Bergisches Botenamt Gladbach/I. Die erdgeschichtliche Entwicklung

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I. DIE ERDGESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG

Eine Darstellung der Geschichte von Bergisch Gladbach muß sich notwendigerweise mit dem Werdegang ihres ganzen Gebietes in der Vergangenheit befassen und so weit zurückgreifen, wie es irgend möglich ist. Da ergibt sich die erstaunliche Tatsache, daß die Gladbacher Erde selbst in seltener Eindringlichkeit und Vielfalt Zeugnisse ihrer Entwicklung darbietet und die Geologen seit zwei Jahrhunderte zur Durchforschung anlockte. Das Gladbacher Gebiet erstreckt sich über die Ablagerungen eines flachen Meeres, das in der Devonzeit *2), vor etwa 350 Millionen Jahren, weite Teile von Nord- und Südeuropa überflutete. Die Küste war nicht weit von hier, und ihr vorgelagert hatten sich gewaltige und in ihrer Art großartige Riffe gebildet, deren Ansehen wir uns durch einen Vergleich mit ähnlichen Erscheinungen, etwa vor der Küste Australiens, veranschaulichen können. Sogar das Klima wird hier ähnlich gewesen sein und gewährte einer reichen Tierwelt Lebensmöglichkeiten. Hartteile dieser Lebewesen wurden nach ihrem Absterben von Brandungsschutt, Sanden, kalkigen Ablagerungen und Tonen bedeckt, die sich zu landschaftsbestimmenden Gesteinen verfestigten und die Tierreste selbst einschlössen, so daß sie heute in den Steinbrüchen wieder ans Licht treten und den Gelehrten gestatten, nach ihnen das Alter der Bodenschichten zu bestimmen. Für das obere Mitteldevon des Gladbacher Gebietes werden mehrere Schichtenfolgen unterschieden. Am tiefsten liegen die sandigen Oberen Honseler *3) Schichten. Über ihnen lagern die mergeligen Torringer Schichten und der „Massenkalk" der Bücheier Schichten mit den schönsten Versteinerungen. Er leitet in seinen Hangenden zum „Plattenkalk" und den korallenreichen Refrather Schichten über. Doch gehören die Oberen Plattenkalke, die Refrather Schichten, Tonschiefer mit Goniatiten und bitumösen Schiefer von Hombach und Lerbach bereits dem Oberdevon an. Sie begrenzen das erhaltene paläozoische (erdgeschichtliche) Profil des Gladbacher Gebietes nach oben. Diese devonischen Schichten wurden in der nachfolgenden Steinkohlenzeit, dem Karbon, durch große tektonische Bewegungen dem Meeresraum entzogen und als Teil des alpenähnlichen Variskischen Gebirges emporgehoben. Es bildete sich die „Paffrather Kalkmulde", die sich von Nußbaum bis Lustheide ausdehnt und deren fast zwölf Kilometer lange Achse bis Miebach bei Dürscheid reicht. In ihrem Mittelpunkt liegt der Stadtkern von Bergisch Gladbach selbst. In sich zeigt die große Mulde noch verschiedene besondere Faltungen; ihren Südrand bildet die „Bensberger Überschiebung", eine streichende Störung. Hier liegt der südliche Flügel der Mulde tief unter älteren unterdevonischen Schichten und kann deshalb nicht erforscht werden. Auf offenen Spalten erzwangen sich


(*2) Sie wurde nach der englischen Grafschaft Devonshire benannt, wo die Schichten erstmals als eigene Formation erkannt wurden.

(*3) Nach dem Honselberg bei Letmathe benannt.


im Bereich dieser südlichen Uberschiebungszone Erzlösungen einen Durchbruch nach oben, so daß hier bedeutende Erzlagerstätten entstanden und im „Bensberger Erzrevier" die Förderung von Bleiglanz und Zinkblende ermöglichten. Dagegen blieb der Nordfliigel der „Paffrather Kalkmulde" vollkommen erhalten. Seine einmalige Schönheit äußert sich in einem ungestörten und lückenlosen Profil vom Mittel-zum Oberdevon und in einem außergewöhnlichen Reichtum an Petrefakten (Versteinerungen), die den Ruhm Bergisch Gladbachs in alle Lande trugen. Grauwacken, Grauwackenschiefer und Tonschiefer, oft mit lebhaften Rotfärbungen, bauen vornehmlich die Oberen Honseler Schichten auf. Es sind die obersten Folgen des „Lenneschiefers", in denen die Versteinerungen in Bänken auftreten und in Steinkernen und Abdrücken erhalten sind. Im Buchholz, auf den Halden am Weidenbusch und bei Eikamp sind die Hauptfundstellen. Hier deuten die Fauna und das Gestein auf ein nahes Festland hin. Über sandigen Ablagerungen der Honseler Schichten entwickelten sich vereinzelt zunächst Rasenriffe, die von koloniebildenden Blockkorallen aufgebaut wurden. Dieser Profilabschnitt wird als „Torringer Schichten" bezeichnet. Am besten entfalteten sich die Riffe in den „Bücheler Schichten" (= Massenkalk), deren Versteinerungen sich von Miebach über Büchel zur Schlade hin verfolgen lassen. Jeder Aufschluß hat seine eigentümlichen Petrefaktenfunde. Auch die Plattenkalke ziehen sich als breites Band durch die Mulde, enthalten meist jedoch nur wenige Versteinerungen. Wohl folgen zum Hangenden wieder Riffe, so etwa an der Steinbreche und bei Greuel. An dunkleren Farben des Gesteins und am Tonreichtum läßt sich erkennen, daß die Plattenkalke im Strömungsschatten der Saumriffe abgesetzte Lagunensedimente sind. Aus dem Plattenkalk des Strundetales wurden besonders wertvolle Petrefakten geborgen, so der wohlerhaltene Rest eines urtümlichen Panzerfisches (Rhachiosteus ptergygiatus Gross), Ganoidfische (Moythomasia nitida Gross), Lungenfische (Rhinodipterus ulrichi Ørvig) und urtümliche Krebse (Eocaris oervigi Brooks; Montecaris strunensis Jux) am Heiligenstock, bei Dombach oder an der Eulenburg. Bemerkenswert ist noch, daß die an sich eintönige Folge der Plattenkalke durch eingeschaltete Hornsteinlagen im mittleren Profilteil belebt wird, die auf einen unter-meerischen Vulkanismus hindeuten. Die oberdevonischen Plattenkalke und Schiefertone wurden in geschützten Meeresbecken abgelagert, wo das feinkörnige Sediment vom Wellenschlag nicht mehr bewegt wurde; denn diese Abfolgen enthalten meist Reste von ehemals im Wasser schwimmenden Lebewesen, weniger Vertreter einer Bodenfauna. Hier sieht das Gestein dunkel aus, und führt in Klüften, da es stark bituminös ist, auch häufig Spuren oxydierten Erdöls. In riesigen Zeiträumen bewältigten Wasser und Wind die Abtragung des Variskischen Gebirges — sein abgetragener Rumpf erhielt sich im Mittelgebirge Deutschlands. So ist es vielleicht möglich geworden, daß im Erdmittelalter das Meer die Paffrather Mulde wieder zeitweise überfluten konnte. Zur Zeit des Alttertiärs dagegen war hier mit Sicherheit wieder Landgebiet in Form einer Karstlandschaft mit Dolmen, Schlotten und Höhlen. Tone und Braunkohlen („Traß") im Liegenden des Formsandes zeugen davon, daß sich damals an niedrigen Stellen große Sümpfe und Moorwälder gebildet hatten, östlich von Hebborn und bei Herrenstrunden bekunden Dolinenfüllungen, daß die Unebenheiten der Kalklandschaft durch festländische Ablagerungen des Alttertiärs immer mehr ausgeglichen worden waren. Nun zeigen sich auch die ersten Spuren der Strunde, die fast das ganze Niederschlagsgebiet der Paffrather Mulde entwässert und mehrfach ihr Bett verlegte, bis sich die heutige Talform als ostwestliches Längstal dem Muldenbau entsprechend herausbildete. Bedingt durch den tektonischen Einbruch der Kölner Bucht am Westrande, der eine regionale Einsenkung vorausging, konnte vor etwa dreißig Millionen Jahren das von Norden kommende Meer im Oligozän unsere Mulde abermals überfluten. So verzahnen sich denn weiter westlich Brandungsschotter und Küstensande mit den Küstensumpfwald-Ablagerungen der rheinischen Braunkohle. Meeresablagerungen des Oligozäns mit Abdrücken von fossilen Muscheln bedeckten stellenweise den devonischen Kalk oder mitteldigozäne Tone und Braunkohlen. Ein anschauliches Bild davon lieferten die schönen Aufschlüsse am Wapelsberg, die leider mehr und mehr verschwinden und der Nachwelt wohl für immer verschlossen bleiben. Noch einmal vollzog sich eine gewaltige Änderung im Bau unserer Heimat, als sie endgültig zum Festland wurde, indem sich an der Wende vom Tertiär zum Quartär der tiefgründig abgetragene Sockel des Variskischen Gebirges wieder emporhob. Seitdem spiegelt die reizvolle Landschaft mit ihren Höhenzügen und Tälern den geologischen Aufbau des Untergrundes getreu wider. Staffelförmig sinkt das gefaltete Devon westwärts in Brüchen zum Tal des Rheines ab, und der Westteil der Paffrather Mulde ruht tief unter den jungen Aufschüttungen der Niederrheinischen Bucht. Aus den Schottermassen des Rheinvorlandes wurden an den Westsaum der Bergischen Höhen Decksande und Löß angeweht. Die Fossilien im Löß beweisen es und sind Zeugen der letzten großen Kaltzeit. Die Haupt- und Mittelterrassen gehören zu älteren quartären Vereisungen und zeigen an, daß unser Gebiet während des ganzen Pleistozäns eine eisfreie, periglaziale Zone bildete. Die ausgedehnten Schotter der Mittelterrasse ruhen häufig auf tonigen, feinsandigen oder quarzitischen Tertiärablagerungen. So konnten sich hier große Bruchgebiete entwickeln, in denen alle von Osten kommenden Bäche und Rinnsale endeten, auch selbst die Strunde. Thielenbruch und Merheimer Bruch sind als Reste geblieben. Häufig überlagern in diesen Gebieten geologisch junge Dünen, in denen man Werkzeuge der Mittelsteinzeit fand, Torflager, die gegen Ende der Eiszeit entstanden sind. Westwinde haben während der Eiszeit Decksande und später diese Dünen angeweht und an dort entblößten Braun-kohlenquarziten deutliche Schliffe hervorgerufen. Solche „Windschliffe" findet man im westlichen Stadtgebiet Bergisch Gladbachs an zahlreichen Stellen. Sie beweisen wegen ihrer vorzüglichen Erhaltung überdies, daß sich die hiesigen Wettervorgänge in den letzten achttausend Jahren nicht grundlegend verändert haben dürften. Irrigerweise werden diese Braunkohlenquarzite in Zeitungsartikeln immer wieder als „Findlinge" bezeichnet*4).


(*4) Näheres über diese Fragen findet sich bei Ulrich Jux, Zur Geologie des Bergisch Gladbacher Raumes, in: 100 Jahre Stadt Bergisch Gladbach (1956) S. 43 ff. Dort sind auch wichtige in der Bergisch Gladbacher Kalkmulde vorkommende Fossilien abgebildet. — Derselbe, Erdgeschichtliche Klimazeugen im Bergisch Gladbacher-Bensberger Raum (Bergischer Kalender 1955 S. 91 ff.). — Derselbe, Stratigraphie, Faziesentwicklung und Tektonik des jüngeren Devons in der Bergisch Gladbach-Paffrather Mulde, in: Neues Jahrbuch für Geologie und Paläont. 102,3 (Stuttgart 1955) S. 259—328. — Derselbe, Über Alter und Entstehung von Decksand und Löß, Dünen und Windschliffen an den Randhöhen des Bergischen Landes


An dieser Stelle muß noch jener Männer dankbar gedacht werden, die sich vor allem um die Erforschung der Bergisch Gladbach-Paffrather Mulde und die Deutung und Bestimmung ihrer Petrefakten bemüht und verdient gemacht haben. Freiherr von Hüpsch erwähnt sie als erster 1768 in einer Schrift; der bergische Jesuit und Missionar Franz Beuth führt 1776 Gladbacher Fossilien in einem Katalog seiner Sammlung auf. Auch sein Bruder, der Düsseldorfer Hofkammer-Rat Hermann Josef Beuth, hat sie gesammelt. Der Bensberger Arzt Dr. Johann Daniel Hasbach, aus Dhünn gebürtig, stellte etwa 1825 bis 1840 die erste planmäßige Sammlung im Neuen Schloß zusammen. In dieser Zeit durchforschte der Paläontologe Ernst Beyrich die Mulde, Georg Meyer aus Königsberg schrieb 1879/80 die Bonner Dissertation „Der mitteldevonische Kalk von Paffrath" als erste wissenschaftliche Monographie über dieses Gebiet. Nach ihm haben sich noch viele andere Forscher aus aller Welt damit befaßt.

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