Deutsche und französische Kultur im Elsass/021
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Welche Züge trägt nun die geistige Kultur der Elsässer? — Die
geistige Kultur eines Volkes{,} die Volksbildung, beruht einerseits
auf dem Unterricht, andererseits auf der geistigen Tradition, die
durch die verschiedenartigsten Träger vermittelt wird. Der
Unterricht umfasst alle Schulanstalten von der Volksschule bis zur
Universität. Die geistige Tradition erfolgt auf tausend Arten,
durch die Erziehung, die Kirche und die Litteratur, die Presse,
politische Agitation, den geselligen Verkehr, Reisen, kurz durch
alle Mittel und Gelegenheiten, die den Gedankenaustausch zwischen
den Menschen befördern oder hervorrufen. Es giebt nun Völker, die
ihre geistige Kultur vorwiegend durch den Unterricht erlangen, es
giebt andere Völker, denen die Bildung hauptsächlich durch geistige
Tradition vermittelt wird. Natürlich kann kein modernes Kulturvolk
einer dieser beiden Träger seiner geistigen Kultur entbehren. Aber
es giebt doch ein Vorwiegen oder Zurücktreten des einen oder
anderen bei den verschiedenen Völkern. So ist Deutschland
entschieden ein Land, dessen Volksbildung in erster Linie auf dem
Unterricht beruht. Die deutsche Volksschule, das deutsche Gymnasium
und die deutsche Universität sind die wesentlichen Voraussetzungen
für die geistige Kultur des deutschen Volkes. Die geistige
Tradition war im Vergleich zum Unterricht wenig entwickelt,
höchstens die Litteratur spielte eine gewisse Rolle, Presse und
politische Agitation traten in ihrer Wirkung völlig zurück. Heute
ist es allerdings anders geworden, besonders hat die
Sozialdemokratie durch Presse und politische Agitation die geistige
Kultur der grossen Masse mächtig beeinflusst, aber diese
Erscheinung ist völlig neu und berührt nur bestimmte, allerdings
sehr zahlreiche Volksbestandteile.
Wie steht es nun mit den Grundlagen der französischen Geisteskultur? Es kann darüber kein Zweifel sein, dass der gesamte Unterricht in Frankreich tief unter dem deutschen steht und besonders die Geistesbildung des Volkes weit weniger als in Deutschland bestimmt. Der Volksschulunterricht war bis zur dritten Republik völlig unzulänglich. Es bestand keine allgemeine Schulpflicht, Zahl der Schulen und Vorbildung der Lehrer waren ungenügend, der Einfluss des Klerus blieb ausschlaggebend. Die grosse Zahl der Analphabeten unter den Rekruten und Eheschliessenden legte von dieser Unvollkommenheit des Volksschulunterrichts Zeugnis ab. Heute ist
