Deutsche und französische Kultur im Elsass/060
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sind ihnen gewisse Begriffe der persönlichen Ehre gemeinsam, die in
der Hauptsache dem militärischen und akademischen Ehrenkodex
entnommen sind. Auch die äussere Lebensführung ist bei diesen
verschiedenen Berufsständen in der Hauptsache gleichartig. Diese
Berufsstände der höheren Verwaltungsbeamten, Richter, Professoren
verschiedener Art und Offiziere halten sich nun untereinander in
der Hauptsache für sozial gleichwertig und werden auch bei gewissen
offiziellen Akten vom Vertreter des Kaisers für sozial auf gleicher
Stufe stehend gehalten. Natürlich giebt es innerhalb dieses Kreises
noch eine engere „Gesellschaft", deren Angehörige sich durch
besonders hohe Stellung, adelige Geburt oder grossen Reichtum
auszeichnen. Aber diese erste Gesellschaft ist nicht streng
geschlossen und auch nicht so einflussreich, wie es oft behauptet
wird. Dem weiteren Kreis der einflussreichen Berufsstände
schliessen sich noch einzelne Angehörige freier Berufe, wie Ärzte
und Rechtsanwälte, an; zu dem engeren Kreis der besten Gesellschaft
müssen unbedingt die altelsässischen Notabeln gezählt werden, die
ihren völligen Frieden mit Deutschland gemacht haben.
Diese höheren Verwaltungsbeamten, Richter, Professoren und Offiziere haben innerhalb der altdeutschen Bevölkerung ein unbestrittenes soziales Übergewicht. Die Ursachen für diese herrschende Stellung sind die mannigfachsten. Zunächst besitzt die Regierung der Bevölkerung gegenüber vermöge der eigenartigen politischen, staatsrechtlichen und verwaltungsrechtlichen Verhältnisse des Elsasses hier viel weitergehende Befugnisse als in irgend einem deutschen Bundesstaat. Im Angesicht der Grenze und innerhalb der grössten Festung des Reiches ist natürlich auch die soziale Stellung des Militärs eine besonders ausgezeichnete. Die zahlreichen Subalternbeamten und militärischen Mannschaften stehen in einem dienstlichen Subordinationsverhältnis, das nach deutscher Sitte auch die unbedingte gesellschaftliche Unterordnung der betreffenden Personen und ihrer Familien mit sich bringt. Die altdeutsche, selbständig erwerbsthätige Bevölkerung ist vorzugsweise auf die Kundschaft der Beamten- und Offizierskreise und der Behörden für den öffentlichen Bedarf angewiesen. Weitaus die wichtigsten Gründe für das soziale Übergewicht dieser Klassen aber sind diese: die erwerbsthätige Bevölkerung altdeutscher Herkunft ist so zusammengesetzt, dass ihr gerade die sozial bedeutsamen oder hervorragenden Klassen ganz oder grösstenteils fehlen. Es giebt keinen altdeutschen Bauernstand, keine grösseren Grundbesitzer, nur ganz wenige Grossindustrielle oder Grosskaufleute. Bis auf die sozialdemokratische Arbeiterklasse besteht kein sozialer Zusammenhang zwischen den altdeutschen und altelsässischen Erwerbskreisen. Andererseits aber ist die sozialherrschende Stellung der Beamten, der Offizierskreise und des Adels in Altdeutschland so sehr die Regel, dass sie auch im Elsass von der eingewanderten Bevölkerung als etwas Selbstverständliches angesehen, und ein durch die Verhältnisse gegebenes stärkeres Hervortreten dieser Stellung kaum empfunden wird.
Die höhere Kultur der Deutschen im Elsass ist nun die Kultur dieser Stände. Überall verkörpern die sozial herrschenden Klassen einer Nation die Kultur der Nation am reinsten und schärfsten. Wie die französische Kultur in allen ihren Hauptzügen sich bei dem erwerbsthätigen Gross- und Kleinbürgerstand am deutlichsten ausgeprägt findet, so kommt die deutsche Kultur bei Gelehrten, Beamten und Offizieren am
- Bildunterschrift:
- P. Braunagel: Fabrikarbeiterin.
