Deutsche und französische Kultur im Elsass/013
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des Volkes bemächtigt hat. Einzelne Beispiele mögen diese
Behauptung bestätigen. Wir wissen, dass die Stadt Mülhausen
hauptsächlich deshalb ihre Selbständigkeit aufgab und der
französischen Republik sich unterwarf, weil ihre Industrie ihr
Hauptabsatzgebiet in Frankreich hatte. Also diese Industrie war
schon eher ein Glied der französischen Volkswirtschaft, als ihre
Träger Mitbürger der Franzosen wurden. Umgekehrt sind in keiner
Gesellschaftsklasse des Elsasses die Beziehungen zu Deutschland
lebhafter geblieben als bei den wenigen alten Geschlechtern der
unter- und oberelsässischen Ritterschaft, die die beiden
Jahrhunderte der Zugehörigkeit zu Frankreich hindurch in
fortdauerndem conubium und commercium mit dem badischen, besonders
dem breisgauischen Adel standen. Also die der französischen
Gesellschaftsordnung nicht entsprechende Gesellschaftsklasse des
Adels blieb in innigen Beziehungen zu Deutschland, während die
wirtschaftlich auf Frankreich angewiesene Mülhauser Bürgerschaft
sich erst politisch und dann natürlich auch sozial und kulturell an
Frankreich anschloss. Da nun die elsässische und die französische
Gesellschaftsordnung in allen wichtigen Beziehungen übereinstimmte,
so fand die Trennung von der deutschen und der Eingang der
französischen Kultur seit der definitiven Vereinigung leicht
statt.
Aus dem Gesagten ergiebt sich nun deutlich, wer die Träger der französischen Kultur im Elsass sind: zunächst die Notabeln, vor allem die Fabrikanten und die ländlichen Grossgrundbesitzer und Notare; sie haben sich an die französiche Bourgeoisie angeschlossen; ferner aber auch der städtische Mittelstand, die Kleinbürger, soweit sie auf höhere Kultur überhaupt Anspruch machen. Die bäuerliche Bevölkerung und die Industriearbeiter blieben zwar in Sprache und Sitte deutsch, erblickten aber naturgemäss in der französischen Kultur die Kultur überhaupt und blieben von der Entwickelung der deutschen Kultur völlig abgeschnitten.
Worin besteht nun die französische Kultur des Volkes? zunächst in politischer Beziehung. Dem Elsässer fehlt völlig diejenige Charaktereigenschaft, die man in Deutschland das „monarchische Gefühl" nennt. In Deutschland besteht dieses zunächst in der rein persönlichen Anhänglichkeit an ein konkretes Fürstenhaus, die Hohenzollern, Wittelsbacher etc., und ferner in der durch eine uralte ununterbrochene Unterthanenschaft vermittelten Empfindung, dass die naturgemässe und allein angemessene höchste Obrigkeit nur ein Monarch sein könne. Dieser ganze Ideenkreis ist dem Elsässer seit der grossen französischen Revolution abhanden gekommen. Von einer Anhänglichkeit an ein konkretes Fürstenhaus kann seit dieser Zeit bei dem Elsässer ebensowenig die Rede sein wie von der Überzeugung, dass die Monarchie die naturnotwendige Regierungsform sei. Da dem Elsässer das starke politische Interesse des Franzosen fehlt, so hat er sich in der Regel den wechselnden Regierungsformen in Frankreich ruhig untergeordnet. Nur die Notabelnkreise haben seit alter Zeit eine ausgeprägte politische Stellung, und diese ist streng republikanisch. Bei der Masse der Bevölkerung hat kein Regiment irgend eine besondere Begeisterung oder Anhänglichkeit gefunden. Jedoch prägte die Entwickelung Frankreichs zur Demokratie auch bei dem Elsässer eine demokratische Denkungsweise aus, die sich freilich nur als politische und soziale Grundstimmung, niemals aber in einer hervorstechenden Bethätigung äusserte. Dieser demokratische Zug ist auch heute noch vorhanden und bildet
