Evangelische Kirche Freiburg in Schlesien

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Festschrift 1932

Festschrift "Kirchenkreis Striegau in Geschichte und Gegenwart - Festschrift zur General-Kirchenvisitation 1932", Herausgegeben von Pastor P. Hechler, Saarau i. Schl.


Freiburg in Schlesien


Zum evangelischen Kirchspiel Freiburg gehören die 9234 Einwohner zählende Industriestadt Freiburg, das 4014 Einwohner zählende Industriedorf Polsnitz und die zum größten Teil mit in der Landwirtschaft beschäftigten Einwohnern bewohnten Dörfer Zirlau (2203 Einwohner), Kunzendorf (1262 Einwohner) und Fröhlichsdorf mit Kolonie Zeisberg (360 Einwohner). Von diesen 17 073 Einwohnern sind 11 684 evangelisch, 3549 katholisch, 1111 freireligiös und 729 gehören anderen Religionsgemeinschaften (Baptisten, Adventisten, Darbysten, Weißenberger, Katholisch-Apostolische und einige Juden) an. Evangelisch-kirchlich dagegen gehört das Kirchspiel Freiburg seit dem 1. November 1871 zum Kirchenkreise Striegau. Polsnitz und Zirlau bilden eine etwa sieben Kilometer lange, von Süden nach Norden, am Polsnitzbach entlang sich erstreckende ununterbrochene Häuserreihe, die eine Tangente zu dem kreisförmigen Gebilde der Stadt Freiburg ist, während Kunzendorf vier Kilometer östlich und Fröhlichsdorf-Zeisberg etwa vier Kilometer westlich von Freiburg liegt.

Nach ihrer wirtschaftlichen Struktur sind die beiden größten Orte des Kirchspiels (Freiburg und Polsnitz) ausgesprochene Industriegemeinden. Sie beherbergten bisher die einst in hoher Blüte stehenden Spinnereien, Bleichereien und Mangelwerke der schlesischen Leinenindustrie von C. G. Kramsta und die größte preußische Uhrenindustrie (Vereinigte Freiburger Uhrenfabriken A.-G., inkl. Gustav Becker). Kramsta-Leinen und Becker-Uhren genossen vor dem Kriege Weltruf. Infolgedessen herrschte vor dem Kriege in unserer Gemeinde ein sehr reges wirtschaftliches, geselliges, wissenschaftliches und künstlerisches Leben, so daß Freiburgs Bedeutung weit über andere zahlenmäßig gleichgroße Kleinstädte hinausragte, wozu auch noch die in unmittelbarer Nachbarschaft Freiburgs liegende Fürstlich pleßsche Hofhaltung in Fürstenstein das Ihrige beitrug. Das ist nun völlig anders geworden. Die beiden vorhin genannten Großindustrien, die vielen Hunderten von Beamten und Angestellten und mehreren Tausenden von Arbeitern eine gesicherte Existenz boten, sind stillgelegt. Die Leinenindustrie ist mit der Firma Methner & Frahne in Landeshut vereinigt und seit dem l. Oktober 1931 ganz dorthin verlegt worden. Ein Teil der Beamten ist nach Landeshut versetzt, die anderen und die gesamte Arbeiterschaft sind entlassen worden und nun erwerbslos. Die Uhrenfabriken sind von der Firma Junghans in Schramberg im Schwarzwald aufgekauft und werden auch planmäßig abgebaut, so daß wieder Tausende von Beamten und Arbeitern erwerbslos werden. Infolgedessen liegen auch Kaufmannschaft und Handwerk zum großen Teil danieder, denn viele können nicht mehr als das zum Leben Allernotwendigste kaufen.

Die einzigen Großbetriebe, die noch auf der Höhe sind und noch einigen hundert Menschen Arbeit geben, sind die Mühlenwerke der Firma C. A. Conrad in Polsnitz und Freiburg, die zu den modernsten Großmühlen Schlesiens gehören und die über 400 Morgen umfassenden Baumschulen der Firma C. Berndt in Zirlau. Da ja bekanntlich auch die Landwirtschaft jetzt schwer um ihr Dasein ringt, sind auch die etwa 150 Guts- und Stellenbesitzer in Fröhlichsdorf (27), Kunzendorf (47), Polsnitz (15) und Zirlau (62) in ihrer wirtschaftlichen Existenz stark gefährdet. So herrscht jetzt in unserer Kirchengemeinde große Not, die sich natürlich auch auf die kirchliche Finanzverwaltung bedrohlich auswirkt. Bisher ist es zwar noch gelungen, den Prozentsatz der Kirchensteuer verhältnismäßig niedrig zu halten und trotzdem den Kirchkassenetat auszugleichen, ob das aber im neuen Rechnungsjahre möglich sein wird, ist sehr fraglich. Auch mußten für die gedeihliche Weiterentwicklung des Gemeindelebens dringend notwendige Pläne, wie z. B. der Bau oder Erwerb eines evangelischen Gemeindehauses mit Vereinsräumen für die Jugendvereine und die Frauenhilfen aufgegeben werden. Den für die Arbeit an der männlichen Jugend und zur Mitarbeit im Evangelischen Wohlfahrtsdienst angestellten Diakon Heinzel konnten wir bis jetzt noch halten. Stark gefährdet sind in ihrem Bestande auch die Evangelischen Gemeindepflegen in Freiburg und Polsnitz und die evangelische Kleinkinderschule in Polsnitz, die vom „Evangelischen Verein für Gemeindepflege und Kleinkinderbewahrung“ unterhalten werden, da die Mitgliederbeiträge immer schwerer einkommen und namhafte Beihilfen von Behörden und öffentlichen Stellen gestrichen oder stark gekürzt worden sind. Sollten diese Diakonissenstationen aus Mangel an Mitteln eingehen, dann würden in Freiburg die Grauen Schwestern das Feld behaupten und in den zahlreichen Mischehen einen für die evangelische Kirche bedenklichen Einfluß gewinnen, in Polsnitz aber würden wahrscheinlich weltliche Krankenschwestern eintreten. (NB.: Die Diakonissenstationen in Kunzendorf und Zirlau werden vom Vaterländischen Frauenverein unterhalten.)

Bei allen äußeren Hemmungen ist aber, Gott sei Dank, das innere Leben in der Kirchengemeinde gesund. Die Gottesdienste sind meist gut besucht (an Feiertagen in jedem Gottesdienst etwa 1000, an schlichten Sonntagen etwa 500 Besucher). Auch die Kindergottesdienste in Freiburg, Zirlau und Polsnitz weisen guten Besuch auf, ebenso die Bibelstunden, die in allen Gemeinden des Kirchspiels an sieben verschiedenen Stätten gehalten werden. Für alte Leute werden besondere Abendmahlsfeiern im Bürgerheim und im Bürgerhospital in Freiburg, sowie in allen vier Dörfern des Kirchspiels in der Advents- und in der Passionszeit gehalten. Die evangelisch-kirchlichen Vereine stehen in Blüte. Es bestehen zwei evangelische Männervereine (Freiburg mit 166 Mitgliedern und Polsnitz mit 30 Mitgliedern), drei Frauenhilfen (zusammen 450 Mitglieder), ein Evangelischer Jungmännerverein (50 Mitglieder), ein Bibelkreis (B. K.) höherer Schüler mit drei Gruppen (30 Mitglieder), zwei Jungfrauenvereine (zusammen etwa 100 Mitglieder), Evangelischer Bund (192 Mitglieder), Gustav-Adolf-Zweigverein (443 Mitglieder), eine Christliche Gemeinschaft innerhalb der Landeskirche mit einem Jugendbund für entschiedenes Christentum (E. C.). Seelsorgerlich betreut wird die Gemeinde von drei Pfarrern; dies sind zur Zeit Pastor Alfred Herzog (in Freiburg seit l. April 1916), Pastor Adolf Bach (in Freiburg seit 1. Oktober 1920) und Pastor Hellmut Teuber (in Freiburg seit 1. Dezember 1931).

— Am 1. Oktober 1931 trat Pastor prim. Baumgart in den Ruhestand, nachdem er 4l Jahre in Freiburg amtiert hatte. In Freiburg befindet Sich ein dem Provinzialverein für Innere Mission gehörendes Frauenfürsorge- und Zufluchtsheim, dessen Leiter und Seelsorger seit 15. Januar 1931 Herr Pastor Albert Kilger ist, und eine Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt, die von Herrn Pastor Bach seelsorgerlich betreut wird. An Schulen besitzt Freiburg ein simultanes Realreformgymnasium mit acht evangelischen und drei katholischen Lehrern, eine simultane Mädchenmittelschule mit fünf evangelischen und einer katholischen Lehrerin, eine evangelische Stadtschule mit sieben Doppelklassen und 18 Lehrkräften, eine katholische Stadtschule mit fünf Lehrkräften, eine simultane Hilfsschule mit einem Lehrer; Polsnitz hat eine evangelische Schule mit sechs Lehrpersonen, eine katholische Schule mit zwei Lehrern und eine weltliche Sammelschule mit zwei Lehrern; Zirlau hat zwei evangelische Schulen mit fünf Lehrpersonen und eine katholische Schule mit einem Lehrer; Kunzendorf hat zwei evangelische Schulen mit drei Lehrern und eine katholische Schule mit einem Lehrer; Fröhlichsdorf hat eine evangelische Schule mit einem Lehrer. Die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt hat eine Schule mit zwei Lehrern.


II. Aus der Geschichte Freiburgs und der evangelischen Kirchengemeinde ist nach den vorhandenen Chroniken folgendes zu berichten: Die ersten urkundlichen Erwähnungen Freiburgs stammen aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Damals stand auf dem heute noch Burgplatz genannten Gebiet eine „Freie Burg“, die ein Jagdschloß der Herzöge von Schweidnitz und Jauer gewesen sein soll, von etlichen Häusern umgeben (Burghäuser). 1337 bekommt Freiburg Stadtrecht, nachdem es schon vorher mit Mauern und Türmen umgeben worden war. Grundherren von Freiburg, Polsnitz und Zirlau waren die Burggrafen und Standesherren der Herrschaft Fürstenstein, die damit zugleich das Patronatsrecht über die in diesen Orten liegenden Kirchen hatten. Die älteste dieser Kirchen ist wohl die heute als Ruine in Ober-Polsnitz stehende St. Annenkirche, die schon in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahre 1228 genannt wird. Um 1300 besteht auch schon die Kirche auf der Grenze von Polsnitz und Zirlau, sowie die Nikolaikirche in Freiburg und die Kirche in Kunzendorf. Kunzendorf gehörte aber nicht zur Herrschaft Fürstenstein, sondern hatte eigene Grundherrn, darunter die als Wohltäter der Kirchen genannten Familien von Reder und von Gellhorn, deren Wappen noch jetzt den Altar der evangelischen Kirche in Freiburg zieren.

1009 kaufte der Freiherr Konrad von Hochberg die Herrschaft Fürstenstein, dessen Nachkommen 1660 in den Grafenstand erhoben wurden und noch heute unter dem Titel „Fürst von Pleß“ den Besitz und damit das Patronat über die Kirchen der Standesherrschaft Fürstenstein innehaben. Da es in bezug auf die evangelischen Kirchen ein lastenfreies Patronat war, hat der Fürst von Pleß auf Ersuchen des Evangelischen Konsistorium im Jahre 1930 auf seine Patronatsrechte über die evangelischen Kirchen verzichtet, So daß diese jetzt patronatsfrei find, während das lastenpflichtige Patronat über die katholischen Kirchen der Standesherrschaft weiterbesteht. Zwischen 1524 und 1528 nahmen die Freiburger das evangelische Glaubensbekenntnis an. Es waren damals drei evangelische Geistliche, ein Oberpfarrer und zwei Diakonen an der Kirche, die auch den Gottesdienst in den ebenfalls evangelisch gewordenen Kirchen in Polsnitz und Kunzendorf hielten. Der erste evangelische Pfarrer hieß Peter Scharffenberg. Auf ihn folgten im Ober-Pfarramt Scholtze, Hoffmann, Thomas Schellenbach (Vater), Esaias Schellenbach (Sohn), Sitsch Nerger, Huber (oder Hübner), Laurentius (Lorenz). Das Archidiakonat und das Diakonat bekleideten Werner, Stübner, Fischer, Möstner, Heinrich, Huber I, Lindner, Keller, Huber II, Tanke. Oberpfarrer Lorenz und Diakonus Tanke wurden 1653 bei der Wegnahme der evangelischen Kirchen durch die kaiserliche Reduktionskommission abgesetzt und aus Freiburg verjagt. Seit 1653 amtieren nun an der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus wieder katholische Pfarrer und Kapläne. Auch die vor der Stadt stehende Hospital- oder Begräbniskirche St. Johannes (da, wo jetzt das Bürgerhospital steht) wurde den Evangelischen weggenommen. Diese hielten sich von nun an bis zur Eroberung Schlesiens durch Friedrich den Großen zu der auf Grund des Westfälischen Friedens erst im Jahre 1652 erbauten Friedenskirche in Schweidnitz, zu deren Errichtung Freiburg 45 Taler beigesteuert hatte. Für die in der Friedenskirche vorgenommenen Amtshandlungen mußte aber nicht nur an die dortigen evangelischen Geistlichen, sondern auch an den katholischen Pfarrer in Freiburg Gebühren gezahlt werden.

Als nach der Besitznahme Schlesiens durch Friedrich den Großen die freie Religionsübung wiederhergestellt wurde, erhielten auch die Evangelischen Freiburgs durch eine königliche Verfügung vom 2. November 1741 die Erlaubnis zur Neubegründung der evangelischen Kirchengemeinde (es lebten in Freiburg damals 1359 evangelische und 42 katholische Einwohner, und in den zum Kirchspiel gehörenden Dörfern etwa 1200 Evangelische und 25 Katholiken). Am 10. Dezember 1741 (2. Advent) hielt der Pastor Gottfried Kleiner aus Seifersdorf, Kreis Liegnitz, auf öffentlichem Markte die Präsentationspredigt über Micha 6, 9 und wurde daraufhin vom Grafen Hochberg zum ersten evangelischen Pfarrer der wieder neubegründeten evangelischen Kirchengemeinde Freiburg berufen. Das auf dem Ringe stehende Rathaus wurde für 600 Mark erworben und zum Bethaus umgebaut. Zur Unterstützung des Pastors in der Predigttätigkeit wurde an der sofort neubegründeten evangelischen Stadtschule ein ordinierter Theologe als Rektor und Nachmittagsprediger angestellt. Auch in den zum Kirchspiel gehörenden Dörfern wurden im Laufe des Jahres 1742 evangelische Schulen begründet.

Am 1. Februar 1767 starb Pastor Kleiner im 75. Lebens- und 45. Amtsjahre auf der Kanzel mitten in seiner Sonntagspredigt an einem Herzschlag. Sein Nachfolger wurde der bisherige Rektor und Mittagsprediger Elter (1764—67—91). Er starb ebenfalls am Schlage, nachdem er soeben die Fastenpredigt begonnen hatte. In seine Amtszeit fiel 1774 der große Brand von Freiburg, der alle drei Kirchen und 433 Gebäude in Freiburg und Polsnitz in Schutt und Asche legte (26. Juli 1774), darunter auch das erst 1770 fertig gewordene neue Pfarrhaus. Es wurde sofort eine hölzerne Notkirche errichtet und am 2. Advent 1774 in Gebrauch genommen. Die Stadt wurde mit Hilfe des Königs, der persönlich nach Freiburg kam, um die Bürger zu trösten, wieder aufgebaut. Am zweiten Jahrestage des Brandes (26. Juli 1776) wurde der Grundstein zur neuen evangelischen Pfarrkirche, dicht an der Stadtmauer, gelegt und am 26. Juli 1778 wurde die neue Kirche, deren Bau 15 300 Taler kostete, feierlich geweiht. Die katholische Pfarrkirche, deren Presbyterium beim Brande stehengeblieben war und als Notkirche diente, wurde erst 1810 wieder aufgebaut.

Pfarrer an dieser neuen Kirche waren nach dem Tode von Pastor prim. Elter: Zeuschner (1791—1806), Großer (1807—1813), Koppe (1813—1828), Hoffmann (1829— 1849), Marschner (1850—1889), Weiß (1890—1895), Repke (1895 bis 1906), Baumgart (1906—1931). Die Stelle des Rektors und Nachmittagspredigers bekleideten Strauß (1742—1758), Thiem (1758—1762), Richter (1763—1764), Elter (1764— 1767), Siegrot (1767—1800), Koppe (1800—1813), Fuller (1813—1819), Fritsch (1819—1826), Queitsch (1826—1837), Küchenmeister (1837—1876). Dieser verfaßte zur Hundertjahrfeier der Neubegründung der evangelischen Kirchengemeinde (2. Advent 1841) eine Kirchenchronik, die jetzt nur noch in wenigen, ängstlich gehüteten Exemplaren vorhanden ist. Während seiner Amtszeit wurde 1857 die Nachmittagspredigerstelle in ein Diakonat umgewandelt und die Verbindung mit dem Rektorat gelöst. Seine Nachfolger im Diakonat waren: Bartsch (1877—|1884), Meyer (1885— 1888), Weiß (1888— 1890), Baumgart (1890—1906). Bei seinem Amtsantritt wurde das Diakonat in eine zweite Pfarrstelle umgewandelt. Nehmitz (1907—1910), Räbiger (1911—1915).

Da infolge des wirtschaftlichen Aufschwunges der hiesigen Großindustrien auch die Seelenzahl in der evangelischen Kirchengemeinde gewaltig gewachsen war, wurde zur Entlastung der beiden Pastoren 1891 ein ständiges Pfarrvikariat eingerichtet und schließlich 1912 in eine dritte Pfarrstelle umgewandelt, deren erster Inhaber Pastor Adam (1912—1918) war. Die gegenwärtigen Pfarrstelleninhaber sind schon im ersten Teil dieses Berichtes genannt. Die Ämter der Kantoren und Organisten (bis 1919 getrennte Ämter) wurden vom zweiten und dritten Lehrer der evangelischen Stadtschule nebenamtlich verwaltet. 1919 wurden Kantor- und Organistenamt vereinigt und mit einem hauptamtlichen Kirchenmusiker, Reichert, besetzt. Hauptamtlicher Küster und Kirchenrendant ist seit 1914 Herr Wohlfahrt. — Hauptamtlicher Glöckner und Kirchendiener ist seit 1921 Pfeifer (Kriegsverletzter).

Bedeutende Persönlichkeiten, die aus Freiburg stammen, sind u. a. der ehemalige Oberbürgermeister von Berlin, Kürschner, der noch jetzt in Berlin lebende Dichter und Bibliothekar der Staatlichen Kunstschule Gustav Renner, dessen Namen eine der neuen Straßen der Stadt trägt, sowie vor allen Dingen die Wohltäterin der evangelischen Kirche Schlesiens Marie von Kramsta, die ihrer Vaterstadt bedeutende Stiftungen vermacht hat: Bürgerheim, Bürgerhospital, städtisches Krankenhaus, Marienstift (Diakonissenheim mit Kleinkinderschule), Mädchenheim (für die in der Spinnerei beschäftigten Arbeiterinnen). Aus der evangelischen Kirchengemeinde Freiburg sind im Weltkriege 326 Mann gefallen. Diesen gefallenen Helden wurde in der Turmhalle der evangelischen Kirche ein Denkmal errichtet und ihre Namen in einem Ehrenbuche verzeichnet. Die beiden größeren Glocken, die Orgelprospektpfeifen und das Kupfer der Turmbedachung wurden im letzten Kriegsjahre dem Vaterlande zum Opfer gebracht und in der Nachkriegszeit wieder ergänzt.

1928 wurde das 150 jährige Kirchenjubiläum der neuen Kirche gefeiert.


A. Herzog.


Das Frauenfürsorgeheim in Freiburg i. Schl.

Immer schon hatte sich die Innere Mission der gefährdeten und verwahrlosten Jugend besonders angenommen. Im Anfang unseres Jahrhunderts nahm diese Tätigkeit einen neuen Aufchwung infolge des „Gesetzes über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger“ vom 2. Juli 1900. Der „Schlesische Provinzialverein für Innere Mission“ beschloß die Gründung eines Heimes für schulentlassene Mädchen und kaufte dazu im April 1901 in Freiburg von der Stadt ein früheres Ziegeleigrundstück, 16 Morgen groß. In dem kleinen Hause, welches die Wohnung des Ziegelmeisters gewesen war, wurde am l. Oktober 1901 das Heim mit zwölf Zöglingen eröffnet. Zugleich wurde der Bau eines großen Anstaltsgebäudes in Angriff genommen. Am 4. August 1902 wurde dieses eingeweiht, als „eine Freiburg rettender Liebe“. Man gab dem Hause den Namen „Frauenfürsorgeheim“, weil es nicht nur für Fürsorgezöglinge bestimmt sein sollte. Es sollte, wie es in einem Gründungsschriftstück heißt, „eine Zufluchtsstätte werden für allerlei Frauen und Mädchen, welche haltlos und gefährdet stehen, eine Erziehungs- und Rettungsstätte für heimatlose und verlorene Töchter unseres Volkes. Kein Alter, kein Stand soll ausgeschlossen sein“.

Das Haus bot Raum für 70 Zöglinge. In wenigen Jahren erwies sich eine Erweiterung der Anstalt als notwendig. Das kleine Haus, in welchem 1901 das Werk seinen Anfang genommen hatte, wurde als Entbindungsheim für unverehelichte Mütter eingerichtet. Da man auch für die im Heim geborenen Kinder sorgen wollte, mußte man Raum schaffen und den Bau eines größeren Zufluchtsheimes mit Kinderheim ins Auge fassen. Mit diesem Plan verband man einen anderen ein Heim zu schaffen für solche Jugendliche, welche geschlechtskrank geworden waren, damit sie nicht in den öffentlichen Kliniken und Krankenhäusern untergebracht werden mußten, wo man sich ihrer erziehlich wenig oder gar nicht annehmen kann und wo sie monatelang mit solchen Älteren zusammenleben, die einen überaus ungünstigen Einfluß aus sie ausüben. Während des Krieges reiften die Pläne. Das zweite große Gebäude der Anstalt wurde ausgeführt und 1918 eröffnet. Es umfaßt, getrennt voneinander, mit gesonderten Aufgängen, das „Sonderheim“ und das „Zufluchtsheim“ (mit Kinderheim). Über 60 Plätze wurden hier geschaffen, und zwar was besonders wertvoll ist, zum großen Teil in Einzelstübchen. Mit dem Zufluchtsheim verbunden wurde das Kinderheim mit 25 Plätzen. Das leer gewordene kleine Haus wurde später als Aufnahmestation für gesunde Mädchen eingerichtet.

Nachdem die Nöte der Inflation überwunden waren, kam, insbesondere in Auswirkung des „Reichsgesetzes für Jugendwohlfahrt“ vom Jahre 1922 ein neuer Aufstieg für die Fürsorgeerziehung und damit auch für unsere Heime. Die Zahl der zugewiesenen Zöglinge wuchs, Geldmittel flossen leicht zu. Dadurch konnte unser Werk auf mannigfache Weise erweitert werden. Insbesondere wurde für eine Erweiterung der Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten für unsere Zöglinge gesorgt. 1920 entstand die Gärtnerei. Ein großer Teil des Geländes, das jetzt über 30 Morgen umfaßt, wurde in gärtnerische Bewirtschaftung genommen. Dadurch entstand die Möglichkeit, so bis 40 Mädchen vom Frühjahr bis zum Herbst in Gartenarbeit zu beschäftigen, was erziehlich von großem Werte ist. Zugleich wurde die Möglichkeit geschaffen, daß einzelne Mädchen zu geprüften Gärtnergehilfen ausgebildet werden. Ebenso wurde eine Schneiderei-Lehrwerkstatt eingerichtet, aus der bisher schon vier Gehilfinnen hervorgegangen sind, die sämtlich ihre Prüfung mit „gut“ bestanden haben. 1928 wurde ein Wirtschaftsgebäude gebaut und darin eine Viehwirtschaft (6 Kühe und 20 Schweine) eingerichtet, damit wurde eine Hühnerfarm von etwa 200 Hühnern verbunden. Diese Einrichtung hat den Wert, daß aus der Landwirtschaft stammende Mädchen in landwirtschaftlicher Arbeit weiter ausgebildet werden können. Im übrigen werden alle Mädchen in hauswirtschaftlicher Arbeit unterwiesen, insbesondere im Waschen, Rollen, Plätten, Nähen und Kochen. 1928 übernahm die Freiburger Anstalt das Mädchenlandheim „Blick auf!“ in Boberstein bei Hirschberg, ein kleines Heim mit 14 Plätzen, herrlich gelegen am Fuße der Falkenberge. Es ist besonders geeignet dazu, den Mädchen größere Freiheit zu gewähren und sie am Ende der Heimzeit auf den Übergang vom Anstaltsleben ins freie Leben draußen in der rechten Weise einzustellen. „Wo kommst Du her? — Wo gehst Du bin?“, so steht über den Eingang eines unserer Häuser geschrieben. Aus viel Not — entstanden durch eigene und noch mehr durch anderer Menschen Schuld — kommen unsere Mädchen. In neue Kämpfe des Lebens gehen sie wieder hinein. Daß sie dafür besser gerüstet sind, in verschiedenster Hinsicht, seelisch, geistig, körperlich, im Charakter und in ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten — dazu wollen wir ihnen helfen. 13 Frankensteiner Diakonissen und 19 freie Erzieherinnen stehen dazu in unserem Heim in ihrem schweren, aber auch schönen und wertvollen Dienst.

Der vom „Schlesischen Provinzialverein für Innere Mission“ ausersehene Begründer und erste Leiter der Anstalt war Superintendent a. D. D. Repke in Brieg, zur Zeit der Gründung der Anstalt Pastor prim. in Freiburg. Bald wurde die Anstellung eines hauptamtlichen Leiters notwendig, und damit der Bau eines Pfarrhauses. Dieses wurde 1910 auf dem Anstaltsgelände errichtet. Seit einigen Jahren sind in ihm noch die fünf Büroräume untergebracht. Im ganzen umfaßt die Anstalt jetzt sechs Gebäude mit 175 Plätzen für Zöglinge und 25 Plätze für Kinder.

Die hauptamtlichen Leiter der Anstalt waren: 1907—1909 Pastor Treutler, jetzt Superintendent in Lüben; 1909—1913 Pastor Linsingen, gestorben; 1913—1925 Pastor Pohl, jetzt Pastor in Ebersdorf, Kr. Sprottau; 1925—1930 Pastor Siegmund-Schultze, jetzt Pastor in Ober-Weistritz, Kr. Schweidnitz; seit 1931 Pastor Kilger. Gegenwärtig kämpft das Heim mit den Schwierigkeiten, die durch die allgemeine wirtschaftliche Lage und durch die Finanznöte des Staates bedingt sind. Der preußische Staat hat seine Zuschüsse für das Jahr 1932/33 gegenüber dem Vorjahr für die Fürsorgeerziehungsbehörde um 40 % gekürzt. Infolgedessen muß die Anstaltserziehung entsprechend eingeschränkt werden. Unser Heim leidet daher gegenwärtig unter Unterbelegung, abgesehen von starker Herabsetzung des von der Provinz gezahlten Pflegegeldes. Die Einschränkung der Fürsorgeerziehung ist eine zweischneidige Maßnahme. Es ist durch Jahrzehnte erwiesen, daß 70% der Fürsorgezöglinge durch die Anstaltserziehung einem geordneten Leben wieder zugeführt werden. Eine große Einschränkung der Anstaltserziehung bedeutet, daß ein großer Teil gefährdeter Jugendlicher dauernder Verwahrlosung anheimfällt, zum Schaden des Volkslebens und der menschlichen Gesellschaft und dann dem Staate durch Straffälligkeit und anders erheblich größere Kosten verursacht, als die Einschränkung der Fürsorgeerziehung einspart. Möge bald wieder eine Zeit kommen, wo unser Heim sowohl wie die ganze Fürsorgeerziehung überhaupt ihr Werk treiben können, ungehemmt durch finanzpolitische Maßnahmen, zum Segen für die gefährdete Jugend und zum Nutzen für die Volksgemeinschaft.


Kilger





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