Bergisches Botenamt Gladbach/Vorwort 2
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[bearbeiten] VORWORT
Bergisch Gladbach hat im neunzehnten Jahrhundert, insbesondere seit der Verleihung der Stadtrechte im Jahre 1856, eine rasche Aufwärtsentwicklung erlebt. Während damals die junge Stadt noch keine 5000 Seelen zählte, waren kaum hundert Jahre später, also 1956, bereits mehr als 36 000 Einwohner gemeldet.
Es mutet uns heute sonderbar an, wenn wir Vincenz von Zuccalmaglio 1846 über die Bürgermeisterei Gladbach berichten hören, daß die Einwohner des Botenamtes auf hundertfünfzig namhaften Hofstellen zerstreut lebten. „Kein einziges richtiges Dorf ist in der Bürgermeisterei. Um die Kirchen liegen nur wenige Schenken. Die größten Weiler sind Nußbaum, Hand und Hebborn in Paffrath, jeder von etwa zwanzig Häusern. Die beiden Gemeinden Gladbach und Gronau besaßen im Jahre 1773 eine Einwohnerschaft von 698 Köpfen in 120 Wohnhäusern, gegenwärtig aber 430 Häusern 2050 Einwohner, worunter 250 Evangelische. Paffrath und Kombüchen zählten in jenem Jahre 871 Einwohner in 158 Häusern, jetzt aber beinahe 2000. Sand, welches damals 191 Einwohner in 32 Häusern zählte, hat jetzt aber beinahe 400 Einwohner auf 50 Feuerstellen. Der Viehbestand betrug im Jahre 1773 für die ganze Bürgermeisterei 43 Pferde, 179 Ochsen und 630 Kühe, jetzt sind vorhanden 120 Pferde, 84 Ochsen und ungefähr 1000 Stück Kühe."
Die Vorbereitung zur Jahrhundertfeier des Jahres 1956 gab den Anlaß, den Heimatforscher Dr. Anton Jux zu bitten, dem Werden des Gemeinwesens nachzuspüren und es in Form einer quellenkundlichen Sammlung darzustellen.
Am 15. April 1959 berichtete Dr. Anton Jux in einem längeren Schreiben an die Stadt über das Ergebnis seiner Bemühungen. Wir lesen unter anderem: „ ... dann ist mir die Erkenntnis gekommen, daß es z. Z. nicht möglich ist, das umfangreiche Material in einem Bande zu bewältigen ... Da bereits drei Stoffgebiete der Stadtgeschichte im wesentlichen bearbeitet sind (siehe nachfolgende Gliederung), wäre es auch unzweckmäßig gewesen, die Ergebnisse dieser Werke einfach zu übernehmen und erneut zu drucken.
Diese drei Untersuchungen weisen den Weg zu einer Reihe geschichtlicher Darstellungen für Bergisch Gladbach, wie folgt:
- Die Bergisch Gladbach-Paffrather Kalkmulde nebst dem heimischen Bergbau und der Ton- und Kalkindustrie.
- Das Bergische Botenamt Gladbach.
- Die Strunde nebst der Bach- und Waldgrafschaft und der untergegangenen Mühlenindustrie des Mittelalters.
- Die Papiermühlen und Papiermacher des bergischen Strundertals. Von Dr. Ferdinand Schmitz (Das 1921 erschienene Werk müßte dem Stande der Forschung angepaßt und bis zur Gegenwart fortgeführt werden.)
- Die Geschichte der alten Pfarren Paffrath, Gladbach und Sand.
- Die Johanniter-Kommende Herrenstrunden nebst Pfarrgeschichte. Von Dr. Anton Jux. (1956 Band 2 der Heimätschriftenreihe der Stadt Bergisch Gladbach.)
- Die Geschichte der evangelischen Gemeinde Bergisch Gladbach. Von Ludwig Rehse. (Das 1900 erschienene Werk müßte bis zur Gegenwart fortgeführt werden.)
- Bergisch Gladbach in preußischer Zeit von 1815—1945 (nebst einer Darstellung der Geschichte der Schulen und der neuen Industrien). Es könnten sich vielleicht noch anschließen: Die Flurnamen der Stadt Bergisch Gladbach. Wörterbuch der Bergisch Gladbacher Mundart. Das Volkstum der Stadt Bergisch Gladbach.
Die vorgenannten Werke von Schmitz und Rehse sind seit Jahrzehnten vergriffen. Die Darstellung über das Bergische Botenamt Gladbach ist fast druckfertig gediehen. Da ich zu Ostern 1960 in den Ruhestand trete (was den Hauptberuf angeht!), würde ich die nötige Zeit gewinnen, die weiteren Bände, für die ich den weitaus größten Teil des Stoffes bereits seit Jahren gesammelt habe, zu bearbeiten. Etwa jedes Jahr könnte ein neuer Band vollendet werden. Mir persönlich liegt es sehr am Herzen, daß das Werk zustande kommt, da die Heimatforschung für unser Stadtgebiet leider ohne Nachwuchs dasteht und Jahrzehnte für eine gründliche Einarbeitung in den Stoff erforderlich sind. Auch verfüge ich — wahrscheinlich als einziger — über fast die gesamte für die Stadt Bergisch Gladbach in Frage kommende Literatur und die wertvollen persönlichen Beziehungen zu den Archiven im In- und Auslande ..." Genau einen Monat nach diesem Brief, am 15. Mai 1959, entriß ein plötzlicher Tod den verdienten Heimatforscher einem Wirken, dem so weit gespannte Ziele gesetzt waren. Die vorliegende Arbeit „Das Bergische Botenamt Gladbach" lag bei seinem Tode fast druckfertig vor. Es ist bei der Veröffentlichung kaum etwas an der ursprünglichen Textabfassung geändert worden. Lediglich einige, in der Gliederung angegebene Abschnitte, nämlich „Einleitung", „Das altbergische Amt Porz (Bensberg)" und „Münzen, Maße und Gewichte in bergischer Zeit" sind aus schon veröffentlichten Arbeiten des Verfassers wörtlich eingebaut worden. Veränderungen, die sich infolge der regen Bautätigkeit im Stadtgebiet nach dem Tode von Dr. Anton Jux ergaben, sind durch einige ergänzende Fußnoten angezeigt. Ein in der Gliederung angegebener Teil, „Das peinliche Gericht in Paffrath", mußte allerdings fortgelassen werden, da er im Manuskript noch nicht abgeschlossen war. Die zusammenfassende „Geschichte Bergisch Gladbachs im Wandel der Zeiten" wird weiterhin ausstehen. Die Nachfahren müssen dankbar sein, daß Dr. Anton Jux in jahrzehntelanger Forschertätigkeit uns nicht nur das vorliegende, im wesentlichen abgeschlossene Werk, sondern im Nachlaß noch ein reiches Erbe hinterlassen hat. Die im vorerwähnten Brief angeführte Gliederung wurde nicht zuletzt deshalb hier veröffentlicht, um späteren Heimatkundlern Möglichkeiten zu zeigen, im Sinne des verdienten Heimatforschers Dr. Anton Jux weiterwirken zu können. Bergisch Gladbach hat eine beachtenswerte — wenn auch bisher zumeist nicht richtig gesehene — Geschichte. Mit ihrer Darstellung wird einmal eine unabdingbare Verpflich-
tung, die jeder Generation aufgetragen ist, gegen die Ahnen, ihr Werk und ihr Wirken eingelöst werden. Die Stadt Bergisch Gladbach hat allen zu danken, die an dieser Arbeit mitwirkten, dem Sohn des Verstorbenen, Herrn Prof. Dr. Ulrich Jux, der das nachgelassene Werk der Stadt übergab, und Herrn Regierungs-Vizepräsidenten Dr. Strutz †, dem Vorsitzenden des Bergischen Geschichtsvereins e. V., der mit sachkundiger Kritik am Manuskript letzte Hand anlegte. Der Druck dieses wertvollen Beitrags zur Stadtgeschichte wäre aber nicht ohne die Förderung des Kulturausschusses und das stete Bemühen des Städtischen Kultur-beauftragten Direktor H. W. Kranzhoff möglich gewesen. Nicht zuletzt schuldet die Stadt einen besonderen Dank dem Rheinischen Landschaftsverband, der durch seine finanzielle Unterstützung weitere Schwierigkeiten aus dem Weg räumte. Bergisch Gladbach, im Januar 1963 *
Wachendorff Bürgermeister
Dr. Kentenich Stadtdirektor
(*)Die Herausgabe verzögerte sich wegen drucktechnischer Schwierigkeiten, der zeitraubenden Besorgung von Unterlagen für eine möglichst umfangreiche Bilddokumentation und der nachträglichen Aufstellung des Registerteiles.
