehr schlecht. So bemerkten wir nicht, dass wir einem fremden Wagen hinterher fuhren, der sich zwischen Kesslaus und unserem Wagen geschoben hatte. Als es dunkel wurde, fuhren wir auf einen Gutshof, um dort zu übernachten. Während die Besitzer ihren Hof schon verlassen hatten, waren noch einige Bedienstete zurückgeblieben. Das Herrenhaus war voll von Flüchtlingen belegt. Die Wagen wurden auf dem Hof abgestellt, die Pferde konnten in einer Scheune versorgt werden, wo sie auch etwas mehr Schutz gegen die bittere Kälte hatten. Mit vielen Menschen verbrachten wir die Nacht in einem großen Raum. In dieser Situation war an Schlafen nicht zu denken. Zu hungern brauchten wir nicht, denn meine Mutter hatte gut vorgesorgt.

Während man in der Nacht noch diskutierte, ob man am kommenden Morgen oder erst in zwei Tagen weiter fahren wollte, hörte man plötzlich unbekannte Stimmen vor der Tür. Nicht zu glauben, es waren Russen! Wir saßen alle in einem Raum ohne Licht und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Bald hörten wir, wie die Russen mit einem Pferd über die schöne breite Treppe nach oben kommen wollten. Doch das Pferd tat ihnen nicht den Gefallen. Dafür kamen einige Soldaten in unseren Raum und suchten mit ihren Taschenlampen den Raum ab. Erst wurden alle Männer rausgeholt und dann waren die Frauen dran. Die hübsche Hausgehilfen unserer Pfarrersleute gehörte auch zu ihren Opfern, die von ihnen vergewaltigt wurde. Es war schrecklich, denn niemand konnte ihr helfen. Nach längerer Zeit kam sie weinend wieder und musste vielleicht noch froh sein, ihr Leben nicht verloren zu haben. Bald darauf tauchte ein Offizier auf, der dem Treiben ein Ende bereitete. Leider war es für einige zu spät. Gegen Morgen des zweiten Tages wurden die Frauen in einen anderen Raum geführt, in dem sich die Männer aufhielten. So kam unsere Familie wieder zusammen. Draußen schneite es immer noch oder schon wieder, ich weiß es nicht mehr. In unseren Köpfen schwirrten schlimme Gedanken. Wird man uns nach Sibirien schleppen oder gar umbringen? Schon in aller Frühe mussten wir uns im Hof versammeln. Zum Glück hatten wir unsere Mäntel an. Opa einen Pelz aus Schafsfell, außen Stoff und innen Fell. Meine Mutter trug ihren schwarzen Sonntagspelz, der innen ebenfalls mit einem schönen Fell verarbeitet war. Nur unsere kleine Anneliese hatte ein Problem. Sie war vom Planwagen ins Haus ohne festes Schuhwerk gegangen. Irgendwie konnten wir es den Russen verständlich machen, dass sie noch auf dem Wagen sein müssten; und tatsächlich erlaubten uns die Russen, nach ihren Schuhen zu suchen. Nur was sahen wir da? Der Wagen war geplündert worden. Wir fanden noch Schuhe von ihr, nur leider zwei verschiedene. Egal, immerhin besser als gar keine.

Mit Zurufen und Schlägen mit den Gewehrkolben wurden wir von den Soldaten vom Hof ins Ungewisse getrieben. Der Verlauf der Straße oder des Weges war wegen der schlechten Sicht und des tiefen Schnees kaum zu erkennen. Wer liegen blieb, wurde von den sowjetischen Soldaten mit Schlägen angetrieben. Plötzlich entstand ein kurzes Gefecht und Soldaten in Schneehemden nahmen uns in ihre Mitte. Mein Herz wollte fast stehen bleiben. Kann man überhaupt ein solches Gefühl beschreiben, wenn man an sein Ende glaubt? Doch im selben Augenblick änderte sich die Situation. Wir waren von den Russen in die deutsche Frontlinie getrieben worden und die Soldaten, die uns umgaben, waren Deutsche. Sie nahmen uns in ihr Quartier mit und versorgten uns mit Essen. Immer wieder fanden Kampfhandlungen in unserer Nähe statt. Am Abend des nächsten Tages startete eine Lastwagenkolonne der deutschen Wehrmacht, um sich im Dunkel der Nacht nach Königsberg durchzukämpfen. Wir Flüchtlinge durften auf die hintersten Wagen Platz nehmen. Ohne irgendwelche Kampfhandlungen zu bemerken, erreichten wir am nächsten Morgen Königsberg. Dort wurde uns eine Wohnung zugewiesen, die von ihren Bewohnern bereits verlassen worden war. Bis auf unser Leben und das was wir tragen konnten, hatten wir alles verloren. Trotzdem waren wir zunächst froh, dem „Iwan“ entkommen zu sein. Wie gut, dass Mutter und Opa noch ihre Pelze gerettet hatten. Sie wurden auf dem Fußboden ausgebreitet, um für uns Vier einen Schlafplatz herzurichten, denn Betten standen natürlich nicht genügend zur Verfügung. So sollte es eine längere Zeit gehen. Anfangs gab es neben den Lebensmittelkarten auch Bezugsscheine für Kleidung. Glücklicherweise hatten wir unsere Papiere und Geld gerettet. Die ersten 14 Tage ließ es sich noch einigermaßen ruhig leben. Doch dann rückte die Front ständig näher und immer häufiger schlugen Bomben und Granaten ein.

Vor allem von Tieffliegern, die sehr plötzlich auftauchten, bildeten eine große Gefahr. Trotz allem konnte die Verpflegung der Flüchtlinge einigermaßen sicher gestellt werden. Warmes Essen holten wir uns aus den Gulaschkanonen, die im Stadtgebiet aufgestellt waren. Das Leben wurde ständig gefährlicher und die Aufenthalte im Keller länger. Besonders die ungewisse Zukunft machte den Menschen große Sorge.


Die Flucht über die Ostsee

Eines Nachts wurden alle Zivilpersonen aus unserer Wohngegend aufgefordert, sich zum Hafen zu begeben. Dort bestiegen wir Kohlenkähne, die uns nach Pillau brachten. Dabei kam man sich vor wie das liebe Vieh. Gleichzeitig gab es uns aber auch einen Hoffnungsschimmer, sich erneut vor der Roten Armee zu retten. In Pillau wurden wir zunächst unserem Schicksal erneut überlassen. Tausende Flüchtlinge hatten sich hier versammelt, in der Hoffnung, um von Schiffen der Kriegs- oder Handelsmarine aus dem von den Russen eingeschlossenen Königsberg befreit zu werden. Wir hatten wieder Glück. Noch am selben Tag legte ein Schiff am Kai an. Um auf das Schiff zu kommen, gab es viel Gedränge. Da nahm Niemand auf den Anderen Rücksicht. Meine Mutter wäre fast ins Wasser gefallen. Wieder saßen wir im Kohlenraum eines Schiffes, noch froh, dass wir hier von Tieffliegern ziemlich geschützt waren.

Wir waren glücklich, als wir auf der Halbinsel Hela wieder festen Boden betreten konnten und uns zunächst der allergrößten Gefahr entzogen hatten. Gemeinsam mit Irmgard - einem Mädchen meines Alters - erkundeten wir die nähere Umgebung. Was wir da zu sehen bekamen war schrecklich. Zerbombte Häuser und verwundete Soldaten, die Ende Februar auf freiem Feld lagen. Wie mag nur deren Schicksal verlaufen sein?

Ich kehrte zu meiner Familie zurück. Plötzlich sahen wir ein Schiff, das Flüchtlinge an Bord nahm. Mit nur ein paar Habseligkeiten bestiegen wir ein Schiff der Kriegsmarine. Viel Wert war ein Eimer, in dem meine Mutter einen Sauerbraten aus Pferdefleisch in Königsberg eingelegt hatte. Das sollte für die nächsten Tage unsere Verpflegung sein. Im Geleit mit drei weiteren Schiffen, die alle bis auf den letzten Platz belegt waren, setzten sich die Schiffe nach Gotenhafen in Bewegung. Ein schreckliches Bild bot der Kohlenraum, in dem die verwundeten Soldaten untergebracht waren. Weitere Soldaten und die Flüchtlinge mussten sich an Deck unter freiem Himmel aufhalten. Froh war schon der, der ein geschütztes Plätzchen gefunden hatte. Wegen zu starken Nebels mussten die Schiffe vor Anker gehen. Erst nach drei Tagen konnte die Fahrt fortgesetzt werden. Ein Tieffliegerangriff konnte die Schiffsflack abwehren. An einem Tage, als ich gerade auf Entdeckung am anderen Ende des Schiffes war, erschüttert das Schiff eine starke Detonation. Oh weh, was war das? Meine Beine konnten fast nicht mehr laufen. Alle Menschen fielen in Angst und Schrecken. Die genaue Ursache der Detonation ließ sich nicht feststellen und so kamen wir denn doch noch glücklich in Gotenhafen (Danziger Bucht) an. Der Eimer mit dem Pferdefleisch war leer, aber sein Inhalt hatte uns vor einem großen Hunger bewahrt.

Hier in Gotenhafen wurden uns Wohnungen zugewiesen, die wir mit vielen Flüchtlingen zu teilen hatten. Geschlafen wurde - vielleicht von wenigen Ausnahmen abgesehen - auf dem Fußboden. Aber sonst waren wir zunächst schon froh, uns von der Front etwas entfernt zu haben. Anfang März zeigte sich die Natur schon sehr frühlingshaft und erweckte in uns die Hoffnung, dass der Krieg bald beendet sein möge. Nach zwei Wochen aber rückte die Front schon wieder näher. Immer öfter gab es auch Fliegeralarm. Vor allem waren es die Tiefflieger, die mit ihren Angriffen das Leben in der Stadt verunsicherten. Dann hieß es, schnell einen Kellerraum aufsuchen, um nicht von ihren Feuersalven getroffen zu werden. Wie in Königsberg, so sorgten auch hier Gulaschkanonen täglich für eine warme Mahlzeit. Standardgericht war: Graupensuppe mit Pferdefleisch. Mit jedem Tag kam die Front näher. Die Stalinorgel, eine gefürchtete Waffe der Sowjets, hörte sich sehr unheimlich an. Der Aufenthalt im Freien wurde immer gefährlicher. Trotz allem gab es auch bewegende Momente. Als wir uns während eines Luftangriffs in einem Luftschutzkeller aufhielten erhoben zwei junge Soldaten ihre Stimme, um uns für eine kurze Zeit vom Elend in der Welt abzulenken. Besonders erinnere ich mich an das Wolgalied, das sie uns zu Gehör brachten. Ein paar Tage später wurde einer der beiden Sänger beim Einschlag einer Granate, die ganz in unserer Nähe einschlug, verwundet. Mir waren von der Detonation die Ohren zugefallen, sodass ich befürchtete, nie mehr hören zu können. Eines war uns inzwischen klar geworden, wenn wir hier nicht bald wegkommen, schnappt uns wieder der Russe. In unserer Wohnung herrschte das absolute Chaos. Die Toiletten waren total verstopft und ein bestialischer Gestank erfüllte die Wohnung. Es war einfach schrecklich! Meine Mutter erkrankte und es Bestand der Verdacht, dass es die Ruhr sein könnte. Nach einigen Tagen hatte sich ihr Zustand glücklicherweise wieder gebessert. Dann endlich bekamen wir die Nachricht, dass wir uns am nächsten Tag am Kai 5 einfinden sollten. Als wir uns dann dort morgens im Hafen versammelten, wartete schon ein größeres Schiff, das uns die ersehnte Rettung bringen sollte. Wieder gab es ein großes Gedränge, denn jeder wollte möglichst der Erste sein. Anschließend begann das große Rätselraten: Wohin wird wohl die Reise gehen? Viele hatten den Wunsch zur „Sahneküste“ zu kommen, womit Dänemark gemeint war. Doch dort waren deutsche Flüchtlinge gar nicht willkommen. Aber noch war es nicht so weit. Die Gefahr, von sowjetischen U-Booten oder Flugzeugen angegriffen zu werden, war nach wie vor groß. Bei hoher See stampfte sich unser Schiff westwärts und von Stunde zu Stunde stieg die Hoffnung, dem Tod entronnen zu sein. Wir atmeten erst auf, als wir am 1. April 1945 bei Lübeck in den Elbe-Trawe-Kanal einfuhren und uns sicher fühlten, der Roten Armee entkommen zu sein.

Mit freundlicher Genehmigung von Hedwig Neubacher, Auszug aus ihrem Fluchtbericht

Fluchtbericht von Emma Schiller, geb. Neumann, Nattkischken

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Fluchtbericht von Hedwig Wertens, geb. Kalwies, Memel


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  1. Heute Teil von Bockenem
  2. Spenglers waren unsere Wirtsleute, zu denen wir eingewiesen wurden die größten Bauern im Dorf in einem denkmalgeschützten Haus aus der Zeit des 30-jährigen Krieges.
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