Evangelische Kirche Puschkau (Kreis Schweidnitz)

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Festschrift 1932

Festschrift "Kirchenkreis Striegau in Geschichte und Gegenwart - Festschrift zur General-Kirchenvisitation 1932", Herausgegeben von Pastor P. Hechler, Saarau i. Schl.

Puschkau
(die jüngste Gemeinde des Kreises)

Unter den Gemeinden des Kirchenkreises ist Puschkau die jüngste. Die Gründung der Gemeinde ist für den l. April 1892 ausgesprochen, so daß die Gemeinde in diesem Jahre 40 Jahre alt ist. Sie gehörte vor 1892 mit den Dörfern Niklasdorf, Preilsdorf und Puschkau zum Kirchspiel Peterwitz, mit Tschechen, Grunau und Muhrau zum Kirchspiel Striegau. Zu dem genannten Termin wurden dann die sechs Dörfer aus ihrem kirchengemeindlichen Zusammenhang herausgelöst und zu einer selbständigen Kirchengemeinde vereinigt. Die Jahre 1892 bis 1895 waren dem Bau der Kirche gewidmet, die am 2. Juni 1895 durch Generalsuperintendent D. Nottebohm eingeweiht wurde. Am Tage der Generalvisitation begehen wir also unser 38. Kirchweihfest. Es war nach Mitteilung Beteiligter „Ein unvergeßlicher Festtag“ für die gesamte Gemeinde, als sie zum erstenmal im eigenen Gotteshaus versammelt war. Mit dem Bau der Kirche war für die Sache des Evangeliums in unseren Dörfern eine große Tat getan worden. Diese Tat geht zurück auf Fräulein Marie von Kramsta. Ihre Art und ihr Wesen haben der Kirchengemeinde bis heute das Gepräge gegeben. Marie von Kramsta stammte aus der reichen Familie der Kramsta in Freiburg. Ihre Vorfahren hatten sich aus einfachsten Verhältnissen im Laufe der Jahrzehnte durch außergewöhnlichen Fleiß, Klugheit und Geschäftssinn zu einer der reichsten Familien Schlesiens emporgearbeitet. Die Familie erwarb neben ihren großen Webereien auch einen beträchtlichen Grundbesitz im Striegauer und Schweidnitzer Kreise. Dieser fiel mit anderen großen Teilen des Kramstaerbes in den 70er Jahren an Marie von Kramsta. Sie nahm ihren Wohnsitz in dem von ihrem Vater erbauten Schloß in Muhrau. Ihren Reichtum stellte die hochherzige Frau in den Dienst der Notleidenden und der Kirche. Ungezählte Hunderttausende sind von ihr an Bedürftige und an kirchliche Einrichtungen gegeben worden. Die Größe ihrer Art und ihres Wohltuns kam darin zum Ausdruck, daß sie nicht Almosen geben wollte — weder im Kleinen noch im Großen —, sondern daß sie in ganz bestimmten meist von ihr gewählten oder geprüften Formen eine Hilfe zu bringen suchte, die das Übel an der Wurzel angriff. Gewiß, sie konnte es, ihr standen außergewöhnliche Mittel zur Verfügung, aber nicht jeder, der etwas zu geben hat und geben kann, richtet mit seinen Gaben soviel aus wie sie. Im Laufe der Jahre hatte sie erkannt, daß in der Arbeit der Kirche zur äußeren Hilfe der Dienst an der Seele und damit am ganzen Menschen trat. Fräulein von Kramsta hat es deshalb als eine ihrer vornehmsten Aufgaben betrachtet, Kirche und Innere Mission in ihrem Dienst zu fördern. Örtlich gesehen wendete sie ihre Kraft am stärksten ihrer Heimatstadt Freiburg, den Diakonissenhäusern Frankenstein und Kreuzburg und den Dörfern ihres Landbesitzes zu.

Es war ein Zeugnis hoher Wertschätzung geistlicher, seelsorgerlicher Arbeit, daß sie die Anregung gab zur Gründung einer selbständigen Kirchengemeinde Puschkau. Sie glaubte, ihren Dörfern damit einen besonders großen Dienst zu erweisen, daß sie Wege wies und Mittel gab, die zu einer stärkeren kirchlichen Durchdringung und Zusammenfassung führten. So entstand auf ihr Betreiben die Kirchengemeinde Puschkau. Sie übernahm es nicht nur, Kirche und Pfarrhaus mit Grund und Boden zu schenken und mit allen Einrichtungsgegenständen zu versehen, nach ihrer klaren, weitblickenden Art stattete sie die neugegründete Gemeinde auch mit 200 Morgen Acker aus und übernahm mit dem Patronat zwei Drittel der Baulasten für die Zukunft. Durch Maßnahmen allgemein sozialer Natur wirkte sie fördernd auf das Leben der jungen Gemeinde ein. Sie half zum Bau von Schulen, so daß jedes Dorf der Gemeinde, auch das kleine damals 184, heute zirka 160 Einwohner zählende Grunau, seine eigene evangelische Schule hat. Sie legte hohen Wert auf die Berufung überzeugt evangelischer Lehrer, Beamter und Arbeiter und machte ihren Einfluß dahin geltend. In den vier größeren Dörfern der Gemeinde errichtete sie Schwesternstationen, in Tschechen und Puschkau waren je zwei, in Muhrau und Preilsdorf je eine Diakonisse aus Frankenstein stationiert, denen neben der Arbeit in den Kindergärten die Krankenpflege oblag.

In Puschkau schenkte Fräulein von Kramsta auch noch den Kirchhof. In Muhrau gab sie durch den Bau einer Kapelle dem kirchlichen Leben einen Mittelpunkt. Diese Muhrauer Kapelle dürfte zum Schönsten gehören, was die schlesische Provinzialkirche an Gotteshäusern aufzuweisen hat.

Die neue Kirchengemeinde übernahm meist die kirchlichen Sitten und Gebräuche der Muttergemeinden. Der außer dem Verfasser bisher einzige Geistliche der Kirchengemeinde Puschkau, der im Ruhestande lebende Superintendent Paul Klämbt, hat in vorbildlicher Weise den äußeren und inneren Aufbau und Ausbau des Gemeindelebens bewirkt. Von 1895 bis 1925 hat er der Gemeinde gelebt und gedient, so daß er und seine Arbeit mit dem Leben der Gemeinde eng verwachsen sind. So hat sich mit den Jahren ein eigenes heimatliches Gemeindebewußtsein in unseren Dörfern gebildet.

Den Grundstock der Bevölkerung der Gemeinde bildet eine landwirtschaftliche Besitzerschicht. Infolge der meist guten Böden vermag sich auch der kleinere Besitzer auf seiner Scholle leidlich zu ernähren. Auf den Dominien wurde allmählich ein bodenständiger, gesunder Landarbeiterstand ansässig, der durch die sozialen Einrichtungen von Fräulein von Kramsta besser gestellt war, als der Landarbeiter sonst gewöhnlich in Schlesien. Mit zunehmender Industrialisierung entwickelte sich auch in unseren Dörfern eine starke Arbeiterschicht, die heute zirka 60 % der Bevölkerung ausmacht. Diese fand ihre Beschäftigung außer in der Puschkauer Zuckerfabrik hauptsächlich in den Striegauer Steinbrüchen, den Rausker Tonschächten und den Saarauer und Königszelter Fabriken.

Die Kirchengemeinde war im ersten Aufblühen, als der Krieg über Deutschland hereinbrach. 114 Gefallene meldet die Chronik, Abgabe der Orgelprospektpfeifen und der zwei größeren Glocken. Die äußeren Schäden konnten bald nach dem Kriege beseitigt werden. Die aufstrebende Linie des Gemeindelebens wurde durch die gewaltigen Ereignisse und die Umformung des gesamten deutschen Lebens sehr beeinträchtigt. Fräulein von Kramsta starb im Juli 1925, als die Inflation auf dem Höhepunkte angelangt war und brauchte die Umgestaltung der Verhältnisse nicht mehr mitanzusehen. Nach kurzer Verwaltung durch Frau Baronin von Buddenbrock gelangte der Patronatsbesitz in die Hände des Haupterben Leutnant a. D. Hans-Christoph von Wietersheim-Kramsta, der darum bemüht ist, auch das geistige Erbe seiner Großtante zu erhalten.

Unter schweren Opfern aller Beteiligten konnten die vier Schwesternstationen wenigstens als Krankenpflegestationen erhalten bleiben, ebenso auch der Kindergarten in Puschkau. Äußerlich ist der Bestand der Gemeinde sonst im wesentlichen erhalten geblieben. Innerlich ist unsere Gemeinde nicht nur umbraust von den Stürmen einer neuen Zeit, nein, wie überall, so brausen die Stürme auch über unsere Häupter und durch unsere Herzen und ergreifen alle bis zum letzten Kinde. So hebt das Ringen um Glauben und Gottesfurcht auch bei uns an. Die jüngste Gemeinde des Kirchenkreises hat in vergangenen Jahrzehnten durch Gottes Güte reichsten Segen erfahren, ihr war vieles geschenkt, was andere schwer erkämpfen mußten. Wer in sie hineingestellt wird, spürt noch heute etwas von dieser schönen, gesegneten Vergangenheit, und die Generalkirchenvisitation erinnert uns von neuem daran. Mir ist als sollte da in unseren Herzen das Wort wach werden:
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen! —

Schröder

l Geistlicher, 2 Predigtstätten, 1 Organist, 4 Diakonissen, 1 Kindergärtnerin, 6 evangelische Schulen, 3 kommunale, 2 evangelisch-kirchliche Friedhöfe, 5 Jungmädchenvereine, mit Parochialzusammenkunft: Grünkreuztag, 2 Frauenhilfen (Puschkau und Tschechen).


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