Bergisches Botenamt Gladbach/II. Die Vor- und Frühgeschichte
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II. DIE VOR- UND FRÜHGESCHICHTE
Ein Gebiet wie die Bergisch Gladbach-Paffrather Mulde, das erdgeschichtlich eine eng zusammengedrängte Fülle von Besonderheiten aufweist, reizt geradezu, den ersten Spuren menschlicher Besiedlung nachzugehen, zumal diese in unlösbarer Verbindung zu der Beschaffenheit und dem Werden des Bodens stehen müssen. Dabei wäre es an sich verlockend, die zweifellos unseren Raum aufs stärkste beeinflussenden Nachbargebiete in die Betrachtung einzubeziehen. Allzu nahe liegt im Norden das Neandertal mit seinen weltberühmten Funden aus der Eiszeit, noch näher im Westen die Rheinische Nieder- und Mittelterrasse, die mit ihren Fossilien Zeugen riesenhafter Urwelttiere ans Licht brachten. Darauf kann hier nur hingewiesen werden. Wenn aber selbst dicht am Rande der Mulde die Erde ihre Zeugnisse hergibt, so dürfen sie nicht übersehen werden; denn sie sprechen zugleich für die Verhältnisse im Nachbarbereich. Es kann nicht daran gezweifelt werden, daß schon zur Zeit des Neandertalers in der älteren Steinzeit Menschen den Gladbacher Boden betreten, wenn nicht gar dort gehaust haben. Im Jahre 1952 wurde bei Greuel im ungestörten, letzteiszeitlichen Löß auf einem Grundstück des Verfassers ein Zeuge für diese Tatsache entdeckt. Es ist ein Rundkratzer aus ortsfremdem dunkelrotem Quarzit, mit deutlichen Retuschen. Die Forscher Walter Lung und Doz. Dr. Karl J. Narr untersuchten und bestimmten ihn *5). Die bisherige Einmaligkeit eines solchen Fundes läßt vermuten, daß dieses primitive Werkzeug durchziehenden Jägern entfallen sein könnte, die hier auf hochliegendem Luginsland einst Rast machten. Denn spärlicher Pflanzenwuchs bot damals auch am bergischen Höhenrande dem Wilde Nahrung, und die Hülse (Ilex) hat hier sogar seit älteren Warmzeiten ihre Standorte gewahrt. — Ein Quarzitfaustkeil dürfte im Königsforst auf ähnliche Weise
östlich von Köln, ebd. 104,2 (Stuttgart 1956) S. 226—254. — M. Schwarzbach und Ulrich Jux, Geologische Wanderungen in und um Köln, in: Kölner geologische Hefte Nr 4 (Köln 1955). — Ulrich Jux, Die devonischen Riffe des Rheinischen Schiefergebirges, in: Neues Jahrbuch für Geologie und Paläont. Abh., 110,2/3 (Stuttgart 1960) S. 186—391. — Derselbe, Sedimentologische und biostratinomische Beobachtungen im Oberen Plattenkalk von Bergisch Gladbach, ebd., Mh., 1963, 6 (Stuttgart 1963) S. 308—319. — Anton Jux, Petrefaktensamm-ler in der Bergisch Gladbach-Paffrather Kalkmulde, in: Bergischer Kalender 1958 S. 59 ff. (*5) Der Fund befindet sidi in der Sammlung des Geologischen Instituts der Universität Köln.
verloren worden sein, ebenso eine Feuersteinspitze bei Nittum, die sogar beweist, daß jene Jäger den Rohstoff für ihre Waffen bereits von weither holten oder einhandelten. Für die mittlere Steinzeit, die Nacheiszeit, etwa 8000—4000 v. Chr., mehren sich die Gerätefunde. Beim Sandgraben und anderen Erdarbeiten sammelte man nordwestlich Hebborn, östlich vom Mutzer Feld, zahlreiche Feuersteinklingen, Schaber, Spitzen, darunter das Bruchstück einer Gravettespitze, zahlreiche Mikrolithen (Kleinstwerkzeuge), ein großes Quarzitgerät und eine Pfeilspitze mit leicht konkaver Basis. Auch nördlich von Hebborn, südlich vom Hebborner Hof, fielen ähnliche Funde in Mengen an: kleine Kratzer, Mikrolithen, Federmesserchen, Klingenbruchstücke und Abschläge, alles Dinge, wie sie Jägern und Früchtesammlern zu dieser Zeit vonnoten gewesen sein mögen. Dafür sprechen auch wohl ein Feuersteinklingenkratzer aus einer Kiesgrube zwischen dem Mutzer Feld und Nußbaum, zwei Feuersteinabsplisse bei Großbüchel in der Nähe Paffraths, sowie andere Feuersteinartefakte und Absplisse südlich von Herrenstrunden, weiter eine große Quarzitspitze südlich vom Rodenbach und eine Feuersteinspitze bei Heide (Hand). Sind die Funde im einzelnen auch vielleicht unscheinbar, so ist man angesichts ihrer großen Zahl doch geneigt, bereits für die mittlere Steinzeit — etwa für das Hebborner Gebiet bis Voiswinkel hin — eine feste Besiedlung anzunehmen, selbst wenn man manche Geräte in die jüngere Steinzeit, 4000—2000 v. Chr., verweisen müßte. Für diese liegen weitere sichere Zeugnisse vor. Ein verbessertes Klima begünstigte damals das Auftreten der ersten wärmeliebenden Waldbäume. Eiche, Ulme und Linde bedingten Wildreichtum und lockten die Menschen, deren Rassezugehörigkeit wir nicht kennen, wenn wir auch in ihnen Schnurkeramiker — diese drückten ihren Tongefäßen Verzierungen mit einer Schnur ein —, Vertreter der Michelsberger Kultur und Rössener Leute (benannt nach Gräberfunden bei dem Orte Rossen, bei Merseburg) vermuten. Zum Verwerten des Holzes fertigten sie Steinbeile selbst an oder benutzten eingehandelte. So kam ein beschädigtes, spitznackiges, walzenförmiges Felsgesteinbeil (17,5 cm lang) bei Drainagearbeiten südlich der Kieppemühle am Brunhildenpfad zum Vorschein, ebenso ein Feuersteinbeil (10 cm lang) mit breitem Nacken südwestlich vom Mutzer Feld, ferner das Bruchstück eines geschliffenen, spitznackigen Beiles aus Grünstein (8,5 cm lang) mit ovalem Querschnitt südlich von Nußbaum. Als Bauern und Viehzüchter saßen jene Menschen, die uns diese Steinbeile hinterließen, an den Randhöhen unserer Heimat. Sie waren ohne Zweifel hier auch während der Bronzezeit, 2000—1000 v. Chr., jedoch sind ihr angehörige Geräte im Gladbacher Räume noch nicht aufgedeckt worden. Man geht nicht fehl, wenn man annimmt, daß der bloße Metallwert solcher Stücke die Menschen bereits in früheren Jahrhunderten zum Suchen und Ausräumen der Fundstätten antrieb, wie es wohl im gesamten Rheinland geschah. Unverständlicherweise werden aber auch heute noch wichtige Funde von unwissenschaftlich denkenden „Sammlern" verborgen gehalten. Etwa mit dem Jahre 1000 setzt für unsere Heimat eine neue Kulturperiode ein, die Eisenzeit, deren erste Phase bis 400 v. Chr. gewöhnlich Hallstattzeit genannt wird. Aus dem Süden zog ein Volk heran, das in großer Zahl auf der Mittelterrasse von Siegburg bis Opladen siedelte, sich aber auch auf die sandigen Fluren an den Randhöhen wagte. Diese Menschen verbrannten ihre Toten, sammelten die Knochenreste und die Asche in Urnen und setzten sie in niedrigen Grabhügeln bei. So liegen oder lagen dicht am Westrand des Gladbacher Gebietes auf der Iddelsfelder Hardt ein Gräberfeld von über tausend Hügeln, andere Urnenfelder nördlich von Dellbrück und im Walde bei Dünnwald. Es ist ganz klar, daß sie nur von großen Dörfern hinterlassen werden konnten. Man darf auch vermuten, daß sich diese Menschen auch des östlich anschließenden Gladbacher Gebietes angenommen und es genutzt haben, wenn ihnen auch das sumpfige Kernstück beiderseits des heutigen Strundelaufes verwehrt bleiben mußte. Wo aber ein Siedeln möglich war, haben sie zweifellos gesessen und die Nachfolge der jungsteinzeitlichen Vorgänger angetreten. Am Mutzer Feld deckte Walter Lung mehrere hallstattzeit-liche Gräber auf, denen er Urnen mit Schalen entnahm, ebenso Scherben einer weitbauchigen Urne mit Zickzackrand und eingedellten Rosetten. Ferner fanden sich hier Bronzeohrringe und sonstige Bronzebruchstücke. Ein weiteres Grab dieser Zeit wurde zwischen Neuenhaus und Sträßchen nördlich vom Freibad angeschnitten. Es enthielt eine Urne mit scharfem Bauchumbruch, leicht gewölbter Wandung, etwas vorgezogenem Hals und kurzem Rand (17 cm hoch); außerdem eine konische Schale mit leicht aufbiegendem Rand. Nach Mitteilungen von Anwohnern soll hier auch früher schon ein Urnengrab festgestellt worden sein. — Mehrere Grabhügel aus der Hallstattzeit wurden nahe der Gastwirtschaft Flora an der Alten Wipper-fürther Straße aufgedeckt. In einem Hügel von 18 m Durchmesser und 0,75 m Höhe fanden sich eine Urne mit Schale in einer Brandschicht; in einem Hügel von 12 m Durchmesser und etwa 0,75 m Höhe eine Urne und Schale mit Graphitbemalung; in einem Hügel von etwa 8 m Durchmesser und 0,75 m Höhe eine Urne mit Strichverzierung und eine Schale; in einem Hügel von 6,50 m Durchmesser und etwa 0,50 m Höhe eine ausladendbauchige Urne mit nicht sehr scharfem Bauchumbruch, ziemlich gerader Wendung, kleiner Standfläche, scharf abgesetztem Schrägrand und aufgemaltem Zickzackornament oder Muster von hangenden Dreiecken, eine Schale, sowie Reste von Bronzeblech und Bronzedraht; ein weiterer Hügel war leer; 25 andere waren vor der Untersuchung bereits früher geleert und zerstört worden. — Aus einer Sandgrube bei Selsheide rühren mehrere hallstattzeitliche Urnen und sonstige Gefäße. Hier enthielt ein wahrscheinlich geschlossener Grabfund eine Urne mit scharfem Bauchumbruch und zylindrischem Hals, Resten von Bronzeringen und möglicherweise auch einer Nadel. — Andere Grabhügel bei Katterbach sind leider schon in früherer Zeit dem Pflug und sonstigen Bodenbewegungen zum Opfer gefallen. Verständnislosigkeit, Unachtsamkeit, aber auch primitive Habgier verschuldeten hier für die Geschichtsforschung recht bedauerliche Verluste. In die Hallstattzeit führt vermutlich auch ein besonders bemerkenswerter Fund nordwestlich von Herrenstrunden auf dem Bücheier Berg zurück, den ein Bauer im Jahre 1923 beim Pflügen aus der Erde hob. Es handelt sich um einen Mahlstein aus Kalkstein, wie er dort in der Nähe ansteht, mit einem Reiber aus Niedermendiger Basaltlava. Durch Hin- und Herbewegen des kleinen Reibers auf dem größeren Reibstein wurden die Getreidekörner zerquetscht und zerkleinert. So bildet dieser Fund zugleich ein erstes sicheres Zeugnis für heimischen Ackerbau in einer Zeit, als es hier noch keine Wassermühlen gab *6).
(*6) Vgl. Anton Jux, Herrenstrunden S. 10 f. Dort ausführlichere Angaben. Es sei bemerkt, daß diese Mahltechnik auch heute noch mit gleichem Werkzeug angewendet wird — so z. B. von der mexikanischen Landbevölkerung.
Welchem Volke die Urnenfelderleute der Hallstattzeit angehörten, ist noch nicht geklärt. Wohl können wir sagen, daß sie keine Germanen waren. Diese erschienen erst seit dem Jahre 500 v. Chr. östlich von Köln am Rhein und nahmen das Land zwischen Sieg und Wupper in Besitz. Es waren die Sugambrer, die später in scharfen Grenzkampf mit den Römern gerieten. Zwar errichteten sie vermutlich auch die Erdenburg bei Bensberg, eine große Bergfestung mit drei Wällen, Spitzgräben, Brustwehren und Wehrgängen, dazu einer Toranlage, zur Abwehr der erwarteten Römer. Doch kamen die Sugambrer nicht zur kriegerischen Ausnutzung der nach den Grabungen derartig gedeuteten Anlage, sondern wurden selbst noch vor der Zeitenwende auf das linksrheinische und römisch besetzte Gebiet übergeführt. Ihnen ist vielleicht auch die Eisengewinnung aus Raseneisenerzen und deren Verhüttung in Feldöfen im Königsforst und bei Katterbach zuzuschreiben. In das zunächst menschenleere Niemandsland schoben sich bald neue Germanen swebi-schen Stammes ein, diese hinterließen auf den Altsiedelgebieten der Mittelterrasse zahlreiche Gräber, u. a. auf der Iddelsfelder Hardt, im Mutzer Feld und bei Lustheide. Hier fanden sich neben Gefäßen germanischer Form, etwa Fußvasen, auch solche, die als römische Handelsware zu deuten sind. Aus einer Siedlungsstelle mit Pfostenlöchern, einer schwarzen Grube in 80 cm Tiefe, in der man ein Brandgrubengrab erblicken könnte, ferner aus weiteren kaiserzeitlichen Brandgruben und Urnengräbern und aus „Knochennestern" in der Erde holte man neben einem Gefäß und Scherben eines Kumpfes mit eingebogenem Rand Sigillataschüsseln und andere römische und germanische Scherben heraus. Es fanden sich außerdem Eisenbeschlagstücke mit anhaftenden Bronzeresten, der silberne Bügelteil einer Trompetenfibel, ein Bruchstück bronzener Fibelspiralen, eine Gürtelschnalle, das Bruchstück eines Schleifsteins und Basaltlavastücke. Alle diese Dinge geben Hinweise auf Kulturzustände bei jenen Menschen, die sie einst gebrauchten und in unserer Heimat wohnten. An der Flora entdeckte man ein Grab, das vermutlich in einem schon ausgeräumten alten Grabhügel angelegt worden war und ein Skelett mit einer Sigillataschale enthielt. Auch zwischen Paffrath und Dellbrück fand man ein kaiserzeitliches Urnen- und Brandschüt-tungsgrab mit einer Sigillataschüssel. Es bestanden demnach Handelsverbindungen zu den Römern hin, jedoch in geringem Maße — andernfalls würde man häufiger auf vergrabene oder verlorene römische Münzen stoßen, wenn man nicht überhaupt das Tauschgeschäft bevorzugt hatte. Bei den angeblichen Funden im Kalksteinbruch am Klutstein kann es sich nur um späte Streufunde aus Köln verschleppter Stücke handeln. Jedenfalls ist bisher kein weiterer Hinweis dafür erbracht worden, daß die Römer hier Kalk gebrochen und geholt hätten. Abgesehen davon, daß der völlig unwegsame Bruchstreifen im Rheinvorland die Beförderung fast unmöglich machte und die Römer im rechtsrheinischen Gebiet außerhalb des Limes überhaupt keine Straßen gebaut haben, wissen wir mit Sicherheit, daß sie die Kalkvorkommen in der Eifel bei Sötenich ausbeuteten. Es ist noch bemerkenswert, daß die Urnen und Scherben seit der Hallstattzeit ihrem Ton-Rohstoff nach vermuten lassen, daß bereits bis dahin die Anfänge der Töpferei im Paffrather Gebiet zurückgehen, wie schon Vinzenz von Zuccalmaglio annahm. Vorgeschichtliche Scherben, deren genaue Datierung noch nicht möglich war, fanden sich südlich von Herrenstrunden und südlich vom Hebborner Hof, darunter hier ein Randstück mit nach innen abgeschrägter Randlippe. Zweifellos werden in der Zukunft noch viele andere verborgene Zeugnisse der Vor- und Frühgeschichte unserem Heimatboden entrissen werden und ihn zum Sprechen bringen und dann eher ermöglichen, mehr oder weniger getreue Kulturbilder jener fernen Zeiten nachzuzeichnen. Es bleibt dabei nur zu hoffen, daß jeder Kanal- oder Kelleraushub verständnisvoll gesichtet wird. Um so mehr muß man den Mut bewundern, mit dem bereits im Jahre 1923 Gertrud E. Fauth ihr Buch „Die Leute vom Hadborn" (320 S.) in Berlin erscheinen ließ, in dem sie ohne Kenntnis der späteren Bodenfunde in diesem Gebiete aus reiner tiefer Einfühlung heraus das Leben der aus dem Osten zum Rhein gezogenen Germanen als Bauern auf dem Hebborner Hof und ihre kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Vorbewohnern und Römern romanhaft schilderte. Sie bot keine geschichtliche Wahrheit; diese wurde uns erst durch die mühe- und entsagungsvolle Arbeit wissenschaftlich gründlicher Forschung vermittelt, die auf dem Werke Carl Rademachers aufbaute und noch in vollem Gange ist*7).
(*7) Der vorstehende Abschnitt stützt sich vornehmlich auf die Quellenzusammenstellung bei A. Marschall, K. J. Narr, R. v. Uslar, Die vor- und frühgeschiditliche Besiedelung des Bergischen Landes, 2BGV 73 (1954) S. 90 ff. und W. Lung, Bergisch Gladbach und das Bergische Land in vorgeschichtlicher Zeit, in: 100 Jahre Stadt Bergisch Gladbach (1956) S. 51 ff.
