Australische Auswandererbriefe (1934)/6

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Der Heimat Bild“ - Australischen Auswandererbriefen nacherzählt von Walter Fläming
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Der Heimat Bild Flaeming 1934.djvu
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haben ihm schon vor zehn Jahren eine englische Zeitung aus Adelaide geschickt; ganz vergilbt und zerknittert ist das Blatt, aber den in deutscher Sprache abgehandelten Artikel über Neu-Klemzig kann man noch gut lesen. Da heißt es: Die Einigkeit und stille ruhige Beharrlichkeit des deutschen Charakters zeigen sich in ihrer Vollkommenheit in Klemzig. Vier oder fünf Monate sind erst verflossen, seit des Menschen Hand dort den Sitz in der Wildnis zu lichten begann, und schon an dreißig Häuser find erbaut, und einige von diesen sind gut und geräumig. Alle sind niedlich, rein und wohnlich. Sie sind meistens von Lehm oder von ungebrannten Ziegelsteinen, welche von der Sonne getrocknet sind. Die niedrigen Hütten bestehen aus Reisholz und find mit Stroh gedeckt. Das Flußufer säumen Gärten. Diese bestehen aus schmalen, nicht eingezäunten Landstreifen, durch enge Fußpfade abgesondert. Der Beobachter wird sich wundern über die verbindliche diensthöfliche Art und die feinen Manieren dieses Volkes männlicher Bauern.

      Der Mann nimmt seinen Hut ab, wenn er vorübergeht, und verbeugt sich mit einer Miene, die gleich entfernt von dem Bäuerlichen wie dem Knechtischen ist - es würde nie einem geborenen Australier einfallen, seinen Hut vor einem anderen Manne abzunehmen. Das Weib, obgleich vielleicht gebeugt unter einer Tracht Holz bietet dem vorübergehenden Fremden ein Lächeln oder irgendeinen Ausdruck von achtungvooller Höflichkeit dar." „So also sieht es in Australien aus?“ fragt baß erstaunt der Schulze Braune.

      „Ja, dann fallen aber doch alle meine Befürchtungen weg“, meint versöhnlicher Kantor Meerwaldt. „Und doch ist es nicht recht, so ohne weiteres den Staub der Heimat von den Füßen zu schütteln“, eifert Pastor Wulkow.

      Unablässig ist der Schuster Wagner auf den Beinen. 16 Familien hat er bereits zur Fahrt über das große Wasser überredet; 12 allein entstammen der Tucheimer „Kolonie“. Viele Einspännige haben ihm schon fest zugesagt. Nun geht es ernstlich an die Reisevorbereitungen. Eines Tages erscheint in Tucheim ein pikfeiner Herr. Aus Hamburg kommt er. Von der Schiffsreederei für Auswanderer ist er. Im Krug hat Wagner seine Gefolgschaft versammelt. Da sollen die Leute alles Nähere erfahren. Die Hauptsorge bleibt die Beschaffung der Schiffskarte; und die verschlingt an die 250 Taler. Aber der Agent weiß Rat. Er verspricht ihnen beim Verkauf ihrer Grundstücke seine Hilfe und bietet Leihgelder an, rückzahlbar in Australien nach der vierten Ernte. Den Leuten wirbelt der Kopf; wie im Taumel gehen sie einher. Schon hier schließt ihr gemeinsamer Wille sie zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Das wollen sie auch drüben bleiben: Die „Tucheimer". Monate sind ins Land gegangen, seit Wagner mit seiner Auswanderergesellschaft Heim und Herd verlassen hat. Es ist darüber das Jahr 1850 geworden. Aber die fieberhafte Erregung, die er entfachte, ist in den Dörfern um Tucheim zurückgeblieben. Große Ereignisse sind inzwischen über die deutsche Bühne gerollt. Im Jerichowschen spürt man davon wenig oder nichts. Da geht der graue Alltag mit all seinen Sorgen seinen gewohnten Gang.

      Plötzlich aber sind sie in Tucheim und in Paplitz hell wach. Kräftiger als damals noch, da der Schuster von Haus zu Haus zog, schlägt die Welle der Erregung haushoch. Die ersten Briefe aus Australien sind da! Auf den Straßen, in den Spinnstuben, in den Strickkoppeln, im Krug, in jedem einzelnen Hause wird von nichts anderem geredet als von den „Australiern“. Der Agent damals aus Hamburg versprach in der Tat nicht zu viel. Die Hamburger Reederei hat den Tucheimern eine wirklich gute Ueberfahrt geboten mir menschenwürdigem Unterkommen und gesunder, ausreichender Verpflegung. Es hat sich unter dem Druck staatlicher Gesetzvorschriften im deutschen Auswandererwesen vieles gebessert; der Auswanderer ist nicht mehr, wie bisher, Ausbeutungsobjekt gewissenloser Geldraffer.