Übername

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Übernamen

Für das Verständnis des mittelalterlichen Menschen läßt sich kaum eine reicher fließende Quelle denken: seine treffsichere Beobachtungsgabe und ungeschminkte Derbheit, sein Humor und seine Spottlust, kurzum seine Vorstellungswelt und Umwelt haben sich hier in allen möglichen Schattierungen verewigt. Zu dem Sinngehalt dieser Namen vordringen, heißt: ihren Sitz im Leben, ihren eigentlichen Anlaß ermitteln. Denn im Unterschied zu unseren modernen, zufallsgeborenen Spitznamen sind sie Produkte einer gemeinschaftsgebundenen Zeit, die nur durch Einordnung in die zugehörigen Lebensbereiche Plastik und Farbe gewinnen. - Sie lassen sich gliedern in Übernamen nach der körperlichen Erscheinung, nach Wesensart und Lebensweise, nach der Kleidung, der täglichen Beschäftigung, dem Verhältnis zur Umwelt in verwandtschaftlicher oder sozialer Hinsicht und nicht zuletzt nach der Wohnstätte. Auch sie lassen sich im allgemeinen dem bürgerlichen oder dem bäuerlichen Lebenskreise als typisch zuordnen.

Leider ist nur ein Bruchteil dieser vielhundertfachen Namenbildungen in Gestalt von Familiennamen auf uns gekommen. Viele waren durch ihre Seltenheit oder Einmaligkeit, durch unschönen Inhalt oder schwerfällige Satzform von vornherein dem Untergang geweiht; oft starben sie schon mit ihrem persönlichen Träger dahin; besonders Satznamen, die in der Gesellentaufe empfangen, deutlich die Luft der Zunftstuben atmen: einen Tuesgerne und Lernesbas, einen Knüllemel und "Trit in die schüssel", einen "Hör im arze" und "Rutsche uf die Kethe", einen "Stig in himel" oder "Gott bescher czwir also vil" dürfte man heute vergebens suchen. Doch haben allgemeinere Bildungen überlandschaftlicher Art die Jahrh. überdauert: so Snydenwind und Morneweg für den Fahrenden oder Landstreicher, Klingensporn für den Reitersmann, Räumschüssel für den Plünderer, Scheuenpflug (entstellt Scheibenpflug) für den entlaufenen Bauernsohn usw.; bekannt sind schles. Morgenbesser und Achtnig (statt Achtsinnicht, für den Unbekümmerten).

Geschwunden sind auch umständliche präpositionale Gebilde wie "Hensil mit den liben awgen", "mit dem scharlachsmunde", "mit der einen hand", mit der smaln hochvart" (= Hoffahrt), "mit der husvrowe" und dergl., wenn sie nicht rechtzeitig Umformung oder Kürzung erfuhren: so etwa mit dem barte = Barth, mit dem dumen = Daum, mit der schrammen = Schramm, uf der stelczen = Stelzner, mit der ebentewer = Ebentheuer, mit der tuben = Teubner usw. oder bei Wohnstättennamen: by dem borne = Bormann, by dem viwege = Fiebig/Fiebiger, am ende = Mende u.v.a. Bei Körperteilnamen wie Drydumen und Eilffinger mag die obszöne Bedeutung ihren Untergang beschleunigt haben. - Die Farbbezeichnungen meinen fast durchweg die Haarfarbe, eines der ältesten Unterscheidungsmerkmale für Personen gleichen Rufnamens; Grün und Blau beziehen sich deshalb auf die Kleidung (Grünrock, Blauhose). Vier schles. Herzöge namens Konrad sind überliefert als Konrad der Wyße, Konrad der Swarze, Konrad der Rote und Konrad der Kale. Vier Mitglieder einer Breslauer Familie namens Hering (= Heringshändler) unterschied man als Heinrich der wyße Hering, d. blinde Hering, der kale Hering., der geslagene Hering.

Auch der Zusatz Jung/Junge - in Jungandreas, Junghans, Jungenitsche meint nicht einen Jugendlichen schlechthin, sondern den Sohn zum Unterschied vom gleichnamigen (!) Vater oder sonstigen Verwandten, hat also geradezu patronymischen Sinn wie unser junior. Zu ähnlicher Unterscheidung diente auch Groß- und Klein-, urkundlich jedenfalls für gleichnamige (!) Brüder; für großen Wuchs dagegen gebrauchte man vorzugsweise Lang/Lange -, im Gegensatz zu Kurze-, also: der lange Hensil, lange Nitsche, und diese volkstümliche Sprechform lebt in Familienname wie Langhans, Langdietrich (so schon im 14. Jahrh.) fort. Mit der Umstellung des Adjektivs unter schriftsprachlichem (latein.) Einfluß (vgl. Karolus Magnus) drang die "starke" Adjektivform vor, so daß wir heute als schles. Besonderheit zahlreich er-Formen haben wie: Langer, Großer, Kleiner, Kahler, Rother, Schwarzer, Brauner, Grüner, Stiller, Kluger, Karger, Rauer usw. Daß diese Erscheinung nicht vokativischen Ursprungs sein kann, ergibt sich schon aus ihrer Beschränkung auf Schlesien (nebst seinem Hinterland Böhmen), wo die er-Form in der Grafschaft Glatz und in Oberschlesien auffallend überwiegt, während die schwache e-Form in Niederschlesien vorherrscht! Das ist nur zu verstehen, wenn man die gleichlautenden Herkunftsnamen auf (oberdeut.) -er daneben hält: von den Ortsnamen Grunau (gesprochen Grüne), Braunau (Braune), Schönau (Schöne), Großau (Große) usw. bildete man schon im 14. Jahrh. die mundartl. Formen Grüner (statt Grunauer), Brauner, Schöner, Großer usw., urkundlich auch Steiner statt Steinauer. Dies allgemeine Nebeneinander von e- und er-Formen (auch innerhalb der Herkunftsnamen wie Heide - Heider, Gloge - Gloger) mußte durch Systemzwang zu Analogiebildungen führen, wie sie uns in den Eigenschaftsnamen auf -er vorliegen. Von einer "starken" Adjektivform kann man also nur bedingt sprechen. Vergleichen läßt sich hierzu die analoge Erscheinung bei den schles. Metronymika auf -ner, die durch Anlehnung an die zahlreichen Herkunftsnamen auf -ner wie Langner, Eisner usw. zu einem schles. Spezifikum geworden sind.

Durch Antritt eines sekundären -t, eines gleichfalls schles. Elementes, das wir schon bei den Herkunfts- und Berufsnamen beobachten konnten (vgl. Steinert und Peuckert), erhalten wir seit dem 16. Jahrh. die Nebenformen Grunert, Kahlert, Kleinert, Rothert usw. [Näheres in Bahlows "Beiträgen zur Geschichte d. deut. Familiennamen" (Zeitschrift für Mundartforschung "Teuthonista" 3, 1926, S. 33 ff.)]). Auch diese Erscheinung beruht auf Analogiewirkung, insofern das geschichtlich gewordene Nebeneinander von echten ert- und er-Biddungen Unsicherheit im Sprachgefühl zur Folge hatte.

Unter den bodenständigen Vertretern von "Wesensart und Lebensweise" dürften Wunderlich, Stiller und Ohnesorge am bekanntesten sein. Zum Frühauf gesellte sich einst Sloflang und Langenacht, zum Feierabend: Vil erbeit. Weiter verbreitet sind Blumentritt und Rosentret/Rosentreter, die inhaltlich etwa den Senftleben und Ohnesorge, den Freudenreich und Freudensprung entsprechen; sagt doch noch Luther (von seinem Wappen): ein Christenherz auf Rosen geht" ...

In Thüringen beheimatet sind die sogen. Un-Menschen", wie man sie launig genannt hat (vgl. Schmidt-Ewald in Genealogie und Heraldik" Jahrg. 1951): die Unruh und Unverricht, Unglaube und Ungerath/Ungerathen, entstellt Ungrad/Ungrade, woneben einst auch Unbedocht und Unvorgessen, Ungestüme und Umbereyt begegnen.

Durch auffallend gleichen Anlaut verraten sich Knauer, Knauth und Knothe, Knebel, Knospe, Knoll und Knorr als auch inhaltlich zusammengehörige Gruppe: es sind typische, durch die Fastnachtsspiele, durch Luther und auch sonst bezeugte Bauernnamen, aus deren Kn- sinnfällig das Knorrige oder Grobe bäuerlichen Wesens herauszuhören ist. Spielmanns- und Dichternamen, wie sie die ruhelos "Fahrenden" aus Geltungsbedürfnis sich selber beizulegen pflegten, haben wir noch in Hellfeuer (= Höllenfeuer) und Irrgang, zu denen Alt-Breslau auch Vrowinlop, Fridank und Tanhuser beisteuert.

An die zahlreichen Fehden des Mittelalters und die üblichen Pilgerfahrten erinnern die unkenntlich gewordenen Herforth (Herfert, = Teilnehmer an einer Heerfahrt) und Merforth (Merfert, desgl. an einer Meerfahrt), auch Römer als Name des Rompilgers, wie anderwärts Kumsteller als Pilger nach Santiago di Compostella. Romfahrten galten auch als Bußstrafen für Totschlag und ähnliche Verbrechen.

Wie weit hinter den Namen von Kleidungsstücken Kleidergecken und Modenarren stecken, läßt sich nicht immer entscheiden. "Kleiderordnungen" bezeugen zur Genüge den Luxus auf diesem Gebiet und die Farbenfreudigkeit des Mittelalters, besonders des 15. Jahrh., kündigt sich schon im 14. Jahrh. an mit Gelhose und Blohose, Gelmil und Rotermil, Grünrock und Rotrock; Blohut, Hengelhut, Rotkögel (= Kapuze) usw. Auch Pfobinczail (= Pfauenschwanz). Sydenswancz und Fedir in dem hüte sind so zu verstehen. Die typische Bauerntracht dagegen ist vertreten mit Bundschuh, bekannt als Feldzeichen aus den Bauernaufständen, sowie mit Sturreketil (= Steifkittel), Grorok, Keppil, Slappe (heute Schlappe) und Czippil (heute Zippel) nebst Breitzippil und Kögilczippil (= Kapuzenzipfel).

Berufsübernamen

Weit häufiger aber dürften bei den Übernamen die Berufsübernamen vorliegen (der Ausdruck "mittelbare Berufsnamen" (so A. Götze in der John Meier-Festschrift Volkskdl. Gaben" 1934) dürfte sich weniger empfehlen, weil er der Umgangssprache fremd ist und manche dieser Namen (wie die von Kleidungsstücken) auch als eigentliche Übernamen deutbar sind). Ihr Geheimnis, das uns erst den Schlüssel zu ihrem Verständnis liefert, besteht darin, daß an die Stelle der eigentlichen Berufsbezeichnungen die Attribute der einzelnen Berufe oder Gewerbe treten, also vor allem: Werkzeug, Erzeugnis und Handelsware; ja mitunter sogar die typischen Arbeitsgeräusche und Begleiterscheinungen, so daß z. B. Pinkepank und Funke, Hinkepink und Zinzerlinz sich grundsätzlich auf den Schmied beziehen. Nur mit dieser Erkenntnis gewinnen wir Zugang zu dem Sinngehalt zahlreicher Beinamen, die früher als Produkte der Laune oder Willkür galten. Dank urkundlicher Zeugnisse wissen wir heute, daß man den Bäcker gern Striezel und Fladen, oder Sauerteig und Hefenbauch nannte und es daher ganz abwegig ist, in solchen Nahrungsmittelnamen Lieblingsspeisen des Urahns zu erblicken. Da nun jedes Gewerbe eine Vielzahl solcher Namen hervorgebracht hat, färbt sich durch sie das Bild einstigen Gewerbelebens ungemein bunt, zumal wenn wir die untergegangenen Namen mit hinzunehmen. Mit Knüllemel und Klunkirteik fällt unser Blick in die Backstube, bei Monstriczel und Vesperbrot in den Bäckerladen, bei Wurst und Schmalz, Rindfleisch und Vleysch im huse in den Fleischerladen, und so ist Dünnbier und Birsak nicht der Säufer, sondern der Brauer oder Schankwirt, Pfankuchin und Leckentwirl der Koch, Vilstich und Sibenjopil der Schneider, desgl. Beinlich und Tappert (Beweis im Namenbuch); Viltaschen und Anetasche der Täschner, Czwevachbewtil der Beutler, Runge der Wagner, Weyrauch der Priester usw. Da wird es auch nicht schwer fallen, in Rauhut den Hutmacher, in Böseverkil den Viehhändler oder in Bittirpfyl und Schnurrpfeil den Bogenschützen oder Pfeilschmied zu erkennen oder Klapper (Lehnspferd) und Gelder (Paßgänger) richtig einzuordnen. Auch über den Sinn der Siebenzahl in Übernamen wie Siebenwirt u. a. gibt es keinen Zweifel mehr, seitdem uns in Alt-Schweidnitz ein Bäckermeister Sebinströczil und anderwärts Jakob Sibenschuh der Schumacher urkundlich bezeugt ist. So entpuppen sich also in Alt-Breslau Sebinjopil als Schneider (wie andernorts Sibenrock und Simrock), Sebinvel als Fellhändler, Sebinczege als Ziegenhirt, Sebinquart als Zöllner.

Anschaulich ersteht der bäuerliche Lebenskreis mit Misthufen und Krewil (krauel = Mistgabel); Flegel (nebst Swenkinflegil und Schewenflegil), Gerste und Haberstuppel, Vowlkorn und Rübeseckil, Dönnehirse und Mohhaupt/Mohnhaupt, Blümel und Hauesblümel, Keseundbrot und Keseindertaschen.

Erst wenn man bedenkt, welche Rolle das Zins- und Abgabenwesen im Zeitalter der Leibeigenschaft und des Feudalsystems spielte, wird der Sinn solcher Namen greifbar, die sich auf regelmäßige Abgaben oder Frondienste von Hörigen oder Lehnsbauern beziehen: vor allem die Münznamen wie Schilling und Heller (Haller, auch Dryheller und Achtczenheller), Dreilich und Vierdich, Virczigmark und Hundertmark; dann Zeitnamen wie Herbst und Pfingsten als Terminbegriffe. Selbst Sommer und Winter, Freitag, Sonntag usw. sind aus zeitlich gebundener Beschäftigung erklärbar; sind uns doch Sonntags- und Winterbäcker oder Winterhocke u. dergl. bezeugt. - Licht fällt von hier auch auf Standesbezeichnungen wie Bischof, Herzog, Graf, Markgraf, zumal sie uns nicht selten als kamen von Bauern überliefert sind, also auf ihr Dienstverhältnis zum Grundherrn, zum weltlichen oder geistlichen, weisen; hin und wieder mögen sich auch uneheliche Nachkommen dahinter verbergen, so nachweislich im Falle eines württembergischen Vogtes Heinzmann Marggraf (1371), der als markgräflicher Bastard das Wappen der Markgrafen von Rötteln führen durfte. Bei König läßt sich z. B. an Musikantenkönige denken: ein Wernher Pfifer von Altzei wird 1393 urkundlich in unserm lande... übir alle farnde lüte zu künge gemacht" (Nied, E., Südwestdeut. Familiennamen Freiburg 1938, S. 69). Auf dienstliches (oder auch verwandtschaftliches) Verhältnis zu einem Edelfräulein deutet der Name Jungfer, vgl. den Juncvrowendiner (neben Juncvroweczucht) in Alt-Breslau und Gotfridus der iuncvrowensun (1200 ca., Bacmeister, A., Alte Familiennamen, in seinen "Germanistischen Kleinigkeiten", Stuttgart 1870, 29).

Wohnstättennamen

Abschließend sind bei den "Übernamen" noch die Wohnstättennamen kurz zu erwähnen, die ihres geographischen Inhalts und ihrer Formbildung wegen schon bei den Herkunftsnamen mitbehandelt sind, aber z. T. hierher gehören, soweit sie auf Wohn- und Lebensverhältnisse Licht werfen. Es handelt sich in Schlesien um Flur- und Gassennamen, ländliche Gegenden und städtische Bezirke, selten um Hausnamen. Dornpusch und Siedorn, Röhricht und Eisner (Erle!), Anger und Veldishalb, Niedenzu und Niedenführ, Ende/Endemann und Mende (d. i. am ende) entstammen dem ländlichen Wohnbereich, desgl. Berger (of dem berge) und Grundmann, dem städtischen anderseits Fiebig (by dem viwege, - jede Stadt und jedes Dorf hatten ihre gemeinsame Viehtrift) und Bormann (by dem borne); an die winkligen Gassen erinnert Winkler (in dem winkel). Wuchsen Flurstücke ins Weichbild der Stadt, konnten sie zu Gassen- und Hausbenennung dienen: so helle (Hölle, = öde Gegend); wer in der "helle" wohnte, wie z.B. Michael Scholz in Görlitz um 1300, konnte alsbald Hellmann oder Hallmann heißen. Die südwestdeut. Hausnamensitte dagegen ist Schlesien unbekannt. Vgl. Adler, Kokentril usw.

Literaturhinweise

Bahlow, H., Schlesisches Namenbuch (1953)
Onomastik

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