Cholera in Hamburg

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Im Sommer 1892 bricht in Hamburg eine Cholera-Epidemie aus, 8605 von 16.956 Erkrankten starben. Die Gebiete, die es am stärksten getroffen hat, sind die Armutsviertel in der Hamburger Innenstadt.

Inhaltsverzeichnis

Cholera - was ist das ?

Die 20bändige Brockhaus-Enzyklopädie (19.Auflage) schreibt 1987: "Cholera [k-] die, -, 1) Humanmedizin: C. asiatica, C. epidemica, infektiöse, epidemisch und endemisch auftretende, meist schwere, akute Darmkrankheit; Erreger ist Vibrio cholerae, ein von Robert Koch entdecktes Bakterium ("Kommabazillus"), das sich vor allem im Dünndarm vermehrt und mit dem Stuhl ausgeschieden wird. Einzige Infektionsquelle ist der Mensch (Kranke und Ausscheider), die Übertragung vollzieht sich vor allem durch Aufnahme der Erreger über verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung (zum Beispiel mit Fäkalien gedüngtes Gemüse), auch durch direkten Kontakt mit Ausscheidern (besonders mit deren Stuhl bei mangelnder Hygiene). Nach einer Inkubationszeit von 1 - 5 Tagen kommt es durch die beim Zerfall der Erreger im Darm freiwerdenden Giftstoffe (Endotoxine) zu Leibschmerzen sowie zu Brechdurchfällen, die an Zahl und Menge zunehmen und schließlich ein "reiswasserartiges" Aussehen haben. Die starken Flüssigkeitsverluste (bis zu 15 Liter pro Tag) führen durch Austrocknung des Körpers zu einem Kollapsstadium mit Blauverfärbung und Untertemperatur, Kreislauf- und Nierenversagen, das rasch zum Tod führen kann (Sterblichkeitsrate 20 - 60 %). Nach Überstehen der Brechdurchfälle kann die Krankheit in 2 - 3 Tagen abklingen oder in fiebrigen Rückfällen auch typhusähnlichen Erscheinungen (C.-Typhoid), teils mit Komplikationen (Bronchopneunomie, Nephritis, Sepsis), fortschreiten. Bei der C. sicca oder fulminans kann es schon vor Auftreten der Brechdurchfälle in wenigen Stunden zum Tod kommen. Daneben gibt es leichte oder symptomlose Infektionen (Cholerine), die bei Epidemien die Mehrzahl der Fälle ausmachen und wesentlich zur Verbreitung der Krankheit beitragen. - Behandlung: Chemotherapie mit Sulfonamiden und Breitbandantibiotika; entscheidend für den Behandlungserfolg ist rechtzeitiger Ersatz von Flüssigkeit und Elektrolyten. - Der Vorbeugung dienen die einwandfreie Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung. Zur individuellen Prophylaxe steht eine aktive Impfung mit abgetöteten Erregern zur Verfügung. - Die C. gehört weltweit zu den quarantäne- und meldepflichtigen Erkrankungen. Sie hat sich von ihren Ursprungsgebieten in SO-Asien in den letzten 170 Jahren in sieben großen Seuchenzügen über weite Teile der Erde ausgebreitet. Die letzte "Pandemie", durch den Erregertyp El-Tor verursacht, erreichte in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts Rußland und Afrika ..."

Soviel aus dem Brockhaus. Die Krankheit wurde gewöhnlich als "Cholera nostras" - also "unsere" Cholera - diagnostiziert. Sie kam jedes Jahr, so wie heute die Grippe. Bei der Hamburger Epidemie 1892 handelte es sich jedoch um die "Cholera asiatica" - das ist "asiatische" Cholera - die wie heute die asiatische Grippe völlig andere Auswirkungen hat.


Die Cholera in Hamburg 1892

Woher der Cholera-Erreger in das Hamburger Trinkwasser kam, wird in der Literatur nicht ganz deutlich. Einerseits kann sie aus Frankreich durch Seeleute eingeschleppt worden sein. Andererseits werden Auswanderer, die aus Rußland via Hamburg nach Amerika wollten, verantwortlich gemacht. Beide Meinungen bieten gute Argumente.

Wie der Cholera-Erreger sich ausbreitete, ist jedoch klar. Die Abwässer gelangten ungefiltert an der Grenze zu Altona in die Elbe. Etwa vier Kilometer flußaufwärts wurde das Trinkwasser im Wasserwerk Rothenburgsort aus dem Fluß entnommen. Der Sommer 1892 war außergewöhnlich heiß. Es kam dadurch nicht allzuviel sauberes Wasser von der Oberelbe. Dazu wurde durch westliche Winde das ablaufende Wasser festgehalten und bei einsetzender Flut zusätzlich weiter nach oben gedrückt. So gelangte das verunreinigte Abwasser bis zur Entnahmestelle und damit in die Trinkwasserversorgungsanlage. Nach ein oder zwei Tagen war das gesamte Trinkwasser infiziert.

Bis zum Abend des 13. August (Sonnabend) hatte der Bauarbeiter Sahling aus Altona auf dem Kleinen Grasbrook im Hamburger Hafen mit etwa 80 weiteren Arbeitern die Sielauslässe gereinigt. Wohl durch das Trinken von Elbwasser erkrankte er am Sonntag an Brechdurchfällen. Am 15. August (Montag) starb er. Der schnelle Tod erinnerte zwar an Cholera; eine bakteriologische Untersuchung unterbleib jedoch.

Der Maurergeselle Kähler hatte auch auf dem Grasbrook gearbeitet und bei der großen Hitze ebenfalls eine Menge Elbwasser getrunken. Er starb am 16. August (Dienstag) im Eppendorfer Krankenhaus. Aufgrund diagnostischer Unzulänglichkeiten konnten Choleravibrionen aus seinen Ausscheidungen bzw. Organen erst am 21. August nachgewiesen werden.

Das "Hamburger Fremdenblatt" schrieb am 17.08.1892 beschwichtigend: "Die Gerüchte, daß in unserer Stadt mehrfach Choleraerkrankungen mit nachfolgendem Tod in letzter Zeit vorgekommen sein sollen, bestätigen sich unserer Information zufolge nicht. In jedem Jahr in der heißen Jahreszeit kommen hier ähnliche Cholerine-Fälle vor."

Zwischen dem 16. und 18. August erkrankten 16 weitere Personen. Am 20. August begann die Seuche, sich über das gesamte Stadtgebiet auszubreiten, wobei die unhygienischen Wohnverhältnisse in den Armenquartieren der Alt- und Neustadt einen idealen Nährboden bildeten. Es gab bereits 115 Erkrankungen und 36 Tote. Laut Presse hörte man von "choleraähnlichen Erkrankungen" in Wilhelmsburg, Reiherstieg, Altenwerder, Billhorner Deich und Barmbek. Trotz des oft schnellen und tödlichen Verlaufs bezeichneten die Ärzte sie immer noch verharmlosend als "Cholerine".

Dr. Weiser, Arzt im preußischen Altona, fuhr am 22. August nach Berlin zu Professor Dr. Robert Koch (1843-1910), dem "Geheimen Medicinalrath" am Kaiserlichen Gesundheitsamt, um ihm die Bakterienkulturen persönlich vorzulegen. Koch hatte 1883 den Cholera-Erreger (wegen seines Aussehens Kommabazillus genannt) entdeckt und war eine anerkannte Autorität. Noch am selben Tag bestätigte er die Diagnose "Cholera asiatica".

Robert Koch traf am 24. August in Hamburg ein. Er berichtete nach Berlin: "Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, in der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße." Sein vernichtendes Urteil über Hamburg gipfelte in dem Satz: "Meine Herren, ich vergesse, daß ich in Europa bin."

Nachdem Robert Koch das Hamburger Trinkwasser als "verpestet" bezeichnet hatte, wurde die Bevölkerung durch Plakate vor dem Genuß ungekochten Leitungswassers gewarnt. Abgekochtes Wasser sollte nicht nur zum Trinken, sondern auch zum Reinigen von Eß- und Trinkgeschirren benutzt werden. Durch die Stadt fuhren Faßwagen und verteilten das abgekochte Wasser gratis. Die Plakataktion war ein zweifelhaftes Unterfangen. Viele Menschen in den Gängevierteln konnten nicht lesen.

Ende August 1892 spitzte sich die Lage zu. Am 27.08. gab es bei 1024 Erkrankungen 414 Todesfälle, am 28.08. waren es bei 936 Erkrankungen 427 Tote, am 29.08. starben von 935 Erkrankten 428 und endlich am 30.08. gab es bei 1008 Erkrankungen 537 Todesfälle. Wobei die Angaben von Quelle zu Quelle variieren.

Vierzig Kolonnen wurden zur Desinfektion mit übelriechendem Chlorkalk, Lysol, Karbol und Creolin verseuchter Häuser und Wohnungen gebildet. Ständig fuhren Krankenwagen. In den großen Sälen der Hospitäler lagen dichtgedrängt die Kranken. Als die Hospitäler nicht mehr ausreichten, wurden "Cholera-Baracken" neben dem Alten Allgemeinen Krankenhaus in der Lohmühlenstraße und dem Seemannskrankenhaus in St. Pauli errichtet. Da es an Särgen fehlte, wurden in den Schreinerwerkstätten der beiden Allgemeinen Krankenhäuser (St. Georg und Eppendorf) Tag und Nacht eilig aus rohem Holz viereckige Kisten mit flachem Deckel, sogenannte "Nasenquetscher", gezimmert. In ihnen fanden die Opfer in der Regel unbekleidet ihre letzte Ruhe. Innerhalb von 24 Stunden sollten die Choleraleichen beerdigt werden. Um die Opfer aus den verschiedenen Vierteln nicht durch die ganze Stadt fahren zu müssen, wurden in allen Stadtteilen provisorische Leichenhallen errichtet. Der Leichenwagen fuhr von nun an vor das betroffene Haus, die Leichenträger legten den Verstorbenen in ein karboldurchtränktes Leinentuch und schleppten ihn, nachdem sie ihm einen Zettel mit seinem Namen an die Brust geheftet hatten, in den Wagen. Die Träger "desinfizierten" sich selbst häufig mit reichlich Alkohol. Daß "Schnaps is' gut 'gen Cholera" nicht stimmte, wurde ihnen durch die Behörde mitgeteilt. Erst wenn das Fahrzeug voll war, lieferte der Kutscher seine "Fracht" an die nächste Leichenhalle ab. Gewöhnlich verstaute man 50 - 70 Kisten in Möbelwagen, die dann oft erst abends nach Ohlsdorf, dem neuen Zentralfriedhof Hamburgs, fuhren. Dort schaufelten in Tag- und Nachtschichten je 125 Arbeiter Gräber für die Cholera-Opfer.

Ein Flugblatt, in 300.000 Exemplaren gratis verteilt, enthielt neben den bereits wiederholt bekanntgegebenen Vorsichtsmaßregeln auch eine Gegenüberstellung von verbotenen und erlaubten Speisen und Getränken. Dazu fragte der Hygieniker Professor Ferdinand Hueppe aus Prag: "Was nutzt es, einem Menschen Quellwasser oder Rotwein zu empfehlen, wenn er nur schlechten Branntwein zum schlechten Wasser hat? Was soll sich ein armer Teufel denken, wenn er von Untersuchungen über die Beziehungen der Commabazillen zum Caviar oder zu Südfrüchten hört, während er sich kaum ein Stück Brot oder eine Kartoffel verschaffen kann? Was soll man sich eigentlich bei der Desinfektion von Leuten denken, die nicht einmal Wasser zum Waschen haben."

Nach zehn Wochen - also Ende Oktober bis Anfang November - endeten die Todesfälle. Endlich am 16. November 1892 wird die Stadt Hamburg amtlich für seuchenfrei erklärt.

Das gesamte Ausmaß der Choleraepidemie mögen folgende Zahlen deutlich machen. 1892 hatte Hamburg etwa 640.000 Einwohner. Von den erkrankten 16.956 Personen starben 8.605.

Auf dem Hauptfriedhof Hamburg-Ohlsdorf erinnert ein Gedenkstein auf der Südseite der Cordesallee zwischen Ringstraße und Waldstraße/Oberstraße an die Epidemie. Seine Inschrift lautet:

DIE CHOLERA FORDERTE 1892 MEHR ALS 8500 OPFER. DIE MEISTEN WURDEN HIER BEGRABEN.

VERANTWORTUNG FÜR DIE UMWELT UND IHRER LEBENSQUELLEN SEI UNS IHRE MAHNUNG.

PATRIOTISCHE GESELLSCHAFT VON 1765 IM SEPTEMBER 1992.

Bücher oder Aufsätze zu diesem Thema

Evans, Richard J.: Tod in Hamburg, Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910, Reinbek bei Hamburg 1990, ISBN 3-498-01648-1

Meng, Alfred: Geschichte der Hamburger Wasserversorgung, Hamburg o.J.[1993], ISBN 3-929229-15-3

Schütt, Ernst Christian: Chronik Hamburg, 2.akt.Aufl., Gütersloh/München 1997, ISBN 3-577-14443-2

Verg, Erik: Das Abenteuer das Hamburg heißt, Der weite Weg zur Weltstadt, 2.überarb. u. ergänzte Aufl., Hamburg 1997, ISBN 3-89234-223-7


Bücherei der Genealogischen Gesellschaft Hamburg

Deneke, Theodor: Die Hamburger Choleraepidemie 1892, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Band XXXX, S.124-158, Hamburg 1949, (GGHH: 67/6)

Rosenfeld (Text), Dr. Angelika: Hamburg in den Zeiten der Cholera, Veranstaltungen zur Erinnerung an die Epidemie von 1892, Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales (Hg.), Hamburg 1992, (GGHH: 68.358)

Thinius, Carl: Vor 75 Jahren, Die Cholera wütete in Hamburg, Eine Chronik der Cholera-Epidemie im Jahre 1892, 12. Ausstellung der Vereinigung der Hamburgensien-Sammler und -Freunde e.V., Hamburg 1967, (GGHH: 68.331)

Winkle, [Prof.Dr.med.], Stefan: Geisseln der Menschheit, Kulturgeschichte der Seuchen, Düsseldorf 1997, ISBN 3-538-07049-0, (GGHH: 12.21)

Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg

352.2 Gesundheitsbehörde. Todesbescheinigungen

611-20/3 Unterstützungsverein während der Cholera in Hamburg 1831

611-20/19 Cholera-Notstandscomité, Hinterbliebenenversorgung

Internetlinks zu diesem Thema

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