Deutsche und französische Kultur im Elsass/085
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Aus dieser Betrachtung der einzelnen Bestandteile der
altelsässischen Kultur und ihrer nächsten Zukunft ergiebt es sich
klar, dass diese Kultur zunächst eine Mischkultur bleiben wird, ein
Zustand, der an sich zwar nicht sehr wünschenswert, aber durchaus
nicht so unerhört und verderblich ist, wie oft behauptet wird. Eine
so inhaltsreiche Vergangenheit, wie sie das Elsass unter
französischer Herrschaft erlebt hat, ist eben nicht ohne weiteres
aus der Welt zu schaffen, und es ist ein Gebot der Klugheit für das
herrschende Volk, sich dies immer vor Augen zu halten, da die
fremden oder fremdgewordenen Kulturelemente der Bevölkerung durch
keine Macht der Erde aufgezwungen werden können, sondern von ihr im
Laufe der Zeit früher oder später freiwillig rezipiert werden
müssen. Der Mischcharakter der elsässischen Kultur ist das Resultat
einer jahrhundertelangen Entwickelung, und es wird ähnlicher
Zeiträume bedürfen, bis die Rückbildung sich auf allen Gebieten des
Lebens vollzogen haben wird.
Aber unsere Betrachtungen sollten uns nicht nur ein Urteil über die Kultur der Elsässer ermöglichen, sondern auch Anhaltspunkte zum Vergleich der deutschen und französischen Kultur liefern. Allerdings sind die Beobachtungen im Elsass in einem Punkte unzulänglich. Die französische Kultur der Elsässer giebt nur einen sehr unvollkommenen Begriff von der geistigen Kultur des französischen Volkes. Jedoch ist im Laufe dieser Betrachtungen, besonders bei Besprechung der deutschen Geisteskultur, so oft auf die Eigenart der französischen Geisteskultur hingewiesen worden, dass die unvermeidliche Beobachtungslücke einigermassen ausgefüllt erscheint. Worin besteht zunächst das Wesen der beiden grossen Kulturen, d. h. die übereinstimmenden Züge, die alle Kulturelemente durchdringen und der Kultur einen einheitlichen Charakter geben? denn diese Gemeinsamkeit müssen alle Kulturbestandteile einer nationalen Kultur besitzen, da das Volk, als charakteristisches Individuum gedacht, sich in ihnen allen bethätigt. In der französischen Kultur ist der Mensch das Mass aller Dinge. Der Einzelmensch, das Individuum, ist der Ausgangs- und Endpunkt aller Kultur. So ist die französische Wirtschaft individualistisch, der Bauer, der mittlere und kleine Gewerbetreibende, die Typen individualistischer Wirtschaft, beherrschen sie. Aber auch die Produktion selbst, nicht nur ihre Organisation, trägt diesen individualistischen Charakter. Nicht Massenprodukte, sondern Erzeugnisse des individuellen Geschmacks, der Kunstfertigkeit oder der sorgsamen Pflege
- Bildunterschrift:
- CH. SPINDLER: Elsässische Frauentracht.
