Erziehung im XX. Jahrhundert/002
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Aus diesem Grunde muss die Erziehung im XX. Jahrhundert eine andere
sein, als es die irgend einer vorausgegangenen Zeit war. Jede Zeit
hat ihre besonderen Kulturaufgaben und ihre eigenen sittlichen
Ideen, die mit ihrer Weltanschauung zusammenhängen. Dies hat
Schleiermacher klar ausgesprochen, indem er es als die Aufgabe der
Erziehung bezeichnete, »den Menschen zum Gesamtleben im
Staate, in der Kirche und im allgemeinen, freien geselligen Verkehr
zu befähigen«. Dadurch wird das individuelle Glück, das wir für den
einzelnen erstreben und durch die Erziehung vorbereiten wollen,
nicht beeinträchtigt. Jeder Mensch muss sein persönliches Glück mit
dem der Gesamtheit in Einklang zu bringen suchen, und jeder
sittliche Mensch wird auch um so glücklicher sein, je glücklicher
er seine Mitmenschen sieht. Die Erziehung hat ihrerseits dafür zu
sorgen, dass möglichst aus jedem Menschen ein glücklicher, d. h.
ein brauchbarer und tüchtiger Mensch werde, eine Persönlichkeit,
die sich willig in die Gesellschaft eingliedert und an ihren
Kulturaufgaben nach Kräften mitarbeitet.
Ob die Erziehung dieses Ziel erreichen oder auch nur einigermassen ihm nahe kommen kann, ist nur zum Teil von ihrer eigenen Wirksamkeit abhängig; die äusseren Verhältnisse, unter denen sie arbeitet und auf die sie in der Regel wenig Einfluss hat, sind dabei oft mächtiger als der Wille des Erziehers. Vor allem aber hängt der Erfolg der Erziehung von der Persönlichkeit ab, die erzogen werden soll, also vom Zögling.
